Warum Sisterhood so wichtig ist
Dies ist ein Beitrag zur Sisterhood-Blogparade der Digital Media Women.
Frau-frei-und.de, das sind Sandra, Sophie und ich – Judith. Zu Anfang haben wir uns quasi als Selbsthilfegruppe zusammengefunden. Sandra und ich haben uns etwa zur gleichen Zeit selbstständig gemacht und gemerkt, dass uns viele der gleichen Fragen umtrieben. Ganz praktische Fragen wie: „Welche Versicherungen brauche ich?“ oder „Kannst Du mir einen Steuerberater empfehlen?“. Aber auch Fragen wie: „Wie viel Geld ist meine Arbeit wert?“, „Wie geht man damit um, wenn Freunde oder Familie skeptisch sind?“ und „Ist die Selbstständigkeit überhaupt das Richtige für mich?“ Uns fehlte ein Ort, wo wir Fragen zur Selbstständigkeit geklärt bekommen – speziell die, die uns als Frauen umtreiben. Denn ohne hier Genderdiskussionen anfangen zu wollen, viele Frauen, die ich kenne, stellen sich andere Fragen, als die meisten Männer die ich kenne. Das geht schon bei der alten Problematik Selbstbewusstsein los. Wie oft habe ich befreundete Redakteurinnen zweifeln hören, ob ihre Texte gut genug sind, während die männlichen Kollegen in der Runde mit dieser Fragestellung nichts anfangen konnten.
Warum wir einen Blog für selbstständige Frauen machen wollten
Unser Brunch-Club, bei dem wir unsere Ängste, Wünsche und Träume austauschten, gab mir regelmäßig den Motivationsschub, den ich brauchte. Das Gefühl verstanden und ernstgenommen zu werden, nicht allein zu sein, gab mir gerade zu Beginn meiner Selbstständigkeit unheimlich viel Kraft. Dieser Raum hatte uns vorher gefehlt: Von anderen Freien, aber vor allem von anderen Frauen zu hören, die den Weg bereits gegangen waren oder gerade gingen, die uns Tipps oder auch nur Anregungen geben konnten. Sophie stieß schnell hinzu, mit ihrer kreativen Energie, und immer wieder trafen wir uns, um uns selbst diesen Raum zu schaffen. Und als wir von befreundeten Frauen am Anfang ihrer Selbstständigkeit hörten, wie toll sie es fanden, dass wir uns so konstant gegenseitig unterstützten, wurde uns klar, dass der Bedarf nicht nur bei uns existierte, sondern dass viele sich einen solchen Raum wünschten. So entstand die Idee für unseren Blog. Wir wollten unsere kleine Selbsthilfegruppe ins Internet verlängern. Wir wollten unsere Gedanken nicht nur miteinander diskutieren, sondern die Plattform für all die anderen Freien da draußen öffnen, die sich dieselben Fragen stellen. Wir wollten unsere Erfahrungen teilen, um anderen Lösungsansätze aufzuzeigen, aber vor allem auch, um zu zeigen, dass niemand mit seinen Erfahrungen und Problemen allein dasteht. Wir wollten das Gefühl weitergeben, das wir miteinander hatten, von Gemeinsamkeit und gegenseitiger Unterstützung.
Vorbilder finden und von ihnen lernen
Das Tolle an diesem Blog ist, dass wir uns nun vieles trauen, was wir uns allein nicht zugetraut hätten. Auf unsere Vorbilder zuzugehen und sie ganz direkt nach ihren Tipps zu fragen, zum Beispiel. In unseren Interviews haben wir schon viele beeindruckende Frauen getroffen und portraitiert und sie haben uns Rede und Antwort gestanden und an ihrem Erfolg aber auch ihren Unsicherheiten teilhaben lassen. Das gibt uns immer wieder neuen Mut und neue Inspiration und wir hoffen, dass es unseren Lesern genauso geht.
Warum ist Sisterhood so schwer?
Immer wieder stolpere ich im Netz über sie – die Artikel, die sagen wir Frauen seien unser eigener schlimmster Feind. Das geht bei Abhandlungen über Feminismus von Alice Schwarzer im Jahre 1978 los und setzt sich nahtlos fort bis heute, zum Beispiel in Nicole McMackins Bericht über Missgunst unter weiblichen Führungspersönlichkeiten in den New York Daily News aus dem Januar dieses Jahres. Was ist da los? Warum gibt es das Cliché des „Zickenkriegs“ und warum wird es immer wieder bedient? Wie häufig höre ich Geschichten von Frauen, die anderen Frauen den Erfolg nicht gönnen, von Ellenbogenfrauen, von Nach-Mir-Die-Sintflut-Frauen, von „stutenbissigen“ Frauen (Gott, wie ich diesen Begriff hasse). Wo kommt dieses Gefühl her? Ist es vielleicht das Produkt einer Gesellschaft, in der eine Frauenquote als notwendig angesehen wird? Wo es scheint, als gäbe es nur eine begrenzte Anzahl an Sonnenplätzen für Frauen, um die wir gegeneinander kämpfen müssen? Vergleichen wir uns vielleicht mehr mit anderen Frauen als mit Männern? Ist eine Frau, die für ihr erfolgreiches Startup gelobt wird eine größere Konkurrenz als ein Mann in derselben Position? Sind vielleicht die Erfolgsgeschichten von Frauen noch so selten, dass wir das Gefühl haben, unsere eigene Chance verringert sich, wenn eine andere Frau schneller ist als wir? Ich weiß es nicht, aber ich bin gespannt auf Eure Kommentare!
Warum ist Sisterhood so wichtig?
Ich selbst habe das große Glück gehabt, in meiner beruflichen Karriere noch keinen sogenannten „stutenbissigen“ Frauen begegnet zu sein. Unsympathischen Frauen, ja, auch „kollegenschweinigen“ Frauen. (Kleine Anmerkung am Rande: Sisterhood heißt natürlich nicht, dass ich mit jeder Frau einer Meinung sein und jede Frau in ihrem Handeln unterstützen muss!) Aber ich hatte nie das Gefühl, dass ihr oder mein „Frausein“ zu unseren Konflikten beitrugen. Im Gegenteil. Ich habe tolle Erfahrungen mit Frauen gemacht, die die Kollaboration schätzen und suchen, die Frauen in Positionen unter, neben und über sich unterstützen. Ich habe vor allem unter selbstständigen Frauen die Erfahrung gemacht, dass der Austausch gesucht wird. Dass man sich gegenseitig Tipps geben und abholen will, dass man bereit ist, über seine Fehler zu sprechen und gemeinsam aus ihnen zu lernen. Dass man Unsicherheiten ansprechen kann, ohne dass sie einem als Schwäche ausgelegt werden. Dass Frauen sich gegenseitig aufbauen, dass sie weibliche Werte propagieren und einander dabei unterstützen, sie zu leben. Dass der offene Diskurs auch gerade über unangenehme Themen, die zwischen Selbstständigen oder zwischen Frauen oft Uneinigkeit verursachen, gesucht und konstruktiv geführt wird.
Für mich hat Sisterhood nichts mit einer gemeinsamen Verschwörung gegen Männer zu tun. Ich bin von tollen Männern unterstützt und gefördert worden, die sich keine Gedanken darum machen, ob ich „als Frau“ für eine Position oder eine Aufgabe geeignet bin, die mir – nachdem ich vom Kunden in der Vorstellungsrunde geflissentlich übergangen wurde – ganz selbstverständlich die Diskussionsleitung überlassen, auch ohne Seniorität, weil ich tiefer im Thema stecke. Sisterhood hat nichts mit Misandrie oder Geschlechterkampf zu tun. Für mich geht es um das Erkennen, dass die anderen Frauen eben nicht unser Feind sind. Denn das sind sie nur, wenn wir uns in das verstaubte Weltbild fügen, in dem Männer an der Macht sind und sich nur einige wenige Frauen einen Platz unter ihnen erkämpfen dürfen. In der wirklichen Welt, in der ein Großteil der Männer und Frauen, mit denen ich zu tun habe, angekommen sind, haben wir verstanden, dass wir nicht auf Kosten anderer erfolgreich werden. Wir werden erfolgreich, wenn wir so viele kompetente Kollaborateure, Sparrings-Partner, Unterstützer, Ansporner, Infragesteller und Aus-Dem-Schneckenhaus-Locker wie möglich um uns scharen. Dass genug Platz ist für uns, aber auch für die nächste nach uns – in den Chefetagen dieser Welt, in der deutschen Startup-Szene und in der Blogosphäre. Dass wir aber eben auch gemeinsam stärker sind als allein. Dass es immer noch Glasdecken gibt, an denen sich einige von uns die Köpfe stoßen, immer noch Vorurteile, denen wir plötzlich gegenüberstehen, immer noch Türen, die uns verschlossen bleiben. Und wenn wir es schaffen, uns nicht nur schnell durch den Spalt in der Tür zu zwängen, bevor sie hinter uns wieder zufällt, sondern sie weiter aufzustemmen, unsere Schwester neben uns mit hineinzuziehen und dann gemeinsam einen Keil unter die Tür zu klemmen, dann kann uns niemand mehr den gemeinsamen Weg nach oben versperren.
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Klasse liebe Judith! Genauso sehe ich das auch 🙂 LG Tanja
Danke Tanja! Zuspruch tut sehr gut. Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast zu kommentieren 🙂
Zufällig stolperte ich hier hinein, über die KSK Info´s! Und du sprichst mir aus der Seele! Schön zu wissen das auch andere Herzen so schlagen, doch fiele es mir schwer es so schön zu sagen….raabiakk
Hi Rabia, vielen Dank für Deinen lieben Kommentar! Ich habe mich sehr darüber gefreut. Auf zur gemeinsamen Weltherrschaft würde ich sagen 😉