„Ein Job muss keinen Spaß machen. Er ist nur dazu da, um Geld zu verdienen“, diese Worte äußerte eine ehemalige Kollegin mir gegenüber, kurz nach meiner Kündigung vor einem Jahr. Sie, gerade einmal zwei Wochen in der Agentur von der ich zu diesem Zeitpunkt die Nase voll hatte, meinte mir die Welt erklären zu müssen.

Ich sei undankbar, müsse noch viel lernen und würde die Situation nicht schätzen, die sich mir bot. Ernsthaft? Ich blieb ruhig, äußerlich. Tat so, als würde ich ihrem 30-minütigen Monolog mit größtmöglicher Aufmerksamkeit folgen. Aber innerlich brodelte es in mir.

Zum einen, weil sie sich anmaßte mir Ratschläge zu geben, ohne die Beweggründe meiner Kündigung zu kennen und zum anderen, weil ich ihr in diesem Moment nichts entgegenzubringen hatte, so eingeschüchtert wie ich von ihrem herrischen Auftreten war.

Am liebsten hätte ich sie an den Schultern gepackt, einmal fest geschüttelt und dann… Ja, was hätte ich dann getan? Ihr vielleicht gesagt: „Was fällt dir eigentlich ein, du blöde Kuh!“ oder „Du hast doch keine Ahnung“. Aber je länger ich darüber nachdenke, hätte ich wohl folgendes getan: Ich hätte sie ganz fest in den Arm genommen und an mich gedrückt!

Warum um Himmels willen?

Zu Kündigen war die richtige Entscheidung

Einerseits aus Dankbarkeit, weil ich in genau dem Augenblick wusste, dass meine Entscheidung zu kündigen die richtige war und andererseits, weil ich ihr gegenüber ein tiefes Mitleid empfand. Was ist das für ein Leben, Tag für Tag aufzustehen und zu einer Arbeit zu gehen, die einem keine Freude bereitet?

Ein Unbefriedigendes – und keines das ich leben möchte. Ich habe es hinter mir. Monate lang quälte ich mich jeden Morgen aufs Neue zu einem Job, der mich geistig nicht forderte, emotional aber überforderte und körperlich krank machte.

„An trüben Tagen liegt es in unserer Hand, Sonne zu spielen.“ – Unbekannt

Nur um eins klarzustellen, mir geht es in diesem Artikel nicht darum anzuklagen, sondern Menschen zu erreichen, die sich in einer ähnlich frustrierenden Jobsituation befinden wie ich damals.

Ich sehe das wie Sean Kelly: „Living a fulfilled and productive life means every day fitting in who and what you love and need, instead of “living for the weekend.” Trudging through five days to get to two days of freedom isn’t living.“

Und wenn Ihr derselben Auffassung seid wie ich und Euch schon länger mit dem Gedanken tragt Eure Arbeit zu kündigen, Euch bislang aber der Mut fehlte, möchte ich Euch in den Worten Kellys zu diesem Schritt ermutigen: „Condense your ideal life into every 24 hours.

„Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der
Mut.“ – Perikles

Eine Kündigung kostet Kraft

Ich sage nicht, dass es einfach wird, denn das wäre gelogen. Die Entscheidung zu kündigen hat mich sehr viel Kraft gekostet, ganz zu schweigen von der Zeit danach. Meine Kündigung erfolgte nämlich nicht in der Sicherheit eines neuen Jobs.

Nein, ich habe sie ausgesprochen, ohne eine neue Stelle zu haben. Manche werden mich jetzt leichtsinnig nennen, andere vielleicht für meinen Mut bewundern. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Aber ich selbst und mein persönliches Glück waren mir einfach wichtiger, als die bevorstehende Arbeitslosigkeit.

„Auch der erste Schritt gehört zum Wege.“ – Arthur Schnitzler

Es hat sich gelohnt! Nach einer kurzen Durststrecke bin ich endlich angekommen. Und was zum Zeitpunkt meiner Kündigung noch gar keine denkbare Option gewesen ist, ist heute meine Erfüllung: die Selbstständigkeit.

Im Gegensatz zur Selbstständigkeit von Sophie und Kathleen war meine Freiberuflichkeit nämlich keine bewusste Entscheidung, sondern eine Übergangslösung. Aber von vorn.

Am Wochenende vor meiner Kündigung habe ich mich in meine Wohnung eingeschlossen und die Vorbereitungen für mein Farewell getroffen. Ich habe ein förmliches Schreiben aufgesetzt und eine ganz und gar formlose, aber eine wie ich finde überaus kreative Bewerbung entwickelt, die ich dann an meinem persönlichen Independence Day auf Facebook veröffentlicht habe.

Wo sich eine Tür schließt, öffnen sich viele neue

Die Reaktionen waren überwältigend. Es trudelten Einladungen zu persönlichen Gesprächen aus ganz Deutschland ein. In Hamburg ergaben sich aus zwei Vorstellungsgesprächen sogar konkrete Jobangebote. Das war natürlich toll, aber der Himmel war für mich trotzdem Wolkenverhangen. Warum? Weil ich das Gefühl nicht los wurde, dass die erneute Festanstellung in einer Agentur zum jetzigen Zeitpunkt nicht der richtige Schritt für mich gewesen wäre.

Als ich mir dessen bewusst wurde, konnte ich meinen Blick in eine andere Richtung lenken: Die Arbeit in einem Unternehmen. Aber es sollte nicht irgendein Unternehmen sein, sondern am liebsten ein Modeunternehmen. Mein erklärtes Ziel war, wehe dem der jetzt lacht, Social Media für ein Modeunternehmen zu machen.

Da kam eine Stellenausschreibung von OTTO gerade zur rechten Zeit. Ich bewarb mich, durchlief den ganzen Bewerbungsprozess (Telefoninterview, Psychologischer Eignungstest, 1. und 2. Vorstellungsgespräch), zitterte, hoffte, bangte und erhielt schließlich nach vier Monaten… eine Absage. Düdüm.

Die Stelle wurde intern besetzt. Allerdings bot man mir im gleichen Atemzug eine Stelle als Freelancerin an. F-r-e-e-l-a-n-c-e-r-i-n? Ich? Nie im Leben. Oder doch?

Nach der Festanstellung kommt die Selbstständigkeit

Nachdem ich mich eine Weile mit der Materie auseinandergesetzt und mit ein paar Leuten über das Thema Selbstständigkeit gesprochen hatte, erkannte ich, was für eine tolle Chance hier vor mir lag. Nicht jeder bekommt die Möglichkeit für ein so großes und renommiertes Unternehmen zu arbeiten. Außerdem hoffte ich damals noch insgeheim, über diesen Weg an eine Festanstellung zu gelangen.

Meine Entschluss stand also fest: Ich probiere es mit der freien Arbeit. Diese Entscheidung rief in meinem Umfeld übrigens nicht bei jedem Euphorie hervor. Während mich manche motivierten und bestärkten, zweifelten andere und hinterfragten, ob ich noch bei Sinnen sei. Ja, auch Sätze wie “Tickst du noch richtig, Sandra?” sind gefallen.

Um ehrlich zu sein, war ich mir damals selbst nicht sicher. Aber weiter auf der heimischen Couch zu sitzen, war auch keine Option. Ich kann diejenigen, die meine selbst gewählte berufliche Unabhängigkeit in Frage stellten und es womöglich immer noch tun, sogar verstehen.

Schließlich ist es nicht leicht sich von traditionellen Werten wie der vermeintlichen Sicherheit in einer Festanstellung zu lösen. Auch bei mir meldet sich hin und wieder die Angst zu Wort, aber letztendlich sind mir Selbstbestimmung und Freiheit wichtiger. Wie war das? No risk, no fun!

Mut zur Kündigung!

Heute, neun Monate später, weiß ich, dass die Selbstständigkeit der Weg ist, den ich von nun an gehen möchte – sei er noch so steinig und schwer!

Das Thema Festanstellung ist vorerst vom Tisch.

Vor einem Jahr hätte ich noch nicht davon zu träumen gewagt. Also, solltet Ihr in Eurem derzeitigen Job unzufrieden sein und mit dem Gedanken spielen zu kündigen, möchte ich Euch in Eurem Vorhaben bestärken: Go for it! Wer weiß welche Tür sich für Euch öffnet.

„Ein Schiff, das im Hafen liegt, ist sicher vor dem Sturm. Aber dafür sind Schiffe nicht
gebaut.“ – Unbekannt

© Beitragsbild: Ryan McGuire | gratisography

1 Kommentar
  1. Dagmar Schulz sagt:

    Moin Sandra,
    aufmerksam habe ich Deinen Weg in die Selbstständigkeit gelesen und gratuliere Dir zu diesem Schritt! Auch ich habe 2008 in meinem „alten Leben“ gekündigt – damals noch ohne zu wissen was ich nun tun möchte. Als mir klar wurde, wofür ich brenne und was meine Leidenschaft ist – natürlich auch welche Fähigkeiten ich aus der Vergangenheit mitbringe – habe ich als 1a-STARTUP Unternehmensbartung für Existenzgründung los gelegt.
    Mein USP ist die Unterstützung von Frauen die in die eigene Gründung gehen möchten. Das hält zum Glück Männer nicht davon ab sich von mir beraten zu lassen, sondern die finden mein Engagement klasse.
    Es ist für mich die absolute Erfüllung, ob weiblich oder männliche Gründung, andere zu unterstützen den eigenen Traum wahr werden zu lassen. Für die Zukunft hoffe ich, dass immer mehr Frauen sich trauen aus der vornehmen Zurückhaltung heraus zu kommen und zeigen, was sie könne.
    Beste Grüße aus Düsseldorf sendet Dagmar Schulz

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