Selbstständigkeit bedeutet, meinen Tag nach Tide und Wind zu gestalten – Yogalehrerin Jana Toepfer

Jana Toepfer am Meer

Als ich das erste Mal über Janas Geschichte gestolpert bin, hatte ich sofort leuchtende Augen, denn darin kam ganz viel Überzeugung, Selbstständigkeit, Strand und Meer vor. Klingt nach einem Traum!
Jana bietet mit Ocean & Yoga nämlich Yogaferien in verschiedenen Locations im Süden Portugals (natürlich am Meer) an. Dabei kommt sie eigentlich aus einer ganz anderen Richtung. Im Interview erzählt sie von ihrem Weg und Zukunftsplänen von einem eigenen Bed & Breakfast mit Yoga, Bio-Essen, Ocean-Guiding und „good times with friends“.

Jana, wo kommst Du ursprünglich her und wo lebst Du im Moment?

Ich komme eigentlich aus einem kleinen Ort an der Nordsee in Ostfriesland, habe lange Zeit in Berlin und zwischendurch 3 Jahre in L.A. gelebt, bevor ich dann 2012 an die Südwestküste Portugals zog. Im Moment lebe ich dort in Vale da Telha, zwischen den Stränden Monte Clerigo und Arrifana.

Womit verdienst Du gerade Dein Geld?

Mit meinen Ocean & Yoga Retreats und meinem wöchentlichen Yogaunterricht. Zwischendurch nehme ich freiberufliche Projekte an, die mich interessieren, z.B. die Leitung von yoga-relevanten Projekten oder Marketingjobs in der Lifestyle/Outdoor-Branche.

Die 180°-Drehung

Über welche Wege und Stationen bist Du dort gelandet, wo Du gerade bist? Ich habe gelesen, Du warst mal beim Film. Warum die 180°-Drehung?

In meinem Job als Geschäftsführerin einer Filmproduktion erlebte ich die typischen Erscheinungen, die viele überarbeitete Menschen kennen: ständig unter Strom stehen, Arbeit bis spät in die Nacht, Erwartungsdruck. Zwischen den Filmfestivals, auf denen ich Filmrechte verkaufte oder einkaufte, bestückte ich meine Wochenenden mit ersten Yoga-Ausbildungen… und damit war die Entscheidung in meinem Inneren wahrscheinlich bereits gefallen. Ich war ja bereits durch meine Mutter mit Yoga aufgewachsen und entdeckte jetzt meine Passion wieder. Und so begann ich, durch Sprache und eigene Erfahrung, diese wohltuende Erfahrung weiterzugeben. Kurz nach meinem 30sten Geburtstag kündigte ich meinen Job, liquidierte die GmbH, reiste 6 Monate durch Zentralmerika und lernte surfen. Zurück in Berlin meldet ich mein Gewerbe Jnana-Knowledge For Projects an, ein Banner, unter dem ich freiberuflich die Realisierung von Ideen bzw. Projektleitung yoga-relevanter Projekte durchführe, z.B. den YogaRaumOnline aufzubauen, die Gründung und das Management von European Yogi Nomads und nun auch meine Yogareisen.

Jana Toepfer beim Surfen
Jana auf den Wellen

Hast Du jemals fest angestellt gearbeitet?

Ich habe während meiner Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau fest in einer Berliner Agentur gearbeitet. Außerdem war ich in Los Angeles in einer Indie-Filmproduktion angestellt, bevor ich mich in Kooperation mit derselbigen in Deutschland mit einer Filmproduktionsfirma selbstständig machte.
Allerdings hatte ich das Glück, schon immer Arbeitgeber zu haben, die mir große Flexibilität boten.

Wie kam es zur Entscheidung, was Eigenes zu machen?

Nach der Kündigung des Filmjobs war mir klar, dass ich mein ‘business know-how’ in yoga-relevante Projekte stecken möchte. Und von einer Yogabusiness-Consulting-Firma hatte ich in so einer Form noch nichts gehört. Also war klar, dass ich mir einen eigenen Banner schaffen muss, unter dem ich meine Ideen verwirklichen kann.

Auf nach Portugal…

Und der nächste Schritt ist jetzt ein eigenes Bed & Breakfast…

Ja, in Zusammenarbeit mit einigen anderen Selbstständigen in Portugal sind wir gerade dabei, das Konzept für ein Center zu entwickeln, das ganzjährig mit Yoga und anderen Bewegungstherapien, Meditation, etc. bespielt werden kann, wo es biologisches Essen gibt und einen schönen Platz zum Übernachten. Eine Idee, die sich zwischen B&B und Yogacenter ansiedelt.

Ist es typisch für Portugal, dass dort viele Leute selbstständig arbeiten? Sind das auch viele Deutsche oder eher Portugiesen?

Ja, es ist typisch, dass viele Leute in meiner Region in portugal selbstständig arbeiten, denn feste Jobs gibt es dort nur sehr wenige. Man ist eigentlich gezwungen, etwas Eigenes aufzubauen, oder sich seine Arbeit aus Deutschland, oder wo auch immer her, mitzubringen und online zu arbeiten. Das sind so die typischen Beispiele: Freelancer aus dem Grafik-Bereich oder Programmierung, oder Surflehrer, Pilateslehrer, Capoeiralehrer, Yogalehrer, Masseure, Physiotherapeuten, die ihr Angebot überall auf der Welt verwirklichen können – oder Menschen mit Geschäftssinn, die Gästhäuser, Surfcamps, etc. aufbauen. Das sind Leute aus ganz Europa sowie Portugiesen, oft aus den Städten Lissabon oder Porto.

Warum Portugal?

Das war eine Vision während einer Meditation. Kein großer Hokuspokus. Nur plötzlich ein sehr klares Bild. Daraufhin habe ich mir das Bild mal mit realistischem Blick angeschaut und festgestellt, dass sich Portugal, insbesondere der Nationalpark im Südwesten, tatsächlich für so ein Vorhaben anbietet. Die Felsküste und langen Sandstrände laden einfach als Yogaretreat Destination ein. Es besteht genügend Infrastruktur, und gleichzeitig ist diese Region – zumindest außerhalb des Sommers – noch nicht so überladen.

Hat es viel Überwindung gekostet, die Idee auch wirklich umzusetzen?

Ich habe der Idee förmlich zugeschaut, wie sie in die Realität gezischt ist. Ich habe einfach angefangen, den Plan vom Auswandern zu verbalisieren. Und plötzlich ging alles ganz schnell.
Die besagte Meditation mit der Portugal Vision war im März 2012. Im Juni traf ich mich mit einer Freundin in Lissabon, um von dort aus die Küste entlang zu cruisen und zu schauen, wo genau es sich gut anfühlt. Auf diesem Trip fand ich dann bereits eine kleine Wohnung mit Meerblick, die mir als erste Station zum Ankommen diente. Im Oktober desselben Jahres zog ich dort ein.

Bucht von Arrifana
Bucht von Arrifana (Foto: Max Goldschmidt)

Mit im Gepäck: Herausforderungen

Welche war für Dich die größte Herausforderung?

Zu akzeptieren, dass nicht alles gleich von Anfang an der großen Vision entsprechen kann. Dass es viele kleine Schritte auf dem Weg gibt und der Weg über ungeahnte Umwege zum richtigen Zeitpunkt doch zum Ziel führen kann. Dinge auf sich zukommen lassen, Gradlinigkeit aufzugeben, zuhören, im Sinne von “dem Leben zuhören”: Welche Menschen und Möglichkeiten kommen auf einen zu, welche neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit können sich ergeben, welche Tore öffnen sich, welche schließen sich? Und diese Wegweiser annehmen.

Wie hast Du das finanziell hinbekommen?

Für Ocean & Yoga musste ich nicht groß in Vorleistung gehen. Ich habe die Webseite selbst gestaltet, Freunde haben im Austausch gegen Yogaunterricht mit Logo und Flyern geholfen. Für die größere Center Idee sind wir im Gespräch mit Investoren.

Wie haben Familie & Freunde reagiert? Eher mit Bedenken oder mit viel Optimismus?

Die kennen mich ja schon eine ganze Weile und waren dementsprechend nicht überrascht. Da hat sich glaube ich keiner Sorgen gemacht, das könne nicht funktionieren, bzw. sie wussten, dass ich eh keine Ruhe gebe, bis ich es nicht zumindest probiert habe, Ich glaube, die meisten waren eher froh, dass ich mich für einen Ort, der relativ schnell erreichbar ist, entschieden habe, und nicht wieder in die USA oder noch weiter weggegangen bin.

Wenn Du das alles mit so einer Leichtigkeit erzählst, bekomme ich sofort das Gefühl: Ok, das könnte ich auch schaffen. Glaubst Du, dass das jeder kann? Oder hast Du einfach das Glück, der Typ dafür, also eine „Macherin“, zu sein?

Gute Frage! Einerseits würde ich das mit „ja“ beantworten, denn ich glaube, diese Kraft für eine große Veränderung im Leben kann jeder in sich aktivieren. Die Frage ist eher, ob man es wirklich und auch unter Kompromissfindung stark genug will, denn man muss definitiv mit vielen Einschnitten klarkommen und bereit sein, seine Gewohnheiten zu ändern sowie weiter an seine Vision glauben, auch wenn der Weg sich manchmal auch als schwierig erweist. Ich habe gemerkt, dass Kreativität, Optimismus, Ausdauer und Geduld gute Werkzeuge bei solch einem Vorhaben sind!

In welchen Momenten denkst Du Dir: Ja, das war das Beste, was ich tun konnte?

Wenn ich bei Sonnenaufgang alleine im Meer sitze und auf die nächste Welle warte.
Wenn ein Yogaschüler mir mit leuchtenden Augen mitteilt, dass diese Praxis etwas Positives in ihm oder ihr bewirkt hat und sich vielleicht sogar neue Lebenswege aufgetan haben.

Wann hast Du auch mal gedacht: Was tue ich mir hier bloß an?

Wenn unvorhergesehene Vorkommnisse Kosten verursachen, die ich früher mit links weggesteckt hätte. Das musste ich erstmal lernen, mit weniger Geld klarzukommen. Ebenfalls schwierig: Wenn ich das Gefühl habe, dass ich alleine zu viel Energie aufwenden muss, damit die Dinge laufen… Klar sehne ich mich dann manchmal nach einer gut funktionierenden größeren Struktur, in die ich gerne eingebunden wäre.

Zeit, auf sich selbst zu hören

Ich fand in einem Interview mit Dir die Aussage so gut:
„Die Frage, die wir uns immer wieder stellen müssen, ist: Wann muss ich einsehen, dass ein bestimmter Weg nicht aufmacht, und dass ich lediglich meine Kräfte vergeude? Und die Gegenfrage: Wann muss ich dabeibleiben und Ausdauer zeigen, weil ich weiss, dass genau dieser Weg sich für mich auftun wird?“
An welchem Punkt ist Dir diese Erkenntnis gekommen oder wer hat sie Dir mit auf den Weg gegeben?

Ich entnehme diese Erkenntnisse aus dem Yoga. Dies sind ja uralte Fragestellungen. Soll ich kämpfen oder aufgeben? (Gespräche von Arjuna und Krishna aus der Bhagavad Gita) Ganz konkret erlebe ich diese Erkenntnisse in der Asana Praxis. Ein Grund, warum ich Asana so liebe – alles  wird spürbar im Körper. Also zu einer erlebten Wahrheit, statt sie lediglich mit unserer Intelligenz zu begreifen.
Was ich besonders schön finde ist, dass sich diese Erlebnisse im Surfen ebenfalls finden lassen, weil man zwangsläufig lernt, wie die Natur funktioniert. Und genau hierum geht es beim Yoga, um wieder auf die Bhagavad Gita Bezug zu nehmen: das Feld (der Natur und seiner Selbst) kennenzulernen.

Kannst Du Dir vorstellen, jemals wieder ganz klassisch „9 to 5“ festangestellt zu arbeiten?

Nein, fest angestellt zu arbeiten, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Selbstständigkeit bedeutet für mich, dass ich meinen Tag nach Tide und Wind gestalten kann. Klar kann es auch mal sein, dass ich einen guten Surftag verpasse, weil es gerade wichtiger ist, zum Beispiel ein Telefonat zu führen oder ich einen wichtigen Gedanken ausarbeiten möchte. Aber ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass diese Entscheidung bei mir liegt, und mir würde es schwerfallen, diese Unabhängigkeit wieder aufzugeben.
Ich mache zwar deutlich weniger Urlaub, seit ich selbstständig bin, dafür finde ich aber mehr Zeit für mich, meine Freunde, Wellen und Yoga im Alltag.
Auf der anderen Seite kann ich es absolut nachvollziehen, dass das fehlende Gefühl von Sicherheit bei Selbstständigen ebenso zu Druck und Überarbeitung führen kann. Und ich kenne viele Menschen, für die “9 to 5” einen absolut fairen Deal darstellt. Das ist eine Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss.

Du bietest ja auch sogenannte „Retreats“ an. Kannst Du kurz erklären, was das ist?

Ein Retreat ist ursprünglich die Idee von Rückzug, hin zu sich selbst, tief in die Stille der Meditation eintauchen. In unserer Kultur ist dieser Begriff inzwischen recht verfälscht worden, und unter einem Retreat versteht man inzwischen oft Yogaferien mit allem dazugehörigen Luxus. Ich habe ehrlich gesagt nicht den Anspruch, das ein Retreat streng nach den Regeln eines asketischen Rückzugs stattfinden muss. Aber mir ist das “Down-to-earth”-Gefühl wichtig. Es geht bei Ocean & Yoga eher darum, sich für eine bewusste Woche dem Alltag zu entziehen, und Werkzeuge kennenzulernen (Meditation, Asana, Pranayama), mit denen man – wenn man möchte – zu Hause weiterarbeiten kann. Oft ergibt sich für die Teilnehemer während so eines Retreats ganz von selbst eine neue Kraft und Energie, bestimmte, neue Projekte angehen zu wollen, etwas kleines oder großes im Leben verändern zu wollen, oder eine neue Idee auszutüfteln. Diese Energie wiederfinden zu wollen, ist oft auch der Grund, ein Retreat bei Ocean & Yoga zu buchen.
Die Teilnehmer kommen aus ganz Europa, hauptsächlich aber aus deutschsprachigen Ländern. Selbstständige, Angestellte, Kreative, Eltern, Großtädter, die mal wieder eine ordentliche Dosis Natur brauchen, Yogaverliebte und Yogaeinsteiger. Typischerweise werden Yogaretreats ja eher von Frauen gebucht. Dadurch, dass das Surfen (oder es zu lernen) Teil des Retreats ist, wird, glaube ich, die Männer/Frauen Ratio bei Ocean & Yoga ausgeglichener.

Lachende Frauen beim Yoga

Wann und warum sollte man sowas mal machen?

Schonmal das Gefühl gehabt, die Welt anhalten zu wollen, weil eigentlich gerade alles zu schnell geht? An so einem Moment auf jeden Falll!
Wenn man das Gefühl hat, einfach mal in Ruhe durchatmen zu müssen. Kurz Innehalten möchte, um zu reflektieren, oder vor einer wichtigen Entscheidung steht.
Oder einfach, weil man einen schönen Urlaub mit gesundem Essen, netten Leuten und viel Bewegung in der Natur genießen, und fitter und voller Energie zurückkommen möchte.

Das hört sich gut an. Liebe Jana, vielen Dank, dass ich all meine neugierigen Fragen stellen durfte!
Und jetzt will ich ans Meeeer 🙂

© Beitragsbild: Michael Dragaschnig

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