„Es ist wichtig, dass Menschen eine Lebensvision haben“ – Interview mit der systemischen Life & Business Coachin Susanne Schwarz

Susanne Schwarz, systemische Life & Business Coachin

Susanne Schwarz dürfte den aufmerksamen Leserinnen unseres Blogs bekannt vorkommen, denn wir haben auf FF& erst kürzlich ihren Gastbeitrag “Warum wir den Gender Pay Gap nicht akzeptieren müssen. Aber Jammern auch nicht hilft” veröffentlicht. [Anm. der Autorin: Wir haben den Gastbeitrag in der Zwischenzeit gelöscht]

Da Susanne nicht nur wunderbar schreiben kann, sondern auch ganz zufällig selbstständig ist, 😉 haben ich sie mir für ein Interview geschnappt.

Susanne, Du hast Dich 2014 nebenberuflich als systemischer Life & Business Coach selbstständig gemacht. Wie kam es zu diesem Schritt?

Meine Ausbildung als Coach war abgeschlossen und ich konnte mir einfach nicht vorstellen, das Coaching nicht weiter zu verfolgen. Als Coach arbeitet man sehr intensiv mit Menschen zusammen und nimmt sich für die entsprechenden Themen sehr viel Zeit – je nachdem wie lange der Coachee sich eben Zeit nehmen möchte. In meinem damaligen Job als Director of HR hatte ich diese intensive Zeit nicht für die Mitarbeiter, auch wenn ich sie mir gerne genommen hätte. Ich hatte immer ein offenes Ohr und eine offene Tür – aber eben nicht die zeitliche Möglichkeit für diese intensive Art der Arbeit. Ein weiterer Grund war, dass ich die Methoden und Tools, die ich gelernt habe, nicht sofort wieder verlernen wollte, denn in meinem Job konnte ich natürlich nur einen geringen Teil davon einsetzen. Ich war sehr froh, dass meine Chefs mir das sofort genehmigt haben! Dafür bin ich ihnen sehr dankbar :-).

Warum hast Du Dich vor zwei Jahren erst einmal dazu entschieden nebenberuflich in die Selbstständigkeit einzusteigen und nicht gleich “all-in” zu gehen – was Du ja in diesem Jahr getan hast?

Das hat unterschiedliche Gründe. Der definitiv größte war, dass ich mich nicht getraut habe! Ich bin ja keine 25 mehr sondern habe mit meinen inzwischen 45 Jahren einen anderen Lebensstandard, andere Erwartungen und als Mutter auch andere Verpflichtungen. Nicht nur finanzielle, sondern auch zeitliche. Einfach zu kündigen und mich ohne finanzielle Absicherung selbstständig zu machen, wäre aus meiner Sicht damals (und auch heute) verantwortungslos gewesen. Ich hatte und habe keinen Mann an meiner Seite, der mich da unterstützt – jeden Cent, den ich für mich und meinen Sohn brauche, muss ich auch sicher einnehmen können.

Ein weiterer Grund war meine Zufriedenheit mit meinem Job. Lustigerweise habe ich die Ausbildung zum Coach aus einer totalen Unzufriedenhet heraus angefangen – ausgerechnet mit dem Ziel, mich selbstständig zu machen. So ist das eben manchmal mit den Zielen und der Realität. 😉 Im Job hat sich in dem Jahr der Ausbildung viel zum Positiven verändert, ich bekam neue Möglichkeiten und Freiräume – das wollte ich weiter auskosten.

In diesem Jahr hat sich nun für mich viel verändert – auf einmal schnappten so viele Zahnräder gleichzeitig zusammen, an denen ich lange gearbeitet hatte. Ich konnte endlich eine Coachingreise ans Meer organisieren, darüber habe ich viele spannende Kontakte geknüpft. Parallel bekam ich ein extrem spannendes Jobangebot, welches ich angenommen habe und welches aber sofort wieder geplatzt ist. Das gab mir nach kurzem Schock die Möglichkeit, den Gründungszuschuss zu beantragen und auch zu bekommen – auf einmal hat einfach alles gepasst und gestimmt. Eine gewisse finanzielle Sicherheit, ein sich aufbauendes Netzwerk durch die Coaching-Reise. Alles hat eben seinen richtigen Zeitpunkt. Und der war genau zu dem Moment!

Auf Deiner Website heißt es: “Ich verhelfe allen, die in mein Coaching kommen, zu ihrer eigenen Lebensvision. Ich unterstütze sie bei der Umsetzung ihres Lebensplans und bei der Erreichung ihrer Ziele.” Wie machst Du das? Ich habe bislang keine Coaching-Erfahrung und würde gerne wissen, wie ich mir ein Coaching bei Dir vorzustellen habe.

Ich möchte erst einmal kurz darauf eingehen, warum ich es wichtig finde, dass Menschen eine Lebensvision haben. Jedes Unternehmen arbeitet intensiv daran: an der Vision, dem Mission Statement, an Plänen, Zielen, KPIs. Das ermöglicht es den Managern und Mitarbeitern, die richtigen Entscheidungen zu treffen – ohne diese Leitplanken wäre es kein erfolgreiches Unternehmen sondern schieres Chaos. Unternehmen, die hier nicht klar sind, überleben nicht lange – allein schon weil die Mitarbeiter gehen.

Ich sehe mich als Manager meines Lebens. Denn auch ich muss wichtige Entscheidungen treffen, finanzielle Pläne schmieden. Wenn ich das nicht tue, kann ich zwar überleben – aber ich bin weder zufrieden noch erfolgreich – weder privat noch beruflich. Wobei ich mit erfolgreich nicht den Kontostand meine. Sondern das Gefühl, morgens wach zu werden und zu lächeln.

In meinem Coaching geht es also darum, eine Vision für dich zu entwickeln. Dazu gehören deine ganz persönlichen Werte. Wohin du mit deinem Leben willst. Welchen Beitrag du in dieser Gesellschaft leisten möchtest. Welchen Fußabdruck du hinterlassen willst. Dein “Why” falls Dir Simon Senek* ein Begriff ist. Deine “reason to be”.

Diese Gedanken kann sich jeder selber machen – aber ich kann da auch sehr gut bei unterstützen. Vor allem wenn es darum geht, ein klares Bild der Vision zu entwickeln und daraus realistische Pläne zu schmieden. Kurzfristige und langfristige. Und unter der Berücksichtigung der Realität und der beteiligten Systeme.

Das gros des Coachings besteht aus Fragen, die ich Dir stelle – die folgen einer Systematik oder Methode und gehen teilweise sehr tief. Sie können also durchaus sehr unangenehm sein – deswegen ist mir eine vertrauensvolle Atmosphäre sehr wichtig. Aber auch herzliches Lachen. 😉

Auf Coachimo konnte ich lesen, dass Dich besonders das Thema Mindfucks in Deinen Coachings beschäftigt. Bitte verrate uns mehr.

Jeder kennt sie, jeder hat sie, keiner mag sie. 😉

Sie haben auch andere Namen: Glaubenssätze, Stimmen im Ohr. Auch schlechte Erfahrungen, Hemmungen, Blockaden. Letztendlich beschäftigt sich jeder Coach mit dem Thema, da sie uns Menschen einschränken und davon abhalten, Dinge zu tun oder Entscheidungen zu treffen – und manchmal sogar davon, sich zu gönnen, glücklich zu sein.

“Ich kann das nicht, andere sind besser als ich, ich bin nicht gut genug” – you name it. Aus diesen Glaubenssätzen heraus fangen manche Menschen an, eine Ausbildung oder Weiterbildung nach der anderen zu machen – Zertifikatsammler. Andere trauen sich nicht, in einer Gruppe etwas zu sagen, aus Angst, dass es falsch sein könnte – “was sollen die anderen nur denken?”

Der eine scheint mehr Mindfucks zu haben, der andere weniger. Der eine zeigt sie sehr deutlich, der andere kann sie gut überspielen.

Manche unserer Mindfucks können wir quasi loswerden, andere begleiten uns ein Leben lang.

Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir sie nicht bekämpfen. Kampf ist rückwärts gerichtete Energie, die uns selber schadet und auch krank machen kann. Ich beschäftige mich gerade sehr intensiv mit Huna, der hawaiianischen Lebensphilosophie. Da finde ich spannende Parallelen und Ansätze dazu, die ich in meine Arbeit einfließen lasse.

Ich würde behaupten, dass insbesondere wir Frauen mit Mindfucks zu kämpfen haben. Kannst Du das durch Deine Arbeit als Coach bestätigen? Wenn ja, was sind die häufigsten Selbstblockaden mit denen wir Frauen zu kämpfen haben?

Ich kann nicht bestätigen, dass Frauen mehr oder insbesondere mit Mindfucks zu kämpfen haben. Ich kann aber bestätigen, dass meiner Beobachtung nach Frauen und Männer häufig unterschiedliche Mindfucks haben. Während Frauen im beruflichen Kontext eher Schwierigkeiten haben, ihren Wert zu formulieren und diesen dann in Gehaltsverhandlungen einzubringen, sind Männer dafür häufig in der Kommunikation gehemmter.

Ein spannendes Beispiel sind Männer in der Vaterrolle. Viele haben da Angst, etwas falsch zu machen oder zu versagen – auch weil Frauen ihnen vieles nicht zutrauen und damit erst Mindfucks setzen. Da habe ich schon interessante Situationen erlebt. Bei Männern geht es auch um das Zeigen und Ausdrücken von Gefühlen.

Ansonsten sind bei Frauen verbreitete Themen eben der eigene Wert, Finanzen, Wissen, Macht, Standing – alles was uns vom beruflichen Erfolg abhält.

Sicher hattest Du schon einige (angehende) selbstständige Frauen unter Deinen Coachees. Von welchen Mindfucks werden sie in der Regel geplagt?

Gerade selbstständige Frauen haben Schwierigkeiten, ihre Leistung und damit ihren Wert zu verkaufen und selbstsicher in Verhandlungen aufzutreten. Sie wollen lieber sympathisch rüber kommen, den anderen nicht verärgern, eine gute Zusammenarbeit sicherstellen. Auch das ist wichtig – füllt aber leider nicht das Konto.

Warst Du zu Beginn Deiner Selbstständigkeit selbst von blockierenden Gedankenmustern betroffen oder hast Du keine Zweifel an Deiner Entscheidung gehegt, Dich selbstständig zu machen?

Ich wäre kein Mensch, hätte ich die nicht. 😉 Da kann man Coach sein, so viel man will, lesen so viel man will, sich selber coachen lassen – die eigenen Gedanken erwischen einen immer wieder! Mein Vorteil ist, dass ich mich viel mit den Theorien hinter unseren Gedankenmustern auseinandersetze und somit vielleicht manchmal schneller auf die Bremse trete, wenn die Spirale im Kopf los geht. Und ich habe eine wundervolle Freundin, die gnadenlos ehrlich zu mir ist (so ehrlich, dass ich manchmal mit den Zähnen knirsche) und ich mit ihr (dann darf sie knirschen).

Meine Mindfucks liegen auch im finanziellen Bereich (jaja, selbst ich), 🙂 in der Sorge, nicht genug zu wissen, nicht genug zu können, das andere mehr wissen. Aber das pusht mich dann auch wiederum an, weiter zu machen und an mir und meinen Konzepten zu arbeiten.

Die Zweifel kommen immer wieder und ich denke, dass sie auch hilfreich sind. Denn dann setze ich mich noch mal hin, schaue auf meine Finanztabelle, schaue was gut funktioniert, was ich als nächstes machen muss – sie zwingen mich zu mehr Struktur. Das ist doch prima!

Naja, und manchmal muss es eben auch ein Glas Rotwein und das Treffen mit der Freundin sein… gibt Schlimmeres. 😉

Wie wird man eigentlich zum Coach? Ich habe gesehen, dass Du eine Ausbildung an der Coaching Akademie Berlin gemacht hast und eine Zertifizierung durch die European Coaching Association hast. Das klingt aufwändig…

Ja, die Ausbildung war sehr aufwändig, teuer und zeitintensiv. Sie hat 11 Monate gedauert, beinhaltete 14 Wochenendmodule, darüber hinaus noch zahlreiche Aufgaben, die gemacht werden mussten: Coachingstunden, Peergroupsessions, Supervision, Literatur- und Filmbesprechungen. Am Ende musste ich eine eigene Intervention auf Basis systemischer Wirkmechanismen entwickeln. Das ganze neben der 40h Stunden Woche und der Erziehung meines Sohnes (wobei er damals nur im Wochenwechsel bei mir war, was mir doch einigen Freiraum abends und an den Wochenenden gab).

Ich habe mich durch die Ausbildung selber enorm weiterentwickelt – das gilt auch für alle anderen in der Gruppe. Durch die enge Zusammenarbeit und das gegenseitige Coaching haben wir uns auf einer sehr tiefen Ebene kennen gelernt und wurden als Gruppe sehr eng zusammen geschweißt. Mit einigen bin ich immer noch befreundet. Wir treffen uns regelmäßig und tauschen uns aus – es ist toll, so gute Sparringspartner und Freunde zu haben. Viele haben während der Ausbildung Beziehungen beendet oder Jobs gekündigt. Eben weil man sich selber viel bewusster wurde, wer man ist und was man will. Es war wie gesagt eine sehr intensive und sehr lehrreiche Zeit! Jeder Aufwand hat sich total gelohnt!

Wenn ich das richtig sehe, ist Coach aber keine geschützte Berufsbezeichnung und jeder kann sich Coach nennen. Ebenso wie sich jeder Fotograf nennen kann. Würdest Du sagen, es gibt viele schwarze Schafe in Deiner Branche? Wie kann ich einen guten Coach erkennen?

Ja, du hast leider recht: der Begriff Coach ist nicht geschützt. Jeder kann sich mit einer Dienstleistung Coach nennen und da liegt auch schon die Schwierigkeit. Jemand der sein Wissen im Bereich Marketing verkauft nennt sich genauso Coach wie ein Ernährungsberater (Food Coach) oder eben jemand wie ich, der im Bereich beruflicher und persönlicher Entwicklung arbeitet.

Ich denke auf jeden Fall, dass es schon sehr große Qualitätsunterschiede gibt. Ich habe aus meinem Bereich Coaches kennen gelernt, die den Unterschied zwischen geschlossenen und offenen Fragen nicht kannten. Und auch mehr beraten als gecoacht haben. Das hat mich schon etwas erschreckt… ich finde es schade, wenn dadurch die Branche in Verruf gerät, nur weil manche Menschen keinen Wert auf eine fundierte Ausbildung legen.

Ich kann nur empfehlen, zu schauen, wer wo und wie lange seine Ausbildung gemacht hat. Meiner Meinung nach reicht ein 4-Wochen-Kurs einfach nicht aus. Bei den Ausbildungseinrichtungen gibt es auch enorme Qualitätsunterschiede – es ist halt ein großer Markt. Und ich empfehle generell zu Coaches zu gehen, die eine klare systemische Ausrichtung haben. Aber das ist Geschmackssache.

Wie ich gesehen habe, hast Du zusammen mit Monica Breitkreutz ein Coaching am Meer ins Leben gerufen. Das letzte fand im Juni in Portugal statt. Wie war’s und wird es weitere Coaching Retreats geben?

Ja, das war ein lang gehegter Traum, an dem ich lange gearbeitet habe und es war eine grandiose Erfahrung, den mit Monica umzusetzen zu können. Ich bin ihr da sehr dankbar für! Letztendlich war das ja mit ein Auslöser für meine Selbstständigkeit.

Ich wollte meine eigene Erfahrung, dass ich mich am Meer viel freier meinen Gedanken, Wünschen und Träumen stellen kann mit Coaching Methoden und Erfahrungen aus dem Surfen kombinieren – und es war ein voller Erfolg, auf dem ich weiter aufbauen werde. Auch das Konzept baue ich derzeit weiter aus.

Ich plane daher derzeit ein weiteres Retreat in Andalusien im Februar, im Juni wieder in Portugal. Auch bin ich mit einem weiteren Surfcamp in Verhandlung, aber das ist noch nicht spruchreif. Für alle, die es nicht so weit ins Ausland schaffen, arbeite ich gerade an Kooperationen mit wunderschönen Locations in der Uckermark und in Mecklenburg Vorpommern. Einzelne Workshops zu unterschiedlichen Themen biete ich ja immer wieder in Berlin an.

Generell werde ich wie gesagt die hawaiianische Huna-Philosophie in meine Konzepte einbringen, ebenso noch intensiver die Erfahrungen aus dem Surfen. Es ist wirklich erstaunlich, wie viel man davon in das alltägliche Leben übertragen kann. Auch mache ich derzeit eine Weiterbildung in energetischer Psychologie – die Methode ist eine Mischung aus Kinesiologie und Akupressur zur Bearbeitung von Mindfucks und Ängsten, aber auch Suchtverhalten.
So stay tuned… 🙂

Ich danke dir liebe Sandra für die Möglichkeit für dieses Interview und die spannenden Fragen. Wie schön, dass wir uns beim Fempreneur Summit einfach so kennen lernen durften!

Das finde ich auch, liebe Susanne. Danke für Deine Zeit und Antworten! 🙂

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