„Das Selbstbewusstsein ist bei vielen Frauen der Knackpunkt“ – Interview mit einem Coach

Berufscoach und -beraterin Alexandra Reiter

„Was genau macht Sie denn so unzufrieden? Vielleicht ist es gar nicht, WAS Sie machen, sondern WIE Sie es machen…“ Das sind in etwa die Worte meiner „Berufscoachin“ gewesen, die für mich einer der drei wichtigsten „Schubser“ in Richtung Selbstständigkeit waren.

Nachdem ich damals mal wieder drauf und dran war, meinen festen Job nach nicht mal einem Jahr aufzugeben, kam ich auf die Idee, mir professionelle Hilfe zu holen. Das hört sich jetzt etwas nach Therapie an… aber in gewisser Weise war es das ja auch. Ich brauchte eine Person, der ich mein berufliches Herz ausschütten konnte und die genau die richtigen Fragen stellen würde.

Nach dieser Coaching-Erfahrung dachte ich also: Schnappe ich mir doch mal eine „Berufscoachin“, um auf Frau, frei & ein bisschen mehr zum Thema und wie „frau“ eigentlich Coach wird zu erfahren. Und so habe ich mich mit Alexandra Reiter – selbständig als Business Coach und Unternehmens- und Bewerbungsberaterin – auf ein Käffchen getroffen.

Alexandra kommt ursprünglich aus der Schweiz und wollte eigentlich „immer was mit Musik machen“. So hat sie sich zum Abschluss ihres Soziologie-und Kommunikations-Studiums bewusst ein Praktikum in dieser Branche gesucht und landete bei BMG in München. Daraus wurde dann eine Festanstellung im Marketing und in der Marktforschung. Später folgte ein Jobangebot bei Universal Music in Hamburg, wo sie dann auch in einer Führungsposition tätig war. Als das Unternehmen nach Berlin umzog, hatte Alexandra keine Lust mitzulaufen, blieb in der Hansestadt und arbeitete danach noch zwei Jahre als Projektleiterin in einem Marktforschungsinstitut, bevor sie sich als Coach und Beraterin selbstständig machte. Das ist mittlerweile fast zehn Jahre her (am 5. Oktober ist ihr Jubiläum!).

Kam die Selbstständigkeit eher aus der Not heraus oder war das für Dich schon immer ein Traum im Hinterstübchen?

Nachdem es bei Universal vorbei war und ich in meinem aktuellen Job als Projektleiterin in der Marktforschung sehr unglücklich war, stand ich zum zweiten Mal in meinem Leben vor der Frage: Was will ich beruflich eigentlich machen? Ich trug mich mit dem Gedanken, mich dazu coachen zu lassen und suchte nach einem geeigneten Coach. Interessanterweise entdeckte ich, dass viele Coaches einen ähnlichen beruflichen Background wie ich hatten – so mit Studium, Führungsposition, Kommunikationsbereich/Marketing. Dann blätterte ich zur selben Zeit auch noch zufällig in einer Zeitschrift, in der es einen Artikel über eine Frau gab, die sich erst coachen ließ und dann selbst zum Coach hat weiterbilden lassen. Da habe ich gedacht: Das könnte es sein! Ich wollte ja eigentlich schon immer selbstständig arbeiten und auch schon immer was im Bereich Kommunikation mit Menschen und in Unternehmen machen, hatte aber einfach den richtigen Ansatz noch nicht gefunden. Statt mich coachen zu lassen, habe ich dann eine Coaching-Weiterbildung begonnen. Und schon nach dem ersten Lehrgangswochenende wusste ich: Das ist genau mein Ding!

Wie genau hast Du dann losgelegt?

Ich habe ganz klein gestartet. Ich wollte kein Risiko eingehen und habe mir einen Teilzeitjob gesucht. Erst war ich in einer Agentur für Marketing und PR – eine tolle Erfahrung übrigens, da ich das auch schon immer mal machen wollte. Nach einem halben Jahr habe ich dort wieder aufgehört, da sie die Stunden aufstocken wollten. Eine Freundin suchte zu der Zeit jemanden, der Kuchen für zwei Cafés backen könnte. Und da ich sehr gerne backe, habe ich angefangen in der Woche 7 bis 8 Kuchen zu machen. Nebenbei habe ich die Coaching-Ausbildung abgeschlossen und die erste Coaching-Praxis im Bekanntenkreis gesammelt. Dafür habee ich kein oder zumindest kaum Geld verlangt und zuerst oft noch gedacht: Oh Gott, eigentlich müssten die ja Geld von mir bekommen. (lacht)

Ja, das kenne ich. Man fragt sich dann ständig: Bin ich wirklich gut genug, um Geld dafür zu verlangen und davon leben zu können?

Da gibt es nur einen Weg, um das rauszufinden: Ausprobieren!

Wie lange hat es gedauert, bis Du vom Coaching leben konntest?

Ungefähr zwei Jahre. Damals habe ich meine Kosten komplett runtergefahren. Für Versicherungen oder die Altersvorsorge hatte ich gar nichts übrig. Für diese Dinge geht jetzt mittlerweile das meiste Geld weg. Ich empfehle deshalb auch jedem, sich einen guten Finanzberater zu suchen.

Hast Du zwischendurch je darüber nachgedacht, doch lieber wieder einen festen Job anzunehmen?

Nie ersthaft. Viele denken ja immer, dass ein fester Job eine Sicherheit wäre.  Aber das ist er heutzutage nicht mehr. Man sollte sich bewusst sein, dass man sich selbst seine größte Sicherheit ist. Auf mich selbst kann ich mich verlassen und mir selbst vertraue ich am meisten.

Und wenn ich dann manchmal morgens in der Stadt die Menschen sehe, die – überspitzt gesagt – wie Ameisen in ihren Bau gehen und abends erst wieder raus „dürfen“, – spätestens dann wird mir immer wieder bewusst, dass die Selbstständigkeit das Richtige für mich ist. Ich genieße es sehr, dass ich selbst entscheiden kann, was, wo und mit wem ich etwas tue und welche Aufträge ich annehme. Aber es ist eben auch nicht jeder der Typ für die Selbstständigkeit. Das sehe ich oft in der Beratung.

Woran merkst Du das?

Wenn es jemandem sehr schwer fällt, sich selbst zu organisieren. Man sollte seine Termine sinnvoll planen können und die Disziplin haben, unliebsame Dinge nicht ewig aufzuschieben. Selbstständig heißt ja „selbst“ und „ständig“. Da ist gutes Zeit- und Selbstmanagement gefragt. Sonst findet man auch nie Zeit für sich selbst.

Was würdest Du Leuten mit einem schlechten Zeitmanagement empfehlen?

Einfach mal eine Woche lang ein Stundenprotokoll zu führen, um zu sehen, wo und wie man seine Zeit investiert und verliert. Und vor allem, wie viel Zeit man sich für sich selbst nimmt. Urlaub & Zeit für sich selbst – das ist ganz wichtig! Als Selbstständige hat man eine große Verantwortung sich selbst gegenüber, denn man ist ja sein bester Mitarbeiter. Ganz wichtig auch: Feierabend machen und abschalten!

 Ja, genau das ist auch oft mein Problem. Da ich den klassischen Feierabend nicht habe, schalte ich nie wirklich ab und bin mit dem Kopf doch immer noch ein bisschen bei der Arbeit. Der Laptop ist eigentlich immer im Ruhezustand, damit ich schnell noch mal ran kann, wenn mir etwas einfällt.

Wenn dir spontan noch eine Aufgabe einfällt, kannst du dir ja auch einen Post-It mit einer Liste für den nächsten Tag anlegen. So geht nichts verloren. Aber der Laptop sollte idealerweise nach Feierabend aus sein.

Jetzt natürlich noch eine Frage, die ja aufgrund des Themas unseres Blogs auf der Hand liegt: Spürst Du bei deinen Coachings einen Unterschied zwischen Männern und Frauen, wenn es darum geht, sich selbstständig zu machen?

Ja, das ist ganz klar das Selbstbewusstsein! Das ist bei vielen Frauen der Knackpunkt. Wenn das nicht da ist, merkt man das oft auch an der Körperhaltung und der Sprache. Frauen halten beispielsweise den Kopf gerne etwas schief, weil das eine Art „niedliches, kleines Mädchen”-Haltung ist. Aber man macht sich so automatisch kleiner und wirkt im Business nicht überzeugend.

Woran liegt das?

Frauen sind extrem selbstkritisch und haben oft diesen Perfektionismus-Anspruch. Sie haben meist als ganz kleines Mädchen gelernt, hübsch auszusehen und nett zu sein. Bei den Jungs geht es schon ganz früh um Wettkampf – Fußball ist ja beispielsweise nichts anderes – und  darum, sich durchzusetzen. Frauen fühlen sich nie gut genug, um endlich anzufangen. Da gibt es so ein tolles Sprichwort: „Du musst nicht perfekt sein, um anzufangen. Aber du musst anfangen, um perfekt zu werden.“ Männer sind da anders. Die sagen zum Beispiel: „Marketing? Schon mal gehört. Mach ich!“

Kann man „Selbstbewusstsein“ lernen?

Nicht lernen, eher entwickeln – und zwar von innen heraus und aus Überzeugung. Um das zu schaffen, kann man über eine gewisse Zeit hinweg beispielsweise ein Erfolgstagebuch führen oder sich gezielt einmal aufschreiben: Worauf im Leben kann ich stolz sein? Was habe ich richtig gut gemacht? Welche Talente habe ich? Und bei dem, was sich da ansammelt, wird man vielleicht merken, dass all diese Dinge nicht nur Glück oder Zufall waren und sind, sondern dass das viel mit den eigenen Kompetenzen zu tun hat.

Ok, dann setze ich mich heute Abend mal direkt an diese Liste! Alexandra, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast.


Noch mehr Tipps und Schubser für eine erfolgreiche Selbstständigkeit gibt es bei Alexandra im Einzel-Coaching und auch im Erfolgsteam für Selbstständige. Sie unterstützt rund um Fragen zu Akquise, Positionierung, Marketing und Selbstmanagement – aber auch dem eigenen Selbstbewusstsein 🙂

Für Selbständige aus dem Kreativbereich gibt sie außerdem geförderte Coachings bei der Hamburger Kreativgesellschaft.

Falls Ihr nicht aus Hamburg diesen Blog eingeschalten habt, dann sucht doch einfach mal nach Coaches in eurer Gegend. Wie gesagt: Ich kann es wirklich nur empfehlen, sich Gedanken über sich selbst und sein Business zu machen. Ist eine gute und wichtige Investition!

Diese Webseite verwendet Cookies. Stimme der Verwendung von Cookies zu, wenn Du die Webseite weiter nutzt. Mehr Informationen

Für eine uneingeschränkte Nutzung der FF&-Webseite werden Cookies benötigt. Einige dieser Cookies erfordern Deine ausdrückliche Zustimmung. Bitte stimme der Verwendung von Cookies zu, um alle Funktionen der Webseite nutzen zu können. Detaillierte Informationen über den Einsatz von Cookies auf dieser Webseite erhältst Du in unseren Datenschutzbestimmungen.

Schließen