„Think Like a Man“? – Lieber nicht!

Wonder Woman

Warum ich mich und andere Frauen (und Männer) dazu ermutigen will, lieber mal „wie Frauen“ zu denken – gerade auch in der Geschäftswelt.

„Think like a man“ ist der Ratschlag, den Steve Harvey Frauen gibt, um in der Liebe glücklicher zu sein. Männer würden sich in romantischen Angelegenheiten nie an unsere Bedürfnisse anpassen, also sollten wir lernen, so zu denken wie Männer, um ihnen auf gleicher Ebene begegnen zu können. Auch für die Arbeitswelt habe ich diesen Ratschlag schon gehört. Gewisse Attribute werden sowohl mit Männlichkeit als auch mit Erfolg assoziiert und als Frau bekommt man darum gesagt, dass man sich an sie anpassen sollte. Durchsetzungsvermögen zum Beispiel. Oder Risikobereitschaft. Dass viele Frauen sich damit nicht wohl fühlen, wird als Makel wahrgenommen, gegen den wir ankämpfen sollten. Von dieser Theorie halte ich leider nicht viel. Natürlich gibt es Attribute, die einem helfen, beruflich voranzukommen, egal ob Mann oder Frau. Aber sich als Frau an männlich Denk- und Verhaltensmuster anpassen zu müssen, um einen guten Job zu machen, das halte ich für falsch. Ich drösel das mal auf.

Eines gleich vorweg: Natürlich ist die Gegenüberstellung von „männlicher“ und „weiblicher“ Denke sehr polemisch. Nicht alle Männer denken und handeln gleich, genauso wenig wie alle Frauen. Und nicht immer denken und handeln Frauen anders als Männer. Aber es gibt statistische und gesellschaftliche Tendenzen und um die geht es mir hier.

Die Männer und die Selbstüberschätzung

Neulich las ich den Artikel „Sind Sie selbstbewusst oder schon gefährlich selbstverliebt?“ von Alexander Sebald im Manager Magazin. Er beschreibt darin die Tendenz, sein eigenes Wissen oder Können zu überschätzen und darum falsche Entscheidungen zu treffen. Besonders ausgeprägt sei dieses Phänomen, so Sebald, bei Männern. Er bezieht sich dabei auf Studien wie „Boys will be Boys“ (2001) und „The case for behavioral strategy“ der Unternehmensberatung McKinsey (2010). Beide Studien zeigen, dass Männer erstens eher als Frauen dazu neigen, sich selbst zu überschätzen, und dass zweitens diese Selbstüberschätzung tatsächlich zu Fehlentscheidungen und daraus resultierenden finanziellen Verlusten führt. McKinsey stellte sogar fest, dass Unternehmen, die ihre Entscheidungsprozesse optimierten, ihren Return on Investment um fast sieben Prozent steigern konnten.

Auch ich selbst kenne dieses Phänomen. Schon im ganz Kleinen, wenn zum Beispiel nach einer Klassenarbeit die Jungs schulterzuckend aus dem Raum kamen und sich sicher waren, dass sie schon ein gutes Ergebnis erzielen würden, während die Mädchen sich, überzeugt von ihrem eigenen Versagen, heulend in der Schultoilette verschanzten. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass die Mädchen natürlich fast immer besser abschnitten als die Jungs. Oder auch beim Mittagessen mit befreundeten freien Redakteuren, bei dem eine weibliche Kollegin von ihren Zweifeln über die Qualität des Textes, an dem sie gerade sitzt, erzählt, während der männliche Kollege mit diesen Sorgen gar nichts anfangen kann: Einen Text schreibt man halt. Und dann wird der schon gut sein. Warum machen wir uns denn immer so viele Gedanken? Auch als Angestellte habe ich es häufig erlebt – Männer, die auf ihr Bauchgefühl hören und spontan strategische Entscheidungen treffen, auch entgegen vorherigen Kalkulationen oder Analysen. Auf Nachfrage können oder (noch viel schlimmer) wollen sie diese Entscheidungen dann weder erklären, noch hinterfragen. „Das ist schon richtig so, das ist jetzt zu kompliziert, Dir das zu erklären“, habe ich mir anhören müssen. Oder sogar: „Das weiß ich jetzt auch nicht so genau, dafür fehlen mir die notwendigen Informationen, aber das wird schon stimmen.“ Bitte? Erschreckenderweise muss ich (natürlich rein anekdotisch, da habe ich jetzt keine statistisch relevanten Daten zu) sogar feststellen, dass sich diese Herren durch vergangene Rückschläge nicht in ihrer Überzeugung beirren ließen. Herben Verlusten wird mit Entlassungen und Änderungen im Portfolio begegnet, selten aber mit dem Überdenken von Strategien oder Prozessen. Zur Verteidigung unserer männlichen Kollegen sei gesagt, dass ich sehr wohl auch Männer kenne, die mit dieser Art Entscheidungen zu treffen nicht klar kommen. Und dass ich genauso schon mit Frauen gearbeitet habe, die sich über die lästigen Details lieber keine Gedanken machen wollen.

Die Männer und die Weltwirtschaftskrise

Bei der Lektüre des oben genannten Artikels fühlte ich mich augenblicklich zurückerinnert an das einzige Wirtschaftsbuch, das ich je gelesen habe: „Boomerang: Travels in the New Third World“ von Michael Lewis. In dem (wirklich!) spannenden und unterhaltsamen Reisebericht arbeitet Lewis die Entstehung der Weltfinanzkrise von 2008 an den Beispielländern Island, Irland, Griechenland, Deutschland und USA auf. Das Kapitel, an das ich mich zurückerinnert fühlte, war seine Abhandlung zu Island. Über 1000 Jahre lang ein quasi autarkes Land, dessen größte Wirtschaftsmacht der Fischfang war, entdeckte Island 2003 den Finanzmarkt für sich. Vier Jahre lang strömten junge Isländer mit heimischen oder internationalen Uniabschlüssen in die drei Großbanken des Landes (Kaupthing, Landsbanki und Glitnir), um als Investmentbanker schnelles Geld zu machen. 2007 war Island (ein Land mit gerade mal 330.000 Einwohnern, etwa so vielen wie Bielefeld) zu einem der wichtigsten Player der weltweiten Finanzwirtschaft aufgestiegen. Nachdem Lehman Brothers 2008 Konkurs anmeldete, stürzte auch die isländische Finanzwelt kurz darauf ab, und aus dem Land mit dem schnellsten Wirtschaftswachstum der Welt wurde in wenigen Monaten das Land mit einer der höchsten Staatsverschuldungen überhaupt (natürlich jetzt mal alles sehr vereinfacht dargestellt).

Als Hauptgrund für die erschütternden Entwicklungen nennt Lewis die eklatante Selbstüberschätzung der neuen Investmentbanker (nicht nur in Island, aber dort besonders auffällig). Aus gerade einmal rudimentären – häufig in amerikanischen Hedge Funds erworbenen – Kenntnissen der Weltwirtschaft entwickelten sie ein System der Gewinngenerierung durch den Handel mit imaginären Gütern zu überhöhten Preisen (ich hab’s nicht ganz verstanden, wer es genau wissen will, sollte Lewis‘ Buch lesen). Eine Gemeinsamkeit macht Lewis für die Verantwortlichen der Finanzkrise aus: „Eines der auffälligsten Merkmale der Katastrophe in Island und an der Wall Street war, wie wenig Frauen damit zu tun hatten.“ (S. 37, eig. Übers.). Er kann für Island nur eine einzige Frau ausmachen, die zu Hochzeiten des Booms in einer der Entscheiderpositionen gesessen hatte: Kristin Pétursdóttir, stellvertretende Geschäftsführerin von Kaupthing in London. Dabei ist Island sehr weit, was den Feminismus und die Gleichberechtigung angeht. Wie kommt es also, dass Frauen an dem Finanzboom kaum beteiligt waren? „Die Finanzwelt ist sehr von Männern dominiert“, erklärt Kristin. „Es ist ein Haifischbecken. Frauen hassen diese Kultur.“ (S. 37-38, eig. Übers.) Aus diesem Grund hat sie auch – im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen – rechtzeitig den Absprung geschafft. 2006 kündigte sie, um sich selbstständig zu machen. 2007 gründete sie mit der ehemaligen Direktorin der isländischen Handelskammer Halla Tomasdottir den Finanzdienstleister Audur Capital. Mit ihrem Unternehmen wollten sie mehr „weibliche Werte“ in den Finanzsektor bringen. Die vier Hauptwerte, an denen sie sich orientierten, erklärt Halla in dem sehr sehenswerten TED-Talk „A feminine response to Iceland’s financial crash“ (eig. Übers.):

  1. Risikobewusstsein: „Wir investieren nicht in Dinge, die wir nicht verstehen.“
  2. Ehrlichkeit: „Den Leuten die Nachteile aufzeigen, ebenso wie die Vorteile.“
  3. Emotionales Kapital: „Menschen, nicht Excel-Listen, verdienen oder verlieren Geld.“ (Emotionales Kapital sind die immateriellen Vermögenswerte einer Organisation, wie z.B. die Kommunikationskultur)
  4. Profit mit Prinzipien: „Uns ist wichtig, wie wir unser Geld verdienen. […] Wir sind dazu bereit, langfristig zu denken.“

Wichtig ist Halla dabei, dass sie mit ihren weiblichen Werten nicht die Männer ersetzen will. Ihre weiblichen Werte seien auch nicht „besser“, als männliche Werte. „Wir brauchen beides“, sagt sie. Für sie ist es kein Gegeneinander, sondern eine wichtige Ergänzung, um gemeinsam die Wirtschaft voranzubringen.

Auch ich merke, wie unangenehm ich Arbeitsumfelder fand, in denen diese „weiblichen“ Werte fehlten, wo mit Kunden, Kollegen oder Dienstleistern nicht ehrlich umgegangen wird und wo kurzfristige (scheinbare) Erfolge über langfristige Strategien priorisiert werden. Und auch die Geschichte gibt Halla und Kristin Recht. Als eine der wenigsten Firmen im Finanzsektor überstanden sie die Weltwirtschaftskrise quasi ohne Verluste. Halla räumt ein, dass Glück und Kompetenz natürlich immer wichtige Faktoren sind. Sie sieht jedoch die Einhaltung ihrer „weiblichen“ Werte als wichtigen Teil ihres Erfolgs. Und auch ein makroökonomischer Blick unterstützt diese These. Der Artikel „After the crash, Iceland’s women lead the rescue“ zeigt, wie sehr die politische und wirtschaftliche Machtübernahme von Frauen in Island das bankrotte Land gestärkt haben. Während Griechenland zum Beispiel im Rahmen des dritten Hilfspakets noch einmal 86 Milliarden Euro Unterstützung von der EU bekommt, gilt die Krise in Island bereits seit 2011 als weitestgehend überwunden. Seit 2012 ist das Bruttoinlandsprodukt wieder höher als die Staatsverschuldung und Island begann, seine Schulden beim IWF und einer Gruppe Darlehensgeber zurückzuzahlen.

Warum weibliche Werte in der Selbstständigkeit so wichtig sind

Von Hallas Werten möchte ich vor allem zwei hervorheben, und zwar das Risikobewusstsein und die langfristige Planung. Häufig lese ich darüber, dass man als Gründer risikobereit sein muss und dass wir Frauen uns da von unseren männlichen Kollegen mehr abgucken müssen. Und natürlich gehört Risikobereitschaft dazu, wenn man ein eigenes Business aufmacht. Genauso wie eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, denn schließlich muss man ein tiefes Vertrauen darin setzen, dass man allein oder im Team mit anderen Gründern in der Lage dazu ist, eine Geschäftsidee erfolgreich zu machen. Und ja, wir Frauen neigen wirklich dazu, alles zu überanalysieren und uns selbst in die Tatenlosigkeit zu grübeln. Aber mutig und selbstbewusst sein heißt nicht, dass wir uns „wie Männer“ verhalten müssen, um nach oben zu kommen. Studie um Studie beweist, dass Unternehmen mit Frauen in Entscheiderpositionen eher wirtschaftlich verantwortungsvoll handeln und weniger herbe Verluste hinnehmen müssen.

Ja, mit höherer Risikobereitschaft hat man bessere Chancen auf den einen großen Coup, auf die schnelle Geldwelle. Doch man erhöht auch die Wahrscheinlichkeit des totalen Absturzes. Durch Risikobewusstsein und strategisches Investment macht man zwar nicht die fixe Million, aber man hat langfristig sicherere Erfolge. Und darauf kommt es schließlich an. Lasst Euch also nicht einreden, Ihr müsstet Euch an „männliche“ Werte anpassen, um erfolgreich zu sein. Dass Männer einem das häufig suggerieren, liegt meiner Meinung nach an zwei Dingen: Erstens an ihrer Filter Bubble, sie selbst und ihre Kollegen sind so, darum gehen sie davon aus, dass man so sein muss, um Erfolg zu haben. Und zweitens daran, dass sie (wie ich oben bereits anmerkte) weniger bereit sind, sich selbst nach Rückschlägen zu hinterfragen. Erst neulich traf ich einen Mann, kurz vor der Rente, der sein millionenschweres Lebenswerk verspekuliert hatte. Man sah ihm den tiefsitzenden Schock immer noch an. Erst in einer längeren Therapie hatte er gelernt, sein eigenes Zutun zu seiner Situation zu erkennen und zu akzeptieren. Auch er hatte sich überschätzt. Der Konkurs hatte nicht nur seine finanzielle Existenz, sondern sein komplettes Selbstbild gestürzt. Was ich damit sagen will ist, dass wir – Männer wie Frauen – ein realistisches Selbst- und ein gesundes Risikobewusstsein haben sollten. Dass „Vernunft“ nicht mit „Feigheit“ und „Leichtfertigkeit“ nicht mit „Mut“ gleichgesetzt werden dürfen. Wir Frauen müssen aufhören, wie Männer sein zu wollen, um Erfolg zu haben und stattdessen dafür sorgen, dass „weibliche“ Werte in der Wirtschaft ankommen. Nicht nur, damit wir uns wohler fühlen, sondern auch, weil wir unsere Unternehmen und Volkswirtschaften damit erfolgreicher machen.

© Beitragsbild: Erika Wittlieb | pixabay

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