Selbstständigkeit? „Das kann ich auch!“, dachte sich Anita Vetter. Ein Interview.

Anita Vetter

Vor kurzem hatte ich ein Aha-Erlebnis! Alles begann damit, dass ich ein neues Online-Magazin entdeckt habe, von dem ich auf Anhieb begeistert war. Zuerst vom Offensichtlichen: dem Inhalt. Aber dann, als ich ein Blick ins Impressum warf, konnte ich es kaum glauben: Aha, die Initatorin kenne ich ja! Zwar nicht persönlich, aber online stehen Anita Vetter und ich schon eine Weile in Kontakt. Wow. Sofort war für mich klar, jetzt endlich muss ich nachholen, was schon lange überfällig war: ein Interview. Deswegen habe ich Anita, die übrigens Freelancerin für Text & Konzept ist, meine Fragen geschickt. Und sie war sofort bereit, diese ausführlich zu beantworten. Ihre Antworten haben mich übrigens so gefesselt, dass ich Euch am liebsten empfehlen möchte, Euch eine Tüte Popcorn zur Hand zu nehmen… Viel Spaß! 😉

In einem von Dir erschienen Artikel auf Edition F schreibst Du: “Ich kündigte unüberlegt und machte mich selbstständig.” Unbedacht sagst Du, mutig sagen andere. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Darüber habe ich tatsächlich viel nachgedacht. Die Wahrheit ist: Ich war schon immer eher impulsiv als überlegt. Ich vergleiche keine Preise, ich koche keine aufwendigen Gerichte – und das mit der Kündigung kam definitiv recht plötzlich. Auch für mich. Genaugenommen erst während eines Meetings mit meinem Chef. Die Worte: „Ich glaube, ich muss kündigen“, kamen tatsächlich für alle Parteien sehr überraschend. Aber im selben Moment wusste ich: „Ja, da haste recht.“

Denn ich habe gemerkt, dass in meinem Leben etwas nicht richtig läuft. Dass ich in die Schublade, in der ich mich bis dahin aufhielt, einfach nicht mehr reinpasste. Das hatte mit dem Job an sich wenig zu tun. Es war ein toller Job, ein wunderbares Team und ich habe unendlich viel gelernt. Es hing wohl eher mit einer gewissen Aufmüpfigkeit demgegenüber zusammen, dass ich mir nicht gerne sagen lasse, was ich tun soll. Wann ich wo sein soll, wie viel Urlaub ich wann nehmen kann. Das fühlte sich mehr und mehr wie ein Käfig an.

Dazu kam das gute Verhältnis zu meinem Chef, der ja selbst gegründet hatte. Und ob er nun wollte oder nicht, so ein bisschen hat er mich auch angesteckt. „Das kann ich auch“, dachte ich. Mittlerweile sind wir gute Freunde.

Du hast den Sprung ins kalte Wasser gewagt. “Weil man manchmal einfach machen muss, statt zu reden.” Würdest Du heute, ein Jahr später, wieder springen oder langsam eintauchen?

Definitiv wieder springen, denn ich bin ein Grübler. Wenn ich zu lange nachdenke, wird das einfach nichts. Dann bekomme ich Hasenfüße. So war das damals im Schwimmbad auf dem 5-Meter-Brett auch. Nicht lange überlegen, einfach runter da. Man muss sich und seine Angst ein wenig austricksen. Ich kenne mich gut und weiß deshalb, wo Löcher in meiner Zweifel-Mauer sind.

Das muss aber nicht für jeden auf diesem Weg funktionieren. Denn schließlich kann so etwas ja auch phänomenal in die Hose gehen – und will deshalb im Zweifel gut überlegt sein.

Springen kann man auch dann besonders gut, wenn man großen Rückhalt hat. Ich habe das große Glück, dass es jemanden gibt, der mir den Rücken stärkt. Ich habe sozusagen erstklassige Mittelfeldspieler – und zwar meine Eltern. Wenn man sich auf solche Mitspieler verlassen kann, ist der Mut, den man braucht, schnell aufgebaut und man kann zum Tor stürmen. Das muss keine materielle Unterstützung sein, es ist ganz oft auch einfach der Zuspruch und das Anfeuern, das ich immer und unbedingt brauche. Sonst geht das Grübeln wieder los. Und schließlich sind sie es, die die Möglichkeit für alle wichtigen Grundlagen gegeben haben: Schulbildung, Studium, Selbstvertrauen. Ich bin mir da sehr bewusst, wie viel sie mir ermöglicht haben.

Wie ist es Dir in Deinem ersten Jahr der Selbstständigkeit ergangen? Welche Herausforderungen hattest Du zu meistern?

Es war definitiv das intensivste Jahr, das ich bisher erlebt habe. Als es losging mit der Selbständigkeit, war ich unglaublich unsicher. Besonders in Sachen Kritik habe ich mir alles ganz unfassbar zu Herzen genommen. Die viele Arbeit für unterschiedliche Kunden und Projekte hat mich diesbezüglich sehr gestärkt. Es war jedoch definitiv eine der größten Herausforderungen, hier zu wachsen.

Andere Herausforderungen waren:

  • Das Zeitmanagement
    … das ich nach wie vor nicht ganz raus habe.
  • Der Kampf gegen die Prokrastination
    Anfängerfehler: Netflix-Account zulegen, wenn man Home Office betreibt – das ist quasi der Prokrastinations-Endgegner.
  • Auszeiten nehmen
    … und dabei kein schlechtes Gewissen haben.
  • Wochenende machen
    … sonst folgen große Ermüdungsphasen, die direkt wieder vor Netflix enden.
  • Der elende Papierkram
    … hier habe ich irgendwann akzeptiert, dass ich das mit den Zahlen nicht drauf habe. Deshalb habe ich jetzt eine Steuerberaterin.
  • Einsehen, dass man nicht alles alleine schafft
    Homepage basteln, Projekte stemmen, Papierkram … man muss lernen, vor sich selbst zuzugeben, dass man nicht alles kann – und sich dann einfach Hilfe holen.

Aber die positiven Seiten der Medaille glänzen dafür umso heller in meinen Augen: Ich habe jetzt tatsächlich über ein Jahr lang ausgeschlafen! Das ist für mich mit Geld nicht aufzuwiegen. Ich arbeite oft von anderen Ländern und Städten aus. Bisher waren es die Kanarischen Inseln, Prag, Lissabon – in sechs Wochen geht es nach Brasilien. Die oben beschriebene Enge ist weg – und dadurch fühle ich mich wohler.

Wie lief es für Dich finanziell? Ich habe gelesen, dass Du den Gründerzuschuss beantragt hast. Hast Du ihn bekommen?

Der Gründerzuschuss ist ein zweischneidiges Schwert. Ich habe ihn beantragt und mit der Unterstützung eines großartigen Gründercoaches auch bekommen. Darauf haben wir im Freundeskreis erst einmal angestoßen. Es ist schon wirklich, wirklich toll, sechs Monate lang so viel Unterstützung zu bekommen.

Aber es macht leichtsinnig. Denn da kommt Geld rein, ohne dass du etwas dafür tun musst. In erster Linie ist es zum Sparen da und du versuchst es auch. Aber gerade am Anfang rennt dir ja niemand die Bude ein – das ist eben so. Also lebst du zum Großteil auch vom Gründerzuschuss. Und genau dann, wenn du dich so richtig schön dran gewöhnt hast – dann hört der plötzlich auf! Das weißt du zwar die ganze Zeit, aber dann fehlt das „regelmäßige Einkommen“ trotzdem. Das kann ein ziemlich großer Stolperstein sein. Bei mir folgte auf jeden Fall eine Zeit großer Selbstdisziplin.

Welchen Tipp kannst Du denjenigen geben, die sich mit dem Gedanken tragen auch den Gründerzuschuss zu beantragen?

Ich rate es jedem, diese Förderung zu beantragen. Es gibt sie, also ran da! Dabei sollte man sich aber regelmäßig daran erinnern, dass das eine endliche Kiste ist, die nur am Anfang helfen soll. Ich denke, es ist ganz gut, sich das bei jeder Zahlung bewusstzumachen. Sich zu sagen, dass man einfach sechsmal hintereinander einen Joker bekommt. Und es sich lohnt, diesen jeweils klug einzusetzen.

Wenn man dann den Antrag stellen möchte, dann rate ich auf jeden Fall zu einem Gründercoach. Gerade was die Finanzplanung angeht, braucht man als Laie einfach jemanden, der weiß, was das Arbeitsamt sehen will.

Kürzlich hast Du Deinen Blog “Und du so?” gestartet. Dort interviewst Du “Menschen, die “Arbeiten” und “Leben” nicht mehr trennen. Menschen die machen, was sie glücklich macht. Abseits von 9-to-irgendwann-Bürozeiten und 24 Urlaubstagen.” Wie kamst Du auf die Idee, Dein Interview-Magazin zu starten?

Erst einmal natürlich durch mich selbst. Ich wollte „anders arbeiten“ und fand anfangs niemanden, mit dem ich mich austauschen konnte. Während des letzten Jahres habe ich gemerkt, dass ich keine Seltenheit bin. Ich habe viele Menschen kennengelernt, die mit grinsendem Gesicht im Wind und teilweise wackeligen Planken unter den Füßen das machen, was sie machen wollen. Ich finde das ist sehr berichtenswert!

Was mir auf meinem Weg sehr geholfen hat, war mein großes und stabiles Netzwerk. Ich habe schon immer gerne Kontakte geknüpft, einfach um der Sache willen. Als ich dann gestartet bin, kam über das Netzwerk wirklich viel Hilfe – an allen Ecken und Enden: Zuspruch, Aufträge, andere Kontakte für weitere Aufträge, Hilfe bei meiner Homepage, Feedback oder einfach nur mal ein Kaffee und das Interesse an meinem Vorhaben.

Ich glaube, dass man immer irgendetwas weitergeben sollte, wenn einem selbst etwas Gutes passiert. Also stelle ich jetzt mein Netzwerk ins Netz. Denn nicht jedem liegt das Netzwerken. Aber alle freuen sich, wenn sie anderen weiterhelfen können – und wenn es nur eine Empfehlung für ein Buch oder ein Plugin ist.

Ich freue mich, wenn ich jemandem das Kontakteknüpfen auf diese Weise erleichtern kann. Vielleicht mache ich mit undduso.com ein paar Menschen aufeinander aufmerksam, die sich gerade wirklich brauchen können – dann hat es sich gelohnt.

Welcher Deiner Interviewpartner hat Dich bislang am meisten beeindruckt – und warum?

Mmh … das ist schwierig zu beantworten. Sie beeindrucken mich alle auf ihre eigene Art.

Wenn ich an das Magazin denke, denke ich immer sofort an Joe. Er reist mit seinem Klavier um die Welt. Er war mein erster Interviewpartner, als er noch nicht mal wusste, wie das Magazin am Ende aussehen wird. Dann natürlich Timo, ein Texter, der auf Segelbooten trampt. Jana und Anna mit der Idee des Jobsharing. Jörn Hendrik vom Superheldentraining, der die größte Motivationsbärbel ist, die ich kenne … es gibt über jeden etwas zu sagen.

Am meisten Gänsehaut hatte ich bei Michelles Antworten. Ihren Weg zum „digitalen Nomaden“ hat sie so ehrlich und offen beschrieben – das geht mir deshalb nah, weil ihrer dem meinen Weg sehr ähnlich ist.

Auch wenn Du es nicht mehr hören kannst, es aber gerade so gut passt: Und Du so? Wie haben ich mir einen Tag in Deinem Leben vorzustellen?

Das Wichtigste: Ich wache auf, wenn ich aufwache. Das ist in der Regel zwischen 8 und 9 Uhr – das hat sich von alleine so eingependelt. Dann gibt es eine Tasse Kaffee, während ich in dem Buch weiterlese, was gerade aktuell ist.

Danach mache ich mich fertig, schreibe eine To-do-Liste für den Tag und werfe einen Blick in mein E-Mail-Fach. Entweder arbeite ich dann von Zuhause aus, fahre in ein Coworking-Büro oder gehe einfach nur runter ins Café vor die Tür.

Dann schreibe ich ein paar Stunden. Zwischendurch gibt es Mittag, auch mal mit Freunden oder Bekannten.

Wenn ich feststelle, dass die Kreativität nachlässt, mache ich Fleißarbeit. Zum Beispiel geht es dann noch mal an die E-Mails oder ich mache Recherche für Blogartikel-Aufträge.

Danach treffe ich meine Freunde und genieße meine Freizeit wie jeder andere auch. Das ist es eigentlich. Ab und zu ist mal ein Kundentermin dazwischen.

Du hast es ja schon kurz angedeutet, aber nochmal genauer: Wie und wo arbeitest Du – im Home Office, in einem angemieteten Büro oder in einem der zahlreichen Coworking Spaces in Berlin?

Wenn ich in Berlin bin – und das bin ich ja zumeist noch – dann arbeite ich ungefähr zu gleichen Teilen von Zuhause, vom Café oder von einem Coworking-Büro aus. In letzterem fast am liebsten, denn man kennt die Bande mittlerweile – und es ist immer jemand da für einen Schwatz zwischendurch.

Wo siehst Du Dich selbst in einigen Jahren? Ich habe etwas von ortsunabhängiger Arbeit und professionellem Surfen gelesen, das hat meine Neugier geweckt… 😉

Das ist tatsächlich das „Big Picture“, wie man das so schön im Startup-Deutsch sagt. Ich möchte in den nächsten Jahren mehr und mehr ortsunabhängig arbeiten – und surfen.

Ich weiß, dass ich nicht für die Stadt gemacht bin – trotzdem ich als Ur-Berliner eigentlich daran gewöhnt sein sollte. Tief in mir drin bin ich eine Nordnase. Irgendwann zieht es mich vielleicht nach Skandinavien. Ich brauche salzige, kalte, klare Meeresluft um mich herum und Weite zum in die Ferne schauen.

Die Hektik, der Stress, der Lärmpegel in Berlin, die dicke Luft, die Hitze im Sommer – damit fühle ich mich nicht wohl. Ich funktioniere am besten in warmer Kleidung, Schal, Gummistiefeln und mit Blick aufs Meer. Und auch wenn ich momentan noch recht trottelig dabei aussehe: Das Surfen beginnt eine große Leidenschaft zu werden. Deshalb wird es mich auch weiterhin in den warmen Süden ziehen.

Anita Vetter

Neugier ist ein gutes Stichwort. Auf Deiner Website schreibst Du über Dich selbst, dass Du viel Wert auf Weiterbildung und gegenseitigen Austausch legst und Du Dich durch den regelmäßigen Besuch von Veranstaltungen und das Lesen von Büchern und Blogs auf dem Laufenden hältst. Welche Bücher und Blogs kannst Du angehenden selbstständigen Textern ans Herz legen?

Ich tue mich ehrlich gesagt schwer damit, einzelne Blogs oder Bücher zu empfehlen. Was es an deutschen Texterbüchern gibt, hatte ich sicher schon in den Fingern – ich würde aber nicht sagen, dass es eine Texter-Bibel gibt, die mich tief beeindruckt hat.

Texten folgt zwar gewissen Regeln, aber jeder hat seinen eigenen Stil, mit der Sprache umzugehen und zu spielen – das sollte man sich unbedingt bewahren. Wenn man für den Online-Bereich texten möchte, sollte man sich allerdings allgemeine Internetkenntnisse aneignen, von Marketing bis zu einfachen HTML-Codes – denn hier gibt es nicht nur Suchmaschinenoptimierung oder ein anderes Leseverhalten, es gehören einfach auch andere technische Grundlagen dazu.

Hast Du für uns auch ein paar Tipps zum professionellen Netzwerken?

Mein Tipp für’s Netzwerken, besonders wenn es einem schwerfällt ist: üben. Immer, immer und immer wieder. Das ist, wie ins Wasser gehen: Am Anfang ist es kalt und manchmal unangenehm, aber man gewöhnt sich dran – und dann macht es viel Spaß! 🙂

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