Selbstständig und keine Krankenversicherung – Der Fall Claudius Holler macht auf wichtigen Missstand in unserer Gesellschaft aufmerksam

Selbstständig und keine Krankenversicherung

Kein Thema bestimmte die sozialen – und im Zuge der Viralität (#hollerkaputt), die es erreichte, kurze Zeit später auch die traditionellen – Medien so wie die Krebserkrankung des Hamburger 1337Mate-Gründers Claudius Holler. Vielleicht habt Ihr sein Video „Krebs ist ein Arschloch“ auch gesehen? Ich für meinen Teil habe es mir in voller Länge angeschaut. 17 Minuten, die mich einfach nur sprachlos machen. Ich kenne Claudius nicht persönlich, stand mit ihm aber erst kürzlich zu den von ihm in Hamburg organisierten “Fuck-up-Nights” in E-Mail-Kontakt. Eigentlich wollten wir uns auch im betahaus, einem Hamburger Coworking Space, face-to-face treffen, um die Details einer möglichen Kooperation zu besprechen, aber dazu kam es nicht, da wir uns verpassten.

Claudius` Botschaft schockierte mich zutiefst. Wegen des Krebses. Aber mindestens genauso erschreckend war für mich die Tatsache, dass er keine Krankenversicherung hat. Dass es so etwas in Deutschland geben kann, kam mir vorher gar nicht in den Sinn. Mittlerweile, nach eingehender Recherche, ist mir klar: In Deutschland leben viele Menschen ohne Krankenversicherung! 2011 waren es laut Statista 137.000 unversicherte Personen.

Ich habe mal versucht herauszufinden, wie viele davon selbstständig waren. 2011 gab es insgesamt 4,2 Mio. Selbstständige in Deutschland, wovon laut Statistischem Bundesamt 54% gesetzlich und 45% privat versichert waren. Wenn wir nun davon ausgehen, dass die restlichen 1% gar keine Krankenversicherung hatten, dann wären im Jahr 2011 rund 42.960 Selbstständige nicht versichert gewesen – die Dunkelziffer lag vermutlich weitaus höher. Und das, obwohl es seit 2007 (Gesetzliche Krankenversicherung) bzw. 2009 (Private Krankenversicherung) eine Versicherungspflicht gibt.

Wiedereintritt in die Krankenversicherung

Ein Unversicherter, der schon einmal gesetzlich krankenversichert war, wird wieder Mitglied einer gesetzlichen Krankenversicherung. War man zuletzt privat versichert, muss man einen Vertrag mit einer privaten Krankenversicherung abschließen. Wer zur Einführung der Versicherungspflicht weder gesetzlich noch privat krankenversichert ist, wird in dem System versichert, dem er aufgrund seiner ausgeübten Tätigkeit zugewiesen wird. Selbstständige, die nie krankenversichert waren, werden zum Beispiel der privaten Krankenversicherung zugeordnet.

Dort sollte ihm normalerweise der Basistarif angeboten werden, der maximal so teuer sein darf, wie der Höchstbeitrag der gesetzlichen Krankenversicherung. In diesem Jahr sind das ca. 665€ – in meinen Augen mehr als happig. Wenn dieser Beitrag nachweislich nicht gezahlt werden kann, wird er halbiert. Und wenn auch dieser zu teuer ist, ist es möglich einen Zuschuss vom zuständigen Grundsicherungs- und Sozialversicherungsträger zubekommen, heißt es auf der Seite der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.

Nachzahlungen und Säumniszuschlag

Bei Wiedereintritt in eine Krankenkasse muss man alle bis dahin angefallenen Beiträge nachzahlen. In der gesetzlichen Krankenversicherung wird für die Zeit ohne Versicherung ein bestimmtes Einkommen zu Grunde gelegt. Laut Verbraucherzentrale Baden-Württemberg wären in diesem Jahr (2016) pro Monat in dem man ohne Versicherung ist 445€ fällig. Privat Versicherte zahlen für die ersten sechs Monate der Nichtversicherung die volle Prämie, danach noch ⅙ der Versicherungssumme. Bei Claudius Holler beläuft sich die Schuldensumme für ein Jahr ohne Krankenversicherung übrigens auf rund 9.000€.

Neben den Schulden ist auch ein Säumniszuschlag zu zahlen. Dieser beträgt 1% der Beitragsschulden. Bis 1. August 2013 waren es noch 5%. Achtung, ein Säumniszuschlag wird bereits erhoben, wenn man die Beiträge auch nur mit eintägiger Verspätung zahlt. Aufforderungen zur Zahlungen oder Mahnungen sind nicht vorausgesetzt.

Fälligkeit der Beiträge und keine Möglichkeit diese zu zahlen

Wenn man die Beiträge nicht mehr zahlen kann, ruhen die Leistungen. Man erhält, egal, ob gesetzlich oder privat versichert, nur noch eine medizinische Notfallversorgung (z. B. bei akuten Erkrankungen oder Schmerzzuständen). Routine- und Vorsorgeuntersuchungen sind nicht abgedeckt. Schwangere und Mütter erhalten etwas mehr Leistungen.

Den vollen Leistungsumfang erhält man zurück, sobald man die Schulden bei seiner Krankenversicherung komplett zurückgezahlt hat. Rein theoretisch sollen Versicherte dann wieder in den früheren Tarif zurück. Paradox, war dieser es doch, der (da zu hoch) zur Verschuldung geführt hat.

Übrigens können offenen Beitragsforderungen mit allen rechtlichen Mitteln der Zwangsvollstreckung eingetrieben werden. Dazu gehören auch Gehalts- und Kontopfändungen.

Es lässt sich sicher darüber streiten, ob Claudius verhindern hätte können, in diese missliche Lage zu geraten, wenn er weniger stolz, naiv, zu träumerisch … (Adjektive beliebig einsetzbar) gewesen wäre. Ich kann ihn schon irgendwie verstehen: Sein eigenes Baby Business gibt man nicht so einfach auf. Schon gar nicht, wenn es gerade zu laufen beginnt. Es ist nicht meine Aufgabe über ihn oder seine Handlungen zu urteilen. Ich will es auch gar nicht. Was ich aber möchte, ist aufklären und zwar über die Möglichkeit, als Selbstständiger jederzeit selbst in eine Lage zu geraten, in der man seine Krankenversicherung nicht mehr zahlen kann, durch welche Umstände auch immer. Ich bin keine Expertin in dem Thema und garantiere auch nicht die Vollständigkeit dieses Artikels. Aber wenn Ihr im Hinterkopf behaltet, dass es vielleicht auch uns unverschuldet treffen kann, dann hat dieser Beitrag seinen Zweck erfüllt!

By the way, bereits Ende der letzten Woche ist ein fünfstelliger Betrag für Claudius zusammengekommen, wie er der Morgenpost verraten hat. Damit kann er nun zumindest seine Schulden bei der Krankenversicherung begleichen.

Wenn Ihr Hilfestellung bei der Auswahl einer Krankenkasse benötigt, sei Euch Judiths Artikel „Alle Infos zur Krankenversicherung für Selbstständige“ empfohlen.

© Beitragsbild: Stevepb | pixabay.com

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4 Kommentare
  1. Stefan Möller sagt:

    Kleine Ergänzung zum Basistarif der privaten Krankenkassen: Im Normalfall liegt der monatliche Beitrag, den ein jüngerer Mensch zahlen muss, deutlich unter den 665 Euro. Anders als bei den Gesetzlichen richtet sich der Beitrag nicht nach dem Einkommen, sondern wird auf der Basis von Alter, chronische Erkrankungen etc. berechnet. Der Basistarif greift vor allem, wenn man zum Beispiel im Alter den dann gestiegenen Tarif nicht mehr zahlen kann. Die unterschiedliche Berechnung der Tarife ist meines Erachtens auch der Hauptgrund, weshalb so ein hoher Prozentsatz der Selbstständigen privat versichert ist. Nicht, wiel man die Private so geil findet. Wenn man mit seiner Selbstständigkeit beginnt und sich gesetzlich versichern will, nimmt die Gesetzliche keine Rücksicht auf tatsächlich erwartbares Einkommen, sondern setzt einen willkürlichen Betrag als Bemessungsgrundlage fest, sodass viele Selbstständige vor allem zu Beginn zu einem großen Teil nur für die Krankenkassenbeiträge arbeiten würden. Bei mir war es so, dass die private Krankenkasse nur ein Drittel dessen gekostet hat, was die Gesetzliche hätte haben wollen, und auch zehn Jahre später ist sie noch deutlich günstiger. Happig wird es dann vermutlich im Alter, also steht man quasi vor der Wahl, ob es am Anfang oder am Ende finanziell schwierig wird.

  2. Stefan R. sagt:

    Noch eine Ergänzung zum obigen Kommentar, da ich selbst auch gerade in der Situation bin, mit nach dem Studium selbstständig machen zu wollen: Die komplette Versicherung (Krankenv., Rentenv., Pflegev.) kostet 385 Euro monatlich bei der gesetzlichen und 227 Euro monatlich bei den privaten Versicherungen. Für mich als Berufseinsteiger mit einem zu erwartenden monatlichen Gehalt von 900 Euro brutto kaum zu stemmen.
    Aus diesen Gründen werde ich mich wohl dazu entschließen, doch ein Angestelltenverhältnis einzugehen, weil das finanzielle Risiko der Selbstständigkeit gerade zu Beginn einfach viel zu hoch ist.

    • Sandra sagt:

      Traurig, aber wahr, Stefan. Werfe Deine Idee von der Selbstständigkeit, aber bitte nicht weg. Versuche sie doch neben dem Job nebenberuflich aufzubauen. Es wird nicht leicht, ist aber eine Option. Liebe Grüße, Sandra

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