Selbstständig – Warum ich Oma erst mal nichts erzählt habe
Als mir im Agenturalltag bei meinem vierten Job in vier Jahren mal wieder die Decke auf den Kopf fiel und ich mich nach meinem Besuch beim Berufscoach entschied (hier könnt Ihr noch mal nachlesen, wie das alles war), meinen festen Job zu kündigen, habe ich meiner Oma und meinem Opa (lieeebe Grüße an die beiden) erstmal nichts erzählt.
Auch wenn sie nach jedem meiner Jobwechsel verständnisvoll reagiert hatten, sickerte immer etwas Besorgnis durch und ich sah die kleinen Fragezeichen in ihren Augen, da sie meine Gründe sicher nicht immer ganz nachvollziehen konnten… was wiederum ich ganz gut nachvollziehen konnte, denn die Arbeit hatte für sie noch eine ganz andere Bedeutung als für mich und viele andere Leute in meinem Alter.
Gebrandmarkt durch die Nachkriegszeit, in der sie aufwuchsen, bekamen sie mit, wie ihre Eltern ackern mussten, um alles neu aufzubauen und die Kinder durchzubekommen. Später dann hatten sie selbst – wie die meisten damals – früh Kinder bekommen, ein Häuschen gebaut und mussten das alles nun versorgen. Ein fester Job war und ist für die beiden also wie ein 5er im Lotto.
Ihnen ging es nicht um Selbstverwirklichung, Lifestyle und Status. Wichtig war ein festes Einkommen, um die Familie finanziell abzusichern.
Mein Opa hat dazu mal gesagt, er sei keinen einzigen Tag gerne zur Arbeit gegangen. Fast 50 Jahre lang.
Heute unvorstellbar. Wie es bereits so oft über unsere Generation geschrieben wurde, haben wir ganz andere „Flausen“ im Kopf: Mehrmals um die Welt reisen, in mindestens fünf verschiedenen Ländern in fünf Jahren gelebt haben, einen Job mit einem „fäncy“ Titel bekommen, uns mal richtig austoben und diese Phase am liebsten niemals abschließen müssen.
Ein fester Job steht uns dabei nur im Weg, lässt uns unflexibel werden, engt uns ein, wird uns schnell zu einseitig. Wir wollen mehr ausprobieren und über jeden einzelnen Grad des Tellerrandes schauen. 40 Stunden pro Woche (meistens sind es ja eh mehr, denn pünktlich Feierabend zu machen, ist nicht gerne gesehen) mit den immer selben Leuten im immer selben Büro – laaangweilig. So ging es mir. Das ist wahrscheinlich auch eine Typsache, aber ja – mir fiel immer schnell die Decke auf den Kopf.
Als ich mich selbstständig machte, dachte ich also, meine Oma würde nachts kein Auge mehr zu machen, weil sie mich gedanklich schon obdachlos sehen würde, wenn sie davon wüsste.
Also habe ich den naheliegenden Plan ausgeheckt, ihr erst davon zu erzählen, wenn alles relativ gut laufen würde, sodass ich sie direkt beruhigen konnte: Ja, ich habe genug zu tun, ja, ich kann die Miete bezahlen – und ja, ich bin ausreichend krankenversichert. Die Frage nach der Krankenversicherung war übrigens auch die, mit der ich fest gerechnet hatte und die sie als erstes stellte, als es so weit war.
(Falls ihr Eure Oma oder Eltern diesbezüglich auch mal beruhigen müsst, hilft Euch Judiths Artikel zur KSK vielleicht weiter 😉 ).
Mit den richtigen Argumenten und einer Krankenversicherung, konnte ich also auch meine Oma von der Selbstständigkeit überzeugen… und ich glaube, sie schläft ganz gut damit.
Leider habe ich bisher noch nie von jemandem gehört, dass die Familie beim Plan “Selbstständigkeit” direkt Sternchen in den Augen hatte, sondern doch eher Bedenken und Zweifel übliche Reaktionen sind.
Was hat Eure Familie denn gesagt? Gerne ab damit ins Kommentarfeld 


