„Ein wichtiger Teil der Selbstständigkeit: Unsere Kunden ein wenig erziehen.“ – Gestalterin Kristina Wedel im Interview

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Ein Beitrag von Sophie

22. Oktober 2015
Profilbild von Kristina Wedel, Gestalterin aus Berlin

In einem letzten Beitrag hatte ich ja schon erwähnt, dass einer meiner etlichen Berufswünsche einmal Grafikdesignerin war – bevor ich merkte, dass mir das Talent dazu fehlte. Seitdem betreibe ich diesen Beruf passiv. Was so viel heißt, wie: Ich treibe mich stundenlang auf Portfolio-Seiten, Tumblr und anderen Netzwerken mit visuellem Schwerpunkt rum, um mir die beeindruckenden Arbeiten derer anzugucken, die ich um ihren Beruf und ihr Talent beneide. Aber genug geheult…

Umso schöner ist es ja, dass ich durch diesen Blog eine tolle Möglichkeit habe, die Leute, deren Arbeiten mir gefallen, einfach mal anzuschreiben und neugierige Fragen zu stellen, um das Ergebnis dann mit Euch zu teilen 🙂 Dieses Mal hat es Kristina Wedel – Grafikdesignerin  & Illustratorin aus Berlin – erwischt. Los geht’s.

Kristina, woher kam bei Dir der Wunsch, als Gestalterin zu arbeiten? 

Der Wunsch als Gestalterin, genauer Illustratorin und Grafikerin, zu arbeiten wuchs schon ziemlich früh in mir heran. Ich kann mich nicht daran erinnern, mal etwas komplett Anderes angestrebt zu haben. Gedanken, Emotionen, Situationen auf eine bestimmte Art zu visualisieren und dadurch Geschichten zu erzählen, das ist ganz meine Welt.

Wie hast Du dann losgelegt?

Einen richtigen Startpunkt gab es nicht. Alles ist eine ganzheitliche Entwicklung, die wohl hoffentlich niemals aufhören wird. Schon während meines Studiums hatte ich den ein oder anderen Auftrag in Form von Prints für Textilien oder Illustrationen für Magazine. Nun arbeite und lebe ich seit zwei Jahren in Berlin, wo ich ohne großes Zögern direkt die Selbstständigkeit ausprobiert habe – anfangs noch mit einer zweiten Finanzquelle im Bereich der Gastro, um ruhig schlafen zu können 😉
Mittlerweile kann ich ganz gut von meiner Berufung leben. Das funktioniert deshalb so gut, weil ich sowohl als Illustratorin als auch als Grafikerin arbeite. Das bedeutet, ich bin ab und zu von Agenturen gebucht, wo ich klassischem Grafikdesign wie Layout oder Branding nachgehe.
Dann gibt es noch ab und zu richtige Illustrations-Aufträge, beispielsweise Editorial-Illustration für Magazine oder Bemalung und Beschriftung von Tafeln oder Schildern für Cafés oder Restaurants. Genau diese Vielschichtigkeit und die Koexistenz der Bereiche gleichen meinen Geist irgendwie aus und machen mich als Gestalterin aus.

Editorial-Illustration von Kristina Wedel

„Ich schätze Berlin mit seinen vielen Startups & interessanten Menschen.“

Ich könnte mir vorstellen, dass es vor allem in Berlin gerade besonders schwer ist, an Jobs zu kommen, weil es so viele Kreative dorthin zieht.

Klar, das merkt man vor allem, wenn es um Leistungen und deren Kosten geht. Es gibt immer jemanden, der billiger ist als Du. Also entweder lässt man sich drücken oder man bleibt hart und pokert. Ich glaube, da macht Routine viel aus. Aber grundsätzlich gilt: Tu alles mit Leidenschaft, Liebe, Professionalität und Feingefühl – dann ist Deine Gestaltung unersetzbar. Manchmal ist da ein bisschen Hochmut ganz gesund, um sich nicht von der Konkurrenz einschüchtern zu lassen. Und: Es gibt zwar viele Kreative hier, aber gerade deshalb auch immer Menschen mit neuen Ideen, Spinnereien, Projekten… und die brauchen gute Gestalter.
Was ich wirklich schätze, ist Berlin mit seinen vielen Startups und interessanten Menschen mit tollen Plänen für eigene Projekte. Diesen Ideen, Marken oder Produkten ein Gesicht zu verleihen, sie zum Leben zu erwecken und heranwachsen zu sehen, ist eines der besten Gefühle für mich.

Wie wichtig ist Dir der Austausch mit anderen Selbstständigen?

Sehr wichtig. Ich arbeite in einem wunderschönen Büro am Moritzplatz in Kreuzberg, das ich mit zwei sehr guten Freundinnen und Gestalterinnen teile. In meinem Freundeskreis gibt es auch einige selbstständige Grafiker. Da herrscht also ohnehin ständiger Austausch. Darüber hinaus ist es mir aber auch super wichtig, mit anderen Kreativen und Selbstständigen zu sprechen, um immer wieder auf neue Ideen zu kommen, sich gegenseitig Tipps zu geben (z.B. wenn mal wieder die lästige Steuer ansteht) und vor allem Kompetenzen zu bündeln und gemeinsam weiterzudenken.

Wie gewinnst Du Deine Kunden?

Eigentlich bin ich überall auch mit meinem Gestalter-Ich anwesend. Da gibt es als Selbstständige keine Rollentrennung und in dem Sinne auch keinen Feierabend. Ich quatsche gern, bin offen, aber dränge mich nicht auf, versuche mich immer in potenzielle und tatsächliche Kunden hineinzuversetzen. Wenn das Gegenüber das spürt, ist ein wichtiger Grundstein gelegt. Außerdem kommt glücklicherweise auch viel durch Weiterempfehlung und Freunde, die im Netzwerken super sind. An dieser Stelle will ich auch Franka Eisenschenk nennen, die wunderbare Inhaberin des SoulFood-Trucks Kiezwagen Blank und enge Freundin 😉

Gab es einen Kunden, bei dem Du Luftsprünge gemacht hast, als er angefragt hat? Ich habe z.B. gesehen, dass Du für das Magazin Fräulein illustriert hast. Ich würde mich sooo freuen, wenn ich für die mal schreiben dürfte.

Haha, ja das war sehr schön und hat mich natürlich gefreut. Vor Kurzem habe ich für die evangelische Zeitschrift Chrismon, die der ZEIT, der Welt, FAZ, Süddeutschen usw. beiliegt, illustriert. Das war auch ein Highlight. Generell freue ich mich natürlich, wenn ein Projekt sowohl persönliche Ehre oder Traumerfüllung UND entschädigter Auftrag ist. Da ist leider die Balance, vor allem im Editorial-Bereich, oft nicht gewahrt.

Welches sind für Dich die wichtigsten Kanäle fürs Selbstmarketing? Social Media, persönliche Kontakte, Netzwerk-Events?

Mittlerweile stehen Facebook und Instagram ganz weit oben für mich. Da poste ich mindestens einmal die Woche etwas, was auch noch Luft nach oben hat.
Ich habe natürlich auch eine Website, aber die ist eben nicht so interaktiv wie Social-Media-Kanäle.
Durch persönliche Kontakte, Weiterempfehlungen oder Zufälle haben sich aber auch schon ganz viele schöne Aufträge ergeben. Was die Netzwerk-Events angeht, bin ich eher nachlässig, weil ich leider oft zu faul bin, mich gezielt und mit voller Konzentration zu präsentieren und vorsätzlich zu connecten. Da könnte die Disziplin höher sein, hmm…

Gibt es noch einen persönlichen Traumkunden, für den Du gerne arbeiten möchtest?

Oh, da gibt es einige! Zuerst kommt mir DIE ZEIT in den Sinn. Für die zu illustrieren, das wäre in der Tat ein Traum, der sich da erfüllen würde und eine riesengroße Ehre!

„Den eigenen Preis zu drücken, schadet einem selbst und dem Markt.“

Wenn es ums Geld geht:  Oft wissen Kunden ja nicht, wie viel Arbeit tatsächlich in einem Produkt steckt und gucken dann komisch aus der Wäsche, wenn man einen Preis nennt. Ich könnte mir vorstellen, dass das auch in Deinem Bereich immer wieder so ist. Wissen Deine Kunden Deine Arbeit zu schätzen und sind bereit entsprechend zu zahlen oder ist das immer wieder ein neuer Kampf?

Das schwankt total. Einerseits begegne ich in letzter Zeit vielen Kunden, die den Aufwand meiner Arbeit zu schätzen wissen. Da macht eine Zusammenarbeit natürlich von Anfang an etwas mehr Spaß, weil man nicht das Gefühl hat, so weit wie möglich gedrückt zu werden und ewig feilschen zu müssen…

Wie reagierst Du dann, wenn ein Kunde den Preis enorm drücken will?

Wenn das passiert, heißt es eben Überzeugungsarbeit leisten, das Angebot etwas anzupassen und dann aber auch standhaft zu bleiben und den eigenen Stolz nicht zu verlieren. Das schadet einem selbst genauso wie dem freien Arbeitsmarkt für Kreative in Berlin.

Hast Du das Gefühl, Du gehst selbstbewusst mit Kunden um, oder wünschst Du Dir manchmal, konsequenter Deine Ansprüchen durchsetzen zu können? 

Da lerne ich andauernd dazu. Ich neige von Natur aus dazu, JA zu sagen, mich aufzuopfern und zu wenig Grenzen zu setzen. Ein wichtiger Teil der Selbstständigkeit, den wir uns und auch unseren Nachfolgern schuldig sind: Unsere Kunden ein bisschen erziehen. Sich dann zu fragen, was passiert, wenn Du jetzt mal NEIN sagst und eben nicht mehr um 21 Uhr erreichbar bist, hilft da ganz gut. Meistens ist die Antwort nämlich: NICHTS. Und wenn deshalb mal ein Kunde abspringt, hat man wieder neue Kraft, die gute Energie woanders einzusetzen – da, wo sie wertgeschätzt wird.

In welchen Momenten liebst Du Deine Selbstständigkeit?

Wenn ich realisiere, dass ich meine Zeit frei einteilen kann: Vormittags Tafeln in einem Café bemalen. Dort zufällig neue interessante Menschen treffen, die scheinbar genau nach mir und meinen Fähigkeiten gesucht haben. Danach einfach mal früher Feierabend machen, dafür am nächsten Tag in meinem Büro am Rechner zu sitzen bei meinen Mädels. Und am Wochenende mal mit dem Kiezwagen Blank on Tour sein….

In welchen Momenten verfluchst Du sie?

Wenn ich realisiere, dass ich mir meine Zeit einteilen muss. 😉 Davon ist nie genug übrig.

Tafelbeschriftung von Kristina Wedel im Café Gordon in Berlin

„Eigene Projekte sind wichtig, um das egoistische, künstlerische Ich zu befriedigen.“

Grafikdesignerin war ja eine zeitlang auch mein Traumberuf. Ich habe mir dann immer vorgestellt, ich würde tolle Alben-Cover und Tourplakate für coole Bands gestalten… Hattest Du das auch – eine Traumvorstellung von dem Job? Inwiefern entspricht sie der Realität?

Ja, diese Traumvorstellung hatte ich natürlich… Editorial-Illustration für Magazine und Bücher… Das finde ich immer noch wahnsinnig toll. Wovon ich gerade meinen künstlerischen Geist nähre, ist aber die Diversität und Koexistenz verschiedener Bereiche. Und wenn ich dann mein Logo auf der Scheibe eines Cafés, meine Handschrift auf einer Tafel oder eine Illustration in einem gedruckten Magazin sehe, schlägt mein Herz krass hoch.

Auf Deiner Seite sieht man viele verschiedene Stile. Musst Du Dich für einen neuen Stil diszipliniert hinsetzen und üben, üben, üben oder hast Du ein natürliches Talent und schüttelst das so aus dem Ärmel?

Das ist interessant, dass Du das sagst. Ich gehe an jede Aufgabe neu heran und versuche mich damit zu identifizieren. Daher folgt auch oftmals eine recht unterschiedliche Umsetzung, wobei ich schon versuche, einen Wiedererkennungswert zu haben bzw. zu entwickeln. In erster Linie steht aber nicht mein Ego als Gestalterin im Vordergrund, sondern der Kunde mit seinen Bedürfnissen und seinem Wesen. Wenn ab und zu noch Zeit für ganz eigene Projekte ist, kann ich mich – so wild ich will – egoistisch ausleben… was zwischendurch übrigens auch nötig ist, um das egoistische, künstlerische Ich zu befriedigen 😉

Meinst Du, man kann das Handwerk auch lernen oder braucht es immer ein gegebenes Talent?

Eindeutig immer beides. Das kann sich dann natürlich auch gegenseitig beeinflussen.

Wo holst Du Dir Anregungen für Deine Illustrationen? Aus dem Internet, oder eher aus analogen Medien? Oder sogar lieber aus der „wirklichen“ Umwelt?

Ich denke, Anregungen bekomme ich immer und überall automatisch. Dem kann und will ich mich auch gar nicht entziehen. Ob gezielt oder zufällig aus Printmedien, Plakaten oder dem Netz – ich sehe mich selten satt. Inspirationen sammeln und Lieblinge speichern kann ich wunderbar auf Pinterest! Wichtig ist, einen Ausgleich zu haben. Alles, was ich im Übermaß tue oder sehe, blockiert mich irgendwann. Also die Mischung macht’s.

Auch wenn ich das Wort „Inspiration“ nicht so gerne mag (klingt einfach so komisch): Wer oder was inspiriert Dich?

Mich inspirieren einzigartige Künstler wie der Street Artist Stephen Powers oder Genies der optischen Täuschung wie Noma Bar und die knalligen Illustrationen von Olympia Zagnoli, um nur ein paar zu nennen. Generell kann man sagen, dass mich alles inspiriert, was mich entweder durch Idee oder Umsetzung berührt. Natürlich sind auch andere Erlebnisse, Menschen oder Momente Beeinflussung meines Schaffens, wie z.B. Filme von Miranda July und Michel Gondry, ein Zeitungsartikel, eine Palme oder ein gutes Gespräch.

Fensterillutration von Kristina Wedel

Geht Dir das eigentlich Nahe, wenn ein Kunde eine Illustration ablehnt, in die Du ganz viel reingesteckt hast? Oder kannst Du das sehr professionell und nüchtern betrachten?

Das kommt ganz darauf an: Erstens aus welchen Gründen er das tut. Zweitens auf den Tonfall bzw. die Einstellung. Allgemein bin ich eher dankbar für Kritik, wenn das Ergebnis sich dadurch verbessert. Ehrlichkeit muss sein. Nur so kann am Ende was draus werden.

Wie viel Deiner Zeit investierst Du in Auftragsarbeiten und wie viel in freie Projekte?

Momentan ist das recht ausgeglichen, da ich meiner guten Freundin Vikunia Illustration aktuell ein paar Live-Painting-Projekte mache und plane. Da stecken wir viel Energie und Leidenschaft rein. Wir planen gerade die Bemalung einer Hausfassade in Kreuzberg.

Ich habe gesehen, dass Du mit einem Kollegen den Tumblr-Blog 30 Minutes hast. Was genau macht Ihr da?

Das ist ein wundervolles Projekt, das ich mit Lorenzo Zimmermann zusammen gestartet habe. Leider kommen wir kaum noch dazu, etwas zu machen. Aber das Konzept ist folgendes: Es gibt ein Thema, eine Umsetzungsvorgabe (z.B. rote und schwarze Acrylfarbe auf weißer Pappe) und 30 Minuten Zeit. Jeder setzt das für sich um. Am Ende werden die beiden nebeneinander gelegt und auf unseren Blog geladen. Das ist mega witzig, zu sehen, wer was wie umsetzt. Der Überraschungsmoment ist das Beste. Ich glaube, wir müssen mal wieder eine Session machen.

Gibt es ein Thema, zu dem Du besonders gern illustrierst?

Tatsächlich mache ich gerade viel und gern zum Thema Food – sei es für den Kiezwagen Blank, das Café Gordon oder andere spannende Projekte. Handlettering und Illustration auf Tafeln stehen da auch ganz oben. Aber generell: Wenn mich ein Thema interessiert und mitreißt, macht die Arbeit am meisten Spaß. Das kann eine Illustration zum Thema Autismus sein, genauso wie eine Logoentwicklung für ein Babytragetuch.

Was sind Deine Ziele und Pläne für die Zukunft?

Wie oben schon kurz angedeutet, möchte ich gern das Live Painting bzw. Malen und Handlettering im öffentlichen Raum vorantreiben. Das fixt mich total an und ich will das einfach machen… ist so ein Kribbeln in den Fingerspitzen. Außerdem habe ich eine Vision von einer kleinen Modelinie. Ich bin für alles offen und hoffe, dass ich und mein Schaffensgeist für immer neugierig, motiviert und leidenschaftlich sein werden.

Vielen Dank Kristina für Deine vielen Antworten. Jetzt will ich erst recht Grafikdesignerin werden 🙂

Tausend Dank, liebe Sophie, für die tollen Fragen. Ich fühle mich jetzt so schön klar und reflektiert.

Ihr findet Kristina und ihre Arbeiten übrigens hier.

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