Leute, ich kann die Fragezeichen in Euren Augen sehen (außer natürlich, Ihr habt Judiths Video-Post auf unserer Facebook-Seiteschon angeschaut). „Multi-was?“ Ja, den Begriff Multipotentialite kannte ich bis dahin auch nicht. Bis ich lernte, dass ich einer bin… also ein Multipotentialite. Aber mal auf Anfang:

Kennt Ihr das, wenn Ihr Euch einen Vortrag anseht (live, Youtube, sonstiges Internet) und mit einem Mal große Augen macht, weil die fremde Person auf der Bühne gerade so treffend eine Eigenschaft oder eine Macke beschreibt, die Ihr nur zu gut kennt? Obwohl Ihr  bisher dachtet, Ihr wärt der einzige Mensch mit dieser merkwürdigen Besonderheit?

Warum manche von uns nicht nur eine Berufung haben

Genau das ist mir bei diesem Tedx Talk von Emilie Wapnick passiert, den Judith gepostet hat. Klar, der Titel Why some of us don´t have one true calling ist direkt ein echter Klickfänger. Worum geht´s (der Talk dauert gerade mal zwölf Minuten. Ihr könntet also auch gerne direkt dort reinschauen):

„Was willst Du werden, wenn Du groß bist?“ Emilie steigt direkt mit der Frage ein, die uns allen gestellt wird, wenn wir eigentlich noch viel zu jung sind, um sie ernsthaft zu beantworten.

Damit ist uns schon als Kind klar: Irgendwann werden wir uns auf einen Beruf festlegen und uns einen Titel aufdrücken lassen müssen – auf Lebenszeit.

Sie erzählt, sie hätte die Frage nie beantworten können – nicht weil sie keine Interessen hatte, sondern weil sie zu viele hatte. Zu viele, um sich nur auf eines fokussieren zu können.

Auch an der Uni packten sie verschiedene Themen, mit denen sie sich intensiv beschäftigte… bis sie sie langweilten und ein neues Thema aufploppte, in das sie sich reinfuchste.

Gleichzeitig bekam sie das Gefühl, irgendwas an ihr sei falsch, weil sie sich auf keine Sache festlegen konnte. Dabei lernen wir doch von Anfang an, dass wir uns irgendwann für einen Beruf entscheiden müssen.

Eben durch die Frage „Was willst Du werden, wenn Du groß bist?“ (sogar in diese Freundschaftsbücher musste man seinen Berufswunsch eintragen; mir fiel nix Besseres ein als „Friseurin“), kurz bevor die Schule vorbei ist mit der dringenden Frage nach dem Studienfach, und wenn man erwachsen ist, muss irgendein Titel auf der Visitenkarte stehen.

Es geht immer um die eine „Berufung“ in unserem Leben. Aber was, wenn man nicht nur diese eine Berufung hat? Wenn einen viele, ganz verschiedene Dinge interessieren? Wenn man am liebsten von Jahr zu Jahr seinen Beruf wechseln wollen würde?

Diagnose: Multipotentialite

Dann gehört man zur Gruppe der Multipotentialites.*

Wie ich. Damit möchte ich übrigens nicht großkotzig sagen: Ich bin so vielfältig, ich kann alles. Sondern: Ich kann mich einfach nicht auf einen Beruf festlegen. Und ich will es auch gar nicht.

Anfangs ging es mir wie Emilie. Ich habe mich gefragt: Was ist falsch mit mir?

Warum sitzen andere seit sechs Jahren am selben Schreibtisch, während ich gerade zum sechsten Mal meinen Job wechsle?

Und was ich nicht schon alles werden wollte: DJ, Visual DJ, Ausbilderin für Behindertenhunde, Filmemacherin, Grafikdesignerin, Fotografin, Set-Designerin, Magazinmacherin.

Das große Problem der Multipotentialites: So schnell wie sie ein Thema begeistert, ist es auch wieder weg.

Wie erfolgreich können sie dann also werden? Erfolg muss wachsen und die Karriereleiter krabbelt man über Jahre Stück für Stück hoch. Wie soll man je oben ankommen, wenn man immer wieder von unten anfängt?

Oder aber – anderes Problem – Multipotentialites haben so viele Ideen, dass sie im Endeffekt nichts davon umsetzen.

Und wieder fühle ich mich erwischt. Wie viele Ideen stehen da in meinen etlichen Notizbüchern… Keine je angepackt.

Multipotentialite? Du bist nicht allein!

In unseren Interviews habt Ihr bereits einige Frauen getroffen, die vermutlich auch Multipotentialites sind.
Carina z.B., die früher Kinderkrankenschwester war und nun als digitale Nomadin durch die Welt reist und ihr Geld als Bloggerin, Buchautorin, Coach usw. verdient.

Oder Jana, die erst erfolgreich im Filmgeschäft arbeitete und nun als Yogalehrerin, Projektmanagerin und Marketingberaterin tätig ist, wenn sie nicht gerade eine Welle in ihrer neuen Heimat Portugal surft.

Was sie verbindet: Sie haben einen Weg gefunden, all ihre Interessen in unkonventionellen Berufen zusammenzubringen. So wie Emilie Wapnick, die mit puttylike.com eine Plattform für Multipotentialites geschaffen hat.

Die erste Regel für einen Multipotentialite lautet also: Schreibe einfach mal auf, was dich alles interessiert und versuche, daraus einen ganz eigenen neuen Beruf zu kreieren.

Mein erster Schritt, um als Multipotentialite besser damit klarzukommen, dass mir schnell die Decke auf den Kopf fällt: die Selbstständigkeit. Sie erlaubt mir eine Vielfalt an Jobs und eine hohe Flexibilität.

Trotzdem: Auf Netzwerkveranstaltungen wird ja wie wild mit Visitenkarten um sich geworfen. Ich habe keine, weil ich nie wusste, was ich drauf schreiben sollte. Erst dachte ich über eine leere Linie (wie in einer Art Lückentext) nach, auf die ich dann – abhängig von der Situation – spontan eine Bezeichnung drauf schreiben würde.

Mit dem Vortrag von Emilie hat sich das aber nun erledigt… Ich schreibe einfach Multipotentialite drauf.

Und, habt Ihr Euch wiedererkannt? Dann gebt in den Kommentaren gerne Bescheid. Vielleicht schaffen wir es dann mal auf einen Kaffee. Ich würde nämlich sehr gerne andere Multipotentialites live und in Farbe treffen 🙂

*Emilie Wapnick erzählt in dem Talk, sie hätte diesen Begriff erfunden. Allerdings gibt es den ähnlichen Begriff „Multipotential“ unter Karriere-Coaches schon seit den 90ern. Andere Bezeichnungen sind Scanner oder Renaissancemenschen.

© Beitragsbild: Ryan McGuir | gratisography

10 Kommentare
  1. Tiffy sagt:

    O H M E I N G O T T – D A N K E !!!
    Meine Liebe ich kenne dich nicht und bin auch gerade durch Zufall auf deinem Blog gelandet. Dieser Artikel bewegt mich gerade so unglaublich, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Warum? Seit Monaten, Jahren versuche ich irgenwo reinzupassen. Einen Job zu finden der mich erfüllt, mich glücklich macht und wo ich all meine Energie reinstecken kann (und glaub mir – Energie habe ich reichlich, selbst wenn ich die Hälfte abgeben würde ;-)) – allerdings erfolglos. Kaum bin ich 3-4 Monate in einer neuen Firma, laufe ich wie ein gehetztes Tier durch die Gegend. Jeder Morgen wird zum absoluten Horror, der Weg an die Arbeit wird immer schwerer und die Sehnsucht auszubrechen wächst und ist mittlerweile auch nicht mehr aufzuhalten. Es ist genau was du beschreibst: man denkst irgendetwas stimmt mit mir n ich. Meine Synapsen sind kaputt. Aber du glaubst gar nicht wie unsagbar gut es tut zu lesen, dass es anderen genauso geht. DANKE! Und wenn du Lust hast: eine meiner Vorlieben ist das Kaffee trinken. 😉

  2. Sonja sagt:

    Ooooh ja, so geht’s mir gerade auch! Oder eigentlich schon lange! Ich kann nicht behaupten, je in einem Beruf bzw. einer Firma heimisch geworden zu sein…. Mittlerweile bin ich in einem Alter, wo man den „Ernst der Lage“ kennen sollte, habe zudem einen kleinen Sohn, der seit einigen Wochen in die Kita geht und stehe unter dem Druck (Geld muss her!), mir einen Job zu suchen. Aber es graust mir vor Fremdbestimmung, vor Chefs und Arbeitsfeldern, die mir nicht liegen, die aber in den Stellenanzeigen mit aufgeführt werden, vor den Terminen bei der Arbeitsagentur, der Planung, um die Familie noch mit unter den Hut zu kriegen…. Ich weiß so ungefähr, was ich will, und das wäre in der Tat nur als Selbständige/Freelancer möglich. Allein an der Umsetzung hapert es. Auch wegen meinem Partner, der auf Sicherheit setzt und so langsam kein Alleinverdiener mehr sein will. Aber je länger ich drüber nachdenke, desto mehr glaube ich, ich MUSS mein Ding machen.

    • Sophie sagt:

      Hallo Sonja. Ja, diese Situation kenne ich ganz gut: Da ist diese Idee und alles, was noch fehlt, ist der Mut, sie auch in die Tat umzusetzen. Natürlich sage ich sofort: Ran an den Speck und mach Dich mit dem, was Du willst, selbstständig. Andererseits ist das von außen auch immer leicht gesagt… Aber ich drücke Dir die Daumen, dass alles so kommt, wie Du es Dir wünschst! Du kannst dich dann ja gerne mal mit einem Update melden 🙂

  3. Nicole sagt:

    Meine Liebe, ich habe köstlich gelacht, als du das mit der Visitenkarte erwähnt hast! 😀 … Wie oft ging es mir genau so! („Allrounder“ klingt halt so Sch… ;-D)
    Ich habe das TED-Video von Emilie gestern erst gesehen und habe endlich das greifbare Gefühl, richtig zu sein, wie ich bin! Auch wenn es dramatisch klingt, es ist weiß Gott nicht einfach, immer wieder Vertrauen zu haben, dass alles ein Sinn hat und nichts umsonst passiert, wenn man von Job zu Job wandert.
    Wir sind halt Pioniere und haben die Freiheit unsere Welt so zu gestallten wie sie uns gefällt.
    Auf einen Kaffee mit dir freue ich mich jetzt schon! 🙂

    • Sophie sagt:

      Nicole, das ist so schön zu hören… äh… zu lesen 😉 Lebst Du denn auch in Hamburg? Dann ließe sich das mit dem Kaffee schnurrstracks einrichten. Schreib mir gerne mal an sophie@frau-frei-und.de (auch für den Fall, dass Du in einer anderen Stadt bist, kannst Du dich melden. Dann merke ich mir das für den Fall, dass ich dort mal lande.) Vieeele Grüße*

  4. Nicole B sagt:

    Hallo Sophie, habe gerade erst deinen Artikel entdeckt. Auf meinem About.me Profil steht oben drüber „Tausendsassa / Multitalent / Allrounder“. Den Begriff „Multipotentialite“ kannte ich nämlich bisher noch nicht. Aber das Gefühl kenne ich schon seit Schulzeiten. Da das schon lange her ist, habe ich gelernt, damit umzugehen, was eines gewissen Selbstbewusstseins bedarf, aber manchmal auch einfach ein paar Tricks (man kann z.B. mehr als eine Visitenkarte haben ;-)). Gerne erzähl ich Dir bei einem Kaffee, wie ich sonst damit umgehe. Ich schreib Dir also eine Email. 🙂

  5. E. Ambühl sagt:

    Hallo 🙂
    ENDLICH habe ich eine Antwort auf meine Frage „Wieso kann ich mich nicht Entscheiden?“ gefunden! Danke dafür!
    Lange habe ich gegoogelt und nichts schlaues gefunden.
    Ich konnte mich zu 100% in deinem Beitrag wiedererkennen.
    Denn auch ich kann mich nicht auf einen bestimmten Beruf festlegen. Einmal habe ich das Gefühl im Sozialen Bereich arbeiten zu wollen, wenig später merke ich dass auch die Tierwelt faszinierend ist und gleichzeitig interessiert mich die Brache Marketing/Kommunikation.

    Ich fühle mich dadurch gequält und unter druck gesetzt, da ich mir dieses „sprunghafte“ denken eigentlich nicht leisten kann als Alleinerziehende Mutter.
    Denn in der Arbeitswelt verliere ich bei jedem Job nach einer gewissen Zeit das Interesse, fühle mich als wäre ich zu etwas anderem Berufen.

    Es tut jedoch gut, zu wissen, dass ich nicht alleine bin 🙂

  6. Nicole sagt:

    Ich bin durch Zufall über drei Umwege hier gelandet…und warum? Weil ich neugierig auf allen möglichen Mist bin 😀
    Mir geht es ähnlich. In der Grundschule wusste ich, dass ich studieren will, aber was genau?! Hm…Polizistin zu Pferd, Rechtsanwalt, Tierarzt. Auf dem Gymnasium dann wollte ich auch wieder was Anderes – Krankenkasse, Versicherung.
    Letztlich habe ich Immobilienwirtshaft studiert. Es macht mich absolut nichz glücklich. Ich hab 1,5 Jahre in einer Firma verbracht und gewechselt. Bin seit kurzem hier und der Tag geht schon mit einer Qual lo, dem Aufstehen.
    Innerlich will ich so vieles: Kinder im Leben begleiten, erwachsene Menschen unter die Arme greifen wenn es wiedet ausweglos ist, einen eigenen Laden haben, kreativ arbeiten. Aber ich kann es nicht umsetzen. Mir fehlt der Absprung dazu.
    Alle Anderen haben ihren Beruf gefunden, der sie erfüllt und den sie gern machen. Ich komme mir vor wie ein Zeitreisender, der keinen Plan hat, wo genau der Platz jetzt für ihn ist.

    • Sandra sagt:

      Dann reise ich mit Dir durch die Zeit. 😉 Auch ich bin beruflich noch nicht da angekommen, wo ich mich sehe. Das ist übrigens kein konkretes Bild, sondern mehr der Wunsch, etwas zu tun, das mich erfüllt und glücklich macht. Ich bin wie Du auf der Suche und habe gemerkt, dass man sich dabei möglichst nicht unter Druck setzen sollte (was alles andere als leicht ist). Es ist ein Prozess. Lass Dich darauf ein; probiere aus und finde so heraus, was es vielleicht nicht ist. So mache ich es aktuell und hatte z. B. die Imkerei als berufliche Perspektive für mich ins Auge gefasst. Leider hat sich herausgestellt, dass ich allergisch auf Bienenstiche reagiere. Ein halbes Jahr in etwa habe ich diesen Weg verfolgt. Habe ich deshalb Zeit verloren? Nein. Ich habe viel Neues gelernt – auch über mich. Habe zum Beispiel erkannt, dass ich nach wie vor etwas machen möchte, das näher am Menschen ist und weniger digital arbeiten möchte. Und, was wir auch aufhören sollten zu tun: uns mit anderen vergleichen bzw. zu viel im Außen schauen. Das ist mit Instagram und Co. gar nicht so leicht. Dort wird einem der Erfolg anderer ja ständig unter die Nase gerieben. Das diese Menschen auch eine Reise (manchmal kürzer, manchmal länger) hinter sich haben, wird oft nicht gezeigt. Also, sei nachsichtig mit Dir. Sei offen. Probier Dich aus. Du befindest Dich bereits auf Deinem Weg, versuche ihn zu erleben; zu genießen – trotz blödem Job. Du könntest z. B. die Zeit bei Deinem Arbeitgeber reduzieren, auf 80% und an einem Tag in der Woche in andere Bereiche reinschnuppern oder Dich ehrenamtlich engagieren, um herauszufinden was Du willst. Vielleicht ist es am Ende auch nicht eine Arbeit die Dich glücklich macht, sondern zwei oder drei. Es muss nicht immer „entweder oder“ sein, sondern auch „sowohl als auch“ ist möglich. Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Erfolg! Sandra

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