Der TED-Karriere-Tipp, der mich schockiert hat…


„Den Karriere-Tipp, den Du noch nie bekommen hast“ – so wird mir der TED-Vortrag von Susan Colantuono angepriesen. Den muss ich mir natürlich ansehen. Denn ich liebe TED-Talks. Und TED steht sicherlich über dem derzeitigen Clickbait-Hype. Wenn sie sagen, dass ich diesen Tipp noch nie bekommen habe, dann habe ich ihn wahrscheinlich noch nie bekommen. Und darf ihn mir ganz sicher nicht entgehen lassen! Auch wir von Frau, frei & stehen über dem Clickbait-Hype. Wenn ich also in der Überschrift sage, dass mich Colantuonos Karriere-Tipp schockiert hat, dann hat er das tatsächlich.

Damit Ihr wisst, wovon ich spreche, hier der Tipp einmal in der Kurzfassung: „The missing 33%“ (Das fehlende Drittel) nennt Colantuono den Rat, den sie Frauen mitgeben will. Um aus mittlerem Management in tatsächliche Führungspositionen aufzusteigen, braucht es ihr zufolge Qualitäten in drei Bereichen: persönliche Fertigkeiten (Fleiß, Auffassungsgabe, Zuverlässigkeit, etc.), Soft Skills (Leadership, Selbstvertrauen, Durchsetzungsvermögen, etc.) und Geschäftssinn (Strategische Weitsicht, etc.). Und hier der Clou: wir Frauen wüssten größtenteils nicht, dass dieser dritte Bereich relevant ist, um in Führungspositionen aufzusteigen. Nur etwa 3% der Frauen im mittleren Management, so suggeriert Colantuono, hätten je gesagt bekommen, dass sie zum Beispiel die finanziellen Ziele ihrer Firma oder Organisation kennen und dazu beitragen müssen, diese zu erreichen. Dieses Ungleichgewicht stamme daher, dass „Männer“ es zwar als selbstverständlich erachteten, dass Kandidaten für eine Beförderung in eine Führungsposition Geschäftssinn mitbringen müssen, dass sie es aber „Frauen“ nicht explizit sagen würden.

Ungefähr an diesem Punkt habe ich ehrlich gesagt meine Kinnlade nicht wieder hochbekommen. Muss man uns das sagen? Gehen 97% der Frauen im mittleren Management davon aus, dass die vielgepriesenen, soften Leadership-Skills schon ausreichen, um eine Führungsposition zu bekleiden? Besuchen wir alle wild Management-Seminare, auf denen uns „Präsentieren“ beigebracht wird und denken dann, dass wir reif für die Beförderung sind? Glauben wir, dass man eine leitende Position innerhalb einer Firma einnehmen kann, ohne über die Business-Strategie dieser Firma Bescheid zu wissen und erkannt zu haben, wie man dazu beitragen kann, diese Strategie erfolgreich umzusetzen?

Wenn dem so sein sollte, sehe ich zwei grundlegende Probleme, die wir bewältigen müssen. Und Susan Colantuono spricht nur eines davon an. Sie moniert ein Ungleichgewicht im informellen Mentoring und gibt anekdotische Evidenz: Männer würden anderen Männern im Mentoring Business-Fähigkeiten beibringen, Frauen hingegen in sicherem Auftreten schulen. Ich bin überzeugt davon, dass das tatsächlich häufig der Fall ist. Gerade in diesen Soft Skills unterscheiden Männer und Frauen sich oft deutlich und sicherlich ist es daher der naheliegendere Impuls, hier anzusetzen. Meine Frage lautet jedoch: Können wir das ausschließlich den Männern vorwerfen? Sind sie etwa in der Verantwortung uns all das beizubringen, was wir lernen müssen, um mit ihnen gleich zu ziehen?

Nein. Und das bringt mich zu dem zweiten Problem, dass Colantuono weitestgehend außer Acht lässt. Die Tatsache, dass viele Frauen sich anscheinend selbst nur die Informationen suchen, die ihnen eben „als Frauen“ gegeben werden. Business-Tipps „für Frauen“ konzentrieren sich leider fast immer auf all die Soft Skills in denen wir den Männern angeblich noch nicht das Wasser reichen können. Diese trainieren wir uns dann schön an, um endlich mit den großen Fischen mitschwimmen zu können. Aber was ist denn mit den ganzen Informationen, die eben nicht „für Frauen“ sind? Business-Wissen ist doch wie Mathematik – es gibt grundlegende Dinge, die mit eigenen Fertigkeiten (wie Intelligenz) und Soft Skills nichts zu tun haben. Auch in der Mathematik reicht es doch nicht zu lernen, mit dem Lineal besonders schöne gerade Linien zu zeichnen, wenn wir nicht errechnen können, wo diese Linien langlaufen sollen. Und genauso kann es doch nicht ausreichen, super überzeugend präsentieren zu können, wenn wir keine eigene Strategie entwickeln können, die es sich zu präsentieren lohnt.

Es erschrickt mich, dass Colantuono von dem „fehlenden Drittel“ spricht. Dass sie anscheinend festgestellt hat, dass dieses Drittel für Männer selbstverständlich, für die überwiegende Mehrheit der Frauen aber völlig unentdecktes Neuland ist. Natürlich finde auch ich es unheimlich wichtig, dass wir Frauen uns darüber Gedanken machen, was uns in der Arbeitswelt von Männern unterscheidet, was wir besser und was wir vielleicht auch schlechter können. Woran wir anders arbeiten müssen, als unsere männlichen Kollegen. Aber es kann doch nicht sein, dass wir darüber all die Dinge aus den Augen verlieren, die völlig geschlechts-unabhängig elementar wichtig für unser berufliches Vorankommen sind.

Für selbständige Frauen gilt das wahrscheinlich fast noch mehr als für angestellte. Denn sie müssen nicht nur die Strategie einer Firma durchschauen, sie müssen für sich selbst eine entwickeln. Viel wird darüber gesprochen, wie man sich selbst als Marke positioniert, wie man netzwerkt, wo man präsent sein sollte. Doch viel wichtiger ist das Gerüst dahinter. Wie garantiere ich, dass ich ausreichend Aufträge bekomme? Und wie viel muss ich verdienen, um von dem Gewinn den ich erwirtschafte, leben zu können? Das sind Fragen, die sich jeder Selbständige stellen muss. Informiert Euch also über Frauen-Netzwerke, über Pitching-Best-Practices, über all die schönen Soft Skills, die Euch sicherlich weiterhelfen werden. Informiert Euch aber auch über all das, was nicht nur Frauen betrifft. Über Business-Pläne, Krankentage-Versicherungen, Steuervergünstigungen, und so weiter und so fort.

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