„Frauen im Film“: Saralisa Volm (Schauspiel, Produktion)

Saralisa Volm

Die frisch dreißigjährige Saralisa Volm ist wohl das, was man eine echte Powerfrau nennt: Mutter von zwei Kindern (3 und 6), Schauspielerin, Bloggerin („Glowbus“), Buchautorin („Mamabeat: Kinder. Chaos. Glück!“) und jetzt auch Filmproduzentin. In unserem Interview spricht sie ehrlich und ermutigend über die Vereinbarkeit von Familie und Karriere, Frauen im Film und ihren eigenen Vorstoß als junge Frau in eine männerdominierte Selbständigen-Szene.

Wie war das damals, als Klaus Lemke Dich entdeckt hat? Du warst ja nie auf einer Schauspielschule und bist eher zufällig zum Film gekommen, oder?

Genau, ich war nicht auf der Schauspielschule. Ich fand schon Schule nicht so richtig gut. Da wollte ich nicht nochmal in so’n System, wo mir andere Leute sagen, wie ich irgendwas zu machen habe oder wie irgendwas geht. Und es war zwar ein Zufall, dass ich Lemke getroffen habe, aber ich bin schon mit dem Ziel, zum Film zu kommen, nach Hamburg gezogen. Ich wollte das unbedingt, ich wusste nur nicht wie. Ich glaube, wenn man was so unbedingt will, dann findet sich das auch irgendwie.

War es für Dich damals eine schwierige Entscheidung zu sagen: Ich kündige jetzt und geh zum Film?

Nein. Ich hab überhaupt kein Sicherheitsbedürfnis, das mir sagen würde, ein fester Job könnte eventuell besser sein. Ich arbeite zwar total gerne, aber ich finde die Vorstellung, jeden Morgen um acht aufstehen zu müssen, um neun im Büro zu sein und dann da zu arbeiten bis sechzehn Uhr und einen Chef zu haben, relativ grausam.

Was ist für Dich das schönste an der Selbstständigkeit?

Das ist tatsächlich die Selbstbestimmung. Dabei geht’s ja nicht nur darum, dass man frei über seine Zeit entscheidet. Ich entscheide gar nicht immer frei über meine Zeit. Ich habe auch Deadlines. Dann sitzt Du irgendwann im Bett mit Deiner Sehnenscheidenentzündung und musst Dein Buch fertig schreiben. Da wär’s manchmal leichter, wenn Du im Büro arbeiten und sagen könntest: Ich geh zum Arzt, hol mir meinen gelben Schein und bleib zuhause. Aber was ich spannend finde ist, dass man sich für seine Projekte selber entscheidet. Ich entscheide, ob ich das nächste halbe Jahr damit verbringen will, ein Buch zu schreiben, oder einen Film zu produzieren, oder lieber dieses Projekt zu drehen. Meine Arbeit ist einfach ein ganz großer Teil von mir. Ich mache das nicht, um Geld zu verdienen.

Setzt Dich das Thema Geld denn unter Druck? Oder machst Du Dich davon frei?

Das ist eine sehr komplizierte Frage. Natürlich setzt es einen wahnsinnig unter Druck. Wir sind ja auch vier Leute (Saralisa, ihr Mann und ihre zwei Kinder, Anm. d. Red.). Aber es ist tatsächlich so, dass der finanzielle Druck – egal wie groß er schon war – noch nie so groß war, dass ich gesagt hätte, ich mach jetzt was anderes. Ich glaube für Außenstehende sah es schon so aus, aber nicht für mich. Ich glaube, Du kannst immer auf Sicherheit spielen, oder Du spielst auf Risiko. Und je mehr es das ist, was man will, umso mehr ist es vielleicht auch risikobehaftet. Aber ich finde es okay, Risiken einzugehen für Sachen, von denen man überzeugt ist.

Als Selbstständige ist es ja nicht nur ein Problem an Jobs zu kommen, sondern auch ein Problem, dass man manchmal zu viele Jobs hat. Sagst Du dann auch mal Projekte ab? Oder sagst Du immer zu allem ja?

Ich sag tatsächlich oft auch mal Dinge ab. Aber selten aus Zeitmangel, sondern meistens, weil ich sie nicht gut finde. Und das ist echt ein Problem. Wenn ich Sachen gut finde, dann will ich sie auch machen – koste es, was es wolle. Aber das ist ja auch eine Frage von Professionalität, Projekte abzusagen, weil man erkennt, dass man nicht auf dem Niveau abliefern kann, das man von sich selbst erwartet.

Du hast eben schon Deine zwei Kinder angesprochen. Unsere Gastautorin Gudrun findet, dass sich Selbstständigkeit total gut mit Kindern kombinieren lässt. Wie geht es Dir damit?

Ich glaube, es ist einfach immer eine Frage der Organisation. Das ist bestimmt leichter, wenn man einen festen Job hat, weil man dann halt weiß: Okay, ich kann bis 16 Uhr arbeiten, dann muss ich in die Kita und das ist jeden Tag so. Bei uns ist es oft so, dass wir beide nicht in der Stadt sind, dass plötzlich wichtige Termine reinkommen, dass man nicht fertig wird, weil irgendwo eine Krise herrscht. Es ist eigentlich täglich ein neuer Kampf, sich zu organisieren. Ich hab mich damit früher tatsächlich auch schwerer getan, zuzugeben dass ich Kinder habe und dass sie mich brauchen. Aber inzwischen finde ich, habe ich schon hinreichend bewiesen, dass ich arbeiten kann, obwohl ich Kinder habe. Ich kann meine Kinder auch mal mit ins Büro nehmen, sie mal früher abholen oder von zuhause arbeiten. Das sind Sachen, die funktionieren so nur, wenn Du selbstständig bist.

In Deinem Artikel „Vereinbarkeitsopfer, die sich lohnen“, sprichst Du davon, dass Du bei Deinem letzten Projekt, dem Langfilm „Fikkefuchs“, sehr wenig Zeit für Deine Kinder hattest. Ist es schwer für Dich, da loszulassen?

Tatsächlich ist es so, dass wir da sehr eingespielt sind und es manchmal trotzdem schlimm ist. Unsere Kinder wissen, dass wir eher in Phasen funktionieren und nicht jeden Tag gleich – und trotzdem ist es manchmal total fürchterlich. Als wir jetzt in Griechenland beim Dreh waren, hat einmal jemand was über Kinder gesagt, und plötzlich saß ich da und hab geheult wie ein Schlosshund. Und mein Mann hatte auch Tränen in den Augen. Ich bin ja schon jemand, der gerne propagiert, dass Vereinbarkeit funktioniert, weil ich möchte, dass es funktioniert. Aber es kommt nicht ohne einen Preis. Man hat ständig das Gefühl, dass man entweder eine schlechte Mutter ist oder seinen Job nicht ausreichend macht. Das sind aber normale Vorgänge, von denen ich glaube, dass alle berufstätigen Eltern sie kennen.

Hast Du denn das Gefühl, dass Dein Mann den gleichen Druck hat? Oder ist das als Mutter noch etwas anderes?

Mein Mann hatte jetzt, als wir den langen Film gemachte haben, einfach viel mehr die Kinder. Und letzte Woche hat er tatsächlich gesagt: „Das ist echt krass. Ich hab nen Job und dann muss ich dazu noch immer zuhause sein und die Kinder und dies und das…“ Da hab ich zu ihm gesagt: „Willkommen im Leben einer Frau.“ Ich glaube tatsächlich, wenn man sich 50/50 aufteilt, dass Männer dann sehr schnell an die gleiche Grenze stoßen. Das Problem betrifft ja nicht nur Frauen. Es gibt ja viele Männer, die gerne mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen würden. Und ich finde es erschreckend, dass häufig Männer, die in Elternzeit gehen oder weniger arbeiten wollen, auch diskriminiert werden. Ich glaube es ist eine gemeinsame Aufgabe von Eltern, diese Sachen einzufordern. Aber bestimmte Karrieren kann man nur machen, wenn man bereit ist, dafür bestimmte Opfer zu bringen. Wenn Du zum Beispiel entscheidest, Regisseur zu sein, musst Du damit leben, dass es Phasen gibt, in denen Du Deine Kinder einfach nicht sehen wirst. Ich erlebe es darum häufig, dass Leute in meinem Alter, die versuchen solche Berufe zu machen, einfach keine Kinder haben. Und da bin ich mir auch nicht so sicher, inwiefern sich die Strukturen ändern können.

Am Set sieht man ja schon häufig Frauen – in Bereichen wie Kostüm oder Maske. Aber eben seltener als Regisseurin oder Produzentin. Liegt das am System? Oder ist es zum Teil auch Einstellungssache der Frauen, die in diese Berufe nicht reingehen?

Ich glaube, dass gerade unsere Generation ein bisschen in den sauren Apfel beißen muss, weil die Strukturen halt so sind, wie sie sind. Aber wir sind auch in der Position etwas zu verändern. Viele Frauen studieren ja Produktion. Aber wenn Du danach den Nine-to-Five-Job als Produktionsassistentin oder beim Sender machst, bist Du wieder nicht in der Entscheiderposition. Ich glaube, dass weibliche Chefs – nicht alle, es gibt auch viele, die dann einfach sehr männlich agieren – eher sagen würden: Okay, Meetings finden statt, bevor die Leute ihre Kinder abholen müssen. Wir müssen einfach an den Punkt kommen, wo Frauen die Arbeitswelt mitgestalten können. Klar kann man da vom Gesetzgeber her viel regeln, aber in erster Linie müssen wir das einfordern. Wir sind einfach noch nicht flexibel genug. Wenn die Menschen offener werden, dann wird das auch die Politik. Aber das ist noch ein weiter Weg.

In Deinem Artikel hast Du auch geschrieben, dass Du häufig die einzige Frau unter lauter Männern bist – seien das Deine Co-Produzenten oder die Geldgeber. Wie hast Du das erlebt, immer die einzige Frau am Tisch zu sein?

Mich stört es, dass die Frauen nicht da sind. Ich muss dazu sagen, dass ich immer jemand war, der prinzipiell viel mit Jungs rumhing und auch irgendwie lange das Gefühl hatte, das ist angenehmer zum Arbeiten. Dadurch, dass man es so gewohnt ist, Männer in diesen Positionen zu sehen, denkt man auch als Frau, das ist normal. Oft lese ich in Interviews, dass Frauen kompliziert und zickig sind. Das sind Vorurteile, die sich sogar bei Frauen durchgesetzt haben. Als wir damals Glowbus gegründet haben, habe ich entschieden: Das kann nicht sein. Ich habe ja tolle Freundinnen, es muss noch mehr solche Frauen geben. Seitdem suche ich die ganz gezielt – gerade auch Regisseurinnen.

Du willst Frauen bei Deinen Projekten fördern. Willst Du auch Vorbild sein und zeigen, dass man Beruf und Familie kombinieren kann und das auch für andere ein gangbarer Weg sein kann?

Ich glaube Vorbilder sind wichtig. Ich hätte das ohne Vorbilder auch nicht so gemacht. Für mich war meine Mutter zum Beispiel ein total starkes Vorbild. Meine Mutter hat immer gearbeitet. Bei ihrem zweiten Kind hat sie sich gerade selbstständig gemacht und ihr Mann ist mit den Kindern zuhause geblieben. Damals wie heute nicht selbstverständlich. Ich komme halt auf die Idee, dass Dinge möglich sind, weil ich es gesehen habe. Auch bei Themen wie Vereinbarkeit. Man hat manchmal das Gefühl, eine Familie zu gründen sei was ganz Verrücktes. Ich meine, wir fliegen zum Mond, aber Kinder kriegen ist nicht drin. Dabei ist das doch das, was man wirklich kann, wofür man wirklich gebaut ist. Und da gab es auch mit Sicherheit schon härtere Zeiten. Darum sind solche Frauen, die Vereinbarkeit vormachen, für mich Vorbilder. Das ist ermutigend.

Noch eine Frage zu Deinem Schritt zu produzieren: Es ist ja schon etwas anderes, ob Du als Schauspielerin am Set stehst, oder die Verantwortung für das gesamte Projekt trägst. War das für Dich am Anfang schwierig? Oder konntest Du Dich gleich gut durchsetzen?

Lustigerweise finde ich, dass es mir leichter gefallen ist, weil ich Mutter bin. Da gibt es schon sehr viele Parallelen, weil man auch als Produzent den halben Tag damit verbringt zu sagen: Nein, Du wirst das nicht bekommen. Nein, bitte streitet Euch nicht. Aber tatsächlich gab es, glaube ich, bei meinem ersten Film – bei dem mein Mann noch involvierter war – Dinge, die ich an ihn abgegeben habe. Wo ich dachte, das ist mir vielleicht noch zu groß oder ich weiß vielleicht noch nicht genug. Das entwickelt sich. Aber ich weiß nicht, ob ich mich heute schon so durchsetzen kann, wie ich das gern würde. Manchmal gab es bei meinem letzten Film die Situation, wenn mein Mann da war, dass jemand versucht hat, mit ihm zu reden statt mit mir. Aber der meinte nur: Was willst Du von mir? Ich hab doch gar keine Ahnung von diesem Projekt. Da muss man sich immer durchsetzen. Die Leute erwarten auch von einem, dass man sich durchsetzt, zu allem eine Meinung hat und alle Fragen beantworten kann. Das ist schon ein enormer Druck.

In einem Interview hat uns die Coachin Alexandra Reiter erzählt, dass das Selbstbewusstsein bei vielen Frauen der Knackpunkt ist. Meinst Du, dass das mit ein Grund ist, warum so wenige Frauen diesen Job machen? Trauen sie ihn sich nicht zu?

Ich glaube auf jeden Fall, dass das mit reinspielt. Es ist natürlich immer eine Persönlichkeitsfrage. Ich glaube es gibt dafür drei Faktoren. Zum einen: Treffe ich gerne Entscheidungen und kann ich damit leben, was dann passiert? Zum zweiten: Kann ich die Verantwortung für so viel Geld und Angestellte übernehmen und mache ich das gerne? Und drittens braucht man eine große Risikobereitschaft. Denn wenn irgendwas Krasses passiert, dann steht im Endeffekt meine Firma auf dem Spiel. Ich glaube aber nicht, dass das genetisch bedingt ist. Ich glaube, das ist eine Erziehungssache, dass man eher von Mädchen erwartet, dass sie ordentlich sind, dass sie auf Sicherheit gehen und dass man Jungs eher erlaubt, Risiken einzugehen.

In Hollywood ist Sexismus in der Filmbranche ja gerade ein sehr großes Thema (Siehe: „Shit people say to women directors“). Glaubst Du, das ist in Deutschland auch der Fall?

Auf jeden Fall ist das omnipräsent. Man ist auch einfach die ganze Zeit in einer Männerwelt unterwegs. Ich halte das ganz gut aus, aber es gibt schon krasse Momente, in denen man nicht glauben kann, dass einer das gerade wirklich gesagt hat. Das ist hart für Frauen, es ist aber auch hart für Männer untereinander. Es ist ja nicht so, dass die zueinander superlieb sind. Je höher die Positionen sind, umso härter sind die Bandagen, mit denen um die wenigen Jobs gekämpft wird. Und ich glaube das trifft Frauen, dass trifft aber Männer auch.

Auf Eurem Blog habt Ihr ja auch eine „Feminismus“-Kategorie. Bist Du Feministin?

Ich glaube Stefanie Lohaus, die Gründerin des Missy Magazins, hat in einem Interview mal gesagt: Wir sind aufgewachsen in dem Glauben, dass es keinen Feminismus mehr braucht, weil wir alles bekommen. Wir gehen in die gleichen Schulen, wir machen Abitur, wir sind jung, wir sind stark, wir kriegen alles. Und dann kommst Du raus und hast das gleiche oder sogar ein besseres Abi gemacht und studierst und alles funktioniert, aber plötzlich merkst Du: es gibt hier Grenzen. Man wird dann einfach überholt, zum Beispiel wenn man ein Kind bekommt, weil man eben für ein Jahr weg ist. Das ist ein Punkt, der zum einen im System liegt, zum anderen merkt man aber auch, dass viele Frauen mit dreißig einfach aufhören und Yoga-Lehrerin werden, oder einen kleinen Laden aufmachen – was als individuelle Entscheidung total schön ist, aber wo natürlich viele Frauen wegfallen. Das finde ich sehr bezeichnend für meine Generation. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich gemerkt hab: Ich bin ja doch eine Feministin. Und ich musste mich erstmal damit anfreunden. Mir geht es dabei einfach darum, dass alle Menschen die gleichen Chancen haben. Das betrifft auch andere Randgruppen. Ich glaube, dass man das Potential der Gesamtbevölkerung ausnutzen sollte. Damit meine ich nicht, dass wir überall immer eine Parität brauchen. Es geht mir um Entscheiderpositionen. Darum bin auch pro Quote. Nicht 50 Prozent, aber 30 Prozent. Um zu zeigen, dass es möglich ist. Frauen können Chefredakteurinnen sein. Frauen können Sender leiten. Frauen können im DAX-Unternehmen Vorstand werden. Und es ist zwar sehr schön, dass wir eine weibliche Bundeskanzlerin haben, aber das entschädigt nicht für alles.

© Beitragsbild: Kirsten Becken

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