Blogger für Flüchtlinge – Ein Interview über wahres Engagement


Egal, ob mit Freunden oder der Familie: In den letzten Wochen war unser Hauptthema immer die Flüchtlingskrise. Selbst Leute, von denen ich dachte, sie würden sich keinen Kopf machen, sprachen darüber und jeder stellte sich die Frage: Wie kann ich helfen?
Viele wollen, aber nicht jeder kann es. Oft fehlt die Zeit, meistens auch der Mut. Denn etwas eigenes auf die Beine zu stellen oder ein Vertrauter zu werden, bedeutet auch Verantwortung.

Dabei kann es schon eine große Hilfe sein, wenn man über das Thema spricht, aufmerksam macht, Augen öffnet. Die Initiative #BloggerfuerFluechtlinge hat deshalb dazu aufgerufen, das Thema zu verbreiten.

Ich musste dabei sofort an Elke Jacob denken, die ich beim Startup Protonet kennenlernte, wo wir beide als Freelancer arbeiteten. Sie erzählte mir vor einer Weile in der Mittagspause von ihrer Hilfe für die Flüchtlinge in der St. Pauli Kirche im Juni 2013.
Es ist komisch, aber erst als ich eine ganz persönliche Geschichte hörte, die so nah dran am Geschehen war, wurde mir bewusst, was da gerade wirklich passierte. Also war klar, dass für den Blog noch mal alles aufgeschrieben werden musste. Wie die Hilfe damals aussah, wie sich Elke aktuell wieder engagiert und wie Selbstständigkeit und Engagement Hand in Hand gehen mussten…

Foto von Elke Jacob

Elke, Du bist Journalistin. War das Dein Berufswunsch oder eher ein Zufall?

Du wirst es nicht glauben, aber von Haus aus bin ich Diplom-Biologin und habe als solche tatsächlich nach meinem Studium in Heidelberg vier Jahre in der Großindustrie gearbeitet.

Und wie kamst Du dann zum Journalismus?

Als die Company, in der ich arbeitete, verkauft wurde, habe ich mich da verabschiedet. Ein Freund war Chefredakteur eines kleinen PR-Blättchens und er fragte mich, ob ich mal eine Woche mitmachen wolle. Das habe ich gemacht und kurz danach begann ich dort mein Volontariat.

Seit wann bist Du selbstständig?

Ich glaube seit 1998. Der Verlag, in dem ich mein Volo absolvierte, hat uns nämlich irgendwann nicht mehr bezahlt und sämtliche Sozialbeiträge nebst Krankenkassenbeiträgen unterschlagen, wofür er später auch vor Gericht musste. Wir waren damals keinen Tag offiziell krankenversichert und mein Lohnscheck kam meist diskret von der Bank mit einer Notiz zurück: „Konto des Verlags XX nicht gedeckt. Zahlung nicht erfolgt.“ Ein Jahr lang haben wir oft nur Tütensuppen gegessen.
Dann hat mich der damalige Chefredakteur von der W&V angerufen, weil er gehört hatte, dass ich nach dem Volontariat auf dem freien Markt sei. Er war einer meiner Dozenten an der Akademie für Publizistik, wo ich meinen Volo-Kurs absolvierte.
Weil ich nie wieder von irgendeinem „festen“ Arbeitgeber abhängig sein wollte, war die Selbstständigkeit genau das Passende. Nach dem tollen Volontariat habe ich ja gewusst, dass auch ein Angestelltendasein alles andere als sicher ist. Außerdem wollte ich für mich rausfinden, wie das freie Journalistenleben wirklich ist.

Gab es einen Punkt, an dem Du die Entscheidung mal bereut hast?

Nie. Die ersten zwei, drei Jahre war ich mir zwar nicht sicher, ob ich gut genug sein werde und habe fast ohne Pause durchgearbeitet. Aber so richtige Existenzangst hatte ich sehr selten, denn auch bei einem vermeintlich sicheren Angestelltenjob kann man gefeuert werden. Außerdem gibt es für mich nichts Spannenderes, als jeden Tag neue Menschen und neue Themen kennenzulernen. Ich empfinde das als großes Privileg meines Jobs.

Aber nun zum eigentlich Grund des Interviews, das wir ja für die Initiative #BloggerfuerFluechtlinge machen: Als wir bei Protonet beim Mittagessen saßen, hattest Du ja schon von deinem Einsatz für die Flüchtlinge in der St. Pauli Kirche erzählt. Wann war das genau?

Das ging am ersten Juni-Wochenende 2013 los. Ich werde dieses Datum nie vergessen.

An welchem Punkt hast Du gedacht: Ich geh da jetzt hin und helfe?

Na, sofort. Ich kam morgens ins Büro und gegenüber im Kirchgarten der St. Pauli Kirche waren von jetzt auf gleich 80 Flüchtlinge vom Himmel gefallen. Die ganze Nachbarschaft lief zusammen.

Was hast Du dann als Erstes getan? Womit hast Du losgelegt?

Am ersten Tag habe ich unsere Büroküche ausgeräumt und bei Aldi Zahnpasta, Shampoo und Duschgel, Obst und was weiß ich noch gekauft. Dann fing ich an, in der Nachbarschaft eine „Wäschekette“ zu organisieren, denn wir mussten das Leben von 80 Jungs organisieren, die nun in der Kirche wohnten. Schon bald haben wir einen „Inner Circle“ mit den beiden Pastoren gebildet, der die gesamte Organisation dieses kleinen Dorfes gemanagt hat: von der Begleitung zum Spiel des FC St. Pauli über das Verbinden von verstauchten Füßen und dem Gang zum Arzt bis hin zur Anmeldung beim Sozialamt, als die Jungs sich für die Beantragung der Duldung entschieden hatten. Nicht zu vergessen die Mega-Einkäufe in der Metro zweimal die Woche – für 80 Leute. Da war was los an der Kasse.

Was waren die größten Herausforderungen?

Alle, die wir die Kirche gerockt haben, hatten überhaupt keine Erfahrung mit der Organisation einer so großen Gruppe. Ich sage immer: Wir fingen im Stadium einer Amöbe an – völlig unbedarft, aber unbeirrbar, denn der Zuspruch, der von außen kam, war wahnsinnig. Und der der Jungs allemal.

Wie hast Du das denn neben der Arbeit zeitlich gewuppt bekommen? Hast Du überhaupt noch geschlafen?

Die ersten Wochen habe ich das alles neben meinem Job gemacht. Das war schon ziemlich sportlich, aber immer auch sehr schön. Als die organisatorischen Aufgaben dann mehr wurden, habe ich meinen Sommerurlaub auf St. Pauli Lampedusa verbracht und ließ mich dann für den Rest des Jahres freistellen. Mein Verlag hat dankenswerterweise ohne Protest mitgespielt – und vor allem meine Kollegen in der Redaktion.

Was ist aus den 80 Männern nach dem Jahr in der St. Pauli Kirche geworden? Hast Du noch Kontakt zu einigen von ihnen?

Ja klar. Einige haben inzwischen eine offizielle Arbeitsgenehmigung und endlich einen Job. Einer der Jungs hat im August sogar seine Lehre angetreten und ist überglücklich. Die anderen suchen noch, machen Praktika und lernen Deutsch. Die meisten leben aber noch in den Unterkünften der Stadt, in die sie nach dem Jahr in der Kirche gezogen sind. Diejenigen, die keine Duldung beantragt haben, leben weiter in meist privat organisierten Unterkünften, haben aber leider keinerlei Ansprüche auf staatliche Leistungen.

Welche Erinnerungen verbindest Du sofort mit der Zeit?

Tiefe Dankbarkeit, dass es mir so gut geht und dass man nur etwas zurückbekommt, wenn man selbst etwas gibt. Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich daran denke, wie oft die Jungs zu mir gesagt haben: „God bless you.“ Ich bin nicht wirklich gläubig, aber das hat mich zutiefst gerührt. Klingt kitschig, war aber so!

Bist Du eher beeindruckt, von dem was hier in Hamburg zur Zeit passiert und getan wird oder denkst Du, dass eigentlich viel mehr möglich sein sollte?

Ich bin stolz auf meine Hamburger, aber auch die Münchner und alle Menschen, die helfen. Was in Hamburg derzeit in den Messehallen und seit Jahren schon in den Kirchengemeinden abgeht, ist unglaublich. Da arbeiten fast nur Freiwillige und sortieren diese Berge von Spenden. Ohne sie wäre die Stadt völlig aufgeschmissen. Bestimmt sind nicht alle meiner Meinung, doch zumindest werden auf St. Pauli keine Brandsätze in die Schlafzimmer von Flüchtlingsfamilien geworfen.
Ich glaube, dass sich viele Menschen richtig freuen, mal wirklich was tun zu können und nicht nur empört vor dem Fernseher zu sitzen, wo eine Hiobsbotschaft vom Mittelmeer oder Ungarn die nächste jagt. Allerdings ist es auch bedenklich, dass wohlsituierte Menschen, die eh schon alles haben, die Errichtung einer Flüchtlingsunterkunft gerichtlich bekämpfen, weil – wie in Hamburg an der Außenalster passiert – der Wert ihrer Immobilien sinken könnte. Das ist jämmerlich. Was definitiv sinken wird, ist der Kontostand ihrer Karma-Punkte! Für diese Hamburger schäme ich mich.

Du bist ja auch aktuell wieder sehr engagiert und hast z.B. neulich einen Spielenachmittag für Flüchtlingskinder organisiert. Kannst Du dazu noch kurz etwas erzählen?

Eine Freundin, mit der ich in der St. Pauli Kirche zusammengearbeitet habe, leitet inzwischen eine Zeltstadt, wo Flüchtlinge als erstes unterkommen, bevor sie auf die festen Unterkünfte verteilt werden. Sie erzählte mir von den vielen Kindern dort, die so wenig Aufmerksamkeit haben, weil sie – mit Verlaub – am Arsch der Heide leben. Da habe ich meine Kollegen von Protonet gefragt, ob sie Lust hätten, diesen Kindern einen schönen und unbeschwerten Nachmittag zu schenken. Wir sind an einem Samstag mit 25 Kindern in den Park gewandert und haben dort mit ihnen Federball, Fußball und Kindertennis gespielt oder sind mit ihnen Karussell gefahren. Es war wunderschön!

Wie war die Reaktion Deiner Kollegen?

Toll. Fast alle haben sofort zugesagt. Es war so richtig schön. Von dem Pfandgeld, das sich im Büro gesammelt hatte, und den Spenden haben wir ganz viel Spielzeug gekauft, das wir dann allen Kindern in der Zeltstadt geschenkt haben. Ich hatte den Eindruck, dass auch die Erwachsenen diesen Spielenachmittag sehr genossen haben.

Wie war die Reaktion der Kinder?

Ich glaube und hoffe, dass es ihnen genau so gut gefallen hat wie uns. Ein paar Mädchen sind erst etwas ängstlich mit mir zu dem Karussell gelaufen, aber als ich ihnen dann den Anschwung gegeben habe, haben sie mich wie Sonnen angestrahlt. Zum Abschied fragte ich ein Mädchen, das ein bisschen Englisch kann, ob es ihr gefallen habe. Und sie antwortete: „It was beautiful. It was very beautiful.“ Und die Mütter, die nach unserer Rückkehr ihre Kinder wieder in Empfang nahmen, umarmten uns glücklich und mit Tränen in den Augen. Mehr kann man an einem Samstagnachmittag nicht erleben, oder?

Und Du hast vor dem Interview schon erwähnt, dass Du schon am nächsten Projekt planst. Kannst Du schon mehr dazu sagen?

Noch fehlt ein letztes Puzzlestück, aber sobald wir das gefunden haben, erzähle ich gerne mehr von diesem Vorhaben. Ich möchte nämlich, dass dieses Projekt in ganz Deutschland Nachahmer finden wird.

Oha, dann gib Bescheid, wenn es so weit ist :) Liebe Elke, vielen Dank für das Interview!

Wenn Ihr auch helfen möchtet, aber nicht so richtig wisst, wie, dann findet Ihr auf der Seite von #BloggerfuerFluechtlinge Infos: In Flüchtlingsunterkünften anpacken, unterrichten, Petitionen unterzeichnen, Sachen oder Geld spenden, die Botschaft teilen.

Noch mehr Infos gibt es auch auf:

Pro Asyl

wie-kann-ich-helfen.info

und in diesem ZEIT-Artikel

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