Die Filter Bubble ist zwar ein Online-Begriff, beschreibt aber ein sehr altes menschliches Phänomen. Ihr zu entkommen ist nicht nur beruflich, sondern auch persönlich wichtig. Und ein Weg ist – ob man es glaubt oder nicht – das Internet.

Was ist die Filter Bubble?

2010 prägte Internetaktivist Eli Pariser den Ausdruck „Filter Bubble“. Er beschreibt die Tatsache, dass moderne Computer-Algorithmen unsere Wahrnehmung der Realität einschränken oder sogar mitformen. Plattformen wie Google, Facebook oder Amazon merken sich unser Such- und Klickverhalten und passen sich daran an, um uns in Zukunft eher Beiträge zu zeigen, die wir wieder anklicken würden. Was daraus folgt ist, dass zum Beispiel ein regelmäßiger Bild-Leser in den Google News-Ergebnissen eher einen neuen Bild-Artikel zu seiner Suchanfrage angezeigt bekommen würde, als einen Artikel der Süddeutschen Zeitung – und umgekehrt. Warum tut Google das? Eigentlich aus reiner Hilfsbereitschaft. Google möchte uns so schnell wie möglich zufriedenstellen. Google will, dass wir ein gutes Sucherlebnis haben. Darum berechnet es, welche Ergebnisse uns mit größter Wahrscheinlichkeit gefallen würden und zeigt uns diese bevorzugt an. An sich sehr nett. So muss ich mich nicht durch seitenweise Bild-Suchergebnisse klicken, wenn ich eh lieber den Beitrag der Süddeutschen Zeitung lesen will. Problematisch wird das Ganze aber, wenn ich mich durch die Ergebnisse meiner Suche so stark in meiner Meinung bestätigt fühle, dass ich sie für objektiv richtig halte. Dann bin ich in einer Filter Bubble gefangen und Google hat durch Bestätigung aus meiner Meinung eine Überzeugung gemacht.

Die Filter Bubble existiert auch offline

Zugegebenermaßen braucht es für dieses Phänomen keinen Computeralgorithmus. Facebook weist in einer selbst durchgeführten Studie darauf hin, dass meine Auswahl an Facebook-Freunden mehr Einfluss darauf hat, was mir angezeigt wird, als der Facebook-Algorithmus, der filtert, welche ihrer Beiträge ich gezeigt bekomme. Und klar, wir Menschen umgeben uns eher mit anderen Menschen, die uns ähnlich sind. Zum einen, weil es einfacher ist. Ein anderer Mensch mit dem gleichen Erfahrungshorizont versteht mich schneller, ich muss nicht so viel erklären. Über den Witz „Die wichtigsten Tage in Hamburg sind Weihnachten und Sommer“ können nur die lachen, die etwas über das Hamburger Wetter und dessen Ruf wissen. Ein Australier kann damit wenig anfangen. Der andere Grund ist, dass es für uns angenehmer ist. Mich als Millionär mit Obdachlosen zu beschäftigen, ist unangenehm. Mich als Linksradikaler mit CSU-Wählern auseinanderzusetzen, ist unangenehm. Es stellt mich, mein Leben und meine Werte infrage. Das ist höchstgradig unangenehm. Das ist natürlich auch schon bei weniger radikalen Gegensätzen der Fall.

Mich als Chef mit den Bedürfnissen meiner Angestellten auseinanderzusetzen, kann unangenehm sein. Genauso kann es für mich als Angestellten unangenehm sein, mich mit dem Druck, unter dem meine Chefin steht, auseinanderzusetzen. Lieber sprechen beide mit Kollegen auf der gleichen Stufe der Karriereleiter. Dadurch schränken wir uns natürlich selbst sehr in unserem Erfahrungshorizont und in unserer Möglichkeit zu lernen ein. Denn jemand mit einem ähnlichen Erfahrungshorizont oder mit ähnlichen Werten wird mir auch ähnliche Ratschläge geben, oder mich einfach in meiner Meinung bestärken. Unbewusst suchen wir uns so auch häufig die Leute aus, die wir nach Rat fragen. Wenn ich überlege, meinen Job zu kündigen, werde ich sehr unterschiedliche Ratschläge von einer glücklichen Selbständigen und einer Beamtin bekommen. Durch meine Entscheidung, wen ich um Rat bitte, gebe ich mir meine Antwort bereits selbst.

Die Gefahr der Filter Bubble für Selbstständige

Gerade als Selbstständige ist die Gefahr durch die Real-Life-Filter-Bubble groß. Um auf neue Ideen zu kommen, muss man sich zwangsläufig mit neuen und anderen Gedanken konfrontieren. Egal ob freie Designerin oder selbstständige Restaurant-Bbesitzerin: Zu gucken, was die Konkurrenz – oder auch ganz fremde Berufsgruppen – tun, ist immer wichtig. So bleibt man am Puls der Zeit, man hinterfragt aber auch den Status quo. Denn nur weil man etwas seit 20 Jahren so macht, muss es ja nicht richtig sein. Auch das ist ein Problem der Filter Bubble – wenn wir etwas als funktionierend gelernt oder gezeigt bekommen haben, gehen wir häufig davon aus, dass es auch die beste, die einfachste und/oder die sinnvollste Lösung ist. Nur indem wir mit Leuten sprechen, die nicht in dem gleichen System aufgewachsen sind oder arbeiten, bekommen wir den Perspektivwechsel, den wir brauchen, um das System zu hinterfragen.

Bist Du ein Designer und Du folgst auf Pinterest 50 anderen Designern, die alle den gleichen Stil haben wie Du, dann wirst Du Dich in Deiner Arbeit nur bestätigt fühlen. Dein Stil ist der beste oder vielleicht sogar: Alle anderen machen es genauso – Euer Stil ist der einzige! Wenn Du Designern folgst, die anders arbeiten als Du, oder vielleicht sogar Künstlern, die mit ganz anderen Materialien arbeiten – 3D-Designern, Bildhauern, Fotografen etc., wirst Du sicherlich viel sehen, was Dir nicht gefällt und auch einiges, was Dich nicht weiterbringt. Aber nur so wirst Du auch über die eine Perle stolpern, die einen kleinen Gewittersturm der Inspiration in Deinem Gehirn lostritt und Dich doch wieder einen Schritt weiter bringt.

Bring die Filter Bubble zum Platzen

Also raus aus der Filter Bubble – aber wie? Auf rein technischer Ebene natürlich: Regelmäßig den Cookie-Filter löschen (am besten täglich). Oder gleich auf Suchmaschinen umsteigen, die solche Daten nicht tracken. Wie DuckDuckGo zum Beispiel. Und wer Google-Services nutzt, ausloggen, bevor Ihr zum Beispiel YouTube-Videos guckt. Dann werden diese Daten nicht in Eurem Benutzerkonto gespeichert. Aber was mache ich gegen die Real-Life-Filter-Bubble? Inspirierende Freunde, die man seinem Facebook-Feed hinzufügen könnte, müssen ja auch erstmal gefunden werden. Wenn halt meine Freunde alle so denken wie ich, wie breche ich daraus aus?

Natürlich ganz einfach, indem ich meine Augen offen halte. Indem ich mich auf der nächsten Party nicht neben die setze, die der Gastgeberin gerade mein Lieblingsbuch geschenkt hat, sondern neben die, mit deren Klamottenstil ich so gar nichts anfangen kann. Indem ich mit meinem Partner auf Veranstaltungen gehe, auf die ich allein nie gegangen wäre. Indem ich mir Vorträge von Leuten anhöre, deren Meinung ich eigentlich nicht teile. Auch wenn sie meine Meinung nicht ändern, komme ich vielleicht durch ihre Argumentation auf neue Ideen, was meine eigenen Werte und Erkenntnisse angeht. Und wem das – wie mir oft – im wahren Leben zu anstrengend oder furchteinflößend ist, für den hat das Internet auch eine Lösung parat.

Denn es ist ja nicht nur ein einziger gleichschaltender Algorithmus, der alle anderen Informationen vor mir verbirgt. Das Internet ist eine riesige, schier unerschöpfliche und sekündlich wachsende Datenbank unterschiedlichsten Materials. Autor und YouTuber John Green, von dem ich großer Fan bin und dessen YouTube-Kanal „CrashCourse“ ich bereits hier empfohlen habe, singt in dem TED-Talk „The nerd’s guide to learning everything online“ nicht nur ein Loblied auf die Lehrmöglichkeiten des Internets. Er zeigt auch noch einmal in beeindruckender Weise auf, wie wir Menschen uns die Welt, in der wir leben, selbst schaffen. Persönliche Kartographie nennt er das und zeigt sehr anschaulich, was wir erreichen können, wenn wir aus unserer Filter Bubble ausbrechen. Denn, so sagt er, die Karte, die wir uns von unserem Leben machen, zeigt zwar nicht, welchen Weg wir gehen werden, aber sie zeigt uns alle Wege, die wir gehen könnten. Und indem wir unsere Karte einschränken, schränken wir auch unsere möglichen Wege ein. Mein Bestreben ist daher ständig, mir bewusst zu machen, welche Vorstellungen ich von meinem Leben habe, woher sie kommen und auf welchen Weg sie mich leiten. Und dann versuche ich die Perspektive zu wechseln, mir klar zu machen, welche anderen Wege mir offenstehen und zu hinterfragen, ob der Weg auf dem ich mich befinde, tatsächlich der ist, auf dem ich sein will. Und dann… plopp!

© Beitragsbild: Leeroy | lifeofpix

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