Weniger Mut, mehr Selbstvertrauen

Höhenangst? Füße baumeln weit oben in der Luft

Mut – gerade in der Gründer- und Selbstständigen-Community ein viel beschworenes Thema. Mutig sein. Zum Gründen gehört Mut, zum Schritt in die Selbstständigkeit gehört Mut, zum Kündigen gehört ganz viel Mut… Dumm nur, dass ich ein richtiger kleiner Feigling bin.

Nicht, wenn es darum geht zum Beispiel vor Gruppen zu sprechen. Oder nachts allein durch dunkle Gassen zu laufen. Das geht. Darum wirke ich auf viele auch total souverän. Bin ich aber halt nicht. Vor total banalen Sachen hab ich Angst. Vor Spinnen zum Beispiel. Pfui! Bäh! Oder vor tiefem Wasser. Darum geh ich so ungern im Meer schwimmen, weil ich, sobald ich den Boden aus den Augen verliere, einen halben Herzkasper bekomme. Was könnte dort unten in der Tiefe nicht alles auf mich lauern? Ganz schlimm sind Achterbahnen. Als ich klein war, bin ich mal mit meinem Papa auf dem Hamburger Dom in die Achterbahn gegangen. Mit irgendeinem Jahrmarkt-Zucker-Versprechen hat er meinen Kinderwillen gebrochen und mich in den Höllenritt gelockt. Ich weiß noch, dass ich die ganze Fahrt über mit zugekniffenen Augen im vordersten Wagen saß und sicher war, dass es nun mit mir zu Ende gehen würde. In irgendeiner Kurve hat es mir noch meine Mütze vom Kopf geweht, da war es endgültig gelaufen. Tränenüberströmt bin ich im Anschluss in Mamas Arme gerannt und seitdem, komplett traumatisiert, den Rest meines Lebens in keine Achterbahn mehr gestiegen. Feigling halt.

Muss ich über mich hinauswachsen?

Eines meiner Lieblingszitate lautet „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern der Triumph über sie“ und wird (so oder in abgewandelter Form) je nach Quelle allen möglichen weisen Leuten zugesprochen, von Nelson Mandela bis Eleanor Roosevelt. Ich persönlich kenne es aus dem Anne Hathaway Klassiker „Plötzlich Prinzessin“. Ich mag es so gerne, weil ich den Gedanken immer schön fand, dass man nicht total heroisch mutig ist, sondern dass zum Mut eben auch gehört, Angst zu haben und diese zu überwinden. Das hat mir als Feigling immer ein sehr gutes Gefühl gegeben. Dumm nur, dass ich nicht nur feige, sondern auch ziemlich unstrebsam bin. Die alleinige Zielsetzung „mich zu überwinden“ oder „über mich hinauszuwachsen“, ist für mich ein unheimlich schlechter Motivator. Ich kenne viele, für die das eine enorme Triebfeder ist. Mein Nachbar zum Beispiel, der Schwimmen hasst und trotzdem mehrmals pro Woche bis zur Erschöpfung durchs Becken pflügt, um sich auf einen Triathlon vorzubereiten. Er ist erst richtig glücklich, wenn es in den Muskeln gebrannt hat und er trotz der Schmerzen weitergeschwommen ist. Ich bin da anders. Wenn mein Kopf mir vorschlägt: „Komm, mach doch auch mal wieder Sport“, antworte ich sofort mit: „Gute Idee! Oder… Du setzt Dich stattdessen aufs Sofa…“ Dreimal dürft Ihr raten, wann ich das letzte Mal beim Sport war.

Frage ich meinen Nachbarn, warum um alles in der Welt er denn unbedingt beim Triathlon mitmachen will, obwohl er schwimmen so doll hasst, sagt er: „Weil ich mir beweisen will, dass ich es kann.“ Darüber denke ich nach. Würde sich das so gut anfühlen, über mich hinauszuwachsen, dass ich dafür jede Woche unter Schmerzen etwas tue, was ich nicht leiden kann? Ich glaube, da bin ich einfach anders gepolt. Ich lebe ganz gut damit, dass ich bestimmte Dinge kann und andere eben nicht. Ich probiere und lerne gerne Neues, aber ich habe auch eine sehr niedrige Frustrationsgrenze. Häkeln und Gitarre spielen machen mir Spaß, weil man da schnelle Lernerfolge hat. Schon nach kurzer Zeit konnte ich beides gut genug, damit es mit Spaß macht. Joggen und zeichnen machen mir keinen Spaß, weil man viel Zeit investieren muss, um sich zu verbessern. Mein Basis-Können reicht mir hier einfach nicht aus, um mich darüber hinaus zu motivieren. Wenn man nach zehn Minuten leichtem Trab die Straße hinunter völlig aus der Puste ist, finde ich das einfach keinen schönen Zeitvertreib. Viel Zeit zu investieren, um mir die Grundlagen von etwas anzueignen, habe ich nie richtig gelernt. In der Schule und auch im Job habe ich immer recht schnell und einfach gelernt. Und was ich nicht schnell verstanden habe, wie Chemie zum Beispiel, das habe ich halt abgewählt. Wieso soll ich viel Zeit und Energie in etwas investieren, um es zu lernen, wie Geige, wenn ich mir etwas anderes in zehn Minuten mithilfe eines YouTube-Videos aneignen kann, wie Häkeln? Das ist doch produktiver. Produktivität mag ich. Ich bin auch nicht faul. Ich arbeite gerne – auch viel. Ich hab nichts gegen Stress. Wenn ich nur das Gefühl habe, dass ich vorankomme.

Ich kann viel mehr als ich glaube

Neulich bin ich doch mal wieder Achterbahn gefahren. Ich war in Paris und bin mit einem Freund ins Disneyland gefahren. Zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren. In meiner jungen Teenager-Zeit war ich dort und fand es toll. Ich habe damals alles gemacht – außer natürlich Achterbahn fahren. Und all diese schönen Attraktionen – Alices Labyrinth, die Drachen-Höhle, die „It’s a small World“-Bootstour – wollte ich wieder machen und in Erinnerungen schwelgen. Mein Kumpel ist aus allen Wolken gefallen, als ich ihm eröffnete, dass ich in keine Achterbahn steigen würde. „Warum gehen wir dann überhaupt da hin?“ Meine Antwort – für die Kindheitserinnerungen – hat er nicht gelten lassen. Er ist nur unter der Bedingung mitgekommen, dass wir für jede Kinderaktivität auch einmal Achterbahn fahren würden. Und dass er nicht die Bootstour mitmachen müsste. Ich saß also an einem bitter kalten Oktobertag in einer Achterbahn nach der anderen. Im Tower of Terror, im Space Mountain, im Aerosmith Rock’n’Rollercoaster. Ich habe so viel geschrien, dass ich mir die Lungen verkühlte und eine Woche lang krank war. Aber – es war nicht so schlimm, wie ich es in Erinnerung hatte. Toll fand ich es nicht. Ich bekomme einfach nicht dieses Adrenalin-High nach dem Schock. Aber es hat mir etwas anderes gegeben: Die Erfahrung, dass ich es aushalten kann.

Das hatte für mich nicht wirklich etwas mit über mich hinauswachsen zu tun. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas Schreckliches überwunden zu haben. Es war eher die überraschende Erkenntnis, dass es ganz einfach nicht so schrecklich war, wie ich es mir in meinem Kopf vorgestellt habe. Dass ich mich nicht furchtbar überwinden muss, um Achterbahn zu fahren, sondern dass ich ganz einfach Achterbahn fahren kann. Nicht besonders gut und nicht besonders gern, aber ich kann es. Und diese Erkenntnis habe ich interessanterweise abgespeichert und kann sie nun in anderen Situationen wieder abrufen. Wenn ich zum Beispiel vor einer beruflichen Herausforderung stehe. Oder vor einem ersten Date nervös in der Bahn sitze. Dann kann ich mich daran erinnern, wie schlimm Achterbahn fahren in meiner Vorstellung war, und dass ich es trotzdem geschafft habe. Und dann habe ich das Gefühl, dass ich eigentlich alles schaffen kann. Nicht, weil ich mutig bin und mich überwinden kann, sondern weil ich schon jetzt zu viel mehr in der Lage bin, als ich denke. Weil ich häufig Situationen nicht mit sinnvoller Angst begegne, sondern mich einfach selbst unterschätze und mich zu bestimmten Dingen – grundlos – nicht in der Lage fühle. Zum Spinnenwegmachen zum Beispiel. (So viel sei dazu gesagt: Spinnen fasse ich trotz kathartischer Achterbahnfahrt nicht an. Selbsterkenntnis hat ihre Grenzen).

Das hat mir sehr geholfen. Und tut es noch, jeden Tag. Das Gefühl, dass hinter dem Mantra „Du kannst das“, „Du schaffst das“ tatsächlich etwas steckt. Dass es der Wahrheit entspricht. Dass die Wahrheit in 99 Prozent der Fälle wirklich ist, dass ich es kann. Und dann muss ich mich und meinen Schweinehund gar nicht mehr überwinden. Dann brauche ich gar keinen Mut. Dann kann ich einfach auf mich vertrauen und mich allen Herausforderungen stellen. Mit nur ganz wenig Adrenalin-Ausschüttung. Aber trotzdem viel Erfolgsgefühl.

© Beitragsbild: Alex Wong | Unsplash

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