Stress ist nicht ein objektiver Zustand, sondern wird von jedem und jeder anders empfunden. Warum fühlen wir uns aber oft so gestresst? Und was können wir dagegen tun?Seit kurzem habe ich eine Spülmaschine. Zum ersten Mal in meinem Leben. Jedes Mal wenn ich sie anschalte, freue ich mich, dass ich nicht abwaschen muss. Welch eine Zeitersparnis! Welch ein Luxus! Welch ein Glücksgefühl! Aber, wie ich neulich ungläubig feststellen musste, diese Dankbarkeit ist Spülmaschinenbesitzern nicht inhärent: Nach einem gemütlichen Abendessen bei Freunden entbrannte dort plötzlich ein bitterer Beziehungsstreit – die Spülmaschine war nicht ausgeräumt worden! Dabei war er doch den ganzen Tag zuhause gewesen! Jetzt musste sie das wieder machen! Ich saß staunend daneben. Wie konnte man sich über diese fünf Minuten Arbeit aufregen? Noch dazu über eine so angenehme Arbeit: durch Zauberhand sauberes Geschirr in Schränke einsortieren – was kann es schöneres geben?

Natürlich stand ich nicht wirklich minutenlang fassungslos daneben. Ich erkannte schnell, dass für jemanden, der von klein auf mit einer Spülmaschine großgeworden ist, das Ausräumen eine sehr nervige Angelegenheit darstellt. Die Zeitersparnis ist ja nur in der Relation zu einem zuvor erlebten Abwasch-Mehraufwand spürbar. Auch ich werde mich sicher über kurz oder lang daran gewöhnen, dass abwaschen nicht mehr zu meinen regelmäßigen Aufgaben gehört, und das Glücksgefühl beim Ausräumen der Spülmaschine wird nachlassen. Das finde ich schon jetzt traurig. Was habe ich aber daraus gelernt? Dass Stress eine Empfindungssache ist. Wir – in der heutigen Gesellschaft – fühlen uns ständig unheimlich gestresst. Aber woher kommt das? Und was können wir dagegen tun?

Stress durch die Fortschrittslüge

Während Ökonomen der Menschheit früher, in Zeiten der Industrialisierung, eine rosige Zukunft voller Freizeit ausmalten, in der Maschinen den Großteil unserer Arbeit für uns erledigen würden und wir uns Cocktails schlürfend im Garten sonnen könnten, sieht die Realität heute sehr anders aus. Beispiel: Wir müssen für Verhandlungen mit Partnern in den USA nicht mehr wochenlang auf Schiffen den Atlantik überqueren – abgeschnitten von der Zivilisation, mit viel Zeit zum Lesen und Delfine-Beobachten. Entscheidungen werden heute in wenigen Minuten in Online-Videokonferenzen getroffen. Verbringen wir die gewonnenen Wochen stattdessen relaxt auf einer Kreuzfahrt (die Delfine wollen wir schließlich trotzdem springen sehen)? Natürlich nicht. Noch schlimmer: Wenn wir doch einmal vor Ort sein müssen, steigen wir in ein Flugzeug in dem wir – dank WLAN – auch die paar Stunden noch weiterarbeiten können.

Weil es möglich ist, schneller zu arbeiten, tun wir das auch. Wir könnten eine E-Mail versenden und denken: „Per Post wäre die jetzt zwei Tage unterwegs, die Antwort auch, ich schau einfach in vier Tagen mal wieder in meinen Posteingang.“ Das tun wir aber nicht. Wir schauen täglich, wenn nicht stündlich nach. Wir haben vielleicht sogar eine App auf dem Handy, die uns sofort darüber informiert, wenn eine neue E-Mail eingegangen ist. Und dann reagieren wir sofort. Weil wir es können. Daraus entwickelt sich im Gegenzug die Erwartungshaltung, dass unser Gegenüber ja auch sofort auf unsere E-Mails antworten kann und es deswegen auch tun sollte. Eine unbeantwortete E-Mail im Posteingang ist darum eine unangenehme Aufforderung: Du solltest sofort eine Antwort schicken.

Also tun wir das – schnell mal. Am besten, während wir eigentlich gerade in einem Meeting sitzen. Oder Mittag essen. Multitasking ist – obwohl es genug Studien gibt, die zeigen, dass Menschen dazu eigentlich gar nicht in der Lage sind – zu einer Standard-Anforderung der heutigen Arbeitswelt geworden. Die vielgelobten technischen Errungenschaften bringen uns Arbeitsbeschleunigung statt Entlastung. Erinnert Ihr Euch noch daran, wie geduldig wir neben unseren ersten Modems warteten, während sie sich lärmend (Blip blip blip… krrrrrrrrrrrrr krrrrrrrrrrrrrr… piiiiiiiieeeeeeep piiiiiiiiiieeeeeeeep) ins Internet einwählten? Und ertappt Ihr Euch jetzt auch dabei, dass Ihr das „echt unmögliche“ Netz verflucht, wenn Ihr auf Euren tragbaren Mini-Hochleistungs-Computern länger als eine Sekunde darauf warten müsst, dass das niedliche Katzen-Video lädt? Ich sag’s Euch, wie’s ist: Diese anerzogene Ungeduld ist die Wurzel allen Übels. Aber wie können wir dem Trend entgegenwirken?

Lifehack gegen Stress 1: Fokus

Wir müssen uns freimachen vom empfundenen Multitasking-Zwang. „Egal, was Menschen tun, es geht ihnen besser, wenn sie sich auf eine Sache konzentrieren“, erklärt die Psychologie-Professorin Elizabeth Dunn dem Economist. Die Antwort ist also: priorisieren und dann eins nach dem anderen machen. Das kann zum Beispiel heißen, sich To-Do-Listen zu schreiben. Oder ausschließlich zu festgelegten Zeiten in den E-Mail-Eingang oder aufs Handy zu gucken.

Der Freizeit-Stress

Multitasking ist in unserem Arbeitsalltag so elementar geworden, dass wir es automatisch auch auf unsere Freizeit übertragen. Das Fernsehen, vor dem man sich früher versammelte und das unsere ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zog, ist in den letzten Jahren zum Nebenbei-Medium degradiert worden. Per Second Screen beantworten wir gleichzeitig E-Mails, chatten über WhatsApp oder shoppen im Online Store. Die Flimmerkiste läuft – wie früher das Radio – als Hintergrundberieselung, während wir bügeln, abwaschen, oder im Fitnessstudio auf dem Laufband schwitzen. Einfach nur fernsehen? Was für eine Zeitverschwendung! Weil wir uns ständig gestresst fühlen, wollen wir unsere „wenige“ Freizeit wenigstens sinnvoll nutzen.

Besonders Eltern sollen sich diesem Stress verstärkt aussetzen. In ihrem neuen Buch „Pressed for Time: The Acceleration of Life in Digital Capitalism“* spricht die Soziologin Judy Wajcman von dem Druck, dem sich berufstätige Frauen heute ausgesetzt fühlen, neben einer Karriere auch genug Zeit und Energie für ihr/e Kind/er aufzubringen. Und auch bei Vätern sehe ich natürlich diesen Druck. Während es früher normal war, dass Väter sich am Sonntag Zeit für ein Fußballspiel mit den Kleinen nahmen, geht der Trend mehr und mehr dahin, dass auch sie sich voll in Haushalt und Familie einbringen. Aus zwei Erwachsenen mit separaten Aufgabenbereichen werden zwei Eltern, die beide alles machen (wollen). Für die eigene „Freizeit“ bleibt da kaum Zeit übrig. Umso mehr, da das Angebot, wie man seine Freizeit verbringen könnte, stetig wächst.

Was waren das noch für Zeiten, als wir auf das TV-Programm angewiesen waren! Dinge die liefen, während wir in der Schule und im Büro saßen oder tief und fest schliefen, konnten einfach nicht angesehen werden. Wenn man einen Videorecorder hatte und das VPS-Signal ausnahmsweise mal richtig funktionierte, konnte man seine Sendung mit Glück nachholen – doch garantiert war das nie. Heutzutage ist im Internet alles jederzeit abrufbar. Alle Serien, von früher und heute, alle Kinofilme, alle Bücher und Hörspiele, Podcasts, Games, Bastelanleitungen, Fortbildungsmöglichkeiten – alles ist nur einen Knopfdruck entfernt, jederzeit abrufbar und vergleichsweise kostengünstig.

Kein Wunder, dass wir uns gestresst fühlen. Während „Tatort“-Gucken früher quasi die einzige Option für Entertainment am Sonntagabend war, bedeutet „Tatort“-Gucken heute, dass wir unzählige andere Filme und Serien dafür nicht ansehen können. Ständig verpassen wir alles Mögliche und werden nie genug Zeit haben, das jemals nachzuholen. Wie soll man seine Freizeit da noch genießen, wenn man eigentlich ständig das Gefühl haben muss, sie doch nicht richtig genutzt zu haben?

Lifehack gegen Stress 2: Beatles hören

Beziehungsweise: auf die Beatles hören. „Zeit, die man zu verschwenden genießt, ist nicht verschwendet“, sagt John Lennon. Und so sollte man an die Sache doch herangehen: Zeit mit den Kindern verbringen, aber nicht den Anspruch haben, Super-Mutti sein zu müssen. Sich über die Dinge, die man tut und erlebt freuen, anstatt sich über die zu ärgern, die man verpasst. Denn dass ein Überangebot uns eher unglücklicher als glücklicher macht, ist nichts Neues. Also Schluss mit FOMO (fear of missing out) und lieber auf einer Party richtig feiern, als zwischen dreien gestresst hin und her hoppen.

Die Freelance-Stress-Falle

„Zeit ist Geld“ heißt es so schön. Für niemanden stimmt das mehr als für Selbstständige. Denn tatsächlich bedeutet jede Stunde Arbeit bares Geld. Im Umkehrschluss kann das ganz schön in Stress ausarten, wenn jede Stunde Freizeit, jeder Urlaubstag, jedes lange Mittagessen und jeder Krankheitsausfall gegen das „verlorene“ Geld aufgerechnet wird. Plötzlich bedeutet Freizeit Verlust und Verzicht, anstatt Zugewinn. Für einige sogar Angst – vor der Zukunft, vor dem Ruhestand, vor der nächsten Krise.

Auch unabhängig von tatsächlichen Notwendigkeiten ist Stress gesamtgesellschaftlich anscheinend ein wünschenswerter Zustand geworden. Während die Streber früher in der Schule ausgelacht wurden, können heute die Fleißigen, die abends länger im Büro bleiben, mit durchschnittlich 6% mehr Gehalt rechnen als ihre „faulen“ Kollegen. Im Dauerstress zu sein ist dabei nicht nur für Angestellte zu einem regelrechten Statussymbol geworden. Vor Aufträgen gar nicht zu wissen, wo einem der Kopf steht, das ist auch für Freelancer ein „gutes“ Aushängeschild. Schließlich zeigt es einerseits den eigenen Arbeitswillen und gleichzeitig, wie gefragt man ist. Aber soll man sich deshalb in die Stress-Spirale fügen?

Lifehack gegen Stress 3: Klarheit

Gudrun hat hier schon darüber geschrieben, warum auch Selbstständige Öffnungszeiten haben sollten. Wer sich in seiner Selbstständigkeit einigermaßen etabliert hat, dem kann ich nur dazu raten, nicht immer für alles und jeden erreichbar zu sein und auch Aufträge abzulehnen. Ein weiteres Mittel, um sich von dem Zeit-ist-Geld-Problem zu lösen, kann das Einführen von Projektverträgen sein. Viele Autoren lassen sich zum Beispiel nach Zeichen, Wörtern oder ganzen Texten bezahlen, statt in Stunden- oder Tagessätzen. Überleg Dir, ob das auch für Deine Selbstständigkeit ein Weg sein kann, um Dich auf Deine Arbeit und nicht auf den minütlichen Gegenwert zu konzentrieren.

© Beitragsbild: Marcin Czaja | tookapic

*Noch ein kleiner Hinweis: Bei diesem Link handelt es sich um einen Affiliate-Link des Anbieters Amazon. Wenn Ihr über diesen etwas kauft, erhalten wir eine kleine Provision.

2 Kommentare
  1. Pingback: Weißt du, woher dein Stress kommt? —Vanilla Mind

  2. Lisa sagt:

    Danke für diesen super tollen und hilfreichen Text, der mir gerade zur richtigen Zeit über den Weg gelaufen ist – allerdings auch in einer dieser hunderten Ich-lass-mich-mal-kurz-Ablenken-Phasen. War in diesem Fall also für etwas gut 🙂 Toller Text!

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