Claudia Bose ist Betriebswirtin und arbeitet als freiberufliche Beraterin, Interim Managerin und Business Coach. Nachdem sie sich in den letzten Jahren beim Schreiben eines eigenen Buches ausgetobt hat, konzentriert sie sich jetzt mit voller Kraft auf CBO Führungskompass – einer Online-Kurs- und Mentoring-Plattform für Neu-Führungskräfte in KMUs.

Letzte Woche saß ich in einem Büro. Ein Team Meeting war angesetzt. Das ist nichts Neues für mich, sondern Alltag. Seit vielen Jahren saß ich aber das erste Mal wieder inmitten von Kollegen und Kolleginnen und hörte den Neuigkeiten zu, die unsere Chefin uns erzählte. Sie machte das gut – ausführlich, aber dennoch mit Konzentration auf das Wesentliche.

Anschließend holte sie sich das Feedback jedes Einzelnen ein. Auch mich fragte sie, ob ich mich abgeholt und gut genug informiert fühlte. Das hatte mich schon lange niemand mehr gefragt. Und ehrlich gesagt, habe ich es in dieser Form auch nicht vermisst.

Ich war überrascht, dass mich diese eigentlich alltägliche Situation noch eine ganze Weile beschäftigte. Ja, ich hatte richtiggehend daran zu knabbern. Nette Kollegen, interessante Aufgaben, eine Chefin, die Feedback gab und Feedback einforderte. Was also war denn nun eigentlich mein Problem?

Jetzt war ich also wieder Teil eines Teams, nachdem ich für viele Jahre selbst Teams geführt und Führungskräften und Geschäftsführungen zur Seite gestanden hatte.

Ich bin seit 6 Jahren als Interim Managerin, Beraterin und Business Coach mit den Schwerpunkten Kundenservice und Team-Entwicklung selbstständig. Zu Beginn haben meine beruflichen Kontakte zu einem Konzern dafür gesorgt, dass ich schnell Fuß in internationalen Großprojekten fassen konnte. Allerdings wurde es immer frustrierender für mich, ein kleines Rädchen in einem riesigen Getriebe zu sein – ohne echte Verantwortung, ohne wirklich Entscheidungen zu treffen. Ich befüllte Excel-Tabellen, saß in Meetings und hatte Deadlines für Power-Point-Präsentationen einzuhalten. Klar profitierte das Unternehmen von meinem Fachwissen im Bereich des Kundenservice, aber kreativ oder innovativ hatte ich bitte nicht zu sein.

Als dieser Auftrag auslief konzentrierte ich mich deshalb auf mittelständische Unternehmen und fand dort meinen Platz. Es gab auch hier eine Menge Druck, die Zielstellungen, für die man engagiert wurde, auch mit vorzeigbaren Ergebnissen zu erreichen. Dennoch war diese Art des Arbeitens eine ganz andere. Ich lernte die unterschiedlichsten Branchen kennen, übernahm Verantwortung bei akuten Problemstellungen und leitete vorübergehend vor allem Kundenservice-Teams, bis diese neu strukturiert und eine dauerhafte Leitung gefunden hatten.

Ich wurde aufgrund meiner fachlichen Expertise im Kundenservice und meiner Zusatzqualifikation als Business Coach gebucht. Meine Erfahrung und meine Meinung waren gefragt und gefordert. So wollte ich arbeiten: phasenweise voller Stress, aber dafür frei in meiner Zeiteinteilung. Ich konnte zum Sport gehen, an Netzwerk-Lunch-Treffen teilnehmen und musste meine Wochenendtrips nicht zu den stressigsten Reisezeiten am Freitag- bzw. Sonntagabend antreten. Zu Beginn jeden Jahres plante ich meine Weiterbildungen, die genau auf meine Interessen ausgerichtet waren.

Im letzten Dreivierteljahr bekam diese berufliche Idylle allerdings gehörige Risse. Mir wurde klar, dass auch in dieser Art des Arbeitens meine persönliche Entwicklung begrenzt war, wenn ich zum wiederholten Male einen Kundenservice in einem mittelständischen Unternehmen optimieren sollte. Dass mein soziales Leben mehr und mehr auf das Wochenende reduziert wurde und ich die Woche über aus dem Koffer in einer fremden Stadt (wenn ich Glück hatte) lebte, weil das mit der Drei-Tage-Woche vor Ort dann doch nicht realisierbar war, obwohl es vorab so besprochen wurde.

Mir wurde mehr und mehr bewusst, dass mich diese „Zeit gegen Geld“ Situation stresste (Altersvorsorge! Rücklagen aufbauen! Umsatz steigern!) und ein Anstieg in meinem Verdienst auf diese Art und Weise nur schwer bis gar nicht realisierbar sein würde.

Ich musste einen neuen beruflichen Weg für mich finden.

Seit einigen Monaten formte sich in mir die Idee für ein ganz neues Geschäftsmodell, basierend auf meinen beruflichen Erfahrungen, die ich in klein- und mittelständischen Unternehmen gemacht habe.

Seit Jahren wächst in mir der Traum, Unternehmerin zu werden. Ich will selbst gestalten. Meine eigenen Ideen mit Leben füllen und wachsen und gedeihen sehen.

Ich möchte alle Erfahrungen, die ich gesammelt habe, genauso umsetzen, wie ich es für richtig halte. Und jetzt habe ich die passende Idee und dank bereits vieler geführter Gespräche mit potentiellen Wunschkunden auch die Bestätigung, dass meine Idee ihren Markt und ihre Kunden finden wird.

Aus einem kleinen Gedanken ist mittlerweile ein großes Businessmodell geworden und ich bin auf der Suche nach Partnern und einer Finanzierung.

Und jetzt stand ich nun vor der Frage, wie ich mit all diesen persönlichen Veränderungen umgehen sollte, wie ich meine Idee entwickeln und vorantreiben und dennoch meinen Lebensunterhalt verdienen konnte.

Da das Unternehmen, das mich in den letzten Jahren immer mal wieder beauftragt hat, immer wieder betonte, dass sie gerne längerfristig mit mir zusammenarbeiten wollten, war die Frage nach einer befristeten Festanstellung schnell ausgesprochen. Und ganz schnell lag ein Vertrag vor mir auf dem Tisch. Die Rahmenbedingungen konnte ich komplett selbst festlegen: befristet auf ein Jahr, teilweise Home Office (das Unternehmen ist in einer anderen Stadt angesiedelt), komplett freie Zeiteinteilung, schriftliche Zusage, dass ich nebenberuflich weiterhin als Freelancerin arbeiten durfte. Nur das Gehalt war leider nicht verhandelbar.

Mit meiner Unterschrift hatte ich Visitenkarten und einen festen Platz im Organigramm, Stellenbezeichnung: Projektmanagerin.

Für mich ändert sich nicht viel, dachte ich. Aber es änderte sich doch etwas. Jetzt bin ich in eine Hierarchie eingebunden und habe mich an Regeln zu halten, die vorher für mich nicht galten. Ich repräsentiere ein Unternehmen. Und ich habe eine Vorgesetzte, die wiederum der Geschäftsführung untersteht. Es gibt Anweisungen, an die ich mich halten muss.

Privat habe ich einen deutlich kleineren finanziellen Spielraum, mit dem ich monatlich klar kommen muss und der meinen gewohnten Lebensstil einschränkt. Im Gegenzug ist es eine Erleichterung, nicht mehr monatlich den Maximalbetrag (freiwillig) an die gesetzliche Krankenkasse abführen zu müssen und mein Rentenkonto wird nach vielen Jahren auch wieder etwas aufgestockt (juhu).

Teilzeit und Homeoffice sind eine Herausforderung, an deren Strukturierung ich mich noch sehr aufreibe. Ich habe mich auf anspruchsvolle Projekte meines Arbeitgebers zu konzentrieren, während es mir in den Fingern juckt, meine eigene Unternehmensgründung voranzutreiben.

Vielleicht habe ich aber genau diese Situation gebraucht, um noch einmal ganz deutlich zu erkennen, dass das nicht meine berufliche Zukunft ist.

Trotz vieler gestalterischer Freiheiten in meinem Job, trotz extrem netter Kollegen und viel Entgegenkommen wird mir immer klarer, dass ich meine Energie und mein Wissen für meine eigenen Themen einsetzen will. Ich will etwas Eigenes schaffen. Meine ganz persönlichen Spuren auf meiner und unserer Straße hinterlassen.

Vielleicht ist es tatsächlich pures „Ego“, was mich antreibt.

Gut, dann ist es eben der Wille nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung. Ist das etwas Schlechtes? Warum reibe ich mich denn gerade dermaßen auf, neben meiner sehr anspruchsvollen Teilzeit-Festanstellung ein eigenes Projekt auf die Beine stellen zu wollen? Was treibt mich an?

Nach einer Arbeitswoche in meinem angestellten Job bin ich einfach nur müde und erschöpft. Ich gebe viel und ich muss mich aktiv selbst sehr anstrengen, um diese leeren Energiespeicher wieder zu füllen. Arbeite ich dagegen an meinen eigenen Projekten, ist das jedes Mal dermaßen befriedigend, dass ich das Wochenende mit einer unglaublich erfüllten Erschöpfung starte. Die Euphorie und Freude über jeden noch so kleinen Erfolg gibt mir neue Kraft.

Misserfolge schlauchen und deprimieren, aber sie ziehen mich nur kurz runter – ganz schnell formt sich ein „jetzt erst recht“, das mich wieder aufstehen und weitermachen lässt.

Es gibt keinen Plan B.

Wenn mir dieses noch kurze Intermezzo als (Wieder-)Angestellte etwas jetzt schon ganz deutlich gemacht hat, dann dass ich es mir nicht vorstellen kann, die nächsten 20 bis 25 Jahre in Team Meetings zu sitzen und mir von meinem Gegenüber erzählen zu lassen, wo das Unternehmen gerade steht, für das ich jeden Tag mein Bestes gebe. Genau diesen Status will ich selbst gestalten und selbst verkünden. Ich will dafür verantwortlich sein, mein eigenes Team zu begeistern und unsere Ideen in die Welt hinaustragen.

© Beitragsbild: Unsplash

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