Interview mit der Webdesignerin Ricarda Kiel

Ricarda Kiel

Spätestens nachdem wir Görls gemeinsam mit Ricarda in einem kleinen „französischen“ Café in Hamburg Kaffee trinken waren, war klar, dass ich unbedingt ein Interview mit ihr machen möchte. Schon lange war ich Fan von ihren Texten, die sie regelmäßig auf superwork veröffentlicht – ein Projekt das Menschen und ihre Arbeitswelten zeigt. Aber nach dem persönlichen Treffen war es um mich geschehen. 😉 Im Frühjahr haben wir bereits Alicia Metz interviewt, die auch als Autorin auf superwork schreibt. Nachdem ihr das Interview mit Ricarda gelesen habt, klickt Euch doch auch zu dem von Alica durch!

Ricarda, Du arbeitest seit nun mehr zehn Jahren als Webdesignerin, bist aber eigentlich gelernte Goldschmiedin und Schmuck-Designerin. Wie kam es dazu, dass Du Dich als “Website-Hebamme” -wie Dich Kunden auch liebevoll bezeichnen- selbstständig gemacht hast?

OK, hier kommt die Antwort, die all die leidenschaftlichen „Liveyourdream!“-Typen nicht gerne hören: Weil ich Geld gebraucht habe.

Ich wollte unabhängig leben. In der Stadt, die ich mir ausgewählt hatte, mit den Menschen, die ich um mich wollte. Klar hätte ich mir diese Unabhängigkeit am liebsten mit Design und Schmuck und Zeichnungen und witzigen kleinen Büchlein erschaffen, aber ich war ja bereits in eine der teuersten Städte Deutschlands gezogen und hatte schon eine Miete zu zahlen und manchmal muss man dann auch einfach handeln. Web-Programmierung hatte ich mir schon ein bisschen beigebracht, und dann habe ich mir den Rest eben auch noch draufgepackt, dank des grandiosen Internets.

Damals war ich noch überhaupt keine Website-Hebamme, damals hieß mein Unternehmen „Butter & Fische“ und ich hab‘ einfach nur Websites gemacht, für alles und jeden.

Die Entwicklung zu dem Punkt heute, an dem ich ganz genau weiß, wer von der Arbeit mit mir am meisten profitiert, und an dem es um so viel mehr geht als um Websites, nämlich um das Sich-Zeigen im Netz und darum, wie man über sich selber schreibt – diese Entwicklung hat richtig lange gedauert. Und es hat sich nachträglich herausgestellt, dass es für mich als gesamte Person, also auch als Künstlerin, eine wichtige Entwicklung war.

Hast Du das Gold schmieden und Schmuck designen gänzlich aufgegeben? Wenn ja, warum? Wäre es nicht auch denkbar, dass Du sowohl dieser Tätigkeit selbstständig nach gehst, als auch Deinen Kunden dabei hilfst, eine eigene Website zu erstellen?

Denkbar bestimmt – aber ich habe mich dagegen entschieden. Und zwar nicht bewusst und vielleicht auch nicht dauerhaft, aber für den Moment. Der Grund dafür ist auch nicht, dass ich es neben der Website-Arbeit nicht schaffen würde, sondern dass meine Kunst inzwischen eine andere ist: Ich schreibe Lyrik.

Du hilfst also Kunden beim Sichtbarmachen ihrer Arbeit. So umschreibst Du es jedenfalls auf Deiner eigenen Website. Mal von einer Homepage abgesehen, welche Möglichkeiten gibt es, um sich selbst im Netz sichtbarer zu machen? Und welche nutzt Du für Dich selbst?

Neben der eigenen Website gibt es vor allem die Websites anderer, um sich selber sichtbar zu machen. Das können andere Blogs und Projekte sein (wie bei mir mit superwork) oder Social Media Websites. Ich selber nutze aktiv vor allem meine eigene Website und die anderer, Social Media sehe ich tendenziell kritischer, ich kann damit nicht gut umgehen. Trotzdem haben wir uns ja zum Beispiel über Twitter kennengelernt – ich experimentiere also schon auch gerne.

Vielleicht versteht Ihr jetzt warum ich Twitter liebe! 😉

Auf superwork, eine Interviewreihe über Träumer, Gründer und Selbermacher, auf deren Blog Du seit über einem halben Jahr mitschreibst, antwortest Du in einem Interview auf die Frage, ob Du es einfach findest sich in Deutschland selbstständig zu machen, dass insbesondere bei Gründerinnen die Angst auftaucht, “rauszugehen und sichtbar zu werden”, wenn es soweit ist. Was glaubst Du, worin diese Angst begründet liegt?

Im Perfektionismus. Wir denken, aus welchen Gründen auch immer, dass wir keine Fehler machen dürfen. Dass mit dem falschen Logo unsere gesamte Selbständigkeit den Bach runtergeht, dass eine Horde von Menschen da draußen ist, die nur darauf wartet, uns auszulachen.

Der Gedanke, mal klein anzufangen und von den eigenen ersten Kunden zu lernen und Schritt für Schritt eine Selbständigkeit zu erlernen, ist oft wahnsinnig fern – zumindest erlebe ich das bei meinen eigenen Kundinnen oft so. Und dann ermutige ich sie, diesen Wahn abzulegen, die neue Seite erstmal einer kleinen Runde von Menschen zu zeigen, zu beobachten, wie sie ankommt, zu experimentieren. Mit Leichtigkeit und Freude und einatmen und ausatmen, und nicht mit diesem Zähneknirschenden Druck, dass das jetzt deine eine und letzte Chance ist zu zeigen, dass du etwas wert bist.

Du bist in Amerika aufgewachsen. Haben Amerikanerinnen dieselben Ängste? Oder ist das Verhalten deutscher Gründerinnen der viel zitierten German Angst zuzuschreiben?

Ich vermute, dass viele Amerikanerinnen zwar ähnliche Ängste haben – vor dem Versagen, vor dem alleine sein, vor dem ausgelacht werden, davor, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, weil man könnte ja falsch liegen – aber insgesamt etwas entspannter damit umgehen.

Was vermutlich daran liegt, dass es in Amerika nicht so ungewöhnlich ist, sich hin und wieder selbst neu zu erfinden. In Deutschland arbeitet man ja eher an der Ewigkeit und baut sich ein Selbstbild auf (und dichtet anderen ein Fremdbild an), das man dann in Beton einbettet.

Kannst Du grundsätzlich einen Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen Gründerinnen ausmachen? In einem Interview mit Klaus Schaumberger für existenzgruender-helfer.de. de sagst Du amerikanische Gründerinnen “haben oft verdammt viel Schwung und eine spürbare, ansteckende Lust an ihrer Arbeit”. Ist es das? Was können wir uns von ihnen abschauen?

Wir können uns ihre Ehrlichkeit abschauen.

Also natürlich nicht von allen, aber die, die ich meine, haben eine sehr starke und selbstbewusste Art, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Uns durch ihre Augen auf die Welt schauen zu lassen. Sie haben eine Bereitschaft, sich hinzustellen und zu sagen: Mein Blickwinkel (als Unternehmerin, als Frau, als Dunkelhäutige, als amerikanische Asiatin mit chronischer Erkrankung, als umweltbewusste Floristin, als Unternehmensberaterin, die Harry Potter liebt) zählt, der spielt eine Rolle für andere, und deshalb gebe ich meine persönliche Geschichte zur Diskussion frei. Wenn ich meine Arbeit in einem so viel größeren Kontext begreife, habe ich natürlich mehr Schwung…

Ich bin da selber noch nicht an dem Punkt, an dem ich sein will. Ich würde auch gerne mehr und näher und vielschichtiger und sensibler meine Geschichte erzählen und in einen großen Kontext packen können.

Aber dann kommt natürlich gleich die Angst – was machen andere mit meiner Geschichte? In Deutschland schreibst du ein Buch über das „Frei sein statt frei haben“ und prompt wird auf Bild.de vermutet, dass bestimmt dein Ehemann dein Unternehmen finanziert, denn eine „echte“ Selbständigkeit kann niemals schön sein und sich niemals gut anfühlen, wo kämen wir denn dann hin…

Solche Zweifler gibt es in Amerika natürlich auch, und die stehen dort dann eher auch mal mit dem Gewehr vor deiner Tür – aber es gibt in diesem riesigen Land auch mehr Nischen und Gemeinschaften. Geschützte Bereiche Gleichgesinnter, die Mut machen und wirklich Unterstützung geben, und in denen dieser ganz feine, kleinteilige, sensible, heftig schwungmachende Dialog stattfinden kann.

Diese Gemeinschaften, in der Zahl, auf dem Niveau, fehlen mir noch in Deutschland – aber genau das versucht ihr mit Frau,Frei & und wir mit Superwork und das Missy Magazine mit ihren Artikeln und zig andere mit weiteren Projekten ja zu ändern. Ich glaube nur, dass wir da insgesamt noch einiges an Arbeit vor uns haben, und die dreht sich aus meiner Sicht vor allem um die Frage, wie ich ehrlich und offen einen persönlichen und wertvollen Beitrag zu einer größeren Diskussion leisten kann. Mareice vom Kaiserinnenreich ist mir dafür zum Beispiel ein riesiges Vorbild, und ich wünsche mir viel mehr Menschen in Deutschland, die sich trauen, so aus ihrer Welt zu berichten.

In dem Interview mit Klaus Schaumberger sprichst Du auch davon, dass Du zu Deiner eigenen Selbstständigkeit von
amerikanischen Gründerinnen inspiriert wurdest. Kannst Du uns verraten, welche Frauen Dich besonders geprägt haben?

Sarah Ryhanen (die Floristin von oben), Gwen Bell, Ash Ambirge, Naomi Dunford, Alexandra Franzen – das ist so in etwa mein Heldinnenteam.

Maren Matschenko -selbst eine inspirierende Frau- hast Du verraten, dass Dich Geschichten und Biografien anderer grundsätzlich inspirieren, ebenso wie Bücher. Hast Du eine Empfehlung für uns? Welches Buch sollte jede Selbstständige gelesen haben?

Boah, im Moment – und ich umarme hier meine eigenen Widersprüche – würde ich eher raten, weniger Selbständigkeits-Ratgeber zu lesen. Gar nichts mehr zu lesen und mehr auf den eigenen Bauch zu hören. Sachbücher aus völlig anderen Bereichen zu lesen, Jean Henri Fabre zum Beispiel oder Annie Dillard. Literatur zu lesen – je mehr Literatur du liest, umso besser verstehst du, wie verwirrend, kompliziert, liebesbedürftig, wahnsinnig, großartig Menschen sind. Das macht dich auf jeden Fall zum besseren Entrepreneur.

Zurück zu Deiner eigenen Selbstständigkeit.
Klaus Schaumberger sagtest Du: “Das Leben als Selbstständiger ist für mich ein sehr intensives und unglaublich schönes Leben”. Warum?

Es ist mein einzig denkbares Leben. Ich bin nicht anstellbar, und für Akademia sehr ungeeignet. Ich kenne kaum von außen vorgegebene Strukturen. Das ist keine Übertreibung: Ich kenne es nur so, dass ich meinen Tag und mein Leben selber einteile, dass ich meine eigenen Schwerpunkte setze, dass ich die komplette Verantwortung für mein eigenes – seelisches und finanzielles – Auskommen trage.

Das bedeutet für mich, dass jeder Schritt, den ich in meiner Selbständigkeit mache, mit mir zu tun hat. Dass ich andauernd gezwungen bin, über mich nachzudenken, meine Prioritäten abzuwiegen, über mich zu lernen. Das wiederum heißt, dass ich wachse – und das finde ich intensiv und schön.

Was sind für Dich die Schattenseiten an der Selbstständigkeit?

Das sind die Schattenseiten, oder „Schattenseiten“, die das freie Leben insgesamt hat: Verantwortung übernehmen im richtigen Maß ist nicht einfach. Verantwortung übernehmen tut manchmal weh. Ich kann die Schuld nicht einfach weitergeben, sondern muss selber aus einem Fehler oder einer Katastrophe lernen und es nächstes Mal anders und eventuell besser machen. Ich brauche Geduld und Liebe für mich und die Bereitschaft, zu lernen und immer wieder alles zu verändern. Ich muss bereit sein, Widersprüche und Unsicherheiten auszuhalten. Ich bin viel alleine. Ich entscheide viel alleine. Ich muss lernen, mich gut um mich selber zu kümmern.

Von Schattenseiten zu Problemen.
Welche Herausforderungen musstest Du meistern, als Du Dich damals selbstständig gemacht hast? Gab es zum Beispiel bürokratische Hürden, die es zu überwinden galt?

Ich bin dermaßen in meine Selbständigkeit hineingeschlittert, dass ich mich an keine bürokratischen Hürden erinnere – ich habe ja aber auch mit einem ganz simplen Freelancen angefangen, aus meiner damaligen WG heraus. Vor mir der Computer, hinter mir mein Bett, das war meine ganze Welt. Und alle um mich herum waren Kunststudenten und haben mit ihren Händen gearbeitet und wilde Dinge gemacht und ich hatte beschlossen und war wild überzeugt davon, dass ich mit dem Bauen von Websites überleben würde.

Also ja: Ich hatte innere Herausforderungen zu meistern. Ich musste lernen, mir eine tägliche Arbeit zu bauen, die ich mochte und die mich trägt. Und das habe ich nicht unter der Bettdecke in meinem kleinen Notizbüchlein mit einem kleinen Bleistift gemacht – also auch, aber das hat nicht so viel gebracht –, sondern täglich in der Realität.

Zuerst habe ich mich berauscht an dem Lernen neuer digitaler handwerklicher Skills, dann an den ersten erfolgreichen Kundenaufträgen, dann habe ich mich schrecklich geärgert über die ersten schiefgegangenen Aufträge, dann habe ich beschlossen, dass meine Kunden und ich einen besseren Ablauf verdient haben. So ist der Online-Kurs entstanden und später mein Schnellstart, und daraus die ganzen anderen Produkte.

Bist Du auf Deinem Weg auch mal an einem Punkt gescheitert?

Scheitern ist immer so ein großes Wort – es ist ein bisschen die Frage, was du damit meinst. Wenn du mit Scheitern meinst, ob ich auf meinem Weg mal dermaßen zusammengebrochen bin, dass ich alle Pläne aufgegeben und erste Bewerbungen für Festanstellungen geschrieben habe, dann: Nein. Das habe ich nie.

Wenn du damit meinst, ob ich mir Sachen vorgenommen habe und die ganz anders wurden oder überhaupt nichts wurden oder erst nach Jahren etwas wurden, und ich zwischendrin Rotz und Wasser geheult habe, und ich manchmal nicht wusste, wovon ich meine Miete nächsten Monat bezahlen sollte: Ja, und nicht nur einmal.

In einem Artikel der Gründerszene heißt es: “Von einer positiven Kultur des Scheiterns sei Deutschland noch weit entfernt.” Woran denkst Du liegt das? Ist Besserung in Sicht?

Siehe oben – das hat so viel mit der Definition von „Scheitern“ zu tun. Wann machst du etwas – also tust tatsächlich etwas, führst Aktionen aus, setzt Energie um – und lernst rein gar nichts dabei? Das gibt es doch gar nicht. Und Scheitern … wirklich scheitern hieße ja, etwas zu machen und gar nichts aus der Situation mitzunehmen. Das glaube ich nicht, dass es das wirklich gibt – außer eben, du gibst dich und deine Sehnsüchte völlig auf.

Und was bringt die Zukunft für Dich? Ich weiß, dass Du neben Deinem Webseiten-Business auch viel schreibst. Gelesen hatte ich, dass Du Dich dem freien Schreiben mehr widmen willst. Wie ist da der aktuelle Stand? Wäre das eine Tätigkeit, der Du Dich perspektivisch noch mehr widmen möchtest?

Das Schreiben wird immer wichtiger und soll es auch. Ich bin aktuell bei einer 4-Tages-Woche für die Website-Sachen und habe die restliche Zeit zum freien Schreiben.

Außerdem experimentiere ich mit größeren Blöcken an Zeit, in denen ich nur schreibe. Zum Beispiel schenke ich mir zum Geburtstag eine komplette Woche alleine in einer Wohnung in Wien, nur zum Schreiben. Und als nächsten Schritt will ich mir dann mal einen kompletten Monat nehmen – worauf ich mich irre freue, was mich aber gleichzeitig auch total gruselt, aber das sind ja eben doch meistens die besten Situationen.

Recht hast Du! Ich drück die Daumen, dass dieser Monat schnell kommen mag. 🙂 

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© Beitragsbild: Markus Burke

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