So wirst Du ein Lieblings-Freelancer

Hände formen ein Herz vor dem Sonnenuntergang

Wie bereits in anderen Artikeln erwähnt, bin ich wieder fest angestellt. Vor fast genau einem Jahr habe ich die Seiten gewechselt und engagiere nun als Projektmanagerin in einer Online-Marketing-Agentur Freelancer, anstatt selbst Inhalte für Auftraggeber zu produzieren. Der Perspektivwechsel hat mir viel beigebracht, auch über meine eigene Selbstständigkeit.

Als gute Freelancer seid Ihr sicherlich zuverlässig, denkt mit und seid in Eurem Gebiet fachlich und kreativ voll auf der Höhe. Doch es gibt drei Dinge, die Ihr tun könnt, um mich als Auftraggeber noch ein bisschen glücklicher zu machen. So kommt Ihr auf meine Favoritenliste:

1. Seid realistisch

Damit meine ich zwei Dinge: Erstens, wenn ich nach einem Preis frage, nennt mir eine realistische Zahl. Ich weiß, freie Redakteure sind nicht Textbroker. Ich weiß, dass mir keiner einen Artikel für 20 Euro verkaufen wird. Aber es sollte auch jedem klar sein, dass ich nicht monatlich 5.500 Euro für fünf redaktionelle Beiträge aus dem Reisebereich zahlen werde (das war ein echtes Angebot, das ich bekommen habe). Wenn ich jemandem 5.500 Euro für fünf Texte im Monat zahlen könnte, würde ich meinen Job wieder kündigen und sie selbst schreiben. Für das Geld könnte ich dort überall hinreisen, eine Woche vor Ort recherchieren und immer noch etwas für die Rente zurücklegen. Nennt mir also Preise, die ich zahlen kann und mit denen Ihr außerdem Eure Zeit anständig entlohnt seht. Es bringt mir auch nichts, wenn ich Euch einen Dumpingpreis abringe und dafür immer die letzte Priorität auf Eurer To-Do-Liste bin. Gleichzeitig wird kein Freelancer mit mir auf Dauer glücklich, der mir zu Beginn der Zusammenarbeit ein zu niedriges Angebot gemacht hat, über das er sich bei Folgeaufträgen ärgert. Seid also von Anfang an ehrlich darüber, was Ihr verdienen möchtet. Wenn ich Euch das für diesen Auftrag nicht zahlen kann, kommt vielleicht keine Kooperation zustande. Aber sicherlich komme ich für einen späteren Auftrag wieder auf Euch zurück, bei dem ich ein größeres Budget zur Verfügung habe und bereit bin, für die entsprechende Qualität mehr zu bezahlen. Eine langfristige Zusammenarbeit, mit der beide Seiten zufrieden sind, kann doch nur entstehen, wenn beide das Gefühl haben, dass Preis und Leistung angemessen sind.

Zweitens meine ich, dass Freie realistisch mit ihrer Zeit sein müssen. Gerade in einer Agentur habe ich häufig Projekte auf dem Tisch liegen, die kurzfristig umgesetzt werden müssen. Wenn Ihr eine knappe Deadline nicht garantieren könnt, dann sagt mir das lieber offen und ehrlich. Dann habe ich die Chance, mir jemand anderen zu suchen, der gerade mehr Zeit hat. Wenn ich von Eurer Arbeit überzeugt bin, frage ich Euch beim nächsten Auftrag trotzdem wieder an. Wenn mir aber eine Deadline zugesagt und dann nicht eingehalten wird, oder man zum Beispiel der Grafik ansieht, dass sie nur mal eben schnell gemacht wurde, dann beauftrage ich den betreffenden Freien sicher nicht noch einmal.

2. Kommuniziert

Ihr habt ein Privatleben, Ihr habt andere Auftraggeber, Ihr habt ein Recht auf Feierabend und Urlaub – das ist selbstverständlich. Aber jeder Freelancer gestaltet seinen Alltag anders. Ich kenne Autoren, die Texte lieber übers Wochenende schreiben und andere, die am Wochenende ihre Rechner aus Prinzip nicht anmachen. Für meine Planung muss ich wissen, wann Eure Arbeitszeiten sind, wann Ihr Urlaub nehmt und wann Ihr für andere Auftraggeber arbeitet. Szenario: Ein Freelancer hat für mich eine Grafik erstellt. Es handelt sich dabei um ein zeitkritisches Projekt, die finale Deadline ist Ende der Woche. Dienstagmittag bekomme ich dazu das Kundenfeedback und leite es umgehend weiter. Ich bekomme keine Antwort. Ich rufe abends im ‚Büro‘ an, erreiche aber niemanden. Ich warte bis Mittwoch. Als ich meine Rechner hochfahre, habe ich immer noch keine Antwort. Ich rufe noch einmal im ‚Büro‘ an. Niemand da. Ich warte. Abends suche ich dann doch die Handynummer raus und erreiche endlich auch den Freelancer. „Ach so, ich hab die letzten zwei Tage frei genommen. Ich bin bei meiner Schwester in Stuttgart. Morgen muss ich leider zu einem anderen Auftraggeber. Aber ich mach’s gleich Freitagvormittag.“ Natürlich hat jeder Freelancer das Recht, zwei Tage wegzufahren. Und natürlich müssen auch Termine mit anderen Auftraggebern eingehalten werden. Aber bitte habt Verständnis dafür, dass mir bei einem solchen Gespräch auf einmal das große Panik-P in den Augen steht. Was, wenn etwas dazwischenkommt? Wenn der Freelancer Freitag plötzlich krank wird? Oder der Zug Verspätung hat und der Freie erst Freitagmittag wieder zu Hause ist und sich an die Arbeit machen kann? Was, wenn es nach der Korrektur noch eine Korrektur gibt? Was, was, was…? Ich verspreche Euch, jeder Auftraggeber gönnt Euch Euren Urlaub und Euren Feierabend, aber bitte kündigt ihn rechtzeitig an.

  • 2.1. Mitdenken gibt Pluspunkte

    Zu diesem Nachtrag hat mich Daniel von heldentexte.de in einem Kommentar angeregt. Er ergänzte, dass er es immer großartig findet, wenn Freelancer mitdenken und einen darauf aufmerksam machen, wenn ein Briefing z.B. unvollständig ist. Und das kann ich nur bestätigen! Zum Thema „Kommuniziert“ gehört auch, dass ich Freelancern besonders dankbar bin, die Briefings nicht nur blind ausführen, sondern nachhaken, wenn sie über Ungereimtheiten stoßen. Wenn zum Beispiel in einem Briefing für einen Fachtext zu Eurem Spezialthema ein Teilaspekt fehlt. Oder wenn Ihr zu einem Grafikbriefing eine neue, ganz andere Idee habt. Seid Euch immer bewusst, dass ich Euch wahrscheinlich engagiert habe, weil mir selbst die Qualifikation fehlt, um den Auftrag selbst auszuführen. Wenn Ihr also über Insights verfügt, die das Ergebnis verbessern, immer her damit. Ihr macht Euch damit zu einer unersetzbaren Ressource. Auf einen weiteren Aspekt im Bereich Mitdenken hat mich Anita von komplextext.de in einem Kommentar (unten) aufmerksam gemacht. Jeder Auftraggeber ist Euch dankbar für Quellenangaben, weiterführende Links und Zusatzmaterial (z.B. Videos). Das wertet den Inhalt unheimlich auf und nimmt dem Content Manager sehr viel Arbeit ab. Für dieses Weiterdenken sammelt Ihr garantiert dicke Pluspunkte auf dem Weg zum Lieblings-Freelancer 😉

3. Habt Erbarmen mit meinen Arbeitszeiten

Wie bereits gesagt, jeder Freelancer lebt nach eigener Uhr und Kalender. Und das ist auch völlig okay. Das ist bei mir aber nicht der Fall. Ich habe einen Nine-to-Six-Job. Ich arbeite von Montag bis Freitag. Wenn ich Euch „heute“ um eine Antwort bitte, dann meine ich damit „im Laufe meines heutigen Arbeitstages“, nicht irgendwann vor Mitternacht. Am allerglücklichsten macht mich der Freie, der mir sogar bis 16 Uhr Feedback schickt, nicht erst um zehn vor sechs. Das lässt mir genug Zeit, um darauf zu reagieren, oder Infos an Kunden weiterzuleiten. Wenn Ihr für mich ein Video schneidet und das abends zu Hause macht, dann ist das völlig legitim. Aber bitte stellt mir Eure Fragen während meiner Bürozeiten. Ich bin zwar der Auftraggeber und habe ein Interesse an einer schnellen und korrekten Umsetzung, aber auch ich möchte nicht abends auf dem Sofa Briefings erläutern. Denkt daran, wenn ich sonntagnachts um eins mit einem Freelancer simse, dann muss ich trotzdem am Montag um neun im Büro sitzen.

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Agenturen gemacht? Habt Ihr noch mehr Tipps, wie man Auftraggeber um die Finger wickelt?

© Beitragsbild: Ed Gregory | stokpic

6 Kommentare
  1. Daniel sagt:

    Hallo Judith,

    danke für deinen Beitrag! Punkt 1 und 2 halte ich für mich (!) – ich weiß, das ist bei manchen Kollegen anders – fast schon für selbstverständlich. Punkt 3 und der Aspekt, Fragen zu „normalen“ Bürozeiten zu stellen, ist am ehesten ein guter Reminder. 😉 Ich denke mal, es gibt viele Freelancer, die die Nacht gerne zum Tag machen.

    Da ich selbst freie Redakteure betreut habe, weiß ich noch, dass ich es immer geschätzt habe, wenn die Freien mitdenken und einen auf Dinge aufmerksam machen, wenn sie selbst über den Sachverhalt Bescheid wissen.

    Bei welcher Agentur arbeitest du denn? 😉

    Viele Grüße, Daniel

    • Judith sagt:

      Hallo Daniel,

      danke für Deine Nachricht. Klingt so als wärst Doch schon auf dem besten Wege zum Lieblings-Freelancer 😉 Und Deine Ergänzung finde ich super. Die werde ich gleich noch hinzufügen. Zum Glück habe ich da eher positive Beispiele von ganz toll mitdenkenden Freelancern 🙂 Auf Deine Frage: Ich arbeite bei der artaxo AG.

      Liebe Grüße,
      Judith

  2. Anita Grasse sagt:

    Offen zu sagen, wenn ich voll ausgelastet bin und eine knappe Deadline nicht garantieren kann, musste ich erst lernen. Am Anfang meiner Selbstständigkeit befürchtete ich immer, mich selbst aus dem Rennen zu nehmen, wenn ich nicht immer und sofort verfügbar wäre. Inzwischen ist das einfacher. Gerade in der Zusammenarbeit mit Agenturen habe ich festgestellt, dass neben den Punkten, die du aufgezählt hast, vor allem zwei Dinge wichtig sind:

    1. Dass man sich nicht selbst zu wichtig nimmt. Gerade wenn man für Agenturen arbeitet, muss man sein Texter-Ego zurückstellen können. Es geht darum, Texte zu liefern, die professionell sind, in Tonalität und Stil aber vor allem zum Kunden passen, nicht zu mir (Übrigens etwas, das in Agenturbriefings oft zu kurz kommt: Ich wünsche mir nicht nur Infos zu Inhalt und Textlänge, sondern gerne auch zur gewünschten Klangfarbe und Emotionalität). Wer sich als Edelfeder versteht und Korrekturwünsche als persönlichen Angriff versteht, sollte vielleicht lieber in einem anderen Bereich texten.

    2. Dass man über den reinen Text hinaus anbietet. Gerade wenn es um Website-Texte geht, habe ich die Erfahrung gemacht, dass Agenturen dankbar sind, wenn ich etwa Links zu meinen Recherchequellen oder weiterführenden Infos mitschicke. Für mich eine Kleinigkeit, weil ich sie bei der Recherche ja eh sammle, für den Webgestalter oder auch den Social-Media-Manager aber mitunter nützlicher Zusatzcontent. Aber das fällt wahrscheinlich in deine Kategorie „mitdenken“, schätze ich.

    Viele Grüße
    Anita

    • Judith sagt:

      Hallo Anita,

      vielen Dank für Deinen Kommentar und Deine Anmerkungen. Das kann ich beides nur bestätigen. Text-Kritik oder -Änderungen haben in den allermeisten Fällen nichts mit der Kompetenz des Autors zu tun, sondern mit Kundenwünschen oder Kampagnenausrichtung. Da muss man im Zweifelsfall auch auf ein ausführliches Briefing bestehen. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, dass Agentur-Briefings häufig sehr dürftig ausfallen, was in vielen Fällen aber auch am Kunden liegt. Am besten hartnäckig nachfragen 😉

      Und tatsächlich ist es toll, wenn Redakteure Zusatzmaterial mitliefern, dass als Quelle, weiterführender Link oder Ergänzung (z.B. ein eingebettetes Video) genutzt werden kann. Das wertet Inhalte noch mal richtig auf und erleichtert dem Content Manager sehr die Arbeit. Mit sowas sammelst Du sicher dicke Pluspunkte bei Deinen Auftraggebern 😉 Ich werde den Punkt oben noch mal ergänzen.

      Vielen Dank für Deine Hinweise und liebe Grüße,
      Judith

  3. Petra sagt:

    Zum Thema Briefing hab ich noch einen Nachtrag: Ich fahre bisher immer ganz gut mit meinen ‚Re-Briefings‘, in denen ich meinem Auftraggeber dessen Briefing kurz zusammenfasse. So gehe ich auf Nummer sicher, dass ich alles richtig verstanden habe. Den Ablauf meiner Projekte habe ich in dieser Infografik zusammengestellt: http://textgenial.de/leistungen/projektablauf/ – vielleicht interessant für Freelance-Neulinge.

    Übrigens stimme ich dem Punkt 2.1. absolut zu. Mitdenken schadet nie. 😉 Zusätzliche Links zu Artikeln, die das Thema betreffen, werden immer dankend angenommen.

  4. Tamara Niebler sagt:

    Ich kenne beiden Seiten. Zu meinen Agentur-Zeiten musste ich auch externe Texter & Grafiker koordinieren, von denen so einige nicht gerade zuverlässig waren oder unterirdische Arbeit ablieferten. Jetzt bin ich selbst Freelancerin und meine Kunden schätzen genau das an mir, was du hier aufzählst: Zuverlässigkeit, Mitdenken, Preis-Transparenz etc. Und ich mache es teilweise auch wie Petra: Rebriefing als kurze Zusammenfassung aller Leistungen und Aufgaben. So ist man auf der sicheren Seite.

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