Mit meinem „besonderen“ Kind in die Selbständigkeit

Selbstständig und behindertes Kind

Stefanie Vey ist freie Texterin und Bloggerin, junge Mutter und ein absoluter Herzensmensch. Sie liebt die Kraft der Worte und schreibt „Herzenstexte“ für ihre Kunden. Texte, die die Seele berühren, die Freude machen und Stimmungen erzeugen. Nebenbei gibt sie in ihrem Blog Liebenswert Anders Einblicke in das Leben mit ihrem „besonderen“ Kind und möchte damit anderen Eltern Mut machen.

 

Ich will es Euch gleich vorneweg sagen: Ganz freiwillig bin ich nicht in die Selbständigkeit gegangen. Ich wurde quasi zu meinem Glück gezwungen. Und ich bin so dankbar dafür! Dankbar für diesen Schubser ins kalte Wasser. Für diese Chance auf ein komplett selbstbestimmtes Leben, mit dem ich heute so glücklich bin.

Noch vor zwei Jahren hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass sich mein Leben so grundlegend verändern würde. Heute sitze ich hier – als freie Texterin und Bloggerin, gehe meiner Leidenschaft nach und schreibe Herzenstexte für meine Kunden. Und auch für mich selbst. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit, mich ganz flexibel um unser „besonderes“ Kind zu kümmern. Aber mal ganz von vorne und schön der Reihe nach.

Wie alles anfing…

Nach einem Jahr Elternzeit habe ich im Sommer 2015 wieder angefangen zu arbeiten. Ich war ursprünglich Projektmanagerin im Marketing und habe parallel dazu Existenzgründer beraten. Eine wirklich spannende und abwechslungsreiche Tätigkeit – gerade in dieser Kombination. Nach der Elternzeit war aber klar, dass ich nur noch in Teilzeit arbeiten würde. Und Ihr könnt es Euch sicher denken: Damit hatte sich das Thema Projektmanagement schnell erledigt. Was mir aber ehrlich gesagt auch ganz recht war.

Als junge Mutter hatte ich eine völlig neue Sicht aufs Leben bekommen, und ich liebte meine neue Aufgabe. Die Arbeit war natürlich eine wunderbare Abwechslung dazu, die mir auch sehr wichtig war. Aber eben nur an drei festen Vormittagen in der Woche. Danach freute ich mich immer riesig auf meinen kleinen Sohn. Ich konnte es selbst kaum glauben, wie schön das Leben mit Kind doch sein kann: ein bisschen Arbeit im Büro – und gaaanz viel Kind und Familie. Wunderbar!

Doch es kam alles anders.

Einige Monate nachdem ich wieder angefangen hatte zu arbeiten, bekamen wir für unseren Sohn die Diagnose Fragiles X-Syndrom. Ein Gendefekt auf dem X-Chromosom. Doch was heißt das konkret? In unserem Fall: geistige Behinderung, Entwicklungsverzögerungen beim Laufen, Sprechen, der Fein- und Grobmotorik, Muskelhypotonie, Verhaltensauffälligkeiten bis hin zu autistischen Zügen. Ein tiefer Einschnitt in unsere „heile Welt“. Auch wenn wir schon seit einiger Zeit vermutet hatten, dass etwas nicht stimmt: Nun hatten wir es schwarz auf weiß. Was dann kam, waren viele Arzttermine, Therapien, Papierkram, Behördengänge usw. Neben der emotionalen Seite dieser Diagnose gab es eben auch eine ganz praktische, die unseren Alltag stark veränderte.

Zum Glück hatte ich einen sehr toleranten Arbeitgeber und wunderbare Kolleginnen und konnte dadurch meine Arbeitszeiten relativ flexibel gestalten. Auch wenn mir das selbst oft unangenehm war und zudem bei meinen Kunden zunehmend für Verwirrung sorgte. So war ich anfangs immer montags, dienstags und donnerstags im Büro. Dann schob sich ganz frech eine Therapie dazwischen, so dass ich die Wochenplanung ändern musste.

Wenig später wieder ein Wechsel – und das alles immer in Abstimmung mit Therapeuten, Betreuern, meinen Eltern als Babysitter und natürlich meinem Arbeitgeber. Hinzu kamen Termine bei Ärzten, in der Klinik, bei der Reha-Technik usw. – teilweise mit längeren Anfahrtszeiten, so dass ich entweder Urlaub nehmen oder wieder Zeiten verschieben musste. Auf Dauer irgendwie anstrengend. Aber machbar – keine Frage! Zum Glück waren wir ja alle flexibel.

Und dann: Die Kündigung!

Dann allerdings änderte sich das Blatt ein zweites Mal: Im Sommer 2017 standen große Umstrukturierungen in unserer Firma an. Mit der Konsequenz, dass meine Stelle gestrichen wurde. Ein Schlag ins Gesicht. Schließlich war ich über Jahre hinweg dort angestellt, und es lief doch immer alles super. Und dann: Die Kündigung! Ich erinnere mich noch, dass ich für einen winzigen Moment daran dachte, dass ich nun einen neuen Arbeitgeber suchen müsste. Doch fast im gleichen Moment wusste ich, dass ich das weder mir noch der „neuen“ Firma antun kann. Denn: Finde erstmal wieder einen Arbeitgeber für eine Teilzeitstelle in dieser Branche, der eine solche Flexibilität gewährleisten kann! Und dann auch noch für eine NEUE Mitarbeiterin. Wer würde mich denn mit solchen Sonderwünschen einstellen?

 

Der Weg in ein neues selbstbestimmtes Leben

Für mich war sofort klar: Dann mache ich mich eben selbständig! Wie das geht, wusste ich als Existenzgründungsberaterin ja genau. Allerdings war ich dann doch von meiner eigenen Courage ziemlich überrascht. Wo kam denn jetzt dieser plötzliche Sinneswandel her? Ich habe doch immer felsenfest behauptet, dass ich zwar andere beraten kann, aber niemals selbst in die Existenzgründung gehen würde. Außerdem bin doch sonst nicht so entscheidungsfreudig?! Und trotzdem: Noch am gleichen Tag der Kündigung habe ich mit meinem Mann darüber gesprochen, und für uns beide war klar, wo die Reise hingeht. In die Selbständigkeit! Und so kam es auch.

Feuer und Flamme
Warum bin ich da eigentlich nicht früher draufgekommen? Besser geht es doch gar nicht! So kann ich jeden Termin mit unserem Sohn ganz flexibel steuern. Ich kann mir alles frei einteilen. Doch das ist noch nicht alles! Im Laufe des ersten Jahres habe ich eine ganz neue Seite an mir kennengelernt. Ich bin so voller Eifer und Tatendrang, dass ich mich teilweise selbst bremsen muss. Während ich noch vor zwei Jahren im Traum nicht daran gedacht hätte, jemals selbständig zu sein, spüre ich nun, welches Glück das bedeutet. Selbst etwas zu bewegen. Eigene Projekte zu stemmen. Sich selbst zu verwirklichen.

Okay, richtig, da war doch noch was… Dazu sollte man vielleicht erstmal seine „Aufgabe“ kennen. Den Inhalt der Selbständigkeit. Die richtige Positionierung. Ich gebe zu, dass ich zunächst einen kleinen Umweg gegangen bin. Aber dank meiner wunderbaren Mentorin Birgit Brauburger habe ich innerhalb des ersten Jahres MEINE Aufgabe gefunden. MEINEN Beruf, ja, meine Berufung, für die mein Herz schlägt: Als freie Texterin und Bloggerin schreibe ich mittlerweile Herzenstexte und liebe meine Arbeit. Erst heute nehme ich bewusst wahr, dass ich in den vergangenen Jahren beruflich nicht ich selbst war. Dass die Tätigkeit zwar spannend war, aber mein Herz nicht erfüllt hat. Erst jetzt bin ich bei mir selbst angekommen. Beruflich und auch privat.

Und das Beste daran ist: Ich komme nicht mehr gestresst und genervt von der Arbeit nach Hause, weil vielleicht ein Projekt nicht läuft oder ein Kunde Probleme macht. Nein, genau das Gegenteil ist der Fall: Meine Arbeit gibt mir mittlerweile so viel Kraft und Lebensfreude, dass ich auch den sehr anstrengenden Alltag mit unserem „besonderen“ Kind besser schaffe. Ich bin ausgeglichener, freier und fröhlicher. Das spürt auch mein Sohn. Und es macht vieles leichter.

Ich habe es nie bereut!
Ich muss Euch wohl nicht erzählen, wie anstrengend der Weg in die Selbständigkeit sein kann und wie viel Geduld gerade die Anfangsphase erfordert. Doch was soll ich sagen: Ich habe es keinen einzigen Moment bereut! Ohne diesen oft nervenaufreibenden Weg in die Selbständigkeit wären mir viele Dinge verborgen geblieben. Vielleicht hätte ich nie zu mir selbst gefunden. Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß ist, dass ich neben meiner Rolle als Mutter und Ehefrau eine für mich ebenso wichtige Rolle im Berufsleben gefunden habe.

Und was möchte ich Euch damit sagen?
Manchmal hält das Leben Überraschungen für uns bereit, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Doch am Ende hat das Leben meist auch eine gute Lösung parat. Die mag anfangs sehr gewöhnungsbedürftig sein, aber es hat immer etwas Gutes: Solche Überraschungen fordern uns heraus, wir dürfen an ihnen wachsen. Und wenn wir großes Glück haben, erkennen wir vielleicht, dass alles GENAU SO kommen sollte. In dieser Zeit des beruflichen Umbruchs habe ich immer wieder Mark Forsters Song „Es wird gut“ gehört. Er hat mich motiviert, inspiriert und am Ende hatte er recht! Ich hatte es im Gefühl. Glaubt an Euch und daran, dass sich Probleme lösen werden! Nehmt die kleinen und großen Herausforderungen des Lebens als Chance. Es kann so viel daraus werden.

© Beitragsbild: Laura Fuhrmann | Unsplash

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