Mit Lena Schnabl auf der „Suche nach dem Nichts“ zu Erkenntnissen über das Leben und die Selbstständigkeit

Buch "Meine Suche nach dem Nichts" von Lena Schnabl
[Werbung | Rezensionsexemplar erhalten]

 

Ich liebe das Fernwandern – habe selbst schon eine längere Strecke hinter mir. Weitere stehen auf meiner persönlichen Bucketlist. Ich habe mir zum Beispiel vorgenommen den norwegischen Pilgerweg von Oslo nach Trondheim zu wandern; und entlang der innerdeutschen Grenze. Bis dahin vertreibe ich mir meine Zeit mit den Erfahrungsberichten anderer Fernwander*innen – gefühlt habe ich schon alle Bücher zum Jakobsweg, den Appalachian Train und Pacific Crest Trail gelesen. Aktuell liegt „Fremdes Neuseeland: Te Araroa – Der lange Weg“ von Ann Kathrin Saul auf meinem Nachtschrank.

Mein letzter Schmöker war „Meine Suche nach dem Nichts. Wie ich tausend Kilometer auf dem japanischen Jakobsweg lieg und was ich dabei fand“* von Lena Schnabl – dass mir freundlicherweise vom Goldmann-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde. „Lena Schnabl beleuchtet in ihrem Buch das Trendthema Pilgern gemischt mit der Sehnsucht nach Minimalismus und Aufgeräumtheit im Leben“.

Einige von Euch werden nach den ersten zwei Absätzen jetzt möglicherweise die Stirn kräuseln und sich fragen, was meine Liebe fürs Wandern und Lenas Suche mit dem Kernthema dieses Blogs, der Selbstständigkeit, zu tun haben? Anscheinend nur wenig, und doch viel – schließlich lernt frau beim täglichen Gehen in Wanderstiefeln einiges. Über sich selbst und das Leben. So auch Lena. Von ihren Erkenntnissen möchte ich Euch an dieser Stelle berichten, bin ich doch der Meinung, dass sie hilfreich für Euch und Eure Selbstständigkeiten sein können.

Aber vorab noch ein paar Worte zur Autorin.
 

Lena Schnabl

Lena Schnabl ist freie Journalistin. Der Entschluss sich selbstständig zu machen, viel vor acht Jahren, im März 2011. „Ich hatte den Job im Projektmanagement bei Mitsubishi Fuso in Tokyo geschmissen, weil ich beschlossen hatte, Journalistin zu werden. War so eine Art Eingebung. Ich saß in dem graubeigen Großraumbüro (…) und ich dachte: Das ist alles Käse hier. Ich muss zurück nach Deutschland. Ich muss Journalistin werden.“ (S. 161) Mit Ende zwanzig machte sie deshalb noch mal unbezahlte Praktika – und ging ihren Weg. Ihre Reportagen sind seither „unter anderem bei Neon, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, brand eins“ erschienen.

Alles ging seinen gewohnten Gang, bis Lena ganz plötzlich krank wurde. „Ich war bereits ein paar Tage merkwürdig erschöpft gewesen, immer müde, Watte im Kopf. Aber an diesem grauen Tag, an dem die Sonne nicht aufzugehen schien, lag ich in meinem Bett in Berlin-Neukölln und konnte mich nicht bewegen. Als läge eine Decke aus Blei auf mir (…)“. (S. 10) Die Diagnose: Pfeiffersches Drüsenfieber. „Das hatte ich schon mal gehört. Eine Schulfreundin hatte das in der Oberstufe. Monatelang kam sie nicht in die Schule.“ (S. 11) Auch Lena sollte lange Zeit ausfallen. „Aus Wochen wurden Monate. Und irgendwie war mir das herrlich egal. Vielleicht, weil auch mein Kopf lahmgelegt war. Jedenfalls war ich ganz Passivität, Stillstand und Ruhe. Nach vier Monaten im Bett waren zunächst die Gedanken wieder da. Ich dachte an die Texte, die ich hätte schreiben können“ (S. 13) – und sollen!?

Was geschieht, wenn frau durch Krankheit längere Zeit ausfällt, und wie Selbstständige trotz mehrmonatigem Krankenstand beruflich überleben können, hat Lilli Koisser in diesem Artikel – am eigenen Leib erlebt – aufgeschrieben. Lena dazu: „Immerhin kam trotzdem etwas Geld auf mein Konto, weil alte Texte bezahlt wurden. An sich ist es nervtötend, wenn getane Arbeit erst nach der Veröffentlichung bezahlt wird, Monate oder Jahre später teilweise. Doch damals brachten mich diese Zahlungen in Warteschleife über die Runden“. (S. 13)

Sie nahm sich vor, nach ihrer Genesung, ein paar Dinge zu ändern. „(…) feste freie Tage und wirklich mal in den Urlaub fahren. Insgesamt alles ruhiger angehen lassen. Mir auch mal etwas gönnen. Diese ständige Selbstkasteiung ist doch scheiße“. Zumal sie durch die Krankheit merkte: Die Welt war „nicht untergegangen, weil ich gerade vier Monate im Bett lag. Ich hätte genauso gut vier Monate durch Patagonien reisen können. Wenn ich wieder fit wäre, wollte ich also: mehr Spaß und weniger Druck.“ (S. 15) Doch Lena sollte auch ein Jahr später noch nicht wieder gesund sein…

„(…) Herbst. Meine Infektion war knapp ein Jahr her. Mein Zustand war stabil, vielleicht ging es sogar langsam immer weiter bergauf. Spaziergehen zum Beispiel war unproblematisch geworden. Und die Meinung der Ärzte: Bewegung tut gut, raus aus dem Bett – aber bitte auf die eigenen Grenzen achten. Es sprach also nichts gegen ein bisschen Laufen in Japan“. (S. 27) Weshalb sich Lena auf den Weg nach Shikoku machte, die kleinste japanische Hauptinsel, um den 1.200km langen Henro zu begehen. Sie lief ein paar Tage – kam bis zu Tempel elf, dann entschied sie sich aufzuhören. Vorerst. „Ich beschloss, dass man Weg dort endete. Dass ich zurückfliegen und in Berlin warten würde, bis es mir besser ginge. Dann würde ich wiederkommen, um den Rest des Weges zu laufen. Siebenundsiebzig Tempel und mehr als tausendeinhundert Kilometer lagen noch vor mir.“ (S. 36)

Das tat sie. „Knapp ein halbes Jahr später – mittlerweile ist es Mitte März (…). Gerade habe ich einen Flug nach Japan gebucht, und in zwei Wochen geht es auch schon los“. (S. 38)

Was Lena auf ihrer Pilgerreise erlebt hat, wem sie begegnet ist, könnt Ihr im Buch* nachlesen. Die Erkenntnisse, die sie gewonnen hat – und die auch für Euch von Interesse sein dürften – stelle ich Euch nachfolgend vor.

Einblick ins Buch "Meine Suche nach dem Nichts" von Lena Schnabl
 

Lenas Suche nach dem Nichts Erkenntnisse

Vertrauen

The trail provides – „Es heißt, auf solchen Reisen bekommt man immer genau, was man braucht. Ein halb Verdursteter findet eine Orange auf dem Weg, und hinter einem, der sich ein Bein bricht, läuft eine Krankenschwester. Und ich bekomme eine Nacht ohne Menschen“, sagt Lena. (S. 91) Ich glaube, dasselbe gilt auch für das Leben – und die Selbstständigkeit. Darauf deuten meine bisherigen Erfahrungen: Brauchte ich mehr Aufträge, bekam ich sie. Benötigte ich Geld für Weiterbildungen, um beruflich einen Schritt nach vorne zu kommen, erhielt ich eine Rückzahlung zu viel gezahlter Krankenversicherungsbeiträge. Auch das Leben beschenkte mich in der Vergangenheit immer mit Menschen und Situationen, die mich weiterbrachten – auch wenn mir das bei Schicksalsschlägen nicht gleich ersichtlich war (und vermutlich auch zukünftig erst im Nachgang erkennbar sein wird). Habt Vertrauen!

Glaube

Und denkt positiv. Ihr kennt doch sicher das Gesetz der Anziehung, oder? Bei Wikipedia steht dazu: „Jeder Gedanke, den wir denken, jedes Gefühl, das wir fühlen, zieht ähnliche oder gleichartige Gedanken und Gefühle an (…)“. Sie erzeugen Schwingungen. „Diese Schwingungen sollen sich von der Person, die sie erzeugt, auf die Außenwelt übertragen und dort entsprechende Wirkungen hervorrufen, unabhängig davon, ob die Person sich dessen bewusst ist oder nicht“. Eine ähnliche Geschichte weiß auch Lena aus Japan zu berichten – deren Grundsubstanz ist allerdings skurril. Dort lassen sich Menschen nämlich künstliche Lebenslinien in die Hand lasern. Kein Scherz!

Doch: „Reicht der Glaube an ein paar neue Linien für ein glücklicheres Leben? Ist der Unterschied zwischen Pechvögeln und Glücksschweinchen einfach Einbildung?“, fragt sich Lena zu Recht. Die Antwort liefert ihr ein japanischer Chirurg: „Die Leute seien positiver und selbstbewusster und die eingefrästen Linien nichts anderes als eine Botschaft an sich selbst. Sie erinnern die Patienten ständig an ihre Wünsche. ‚Dann kümmern sie sich auch darum, dass sie in Erfüllung gehen‘. (S. 246)

Zufriedenheit

In einem japanischen Onsen trifft Lena während ihrer Pilgerreise auf eine ältere Frau, die von ihr wissen will, woher sie kommt, warum sie japanisch kann und überhaupt hier ist. Lena antwortet: „Ich suche hier das Glück, haben Sie da einen Tipp?“ Die Antwort der Oma: „Erst mal glaube ich: Zufriedenheit ist wichtiger als Glück. (…) Das Geheimnis eines zufriedenen Lebens ist ein achtzig Prozent voller Magen. Hara hachibu!“ Lena erklärt: „Hara hachibu, das kenne ich, das wird immer aufgezählt, wenn es um die Frage geht, warum Japaner so alt werden. Dann heißt es: Sie essen sich nicht voll, sondern nur zu achtzig Prozent (…).“

Zurück zur alten Dame. Sie erzählt weiter: „Guck mal, alle Leute wollen immer mehr und mehr und mehr. Hundert Prozent reichen denen nicht mal. Dadurch bekommt man aber nicht mehr, sondern ist nur weniger zufrieden. Der Trick ist, mit achtzig Prozent zufrieden zu sein.“ (S. 80) Das sollten wir auch – und nicht immer nach „höher, schneller, weiter“ streben – auch nicht in der Selbstständigkeit. Stattdessen sollten wir öfter mal mit dem zufrieden sein, was wir haben und auf Nachhaltigkeit setzen.

Kontrolle

Zumal es meistens sowieso anders kommt, als frau denkt oder plant. Denn Kontrolle ist eine Illusion, dass muss auch Lena erkennen, als sie auf eine Apnoe-Taucherin trifft. „Sie war sechsundachtzig und galt als die beste Muscheltaucherin weit und breit. Ich fragte sie, ob sie nicht auch manchmal Angst vor dem Meer habe. Sie sagte: ‚Angst? Nein! Das Meer ist mein Leben.‘ Und was ist mit Tsunamis und all so was? ‚Die Natur schenkt Leben. Die Natur nimmt Leben. Unser Leben ist begrenzt. Das habe ich akzeptiert.‘ Natürlich hat sie recht. Trotzdem strebt der Mensch nach Kontrolle. Ignoriert die eigene Machtlosigkeit, solange er kann. Meine Krankheit ist wahrscheinlich mein persönlicher Tsunami, dachte ich damals.“ (S. 253)

Im Kleinen trifft die Erkenntnis über den Kontrollverlust auch auf die Selbstständigkeit zu – oder hast Du es schon jemals geschafft, alle Aufgaben auf Deiner To-Do-Liste für den Tag abzuhaken? 😉 Wenn doch, herzlichen Glückwunsch! Wenn nicht, grämt Euch nicht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass schnell mal was dazwischenkommt – ein Anruf, die eigene (fehlende) Motivation, ein Stimmungstief… you name it!

Beharrlichkeit

Auf Seite 373 von Lenas Buch findet sich ein Zitat, das sie auf dem Schulranzen eines Mädchens gelesen hat: „Ich laufe langsam. Aber niemals rückwärts“ – es passt auch wunderbar zu Punkt drei meiner Auflistung. Lena schreibt dazu: „Das ordne ich gleich als Zeichen des Universums ein. Genau, das Leben geht nach vorn. Eine andere Richtung gibt es nicht. Egal wie langsam. Hauptsache weiter“. Am besten Ihr schreibt Euch die beiden Sätze direkt auf einen Zettel und hängt sie gut sichtbar neben Eurem Schreibtisch auf. Dann habt Ihr einen visuellen Reminder, wenn Ihr ungeduldig werdet und meint in Eurer Selbstständigkeit, in Eurem Leben nicht schnell genug voranzukommen. Manche Dinge brauchen Zeit; manche mehr, manche weniger. Ich zum Beispiel benötige viele Stunden, um einen ordentlichen Blogbeitrag zu verfassen. Andere erledigen das in einer. Jede*r hat ihr/sein eigenes Tempo. Oft wird einem die Diskrepanz durch Vergleich bewusst, deshalb mein Bonus-Advice: Messt Euch und Euer Leben nicht mit anderen. Das führt zu nichts – im schlechtesten Fall lediglich zu Frustration und Demotivation.

Präsenz

Eine weitere Begegnung die Lena auf ihrem Pilgerweg macht, ist die mit dem Dänen Fabio. Er fragt sie, ob sie demnächst auch irgendwo anders laufen möchte. Lena antwortet: Ich weiß nicht, ich laufe erst mal hier“. Daraufhin erwidert Fabio: „Sehr richtig. Ein Problem des Menschen sei, dass er achtzig Prozent seines Lebens dafür verwende, über Möglichkeiten nachzudenken oder sich über Fehler der Vergangenheit zu grämen. Wir sind jetzt hier, und wir sind jetzt hier richtig“. (S. 259) Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Achtsamkeit

Das Thema Nachhaltigkeit habe ich bereits erwähnt. Damit einher geht die Achtsamkeit – im Kontext der Selbstständigkeit vor allem die mit sich. Wir halten meistens erst inne, wenn unsere Akkus bereits leer sind – das ist auch in Lenas Fall so. Eine Nonne mit rasiertem Schädel zeigt ihr diesen Missstand auf: „Du rennst, du machst zu viel. Und bleibst dann stehen, weil du nicht mehr kannst. Du musst vorher aufhören.“ (S. 143) Wir sollten uns früher und öfter Pausen gönnen, gerade als Selbstständige und nicht nach dem Motto „selbst und ständig“ leben. Davon halte ich nichts.

Balance

Ja, die Balance zu halten ist nicht immer so einfach. Stellt auch Lena fest, als sie auf einem Schild den Hinweis „Keep your balance“ liest. (S. 278) Dennoch sollte Gleichgewicht – vor allem zwischen Arbeit und Freizeit – in unseren Leben herrschen.
 

Die acht von mir zusammengetragenen Punkte zeigen wohl, dass Lena bei der Suche nach dem Nichts im Wortsinne nicht erfolgreich war. Denn sie hat ganz viel gefunden. Weisheiten über das und Wahrheiten für ihr Leben – und wir mit ihr. „Und wenn ich so auf meine Zeit hier zurückblicke und auf alles, was ich so durchgestanden und erfahren habe“ (S. 404) erkennt Lena, dass sie nicht Nichts gefunden hat, sondern sich selbst.

Und ich konnte mit diesem Artikel hoffentlich die Lust in Euch wecken, Lenas Buch* komplett zu lesen. Es lohnt sich – und ist nicht nur etwas für Wander*innen.

*Noch ein kleiner Hinweis: Meine Empfehlungen enthalten Affiliate-Links des Anbieters Amazon. Wenn Ihr über diese Links z. B. ein Buch kauft, erhalte ich eine kleine Provision.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Webseite verwendet Cookies. Stimme der Verwendung von Cookies zu, wenn Du die Webseite weiter nutzt. Mehr Informationen

Für eine uneingeschränkte Nutzung der FF&-Webseite werden Cookies benötigt. Einige dieser Cookies erfordern Deine ausdrückliche Zustimmung. Bitte stimme der Verwendung von Cookies zu, um alle Funktionen der Webseite nutzen zu können. Detaillierte Informationen über den Einsatz von Cookies auf dieser Webseite erhältst Du in unseren Datenschutzbestimmungen.

Schließen