„Kluge Frauen scheitern anders“. Eine Rezension.

"Kluge Frauen scheitern anders" von Nadine Nentwig
[Werbung – Rezensionsexamplar erhalten]

 

Anfang des Jahres trudelte ein großer Umschlag bei mir ein. Ich fragte mich, was wohl drin sei, schließlich hatte ich nichts bestellt. Empfänger: Sandra … ja, der Brief war eindeutig an mich adressiert. Ich machte ihn auf.

Ein Buch fiel mir in die Hände. Eine blonde Frau lächelte mir vom Cover entgegen. In schwarzen großen Lettern stand dort geschrieben: “Kluge Frauen scheitern anders”*. Dazu fand ich ein achtseitiges Informationsheft zum Buch – mit Interview der Autorin und Auszügen aus dem Buch.

Was ich allerdings nicht fand, war ein persönliches Anschreiben. Warum hat man mir das Buch geschickt?

Natürlich kann ich mir denken, warum es an mich ausgesandt wurde. Damit ich an dieser Stelle darüber berichte. Kostenlose PR und so.

Gerade deshalb hätte ich mir gewünscht, man hätte sich die Mühe gemacht, mir ein paar individuelle Zeilen zu schreiben à la:

Liebe Sandra,
wir haben Dein Magazin für selbstständige Frauen entdeckt
und finden das das neue Buch von Nadine Nentwig
thematisch sehr gut dazu passt.
Vielleicht magst Du es Deinen Leser_Innen in Form einer Rezension vorstellen.
Wir würden uns sehr freuen…

Stattdessen eine unkommentierte Buchsendung. Friss oder stirb. Schade, dieser fade Beigeschmack wird bleiben – auch nach der Lektüre des Buches.

Hinzu kommt, dass im selben Zeitraum weitere thematisch ähnliche Online-Magazine mit dem Buch versorgt wurden. So findet Ihr auf die Chefin, der Blog für Führungsfrauen, ein Interview mit Nadine Nentwig und auf Businessladys eine Buchempfehlung in Form eines Videos.

Möglichst breiter Aussand.

Ich hoffe, dass wenigstens Sabine und Ute ein paar nette Worte erhalten haben.

Nun gut, genug rumgemotzt.

Kurz nach der Veröffentlichung dieser Rezension hat sich der Eden Books Verlag bei mir gemeldet und sich für das fehlende Anschreiben entschuldigt.

Das finde ich toll – und versöhnt mich!

Kommen wir zum Wesentlichen: das Buch “Kluge Frauen scheitern anders”* von Nadine Nentwig. Mittlerweile habe ich es gelesen und möchte Euch an dieser Stelle von meinen Eindrücken berichten – es ist nämlich einen Blick wert.

 

Die Geschichte

Nadine gründet vor zehn Jahren zusammen mit einer Freundin eine eigene Fashion-PR-Agentur. (S. 14) “Mit Ende zwanzig macht Nadine Nentwig ihren Traum wahr und wagt den Sprung in die Selbstständigkeit – doch was zuerst wie eine große Chance aussieht, entpuppt sich bald als riesiges Desaster” heißt es im Informationsmaterial zum Buch.

Denn “die PR-Agentur geht pleite und Nadine muss Insolvenz anmelden.”

“Nach fünf Jahren intensiver Zusammenarbeit, nur wenige Monate nach der Geburt meines Sohnes, offenbarte Rosa (Anm. der Autorin: Nadine’s Geschäftspartnerin) mir, dass sie auswandern wolle.” (S. 47)

Laut Nadine das Anfang vom Ende.

Was bleibt? Ein Berg voll Schulden – und die Idee ein Buch über ihre Erfahrungen zu schreiben.

“Die Idee dazu ist an einem rabenschwarzen Tag entstanden, an dem ich mal wieder einen dieser wirklich fiesen Anwaltsbriefe erhalten habe. Dieser Mist muss doch verdammt nochmal für irgendetwas gut sein, habe ich da wütend gedacht”, erzählt Nadine im Interview zum Buch.

Das Buch

Das Buch ist “ein spannender und ermutigender Erfahrungsbericht voller nützlicher Tipps für Leidensgenossen, Selbstständige und alle Menschen mit Zukunftsträumen”, schreibt Eden Books.

Nadine selbst sagt dazu: “Ich würde mich freuen, wenn andere Frauen durch das Wissen, das ich – ganz und gar unfreiwillig – erworben habe, einen Nutzen ziehen können. Businessratgeber gibt es viele. Aber ich kenne wenige, die auch auf die emotionalen Gesichtspunkte eingehen.”

Da stimme ich ihr zu. An Emotionalität mangelt es diesem Buch nicht. Verständlich, schließlich hat sie viel Zeit und Liebe in den Aufbau ihrer Agentur gesteckt. Der Verlust war sehr schmerzhaft.

“Irgendwann erklärte mir meine Therapeutin jedoch, dass mein Agenturcrash wie eine Art Trauma auf mich gewirkt habe und auch ein ganzes Stück Trauerarbeit nötig sei, um über den Verlust hinwegzukommen.” (S. 148)

Mit der Veröffentlichung des Buches wurde hier sicher ein wichtiger Schritt getan.

An der ein oder anderen Stelle hätte ich mir dennoch mehr Tiefe gewünscht. Einige Schilderungen bleiben mir persönlich zu oberflächlich – insbesondere was den tatsächliche Grund für das Scheitern der Agentur angeht. Der Weggang der zweiten Geschäftsführerin kann alle mal der Auslöser gewesen sein… Die Formulierungen in diesem Zusammenhang sind mir zu schwammig.

Nichtsdestotrotz kann man aus diesem Buch sehr viel mitnehmen und lernen.

Die Learnings

Nicht nur, wie man damit umgeht, wenn man in einer Sache scheitert (nicht immer gleich rational!) und welche Schritte nötig sind, um ein Unternehmen aufzulösen (was hier und da Erwähnung findet), sondern auch von welche Gedanken man mitunter begleitet wird (Selbstzweifel. Frust. Trauer) und wie sich die Einstellung zur Selbstständigkeit verändert.

Von “Obwohl ich jeden Morgen spätestens um neun Uhr an meinem Schreibtisch saß und dort meistens blieb, bis die Sonne unterging, fühlte es sich tausendmal freier an als jeder Angestelltenjob” (S. 22f.) zu “(…) je mehr ich über meine Zeit als Agenturinhaberin nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich auf Dauer damit nicht glücklich geworden wäre. Diese enorme Verantwortung, der Druck, die Verpflichtungen.” (S. 161)

Nadine selbst hat ihre Learnings am Ende eines jeden Kapitels zusammengefasst. Im Buch heißt es z. B. “Die Verantwortung für ein Unternehmen zu tragen, heißt auch, ihm notfalls den finalen Todesstoß geben zu müssen” (S. 65) oder “Selbstständig zu sein, bedeutet auch Verzicht. Nicht immer laufen die Geschäfte rund und es kommt vor, dass Du einige Durststrecken überwinden musst.” (S. 86)

Hinzu kommen Buchempfehlungen sowie wertvolle Praxistipps wie z. B. der Hinweis auf die Möglichkeit Prozesskostenhilfe beantragen zu können, wenn man keine Rechtsschutzversicherung hat und sich keinen Anwalt leisten kann; oder frühzeitig einen Mediator hinzuzuziehen, wenn es mit dem Geschäftspartner kriselt.

Sicher, manche Ratschläge erscheinen auf den ersten Blick banal (z. B. “Lege Dir in guten Tagen etwas Geld beiseite” als Tipp, um finanzielle Durststrecken möglichst unbeschadet zu überstehen), und ich wette, auch Nadine hat sie vorher schon des Öfteren gehört. Sie so richtig ernst genommen, hat sie sie womöglich erst, als die Kacke richtig am Dampfen war.

Mir sind besonders diese vier Passagen aus dem Buch – und die für mich daraus resultierenden Einsichten – in Erinnerung geblieben:

Learning 1 – Scheitern ist nichts, für das man sich schämen muss.

“Ich wachte morgens auf und dachte: ‘Scheiß drauf, dann hab ich’s halt verkackt’” (S. 119). Ich hätte mir gewünscht, dass das der Titel des Buches ist. Viel frischer. Viel handfester. “Kluge Frauen scheitern anders”* finde ich schrecklich – so altbacken. Außerdem spiegelt der Titel nicht besonders gut den Inhalt wieder. Dieser emotionale Gefühlsausbruch passt eindeutig besser und wird dem Buch gerecht.

Zurück zum Thema: Nadine schreibt weiter: “Öffentlich zuzugeben, Fehler gemacht zu haben und gescheitert zu sein, widersprach meinem ausgeprägten Hang zum Perfektionismus. Der nächste Schritt bestand also darin, zu akzeptieren, dass ich ein Mensch mit Fehlern bin.” (S. 119) Und meines Erachtens nicht nur darin, sondern auch, das Scheitern keine Schande ist. Das hat auch Christian Lindner in dieser Rede im nordrhein-westfälischen Landtag deutlich gemacht.

Learning 2 – Frühzeitig Hilfe annehmen.

Diese Erkenntnis hat auch Nadine gemacht. “Am Schlimmsten aber war, dass ich mich lange Zeit geweigert habe, Hilfe anzunehmen.” (S. 10)

Learning 3 – Nicht von der Selbstständigkeit vereinnahmen lassen.

“Weniger lustig war allerdings, dass mit dem Erfolg auch die Ansprüche der Kunden wuchsen. Je mehr Geld sie uns zahlten, desto größer wurde der Druck. Überstunden ohne Ende sowie Anrufe abends um elf Uhr waren da keine Seltenheit.” (S. 29) Man muss eigene Spielregeln festlegen, z. B. klare Öffnungszeiten.

Ein Tipp, den auch Nadine gibt. “Es ist wichtig, seinen Kunden gleich von Beginn der Zusammenarbeit klare Grenzen aufzuzeigen und mal Nein zu sagen.” (S. 36)

Learning 4 – Aufgaben auslagern.

Nadine schreibt: “Hinzu kam, dass ich quasi fünf Jobs gleichzeitig hatte. Gemeinsam mit Rosa war ich nicht nur Geschäftsführerin einer Agentur und PR-Beraterin für unsere Kunden, sondern auch Buchhalterin, Putzfrau und Personalleiterin. Die Tage hatten gar nicht genug Stunden für all diese Aufgaben.” (S. 29).

Deshalb empfiehlt sie: “Wenn Du Dir am Anfang noch keine Mitarbeiter leisten kannst und die Arbeit droht, Dir über den Kopf zu wachsen, lagere einfache, aber zeitraubende Aufgaben an einen Virtuellen Assistenten aus.” (S. 30)

Das Fazit

Nadine hat für sich selbst erkannt, dass sie “nicht grundsätzlich unfähig” ist, weil sie in einer Sache versagt hat, wie sie im Interview mit Eden Books verrät. Im Buch selbst schreibt sie: “Eine Krise ist der perfekte Zeitpunkt, um innezuhalten, in sich hineinzuhorchen und eine Kurskorrektur vorzunehmen.” (S. 169)

Ich hoffe, Euch bleibt ein solch großer Schicksalsschlag erspart! Deshalb empfehle ich Euch das Buch in die Hand zu nehmen und aus Nadines Erlebnissen zu lernen. Sie sind gleichzeitig Warnung und Denkanstoß.

Und ein gutes Beispiel dafür, dass das Thema Selbstständigkeit nicht automatisch vom Tisch ist, wenn man mit einer Form davon scheitert. Denn Nadine arbeitet mittlerweile als freie Texterin, PR-Managerin und Bloggerin. Erfolgreich seit fünf Jahren.

*Noch ein kleiner Hinweis: Meine Empfehlungen enthalten Affiliate-Links des Anbieters Amazon. Wenn Ihr über diese Links z. B. ein Buch kauft, erhalte ich eine kleine Provision.

3 Kommentare
  1. Nadine Nentwig sagt:

    Liebe Sandra,
    erstmal vielen Dank, dass Du meinem Buch – trotz des misslungenen Starts – eine echte Chance gegeben und Dich intensiv mit dem Inhalt auseinandergesetzt hast. Diese Mühe machen sich heutzutage ja wirklich die Wenigsten und ich bin mir sicher, dass deine Leser dieses Engagement sehr zu schätzen wissen! Zudem kannst Du als Fachfrau zum Thema Selbstständigkeit den Inhalt kompetent bewerten und viele Punkte gut nachvollziehen. Umso mehr freut es mich, dass Du zu dem Ergebnis kommst, dass man aus meinem Buch viel mitnehmen kann. Denn, wenn ich mit dem einen oder anderem Tipp jemandem weiterhelfen konnte/kann, hat das Buch seinen Zweck ja schon erfüllt. Dass Dir einige Formulierungen etwas zu schwammig sind, kann ich sehr gut nachvollziehen. Das ist der Tatsache geschuldet, dass ich auf die eine oder andere Begebenheit aus rechtlichen Gründen nicht so eingehen durfte, wie ich es mir selbst auch gewünscht hätte. Da ich meinen Fokus allerdings ohnehin nicht auf den Grund des Scheiterns, sondern auf den Umgang damit legen wollte, fand ich es am Ende trotzdem lohnend, die Geschichte aufzuschreiben. Was die Umstände betrifft, wie Du zu dem Buch gekommen bist, werde ich Deine berechtigte Kritik auf jeden Fall weitergeben. Auch hier danke ich Dir für Deine Ehrlichkeit, denn nur so kann sich ja in Zukunft auch etwas verbessern. Liebe Grüße, Nadine

    • Sandra sagt:

      Liebe Nadine, danke Dir für Deinen ausführlichen Kommentar zur Rezension und Deinen Erläuterungen, warum Du an manchen Stellen nicht so offen schreiben konntest, wie Du es selbst gern getan hättest. Ich freue mich, dass Du die Rezension positiv aufnimmst und hoffe, das tun viele unserer Leser_Innen auch und nehmen Dein Buch zur Hand. Denn es ist es wert gelesen zu werden. Danke für Deine offene und konstruktive Art. Und: Viel Erfolg für all die Projekte und Aufgaben, die in der Zukunft auf Dich zukommen werden! Jetzt kann Dich vermutlich nichts mehr schocken – und unter kriegen! Ganz liebe Grüße, Sandra

  2. Ute Blindert sagt:

    Schön, dass du das Buch von Nadine auch rezensiert hast, Sandra. Tatsächlich war ich sehr persönlich von der Autorin betreut worden und bedauere es heute noch, dass ich nicht zur Buchparty in Köln kommen konnte! Als Autorin hat man es leider nicht in der Hand, wie der Verlag mit der Presse umgeht – aber es scheint ja doch noch alles gut geworden zu sein.

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