Maggie Prokofiev ist Designerin und hat vor einem Jahr ihr Produkt-Label stahlpink gegründet. Sie gestaltet aber nicht nur Produkte, sondern macht über ihren Blog und den #megamutig-Podcast jungen Mädels Mut, ihren eigenen Weg zu gehen.

Über ein Jahr ist es nun her: ich war abgestumpft, hatte an nichts mehr Freude, konnte keinen Sinn in meinem Leben und meiner Arbeit erkennen. Schlich jeden Morgen brav mit allen anderen Pendlern zum Zug und ging müde und ziemlich herzlos an die Arbeit. Freute mich auf die Wochenenden, kleine Highlights in einem tristen Leben, die allzu oft doch mit Arbeit gefüllt waren und innerhalb eines Wimpernschlages aus Wohnungsputz, Einkäufen und dem dürftigen Versuch, Freundschaften zu pflegen, vergingen.

Das war der Zustand, bei dem mir klar wurde, dass das doch nicht mein Leben sein kann!

Im ersten Augenblick fühlte es sich wie Scheitern an, dass ich diesem Job, den ich so gerne machen wollte, gut machen wollte, nicht gerecht wurde. Dass er mir keine Erfüllung gab und ich mich eher wie eine Versagerin fühlte als eine tolle kreative Agentur-Hipster-Braut.

 

Der große Schritt

Teilzeit war nicht möglich. Also hieß es ganz oder gar nicht. Einen neuen Job suchen? Schon lange fühlten sich die ausgeschriebenen Stellen an, als würden sie sowieso nicht passen. Die Titel klangen für mich nicht nach einem erfüllten Berufsleben. Nur „Managerin“ oder nur „Designerin“ von etwas sein, das erschien mir zu wenig.

Also kam der Schritt in die Selbstständigkeit im September letzten Jahres. Als studierte Produktdesignerin klar: ich will etwas Kreatives machen. Aber nicht irgendetwas, sondern eine Tätigkeit, bei der ich meine Talente und Fähigkeiten so richtig zum Glänzen bringen kann.

 

Was kann ich überhaupt?

Gestalten, Fotografieren, Schreiben – das alles kann ich irgendwie. Und nach dem Studium habe ich schwer damit gehadert, dass ich mich auf nichts „spezialisieren“ konnte – so gerne wollte ich eine Expertin für irgendwas sein – in eine Nische gehen, um dort besonders erfolgreich zu sein.

Sowas hatte ich zumindest in Karriereratgebern gelesen.

Aber ich konnte mich für nichts wirklich entscheiden, wollte alles – bis mir klar wurde, dass mir die Selbstständigkeit genau die richtige Spielwiese bieten kann, um eben das breite Spektrum meiner Lieblingstätigkeiten einzusetzen. Das war wie eine Erleuchtung. Also, let’s do it!

 

Die Gründung einer eigenen Marke

Somit wurde stahlpink gegründet.

Eine Lifestyle-Marke mit Produkten für selbstbewusste „mega Mädels“. Mit dazugehörigem Blog und dem #megamutig-Podcast, in dem ich tagebuchartig von meinem ersten Jahr der Selbstständigkeit berichte.

Das Ganze war erst ein Mal als „Experiment“ für ein Jahr angelegt: um die Selbstständigkeit zu testen. Und im Notfall immer noch in die Festanstellung zurück zu können, denn was ist schon ein Jahr?!

Die Gründung einer Marke war für mich die perfekte Idee: ich kann darin alle meine vielfältigen Fähigkeiten einsetzten und das ganze mit einer Botschaft versehen, um andere zu ermutigen. Somit tragen die Produkte aufbauende Slogans („Du bist mega!“) und ich baue das Produktsortiment für mega Mädels und selbstbewusste Frauen stetig aus.

Die ersten drei Monate sind wie im Rausch vergangen. Businessplan schreiben, den eigenen Onlineshop eröffnen. Die Motivation war groß, die Euphorie über den krassen Schritt, dass ich mich das getraut habe, hat mich die ersten Wochen beflügelt! Und damals schien noch alles möglich, alles erreichbar, die Zukunft wunderbar offen und frei.

 

The Struggle

Durch den Gründungszuschuss war ich finanziell etwas abgesichert – eine super Ausgangsbasis. Ich hatte mir auch einiges angespart (ein Muss für jeden Gründer). Aber es ist finanziell, vor allem am Anfang, nicht easy. Darüber sollte man sich, trotz aller Euphorie, im Klaren sein.

Vor allem beim Vertrieb von eigenen Produkten ist der finanzielle Aufwand hoch, während sich die Marke erst noch etablieren und der Verkauf der Produkte erst anlaufen muss. Aber da ich immer noch ziemlich studentisch lebe, keine hohen Ausgaben habe und einfach darauf vertraue, dass es „schon wird“, mache ich weiter. Und die wachsenden Verkaufszahlen, die Begeisterung der Kunden und das steigende Interesse von Großhändlern geben mir Recht.

 

Kann ich davon leben?

Eine Frage, die in Gesprächen mit Freunden und Verwandten ständig mit schwebt. Und so eine unsinnige noch dazu! Leben geht auch ohne Arbeit oder Verdienst. Und man fällt nicht gleich tot um, wenn mal Ebbe auf dem Konto herrscht.

Ich finde die Frage ungehörig, weil jemand in Festanstellung oft genug sehr wenig verdient, vor allem Berufseinsteiger. Da wird aber nicht gefragt, ob man „davon leben“ kann, selbst wenn es knapp ist.

Die Frage sollte viel mehr lauten: „Kann ich Dich unterstützen?“. Und das muss nicht monetär sein. Vielen Einsteigern, so ging es mir auch, fehlt es an Bestätigung. Wie glücklich war ich über zufällige Begegnungen mit alten Freunden, die mir plötzlich positives Feedback gaben. Oder über Freunde und Verwandte, die großzügig im Shop einkauften. Und mich auf diese Art unterstützten.

 

Und nun?

Was als Testlauf für ein Jahr begann, hat sich zu einer Marke mit positiver Aussicht entwickelt.

Schon nach sechs Monaten war es mir klar: ein Jahr ist zu kurz, um das tatsächliche Potential einer Marke zu sehen. Und um ehrlich zu sein, kann ich mir den Schritt zurück in die Festanstellung gar nicht mehr vorstellen.

Viel zu glücklich bin ich mit meiner Selbstständigkeit und der Entwicklung meiner Marke stahlpink. Vor einem Jahr war ich sehr verloren und wusste nicht wohin, aber nun bin ich zu einem selbstbewussten Unternehmer-Mädel mit Vision geworden. Und diese Version meiner selbst gefällt mir viel besser!

 

Take Aways für Euer erstes Jahr:

  • Lasst Euch nicht von der Bürokratie abschrecken, z. B. proaktiv beim Finanzamt nachfragen, wenn Unklarheiten herrschen. Im Zweifelsfall ausführliche Beratung suchen (IHK, Unternehmensberater, Verbände, …)
  • Springt auch mal ins kalte Wasserman frau wächst an seinen ihren Aufgaben. Zuletzt wurden bei mir 5.000 Produkte auf einen Schlag angefragt. Ein kleiner ängstlicher Teil in mir hätte sich am liebsten verkrochen und abgelehnt – aber die Unternehmerin in mir hat sich gefreut – und ich habe in diesem Prozess einiges gelernt!
  • Akzeptiert, dass es auch mal langsamer gehen kann als gedacht. Durch Ziehen wächst das Gras nicht schneller. Das gleiche gilt für’s Business. Für ungeduldige Menschen ist das ein Graus, aber dafür lernt man, sich auch an kleinen Erfolgen zu erfreuen.
  • Lasst Euch nicht ablenken. Habt Euer Ziel vor Augen – es gibt so viel, was man heutzutage als Selbstständige anstellen kann: ein E-Book schreiben, Webinare geben, weitere Produkte erstellen, einen neuen Podcast starten, nebenbei doch noch die Coaching-Ausbildung machen… Aber all das kostet Zeit und Energie. Und wenn Ihr Solo-Gründerinnen seid, solltet Ihr realistisch einschätzen, was Ihr schafft – und welche Kanäle und Maßnahmen auf Euer Ziel, Eure Vision einzahlen. Ich versuche super langfristig zu denken und mich nicht von „shiny objects“ am Wegesrand ablenken zu lassen.
  • Ihr seid Eures eigenen Glückes Schmied: wenn Ihr Euch reinhängt, passieren tolle Dinge: Erfolge wie das erste Interview in der Presse. Empfehlungen von Influencern. Leute, die euch plötzlich erkennen, weil sie Euch von Social Media oder vom Blog kennen. Aber dafür müsst Ihr raus gehen und Eure Marke oder Euer Projekt zeigen. Wenn Ihr nichts tut, passiert halt nichts!
  • Vernetzung ist wichtig! Und heutzutage online super möglich. Natürlich auch über Konferenzen in real life (vielleicht sieht man sich ja mal!). 🙂 Klar wird Vernetzung überall gepredigt. Aber wie relevant es tatsächlich ist, merkt man erst, wenn einem die Decke im eigenen Home Office auf den Kopf fällt.
  • Lernt achtsam zu sein. Klar ist es heutzutage „cool“ ständig super gestresst zu sein und extrem viel zu tun zu haben. Das gibt einem das Gefühl von Wichtigkeit. Aber wie cool ist man noch, wenn man durch Burnout seinen Lebenstraum an die Wand gefahren hat? Nicht nur beim Thema Business, auch wenn es um die eigene Energie und Leistungsbereitschaft geht, solltet Ihr achtsam sein und langfristig denken. Pausen einbauen, abschalten wenn es nötig ist. Ich zum Beispiel arbeite nie am Wochenende. Und das, obwohl ich meine Arbeit liebe!

© Beitragsbild: Lanty | Unsplash

2 Kommentare
  1. Inga sagt:

    „Ich finde die Frage ungehörig, weil jemand in Festanstellung oft genug sehr wenig verdient, vor allem Berufseinsteiger. Da wird aber nicht gefragt, ob man „davon leben“ kann, selbst wenn es knapp ist.” Ohja!

    Genau wie: „Und was machst du, wenn das mal nicht mehr funktioniert?” Naja, was macht denn der Fragende, wenn die Firma, in der er angestellt ist, in drei Monaten insolvent ist? 😉 Warum wird man das nur als Selbstständiger gefragt?

    Danke für die spannenden Einblicke in deine Erfahrungen!

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