Heute schreibe ich mal frei von der Leber weg – ohne Listen, Tipps und Dos & Dont´s – über ein Thema, über das ich neulich in meinem „Freelancer-Alltag“ gestolpert bin:

Vor Kurzem trudelte bei mir nämlich eine Mail einer Personalagentur ein, die auf der Suche nach einer freien Redakteurin war. Jobbeschreibung klang top, Profil passte.

Ich habe noch nie überlegt, für wen ich nicht arbeiten möchte

Also antwortete ich, dass wir gerne mal telefonieren könnten. Am Telefon dann mal Butter bei die Fische: „Wer ist denn der Kunde?“ – „Ein großer deutscher Verlag. Konkret deren Publikation mit den vier Buchstaben.“

Mein Gedanke: „Upps. Mist! Das kann ich nicht machen.“ Leider konnte ich das nicht direkt am Telefon sagen, da ich die „Cojones“ nicht hatte. Weil ich diese Situation bisher nicht kannte: Kunden ablehnen zu wollen, weil Werte und Grundsätze nicht passten.

Ich habe mir zwar schon oft überlegt, für wen ich gerne arbeiten würde. Aber noch nie, für wen ich auf keinen Fall arbeiten möchte.
Dabei ist es beispielsweise in einigen Agenturen üblich, so etwas in den Grundsätzen aufzunehmen: Branchen und Kunden, die man ausschließt – in vielen Fällen z.B. Zigaretten- oder Waffenhersteller. Oder wie in einem Artikel des Guardian, in dem es um Agenturen geht, die keine Kunden betreuen wollen, welche den Klimawandel leugnen oder denen er egal ist.

Sollte man also auch als Selbstständige bzw. Freelancerin mit einer solchen Liste gewappnet sein? Mit Liste meine ich jetzt nicht unbedingt eine physische Liste, sondern eher das Sich-Gedanken-darüber-machen, an welchem Punkt man „Nein“ sagen sollte – nur um vorbereitet zu sein. Um die Argumente und damit auch die „Cojones“ parat zu haben, plausibel und gut argumentiert abwinken zu können und sich nicht von tollen Stundensätzen überwältigen zu lassen.

Erst die eigenen Werte, dann die Kohle

Denn da liegt ja auch wenig das Problem, das mich für einen kleinen Augenblick hadern ließ: Eine gute Bezahlung.

Jeder Freelancer kennt das: Es ist immer etwas ungewiss, wie man in den nächsten Monaten gebucht sein und wie viel man tatsächlich verdienen wird. Jedes Projekt, das einen beschäftigt und einen Puffer möglich macht, scheint da erstmal attraktiv.

Ich muss zugeben, dass ich in der glücklichen Lage war, nicht auf dieses Angebot angewiesen zu sein. Aber was, wenn es finanziell gerade eng geworden wäre? Wäre ich dann leichter „zu kaufen“ gewesen und hätte mal zwei, drei Augen zugedrückt, um meine Prinzipien zu vergessen oder das Ganze sogar schönzureden und zu rechtfertigen?

Da kommt jetzt leider auch kein konkrete Antwort oder Tipps von mir. Es ist einfach nur so ein Grübeln über das eigene Verhalten, die eigene Stärke, Prinzipien und das „Was wäre wenn?“.

Aktuell sage ich überzeugt: Prinzipien gehen eben vor Geld.
Wenn es mal eng wird, sehen wir uns vielleicht doch auf der „bösen Seite“ 😉

Ach Mensch, am liebsten würde ich jetzt persönlich mit Euch in einer Runde sitzen und hören, ob Ihr Euch solche Gedanken mal gemacht habt und ob Ihr bereits einen Kunden abgelehnt habt, weil Ihr einfach ein ethisches oder moralisches Problem mit dem Produkt hattet. Oder ob Ihr trotz aller Zweifel schon mal ein Angebot angenommen, es aber hinterher bereut habt?
Na dafür gibt es ja das Kommentarfeld. Ich würde mich sehr freuen, da mal Eure Meinung zu hören… bzw. zu lesen 🙂

Eure grübelnde Sophie*

 

© Beitragsbild: Leeroy | stocksnap.io

10 Kommentare
  1. Andrea sagt:

    Hi Sophie,
    Ich finde es super, dass du abgelehnt hast. Ich hab auch vor einiger Zeit einen lukrativen, dauerhaften Auftrag abgelehnt, weil mehrere Aspekte für mich nicht stimmig waren. Im ersten Moment wollte ich schreiend im Kreis laifen (2k pro Monat xD) aber das gute Gefühl überwiegt bis heute. 🙂
    Seither hab ich mich intensiv(er) mit den Werten auseinander gesetzt, die für mich wichtig sind und höre bei der Kundenauswahl auf meinen Bauch.
    Liebe Grüße Andrea

    • Sophie sagt:

      Hallo Andrea.

      Das „Auf-den-Bauch-hören“ habe ich mir auch oft vorgenommen… Aber ja, manchmal ist das sehr schwierig, wenn der Kopf sich mit rationalen Argumenten meldet à la „Zähne zusammenbeißen & dann ist der nächste Urlaub finanziert“. Aber ich denke, die Erfahrung lehrt einen dann doch irgendwann, dass es auch Jobs gibt, bei denen man nix zusammenbeißen muss, sondern sich den Urlaub auch mit Spaß an der Sache verdienen kann 😉

      Viele liebe Grüße & vielen Dank für deinen Kommentar. Sophie*

  2. Lydia Krüger sagt:

    Hi Sophie, ich habe einen Kunden nach 1,5 Jahren in die Wüste geschickt, weil er megachaotisch war und mich schlecht behandelt hat. Seitdem geht’s mir viel besser. 🙂 Auch wenn es finanziell wehgetan hat. Und vor Jahren habe mich von einer Agentur verabschiedet, weil die halbe Geschäftsführung auf Drogen war. War damals mein größter Kunde. Hab ich auch nie bereut. Wenn es sich richtig anfühlt, ist es auch richtig. Schöne Grüße aus Berlin, Lydia

    • Sophie sagt:

      Hey Lydia.

      „Wenn es sich richtig anfühlt, ist es auch richtig.“ – Das nehme ich jetzt als meinen neuen Leitsatz mit. Manchmal ist es doch ganz einfach 🙂

      Vielen Dank für deinen (weisen!) Kommentar & viele liebe Grüße. Sophie*

  3. Daniel Held sagt:

    Hallo Sophie,

    ich kenne das! Zwar hatte ich noch keine Anfrage von einem Kunden, dessen Produkt ich aus ethischen Gründen ablehne. Es kam aber schon einige Male vor, dass ich ein schlechtes Bauchgefühl im Vorfeld hatte, was die Zusammenarbeit selbst angeht. Mal waren es Kunden, die sich am Wochenende bei mir gemeldet haben, mal welche, die sehr viel nehmen aber sehr wenig geben wollten oder welche, die mit fadenscheinigen Ausreden ankamen, warum das erste Telefonat von Kundenseite nicht zustandekommen konnte. In allen Fällen kam entweder keine Zusammenarbeit zustande oder es war eine unbefriedigende. Von daher stimme ich Andrea voll zu: aufs Bauchgefühl hören! Selbst wenn das Geld (das Honorar) stimmt oder fehlt (auf dem Konto). Letztlich ist das den Ärger und das schlechte Gefühl nicht wert. Mein Tipp: Stattdessen die eigene Energie in Kunden investieren, die es wert sind. Und davon habe ich schon mehrere. 🙂

    Viele Grüße
    Daniel

    • Sophie sagt:

      Moin Daniel.

      Ja, der Aspekt der Wertschätzung wäre auch noch einen Artikel wert. Glücklicherweise habe ich da noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Aber während meiner kleinen Recherche bin ich auf Blogs schon öfter über das Thema gestolpert. Wenn ich da also einen Interviewpartner brauche, dann melde ich mich noch mal 😉

      Viele liebe Grüße & vielen Dank für deinen Kommentar! Sophie*

  4. Julia sagt:

    Hey Sophie,
    in meiner Selbstständigkeit ist mir so ein Auftrag glücklicherweise noch nicht untergekommen. Vielleicht brülle ich meine Werte durch meinen Blog einfach schon laut genug in die Welt heraus… Aber meine „sichere Arbeitsstelle“ habe ich wegen Werten aufgegeben. Obwohl ich jetzt als Illustratorin tätig bin, bin ich auch Architektin und habe also in einem Büro gearbeitet. Studiert habe ich, weil ich Denkmäler schützen und nachhaltig bauen wollte. Genau das wurde mir im Bewerbungsgespräch auch versprochen. Ein Jahr später habe ich meine Sachen gepackt und war wieder weg, denn das waren wohl nur die feuchten Tagträume meines Chefs. Nachhaltig war da gar nichts und Denkmäler habe ich auch keine gesehen. – Meine Werte haben mich also ohne Sicherungsseil und doppelten Boden in eine Selbstständigkeit als Grafikerin flüchten lassen, da ich beinahe traumatisiert war von diesen schlechten Erfahrungen. Erst jetzt, ca 18 Monate später, denke ich ganz langsam wieder darüber nach, zur Architektur zurück zu kehren…
    Liebste Grüße aus Berlin,
    Julia

  5. Laura sagt:

    Hi Sophie,
    tut gerade sehr gut, das zu lesen. Ich bin noch nicht lange selbstständig und musste dennoch heute eine eigentlich vielversprechende Neukundin ablehnen, da ich starke moralische Probleme mit ihrem Produkt hatte. Was nur mein Bauchgefühl bestätigt hat, das mir von Anfang an sagte, dass da etwas nicht stimmt (sie hat mir statt auf meine Mails zu antworten ewig lange Sprachnachrichten geschickt, auch nachdem ich sie Gebeten hatte, das nicht zu tun). Auch wenn ich das Geld wirklich sehr gut gebrauchen könnte, ist meine Existenz nicht von dem Job abhängig. Daher überwiegt mein gutes Gefühl. War aber echt nicht einfach.

    Ich bin aber davon überzeugt: wenn ich jetzt schon im nicht einmal zweiten Geschäftsjahr anfange, gegen meine Prinzipien zu versprechen, bewege ich mich schnell in eine falsche Richtung, ganz zu schweigen von dem Ruf, den man sich dadurch aufbaut. Gute Entscheidung von dir!

    Liebe Grüße
    Laura

    • Sandra sagt:

      Hallo Laura, Sophie ist nicht mehr für FF& aktiv. Ich sehe sie aber heute Abend und zeige ihr Deine Nachricht. Schön, wenn Dich ihr Beitrag bestätigt hat. Ich glaube, Du hast Dich ganz richtig entschieden, auch wenn es nicht einfach war. Das Bauchgefühl, egal ob gut oder schlecht, liegt meiner Meinung nach immer richtig. Sandra

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