Daria Reinbold studierte International Communications in Friedrichshafen und London. Nach ihren ersten Arbeitserfahrungen im Angestelltenverhältnis entschied sie sich in das Familienunternehmen Reinbold Saunabau einzusteigen. Dort arbeitet sie seitdem als „Next Generation“ mit den Schwerpunkten Kommunikation und Kundenbetreuung.

24. Dezember, die Familie sitzt zusammen. Der Geruch von Anis, Zimt, Mandarinen und Glühwein liegt in der Luft. Wir genießen Omas Lebkuchen und Plätzchen. Doch an Gesprächsthemen gibt es nur eines: Welche Aufgaben stehen am ersten Arbeitstag nach Weihnachten in der Firma an? Und mit diesem „ersten Arbeitstag“ meinte mein Vater nicht irgendeinen Montag im Januar, sondern den ersten Morgen nach den Feiertagen.

Mein Vater war in Gedanken immer bei unserer Firma. Ob in den Ferien oder an Weihnachten, selbst und ständig eben. Daher kam eine Unternehmensleitung für mich eigentlich nie in Frage.

Und nun, acht Jahre später, sitze ich hier bei uns im Büro: Juniorchefin, Unternehmerin in spe und überlege mir, ob ich als einzige potentielle Nachfolgerin doch unseren Handwerksbetrieb übernehmen soll und kann.

Ihr fragt Euch, wie es dazu kam? Nun, ich wollte einfach nicht mehr fremdbestimmt sein. Ich wollte mich trauen, den Weg der Selbständigkeit zu gehen.

Dass meine Eltern immer hinter mir standen, mich nicht ans Unternehmen gebunden, sondern mich vielmehr ermutigt haben, die Welt zu bereisen, zu studieren und in dem Job meiner Wahl meine Berufung zu finden, war rückblickend wahrscheinlich genau der Grund, warum ich jetzt bin, wo ich bin: zurück in der Heimat; im elterlichen Betrieb.

Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Ich weiß, dass ich bei meinen eigenen Kindern genauso handeln und ihnen die Freiheit geben werde, selbst herauszufinden, in welcher Arbeit sie glücklich und zufrieden werden.

Nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften wollte ich mich erst einmal in anderen Firmen in England und Deutschland beweisen. Ich durfte an vielen spannenden Projekten mitarbeiten. Aber meistens hatte ich das Gefühl, in den Zwängen meines „Nine-to-five-„Jobs festzustecken und nur sehr wenig für die wirklich großen Unternehmensziele beizutragen.

Ich spürte, dass mir das Unternehmer-Gen also doch bereits in die Wiege gelegt worden war. Mehr und mehr freundete ich mich mit dem Gedanken an, Chefin zu werden.

Konkret gab es zwei ausschlaggebende Gründe in den Familienbetrieb einzusteigen:

Ich möchte den Weg weisen, nicht hinter her laufen

Zum einen wollte ich nicht mehr nur irgendeine Angestellte in einem fremden Unternehmen sein und lediglich an den Aufgaben arbeiten, die mir mein Chef zugeteilt hatte. Ich wollte selbst kreativ sein und langfristige Visionen und Ziele für unser Unternehmen erstellen. Ich wollte diejenige sein, die Jobs für Andere schafft. Und ich wollte unseren Mitarbeitern auch in Zukunft einen sicheren Arbeitsplatz bieten.

Ich möchte Menschen helfen

Zum anderen kann ich mich zu mehr als 1.000 Prozent mit unserem Produkt sowie unseren Werten und Leitbildern identifizieren, ein durchaus wichtiger Faktor für ein glückliches Arbeitsleben. Jede unserer Saunakabinen ist eine Investition in die Gesundheit unserer Kunden. Anderen Menschen zu mehr Vitalität und Lebensfreude zu verhelfen, ist meine Berufung. Das erkenne ich jeden Tag aufs Neue.

Zurück zur Ausgangsfrage.

Wie kann eine Unternehmensnachfolge also gelingen?

Unser Familienbetrieb wird mit viel Liebe und Tradition geleitet. Emotionen spielen oft eine große Rolle. Persönliches wird ins Büro übertragen. Umgekehrt werden Probleme und Diskussionen vom Arbeitsplatz mit nach Hause gebracht. Einerseits sind die Auftragsbücher voll, andererseits kämpfen auch wir mit dem Mangel an tüchtigen Nachwuchskräften.

Wie also schaffe ich es – ohne mich 24/7 abzuschuften – unser traditionelles Handwerksunternehmen ins 21. Jahrhundert zu führen?

Ja, im Handwerk wird nach wie vor vorzugsweise mit Brief und Fax gearbeitet, als mit diesem „dubiosen“ Internet. Gerade durch einen Transformationsprozess hin zur Digitalisierung, soll die Firma in den nächsten fünf bis zehn Jahren profitabel bleiben. Das ist eines meiner größten Ziele.

Nach meiner Einschätzung müssen bei einem Generationswechsel zuallererst wichtige Stellschrauben identifiziert und analysiert werden. Zum Beispiel müssen kaufmännische Fakten offen und ehrlich diskutiert werden. Wie gut geht es der Firma wirklich? Wie bleibt das Unternehmen noch lange erhalten?

Um vorausschauend zu planen, müssen auch rechtliche Angelegenheiten geklärt werden. Erbschaftssteuer, Eigentumsverteilung und handelsrechtliche Sachverhalte sollten am besten mit Experten einer Steuerkanzlei oder mit einem Anwalt fair diskutiert und schriftlich festgehalten werden.

Besonders wichtig ist: Ein Schritt nach dem anderen.

Ich musste lernen, mich in Geduld und Zurückhaltung zu üben. Gleich mit der Tür ins Haus zu fallen war definitiv der falsche Weg. Mein geballtes Wissen aus dem Studium ist zwar sehr hilfreich, aber mir wurde schnell klar, eine erfolgreiche Übergabe dauert mehrere Jahre.

Meinungsverschiedenheiten und Konfliktpotential gibt es nämlich nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch zwischen uns als Inhaber und den Mitarbeitern. Unsere Schreiner und Holztechniker kennen mich schon seit Kindertagen, haben mich in unserer Werkstatt aufwachsen sehen. Und jetzt bin ich plötzlich ihre Chefin. Diese neue Rollenverteilung musste erst einmal verstanden und akzeptiert werden.

Meine Aufgabe für 2019 ist, einen Führungsstil zu etablieren, der zu mir und zu unserem Unternehmen passt.

Alte Gewohnheiten ablegen, offen und mutig sein für Neues, das fällt mir wahrscheinlich leichter als manch anderen in unserer Firma. Daher möchte ich allen das Gefühl geben, dass ich niemanden verärgern oder gar verdrängen will, sondern dass wir unsere Ziele gemeinsam umsetzen. Und weil wir das Jahr 2018 schreiben mit einer frischen, modernen Strategie.

Rückblickend bin ich froh und finde meine Entscheidung richtig.

Über 70.000 Familienunternehmen suchen in Deutschland händeringend Nachfolger und kümmern sich meistens erst viel zu spät darum. Die Unternehmensnachfolge als „familiärer Automatismus“ ist keine Selbstverständlichkeit mehr.

Es gibt nämlich auch sehr gute Gründe, als Externe die Nachfolge in einem Familienunternehmen anzutreten. Im Vergleich zur Gründung eines Start-ups bieten diese einige Vorteile:

  • Stabile Unternehmensstruktur
  • Am Markt etabliert
  • Qualitativ hochwertige Produkte, da diese bereits über Jahre und Jahrzehnte immer weiterentwickelt wurden
  • Langjährig gepflegtes Netzwerk aus Zulieferern, Partnern und anderen Kontakten
  • Loyale, zufriedene Kunden

Aber auch hier gilt, bei der Suche nach einem passenden Unternehmen nicht nur betriebswirtschaftliche Kennzahlen, Perspektiven und die Finanzen zu betrachten, sondern sich vor allem der Unternehmenskultur bewusst zu werden. Stellt Euch die Frage: Passe ich in diese Firma und deren Struktur? Jeder Betrieb ist ein lebendiger Organismus und der Erfolg beruht hauptsächlich auf der Art und Weise, wie die Menschen, die dort arbeiten, miteinander interagieren. Kommunikation und Vertrauen sind oberstes Gebot, um langfristig profitabel zu bleiben.

Unternehmensübergaben sind immer knifflige Aufgaben. Das ist mir durchaus bewusst geworden. Aber, wer mit ein bisschen Mut, Verständnis und einem durchdachten „Nachfolgeplan“ den Chefposten antritt, ist gut vorbereitet für eine spannende, dynamische und bestimmt erfolgreiche Zukunft im Familienunternehmen. Ich persönlich freue mich darauf!

Meine persönlichen Tipps für Euer erfolgreiches Familienunternehmen:

  1. Traut Euch, neue Ideen und Strategien umzusetzen.
  2. Zugleich aber nicht direkt mit der „Tür ins Haus“ fallen.
  3. Kaufmännische, rechtliche und persönliche Sachverhalte analysieren.
  4. Mit einem Nachfolgeplan Grundsätzliches festhalten, inklusive kurz- und langfristiger Ziele, Visionen, Businessplan.

© Beitragsbild: Fancycrave | Unsplash

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