„Es gilt herauszufinden, was einen nach vorne bringt und was einen bremst“ – Zwei Gründerinnen schaffen einen Ort zum Fragenstellen

Modern Life School

Gaby Bohle und Pia Schaf, zwei ehemalige Werberinnen, haben gemeinsam in der Hamburger Innenstadt die Modern Life School ins Leben gerufen. Nach eigenen Angaben ein Ort zum „Denken, Lachen, Philosophieren, Lesen, Entdecken, Genießen, Staunen, Zweifeln, Begegnen, Spielen, Träumen…“. Hier können sich Interessierte zu eher informellen, philosophischen Gesprächen bei Wein zusammenfinden oder an durchstrukturierten Classes zu wichtigen Lebensfragen teilnehmen. Willkommen sind alle, Hauptsache sie sind offen für neue Fragen und Antworten. Wir haben uns mit ihnen über den Bedarf an einer Lebensschule und über das Gründen unterhalten.

Gaby Bohle und Pia Schaf
Gründerinnen Gaby Bohle (l.) und Pia Schaf (r.)

Die erste Frage ist natürlich: Was genau ist die Modern Life School?

Gaby: Die kurze Antwort ist: Wir sind eine moderne Schule fürs Leben und wir sind eine Schule fürs moderne Leben. Das funktioniert beides. Und das ist auch ein bisschen das, was sich durchzieht, dass man Dinge immer mindestens von zwei Seiten betrachten kann.

Was bedeutet für Euch das „moderne Leben“? Was ist am Leben heute anders als früher?

Gaby: Naja… die alten Griechen haben sich mehr oder weniger mit den gleichen Fragen beschäftigt wie wir heute. Menschen fragen dann immer: Wenn die das vor 2000 Jahren schon gefragt haben, sind wir denn so blöd, dass wir es immer noch nicht kapieren? Nein. Jeder muss für sich und in seiner Zeit neu denken und Fragen neu stellen. Du kannst aus Erfahrungen anderer nicht lernen. Wie beim Kind mit der Herdplatte. Die modernen Zeiten haben aber natürlich Unterschiede. Die Familienstrukturen haben sie verändert. Wir wohnen anders. Wir suchen woanders nach Halt und nach Antworten.

Pia: Du kannst sogar einen Tick weiter gehen. Wenn ich Dich gefragt hätte, als Du 15 warst, was Du werden möchtest, wen Du liebst, wo Du wohnst, Und ich frag Dich das mit 20, mit 25, mit 30. Und ich würde Dich das in zehn, zwanzig Jahren fragen, ist die Frage immer wieder neu und spannend.

Gaby: Oder, um es mit Brechts Herr Keuner zu sagen: Zwei Menschen treffen sich und der eine sagt „Oh, Sie haben sich gar nicht verändert.“ Und Herr Keuner erschrak. Man möchte ja schon, dass man sich verändert.

Und was genau meint Ihr mit einer „modernen Schule“?

Gaby: Wir haben Weine, wir haben Bücher, wir haben eine moderne Einrichtung. Es ist nicht dieses klassische Bild von der Volkshochschule, sondern es soll Spaß machen. Man soll sich hin trauen, auch wenn das zuerst immer schwer ist.

Für wen genau ist dieses Angebot gedacht?

Gaby: Für alle, die mehr Fragen stellen als navigieren. Und wenn Du Deine Fragen nicht nur in Deinem Umkreis beantwortet haben willst. Denn da willst Du eigentlich nur Bestätigung.

Pia: Wenn du dich fragst, ob du deine Beziehung beenden sollst, oder Deinen Job kündigen, mit wem besprichst Du das? Mit Freunden oder Familie. Du fragst die Leute, von denen Du eigentlich weißt, was sie Dir sagen werden. Aber wenn du Dinge erfahren möchtest, die Du nicht weißt, dann musst Du Leute fragen, die Du noch nicht gefragt hast. Und wo machst Du das? In einem neuen Umfeld. Die deutsche Kultur ist ganz eigen. Die liest sehr viel. Das ist aber sehr einseitig. Und dabei gibt es keine Reibung. Erst im Gespräch hast Du auch eine gewisse Reibung.

Wie ist denn da so das Feedback? Gerade ist ja das Thema Filterblase in aller Munde. Man kommt gar nicht mehr raus, selbst wenn man eigentlich wollte. Merkt Ihr, dass Leute sich mehr einigeln mit ihrer eigenen Meinung? Oder habt Ihr das Gefühl die Leute versuchen tatsächlich, daraus auszubrechen?

Gaby: Es gibt beides. Definitiv. Ich entdecke schon, dass es die Gruppe von Menschen gibt, die sich Bestätigung holen wollen und die schon mit einer Meinung reinkommen. Aber die überwiegende Zahl von Leuten ist neugierig.

Streichholzschachtel
Philosophische Streichholzschächtelchen aus der Modern Life School

Habt Ihr das Gefühl die Nachfrage danach wird größer?

Gaby: Also die Nachfrage nach Fragen ist riesig. Aber sie wird eben auch bedient durch eine große Anzahl an Coaches, von denen wir uns schon unterscheiden.

Pia: Wir haben Leute, die kommen hier rein, um dann unsere Veranstaltung samt Titel als Coaching zu verkaufen. Und die haben damit auch noch Erfolg. Weil die Leute lieber für ein Coaching Geld ausgeben – viel Geld – als hier, wo sie eigentlich genau das gleiche bekommen. Das Coaching ist nur etablierter.

Gaby: Hier weiß ich eben nicht genau, ob ich das kriege, was ich will. Viel schlimmer noch, ich weiß oft ja nicht einmal, was ich will. Ich hab nur eine Frage. Und natürlich will ich am liebsten eine Antwort oder ein Patentrezept. Und das wissen sie von vornherein, das kriegen sie nicht.

Pia: Ich bilde mir ein, dass es auch daher kommt, dass viele Leute so one-way leben. Auch das digitale Leben ist one-way. Ich guck mal, ich lese mal, ich like mal, aber ich kommuniziere nicht.

Dabei haben ja gerade die Sozialen Medien den Anspruch, sozial zu sein und Kommunikation zu fördern.

Gaby: Die Sozialen Medien – so wie ich sie empfinde – sind eigentlich eine sehr egoistische Form. Ich empfinde es nicht als sozial, sondern eher als „Ich muss mich zeigen. Ich muss was absondern. Ich muss Meinungen verbreiten“. Wenn Du es über den Bildschirm machst, geht das Menschliche aber verloren. Und auch das Direkte. Bei dieser Art Austausch fehlt eine ganze Menge. Mir fehlt der Blick, mir fehlt das Lachen, mir fehlt der Wein.

Was ist denn Eure beliebteste Veranstaltung?

Gaby: Unsere Weinabende. Das ist unser modernes Transportmittel. Wir finden einen jungen, wilden Winzer oder eine Winzerin aus jedem deutschen Weinanbaugebiet. Von jedem nehmen wir ein oder zwei Weine mit ins Programm. Diesen Weinen geben wir ein Thema und einen Philosophen-Paten. Das kann auch ein Künstler oder Soziologe sein. Dabei geht es zum Beispiel um Glück, Natur, den Tod oder Medien – mein Lieblingswein. Und dann kann man anhand eines Gesprächsstoffs, den es immer zum Wein dazu gibt, mit anderen Leuten über das Thema philosophieren.

Pia: Wein trinken und Philosophieren macht einfach Spaß. Das machen die Leute auch zuhause.

So ein Weinabend kann ja schon mal länger werden. Ihr zwei seid dann auch abends hier und habt Programm. Böses Wort, aber wie sieht’s bei Euch mit Work-Life-Balance aus?

Pia: Ich glaube nicht an Work-Life-Balance. Wenn Du etwas mit Begeisterung machst, dann tickt da nicht die Uhr. Wer neben seinem Job noch viele andere Interessen bedienen will, der braucht eine Work-Life-Balance. Das ist dann auch völlig in Ordnung. Aber wenn Du Deinen Job aus Begeisterung tust, dann stolperst Du doch selbst über das Wort Work-Life-Balance. Weil Du es ja gerne machst. Du brauchst davon keine Erholung.

Wie seid Ihr denn damals auf die Idee zu dieser Schule gekommen?

Pia: Wir hatten früher zusammen eine Werbeagentur. Und ich hatte partout keine Lust mehr. Denn so, wie wir Werbung verstehen, nämlich sich um einen Menschen bewerben, natürlich ein bisschen dick auftragen, aber authentisch bleiben, weil Du ja langfristig eine gute Beziehungen haben willst, mit diesen Konzepten sind wir nie wirklich durchgekommen. Sondern es ging natürlich immer nur um Forecasts. Das hat uns frustriert, wie mit Werten und mit Menschen umgegangen wird. Und dann kam Gaby eines Tages auf Konzepte, die es in London schon länger gab, wie Alain de Bottons „School of Life“ Oder Tom Hodgkinsons „Idler Academy“. Die Ursprungsidee war dann, dass wir das nebenher machen. Wir haben aber schnell festgestellt, dass uns das eine begeistert und das andere nicht. Dann haben wir die Agentur einfach rigoros gelassen.

Gaby: Dann Philosophen zu finden, die das mit uns tragen, das war schon eine Aufgabe. Weil wir uns ja mit dieser Thematik gar nicht auskannten. Aber fast alle Referenten, die wir angesprochen haben, waren von der Idee begeistert. Denn wer sich beruflich mit der Philosophie auseinandersetzt, der freut sich natürlich auch, wenn es Freunde davon gibt. Und wenn sich mehr Menschen damit beschäftigen. Es gibt immer die, die sagen: Nein, ich lehre nur an der Uni. Aber es gibt auch viele, die sich nicht davor scheuen, diese Themen hier auch auf einem anderen Level zu kommunizieren. Dies ist ja eine Schule für jedermann.

Pia: Das ist auch noch mal ein Unterschied zu den Lebensschulen in London. Dort ist es oftmals gar nicht so philosophisch, sondern viele holen auch Coaches mit rein, alle aus London und Umgebung. Wir holen die Leute aus Belgien, aus der Schweiz, aus Berlin, von überall hierher.

Es gibt Euch jetzt seit über fünf Jahren. Habt Ihr bereits ein erstes Fazit?

Pia: Interessanterweise ist jetzt erst der Moment, wo die Leute anfangen uns wirklich wahrzunehmen. Am Anfang kamen oft Leute hierher und sagten: „Oh, tolle Idee! Durchhalten.“ Da hab ich mich gefragt, was das soll und hab das nicht ernst genommen. Jetzt weiß ich, was sie meinten.

Gaby: In Hamburg wollen die Leute immer erst mal abwarten, ob es einen in drei Jahren noch gibt.

Das klingt, als wäre es zwischendurch schwierig gewesen, an dem Projekt festzuhalten.

Gaby: Wenn du über längere Zeit selbstständig bist, kommt immer mal wieder der Punkt, wo man sich denkt: Ach, angestellt sein ist auch ganz schön. Alle fahren in den Urlaub und es gibt Weihnachtsgeld. Wenn du als Selbstständige krank bist, musst du trotzdem arbeiten. Diese Phasen sind aber auch ganz schnell wieder weg. Wenn ich hier eine Idee hab, dann können wir die einfach machen. Wenn ich eines hab, dann sind das viele Ideen. Und als Angestellte hätte ich überhaupt nicht die Möglichkeit, das alles umzusetzen. Es reicht mir schon, wenn ich mich mit Pia auseinandersetzen… darf. [Alle lachen] Das ist schon oft anstrengend genug.

Pia: Als Agentur musst Du das machen, was Du musst. Deswegen haben wir ja keine mehr. Hier leben wir wirklich mit jedem Detail das aus, was wir selbst lieben. In dem Bereich sind wir kompromisslos. Vielleicht zu dem Preis, den glaube ich jeder Selbstständige gerne zahlt, dass wir nicht Porsche fahren. Aber ganz ehrlich, so viel Spaß macht Porschefahren nicht. Es macht aber Spaß, sich mit tollen Leuten zu unterhalten. Ich kann hier alles machen, was ich leidenschaftlich gerne tue: moderieren, organisieren, diskutieren, Gastgeber sein. Dafür bezahlen wir den Preis der Sicherheit.

Ist denn dieses Sicherheitsthema für Euch noch ein großes Thema? Oder ist das etwas, woran man sich gewöhnt?

Gaby: Also ich habe mich daran gewöhnt. Ich weiß, dass es diese Sicherheit nicht gibt. Ich bin jetzt 53 Jahre alt und ich bin selbstständig geworden mit Anfang 20. Das sind jetzt so viele Jahre und so viele Ups and Downs und ich sitze immer noch hier. Das muss einem ja auch eine Form von Selbstvertrauen und von Optimismus geben.

Pia: Jeder hat ja andere Antreiber. Und es gilt auch herauszufinden, was die eigenen Antreiber sind. Was einen nach vorne bringt und was einen auch bremst. Meine größten Antreiber sind tatsächlich Idealismus und Freiheit. Ich kenne natürlich Existenzängste. Nur ist das nichts, was mich lähmt. Ich muss mich dann mal zwei Tage schütteln und dann ist wieder gut. Ich hab aber auch gelernt, dass es Menschen gibt, für die Sicherheit der Hauptantreiber ist. Und keines von beidem ist falsch oder richtig. Du bist deswegen nicht mehr oder weniger wert und Du bist deswegen auch nicht mehr oder weniger frei. Freiheit hat damit gar nichts zu tun. Es hat eher was damit zu tun, wie ich leben will, wer ich sein will.

Gaby: Vielleicht kann ich auch in meinem Job eine Freiheit finden, die mir gar nicht sichtbar war. Oder auch kreativ sein. Man muss Leute nicht mit Ratgeberbüchern dazu bringen, ihren Job mit 40 über den Haufen zu werfen. Das ist keine Selbstverwirklichung.

Pia: Und alle, die sich das nicht trauen, glauben dann sie sind zu feige. Was für ein Blödsinn.

Ihr habt zu zweit gegründet. Was glaubt Ihr, ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Gründung im Team?

Gaby: Es sollte nicht nach Freundschaft gehen. Das ist glaube ich ein Fehler, den viele machen. Sondern man sollte gucken, ob man Kompetenzen hat, die gebraucht werden. Es muss auch jemand dabei sein, der Ahnung von Zahlen hat. Und man braucht eine ständige Auseinandersetzung. Das ist auch anstrengend.

Pia: Man muss sich ehrlich anschauen und immer wieder miteinander reden und abgleichen. Auch das, was man schon vereinbart hat. Und auch sagen: Hey, Du schießt über das Ziel hinaus, so funktioniert es nicht. Das ist wie in jeder anderen Beziehung auch. Und wir entscheiden nicht alles 50/50. Es ist ganz klar, dass Gaby in bestimmten Bereichen ein Veto-Recht hat und ich in anderen. Da diskutieren wir natürlich auch, aber wenn eine Entscheidung getroffen wird, dann ist das auch so.

Wo wird es in Zukunft mit Euch hingehen?

Pia: Wir werden oft gefragt, ob wir die Modern Life School nicht noch an anderen Orten aufmachen können. Das können wir leider nicht leisten. Aber wir denken, dass man Bildung und gute Ideen eigentlich rausbringen muss, an die Ränder. Darum machen wir jetzt unser erstes Field Office auf. Ein Field Office kann ein Ort sein, den es gibt – ein Gesundheitszentrum, ein Buchladen oder auch ein Raum bei einem Unternehmen. Aber eben nicht in München, Frankfurt oder Köln, sondern in kleineren Orten, wo die Menschen nicht so überfallen sind mit tausenden Angeboten. In diesen Field Offices gibt es dann Minimum vier Quadratmeter, die so aussehen wie wir.

Gaby: Wir brauchen einen Tisch, zwei Stühle, ein Bücherregal und eine Lampe. Das ist die Grundausstattung. Also es braucht nicht viel. Aber es soll sich eben in dem Raum abheben, damit man sieht: Aha! Hier ist jetzt ein besonderer Platz.

Pia: Und dort soll es einmal im Monat eine Veranstaltung geben und wir unterstützen die Veranstalter dahingehend, dass sie das Konzept der Veranstaltung kriegen, den School Master, und wir helfen zu organisieren. Es wird auch noch weitere Field Offices geben. Wir wollen damit eine Art Community aufbauen. Damit dieser Gedanke des persönlichen Austauschs an einem Tisch wiederentdeckt wird. Darum ist uns bei unseren Partnern am wichtigsten, dass die Werte übereinstimmen.

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