Antje Rach ist Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin und seit 2012 Trainerin und Systemischer Coach. Unter dem Motto: „Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt“ hilft sie Müttern und Vätern dabei, Familie und Beruf besser miteinander zu vereinbaren. Antje begleitet Eltern bei beruflichen Entscheidungen, ebenso wie bei der Alltagsorganisation und in der partnerschaftlichen Rollenfindung.

2011. Neben mir steht das Körbchen mit diesem wunderbaren kleinen Wesen. Draußen pfeift der kalte Januarwind ums Haus. Ich höre mich zu meiner besten Freundin am Telefon sagen: „Ich weiß gar nicht, weshalb ich überhaupt studiert habe… Ich bin doch MUTTER!“

Noch nie zuvor war mir etwas so dermaßen und vollkommen sinnvoll erschienen wie ein Kind zur Welt zu bringen. In meiner postnatalen Heiterkeit verschwand alles andere in der Bedeutungslosigkeit, allen voran mein Job.

Ich fragte mich, wie es nur hatte passieren können, dass ich mir ernsthaft und in vielen Überstunden den Kopf über „Probleme“ wie die perfekte Headline auf einer Werbeanzeige zerbrochen hatte. Und zwar mit einer Besessenheit und einem Druck, als ginge es um das eigene Überleben. Für ein Produkt, hinter dem ich zwar stand. Aber auch für ein Unternehmen, dessen Personalpolitik längst nicht mehr meinen Werten entsprach.

Geänderte Werte

Diese „Erscheinung“ des Nur-Mutter-Sein-Wollens, ist schnell vorüber gegangen. Schon nach kurzer Zeit war mir klar, dass ich natürlich mehr war und mehr sein wollte. Was geblieben ist, war der Wunsch nach Sinn und Selbstbestimmung in meiner Arbeit.

Damit war ich in der Welt der frischgebackenen Mütter nicht allein. In meinem Umkreis sprossen überall zukünftige Schneiderinnen und Strickerinnen ökologischer Kinder-Kleidung, Besitzerinnen veganer (natürlich kinder-/stillfreundlicher!) Cafés und ähnliche Social Entrepreneurinnen aus dem Boden.

Dass viele Frauen nach der Geburt ihrer Kinder an ihrem Job zweifeln, ist ganz normal: Wenn wir Eltern werden, ändern sich unsere Werte. Und zwar ZACK, ganz plötzlich. Nähe, Gemeinschaftsorientierung und Sinn spielen eine sehr viel größere Rolle als vorher. Unsere Lebenszeit erscheint uns kostbarer. Folglich wollen wir sie nicht mit IRGENDETWAS vertrödeln.

Geändertes Zeitbudget

Ich wusste ganz klar: So geht es nicht weiter. Noch während der Elternzeit machte ich eine Ausbildung zum Coach und coachte zunächst eifrig mein Umfeld. Der Gedanke, mich hauptberuflich selbstständig zu machen, lag mir damals fern. Vielmehr wollte ich meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt jenseits der Medienwelt erhöhen.

Warum ich dann, wie übrigens alle meiner Näh-/Strick-/Café-Träumer-Freundinnen, doch wieder zurück in meinen alten Job ging?

Traurig aber wahr ist: Die Arbeitswelt da draußen wartet nicht auf uns Mütter. Schon gar nicht, wenn wir in Teilzeit arbeiten wollen. Was ich auf einmal unbedingt wollte – ich WOLLTE Zeit mit meinem Kind verbringen. (Verrückt, ich weiß! Mein Arbeitgeber konnte es auch nicht glauben.) Während es nahezu unmöglich ist, einen neuen Job in Teilzeit zu finden, ist es sehr gut möglich, Teilzeit in Elternzeit beim bestehenden Arbeitgeber anzumelden.

Ich kam also zurück, doch es passte nicht mehr. Zu klar war mir inzwischen, was ich nicht mehr wollte und was mir wichtig war. Und nach einigen Wendungen (Huch: eine zweite Schwangerschaft!) und einem unverhofften Auftrag machte ich mich schließlich selbständig mit einem Thema, das inzwischen mein Thema war: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Selbstständigkeit als Lösung?

Für mich hat sich dieser Weg als perfekt erwiesen, um das scheinbar Unvereinbare zu vereinbaren. Das muss aber nicht für jede von Euch gleichermaßen gelten. Ihr überlegt, ob Ihr als Mama Euer eigenes Business gründet?

Fern der wichtigen Fragen zur Selbstständigkeit im Allgemeinen (Was ist Euer Produkt? Gibt es dafür einen Markt? Wie positioniert Ihr Euch dort? etc.), die an anderer Stelle auf diesem Blog wunderbar beantwortet werden, habe ich für Euch einige eltern-spezifische Punkte zusammengetragen. Ich hoffe, dass sie Euch bei Eurer Entscheidung: Mompreneurin: Ja oder nein? unterstützen.

Punkt 1: Überprüft Eure Motivation und lotet die Möglichkeiten aus

Hinterfragt zunächst Eure Gründe: Was erhofft Ihr Euch von der Selbständigkeit? Meist höre ich von Müttern:

  • Ich möchte weniger arbeiten.
  • Ich möchte zeitlich flexibler arbeiten.
  • Ich möchte in einem wertschätzenderen Umfeld arbeiten als bisher.
  • Ich möchte inhaltlich etwas anderes machen, etwas, das mich mehr erfüllt.
  • Ich möchte möglichst unabhängig von anderen über meine Arbeitsinhalte und meine Zeit bestimmen können.

Zunächst einmal muss gesagt werden: Eine Selbständigkeit mit Kindern aufzubauen, ist kein Kinderspiel! Wenn Ihr ernsthaft am Erfolg Eures Unternehmens interessiert seid, ist sie außerdem sehr zeitintensiv. Die wirklich grandiosen Vorteile liegen darin, dass Ihr selbst darüber bestimmen könnt, WANN ihr arbeitet, WIE VIEL Zeit Ihr investiert und WAS Ihr inhaltlich macht.

Wenn Selbstbestimmung Eure vordergründige Motivation ist, kann die Selbständigkeit die richtige Option sein. Ebenso, wenn Ihr beruflich etwas ganz anderes machen möchtet.

Punkt 2: Partnerschaft – Die bessere Hälfte MUSS mit ins Boot!

Karriere wird am Küchentisch gemacht, und das gilt in diesem Fall erst recht. Wenn Ihr in einer Partnerschaft lebt, sprecht mit Eurem/r Partner/in. Plant GEMEINSAM. Warum? Als selbständige Mama braucht Ihr all Eure Kräfte. Ihr könnt es Euch schlichtweg nicht leisten, Ressourcen für ständige Inhouse-Konflikte und Rechtfertigungen zu verschwenden.

Daher ist es wichtig, dass Euer/re Partner/in Euch und Euer Vorhaben unterstützt. Ihr seid eine Familie und habt eine gemeinsame Verantwortung. Die folgenden Themen klärt Ihr am besten im VORFELD:

Vorteile herausstellen

Spielt diesen Ball vor allem dann sehr sorgsam, wenn Euer Gegenüber skeptisch ist. Macht ihm klar, warum eine Selbständigkeit für Euch als FAMILIE von Vorteil ist: Die Gründe sind sehr individuell. Für einige Frauen ist es der einzige Weg, überhaupt wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen und einen Beitrag zum Familieneinkommen und – bitte, Mädels! – zur eigenen Rente zu leisten. Fast immer aber gilt: Ihr könnt flexibler auf die Bedürfnisse der Kinder reagieren.

Arbeitszeiten und Kinderbetreuung regeln

„Flexibler“ bedeutet allerdings nicht, dass Ihr immer und automatisch zuständig seid. Daher ist es wichtig, dass Ihr von Anfang an klar macht, wie viel Zeit Ihr wöchentlich für Euer Business benötigt. Und dass Ihr sicherstellt, dass Ihr diese dann auch zur Verfügung habt.

Definiert eine Stundenanzahl, und dann klärt, wie Ihr diese Arbeitszeiten auf die Woche verteilt. Beachtet bei der Planung: die Normalwoche ist mit Kindern eigentlich die Ausnahme. Sprecht also nicht nur über die Kinderbetreuung am Nachmittag, sondern auch über Ferienzeiten, Wochenenden, Schließtage und Krankheitstage. Denkt da unbedingt fern der traditionellen Zeiteinteilung und findet ein Modell, das zu Euch passt.

Legt Eure Arbeitszeiten und Zuständigkeiten so konkret wie möglich fest. Vermeidet offene Vereinbarungen alá: „Am Wochenende möchte ich auch immer mal arbeiten“. Besser: „Da ich in der Woche ja nachmittags die Kinder betreue, möchte ich jeden Samstag von 14.00-18.00 Uhr arbeiten. Kannst du in dieser Zeit bitte die Kinder übernehmen?“.

Vergesst bei der Planung nicht, dass Ihr auch Zeit für Euch persönlich und für Eure Partnerschaft braucht.

Die Finanzen klären

Kaum ein Thema ist in Familien so konfliktgeladen wie Geldnot. Legt die Karten auf den Tisch: Wie viel möchtet Ihr verdienen? Und wie viel MÜSST Ihr verdienen, wenn Eure Familie auf Euer Einkommen als Selbständige angewiesen ist?

Bedenkt, dass Ihr in aller Regel eine Anlaufzeit und ggf. Startinvestitionen benötigt. Bis Ihr so viel verdient, wie Ihr Euch vorstellt, können auch bei engagierter Arbeit gut drei Jahre vergehen. Je nach individueller Situation, Produkt und Zeitbudget auch mehr.

Hinzu kommt, dass Ihr Rente und Krankenversicherung i.d.R. komplett aus eigener Tasche zahlt. Diese Kosten müsst Ihr mit einrechnen. Schönrechnen bringt kurzfristig Zustimmung (genau, am Küchentisch), schadet am Ende aber vor allem Euch selbst.

Besprecht gemeinsam, wie Euer Weg aussehen kann. Wo könnt Ihr als Familie kürzer treten? Habt Ihr Erspartes, auf das Ihr in der Anfangszeit zurückgreifen könnt? Gibt es finanzielle Hilfen, die Ihr als Gründerinnen in Anspruch nehmen könnt? Kommt ein Kredit in Frage? Gibt es in Eurem Freundeskreis oder in Eurer Familie Menschen, die an Euer Business glauben und Euch finanziell unterstützen?

Dieser Punkt ist ein harter Brocken. Lasst Euch dennoch nicht entmutigen, holt Euch fachkundige Beratung, und seid kreativ! Es gibt mehr Möglichkeiten, als Ihr denkt.

Punkt 3: Reflektiert Eure (Unternehmer)-Persönlichkeit

Selbstbestimmung ist großartig. Ich persönlich möchte sie nie wieder gegen eine berufliche Abhängigkeit eintauschen. Auf der anderen Seite erfordert eine Selbständigkeit auch viele „selbständige“ Eigenschaften. Inklusive jeder Menge Selbstmotivation – und davon braucht Ihr aufgrund Eurer Doppelrolle auch doppelt so viel.

Ziele setzen und fokussiert umsetzen

Hand aufs Herz: Könnt Ihr Euch eigenständig Ziele setzen? Und dann auch fokussiert daran arbeiten? Obwohl Euch niemand sagt, was zu tun ist und niemand Eure Arbeit kontrolliert? Obwohl Ihr müde seid von der Nacht (welche Nacht?!), die Wohnung aussieht wie ein Saustall, der Kindergeburtstag ansteht, und Ihr noch so viel Organisatorisches regeln müsstet? Kein Problem für Euch? Dann: Go for it!

Ihr braucht äußere Antreiber um ins Arbeiten zu kommen? Ihr droht, im Organisationschaos zu versinken und lasst Euch leicht ablenken? Dann ist eine Solo-Selbständigkeit vielleicht nicht der richtige Weg. Denn mit Kindern gibt es IMMER andere Dinge zu tun.

Im Austausch bleiben

Die meisten Mütter – wie auch ich selbst am Anfang – wählen zunächst das Home Office, wenn sie sich selbständig machen. Verständlich: Es kostet nichts und ermöglicht Vereinbarkeit.

Allerdings kann es im Home Office sehr, sehr einsam werden. Kollegen gibt es nicht. Nachmittags sind die Kinder da. (Wunderbare Wesen, wie gesagt. Aber nicht die richtigen Sparringspartner, um die Marketingstrategie zu besprechen.) Abends fehlen oft Zeit, Kraft oder eine Kinderbetreuung, um noch einmal auszugehen und „mit Erwachsenen zu sprechen“. Austausch und Reflektion sind aber wichtig. Um Kraft zu tanken und zu reflektieren, ob Ihr noch auf dem richtigen Weg seid.

Netzwerktreffen für selbständige Mütter, wie zum Beispiel die Mompreneurs oder die Businessmoms bieten eine wunderbare Möglichkeit zum Austausch. Gibt es bei Euch nicht? Dann gründet eine eigene Gruppe.

Geduld und Spucke

Zum Schluss noch dieser letzte, aber wirklich wichtige Gedanke: Seid geduldig, und bleibt dran. Ihr habt eine Doppelrolle. Ihr habt eine Doppelverantwortung. Ihr habt aber nicht die doppelte Zeit. Vor allem, wenn Ihr in Teilzeit gründet, wird es langsamer vorangehen als bei manch anderer Gründung. Das ist normal.

Vergleicht Euch nicht mit anderen Gründerinnen. Sondern schaut nur zurück, wo Ihr gestern wart. Seid stolz auf das, was Ihr geschafft habt. Als Mutter – und als Unternehmerin!

© Beitragsbild: LinkedIn Sales Navigator | Unsplash

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