Macht Selbstständigkeit dick?

Selbstständigkeit als Dickmacher?

Diese Frage stelle ich mir seit letzter Woche. Alles fing an mit einem Gespräch, dass ich vergangenen Mittwoch mit einer anderen Selbstständigen führte. Im Gesprächsverlauf erzählte ich ihr, dass ich seit Mitte des letzten Jahres um die 15 Kilo zugenommen habe. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir auf das Thema gekommen sind. Ihre Antwort lässt mich seitdem grübeln. “Wegen der Selbstständigkeit?”, fragte sie. Ähm… ich war überrascht und schwieg für einen Moment. Darüber hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt nie nachgedacht. Das antwortete ich ihr dann auch. Sie führte ihren Punkt weiter aus: “Wegen der Unsicherheit…” An viel mehr erinnere ich mich nicht. Vermutlich, weil ich bereits in meine eigenen Gedankenwelt abgetaucht war.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis habe ich in der Vergangenheit oft gehört: “Seitdem ich bei [Unternehmens- oder Agenturname beliebig einzusetzen] arbeite, habe ich x Kilo [hier fallen die Ausmaße sehr unterschiedlich aus] zugenommen.” Und eine aktuelle Umfrage von CareerBuilder bestätigt: Ein Drittel der Arbeitnehmer haben durch ihren aktuellen Job an Gewicht zugelegt. Die Gründe für die Gewichtszunahmen sind vielfältig und reichen von “Kollegen bringen Essen mit, das ich kosten muss” bis hin zu “Die Keksdosen im Büro sind einfach zu verlockend”. Als Hauptursachen für die Extrakilos auf den Rippen wurden aber die folgenden drei angegeben:

  • Die meiste Zeit verbringe ich am Schreibtisch
  • Ich bin nach der Arbeit zu müde, um Sport zu treiben
  • Essen aus Stress

Plausibel. Aber treffen diese Punkte auch auf uns Selbstständige zu? Sind sie der Grund, warum ich so viel mehr wiege als im letzten Sommer?

Sophie hat in ihrem Artikel Die 10 gefährlichsten Zeitfresser im Home Office geschrieben: “Immer wenn der Kopf nicht mehr weiter kann oder will, zieht mich der Kühlschrank magisch an. Ein Scheibchen Käse, ein Stückchen Schokolade…” Mir geht es ähnlich und überhaupt, kann ich mich mit allen genannten Dickmachern sehr gut identifizieren. Auch ich sitze bei Kunden viel zu viel und lange am Schreibtisch und kann mich nach getaner Arbeit nur schwer motivieren, die Laufschuhe anzuziehen. Wann habe ich überhaupt Feierabend? Da ist doch noch dieser Artikel, der darauf wartet geschrieben, und diese E-Mail, die mahnend im Posteingang wartet, beantwortet zu werden. Die eigene Website könnte auch mal wieder geupdatet werden. Und… die Liste geht endlos weiter.

Wenn dann alle To Do’s erledigt sind, gibt es zur Belohnung einen Schokoriegel. Ach, warum eigentlich bis später warten? Den habe ich mir doch jetzt schon verdient, schließlich habe ich mit der Arbeit bereits begonnen – ein Teilerfolg. Ihr seht, einen Vorwand für süße Kalorienbomben und den Snack Zwischendurch finde ich immer. Das hat natürlich weniger mit der Selbstständigkeit, als mit mir selbst zu tun. Ich esse, wenn ich mich gut fühle, aber auch wenn es mir schlecht geht. Ich esse, wenn mir langweilig ist oder ich mich ablenken will. Und, ich esse, um mich zu belohnen – für einen harten Arbeitstag, das abgeschlossene Projekt oder einen anderen belanglosen Grund.

Es kann natürlich sein, dass die Selbstständigkeit das schlechte Verhalten bestärkt. Wenn man z. B. viel unterwegs ist und nicht im Home-Office arbeitet, sondern in Coworking Spaces, ist es nicht immer leicht, sich gesund und ausgewogen zu ernähren. Aber auch im heimischen Büro lauern kalorienreiche Gefahren, wie wir dank Sophie wissen. Ein fester Tagesablauf ist auch nur wenigen Selbstständigen vorbehalten. Da fällt es schwer, Mahlzeiten zu immer gleichen Uhrzeiten einzunehmen oder tagtäglich abends um 18 Uhr eine Runde laufen zu gehen. Dafür gibt es Lösungen, wie sein Essen von zuhause mitzunehmen oder morgens direkt nach dem Aufstehen zu joggen, wenn der Schweinehund noch an der Leine liegt. In der Theorie ist alles möglich.

Die Umsetzung fällt schwer. Mir derzeit ganz besonders. Das ist nicht immer so. Es gibt Zeiten, in denen ich besser auf mich achte. Das sind erfahrungsgemäß die Tage und Wochen, in denen ich emotional ausgeglichen bin und nicht ganz so viel um die Ohren habe, ich auch mal durchatmen kann und Zeit für mich selbst bleibt. Als Selbstständige ist es ja gut, eine Vielzahl an Projekten zu haben – schon allein um die Miete zu zahlen –, aber dabei sollten wir nicht vergessen, auf uns Acht zu geben. Auch ich weiß das. Das hat mir Esther Eisenhardt, Gründerin der Mompreneurs, im vergangenen Monat wieder mal vor Augen geführt. Sie sprach auf der Gründerinnenkonferenz Entre.Fem über Erfolgsfaktoren für Selbstständige und nannte neben Leidenschaft und Mut auch die eigene Gesundheit. Selbstverständlich hat sie Recht.

Letztendlich unterscheiden wir Selbstständige uns wohl gar nicht so sehr von den Angestellten, wenn es um die Gründe für eine Gewichtszunahme im Job geht. Auch wenn weitere Punkte hinzu kommen, wie z. B. die Unsicherheit mit Folgeaufträgen, ist die Grundproblematik dieselbe: Schlechte, ungesunde Ernährung und zu wenig Bewegung. Die Selbstständigkeit ist nicht die Ursache. Obwohl ihr die Schuld in die Schuhe zu schieben, sehr verlockend ist. 😉

© Beitragsbild: Ryan McGuire | gratisography

3 Kommentare
  1. Katja Brößling sagt:

    Liebe Sandra, ja das auf-sich-achten ist immer die erste Aufgabe, die man outsourct wenn viel zu tun ist. Aber an wen eigentlich? Man schiebt sie einfach in den Raum und dort hängt sie in der Luft. Vielleicht sollte man sich eine vertrauensvolle Person (Partner/in, Freund/in…) suchen, die diese Aufgabe übernimmt. Bei der Verantwortung für andere ist der Mensch ja meist etwas gewissenhafter als mit der Verantwortung für sich selbst…

    • Sandra sagt:

      Liebe Katja, Du hast Recht, man sollte mit sich selbst genauso sorgsam umgehen, wie mit Menschen oder Dingen, die einem am Herzen liegen. Und die eigene Gesundheit nicht „outsourcen“ – die Formulierung finde ich herrlich! 😀 Und dennoch, machen wir es. Ein Psychologe hätte an dieser Stelle sicher eine Antwort auf das Warum? Deinen Vorschlag die Verantwortung an den Partner oder die Freundin abzugeben finde ich interessant. Aber in der Regel sind die ja nicht 24/7 bei einem… Das kann auch nicht die Lösung sein. Verantwortung für unser Leben müssen wir schon selbst übernehmen. Ich frage mich, was es braucht, um von der Theorie in die Praxis überzugehen? Ich danke Dir für Deinen Kommentar! Liebe Grüße, Sandra

  2. Benita sagt:

    Hallo Sandra,
    als berufstätige (angestellt + freiberufliche) Mutter von 3 Kindern ist das Thema „Gesundheit + Fitness“ auch ein wichtiges Thema für mich. Es hat sich für mich herausgestellt, dass ich durch den sportlichen Ausgleich wesentlich robuster und widerstandsfähiger auch auf psychischer Ebene geworden bin. Natürlich gehört eine gesunde Ernährung hier dazu – obwohl ich auf keinen Fall Kalorien zähle oder auf alles „Ungesunde“ verzichte. „Maß halten“ und „bewusste Ernährung“ sind hier die Schlüsselbegriffe. Von meinen Erfahrungen sowie Tipps zu dem Thema gebe ich auf meiner Webseite „boostyourhealth.de“ gerne Auskunft. Ich möchte damit einfach alle ermutigen, ihren Köper & Geist ständig zu trainieren, da die positiven Effekte in Bezug auf Gesundheit, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit etc. innerhalb von kürzester Zeit deutlich spürbar sind. LG Benita

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