Keine Schwäche, sondern eine Stärke: Introversion und Selbstständigkeit schließen sich nicht aus

Introversion und Selbstständigkeit

Sarah Tekath ist selbständige Journalistin und arbeitet seit fünf Jahren in Amsterdam. Ihre Entscheidung, sich selbständig zu machen, fiel nach einem Jahr in einem niederländischen Start-up, wo sie 60 Stunden pro Woche arbeitete, aber nur für 40 bezahlt wurde. Seit 2016 ist sie ihr eigener Chef und kann nur jedem empfehlen, es genauso zu machen.

 

Du musst mal weniger schüchtern sein!“ Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. Dabei bin ich eigentlich nicht schüchtern. Ich habe kein Problem damit, auf Menschen zuzugehen und auch Fremde anzusprechen. Womit ich aber ein Problem habe, sind die Hektik im Büro, große Gruppen, in denen jeder versucht, den anderen zu übertonen und oberflächlicher Smalltalk beim Feierabendbier mit den Kollegen. Wenn es Euch ähnlich geht wie mir, dann kann die Selbständigkeit für Euch eine echte Alternative sein. In diesem Text erkläre ich Euch, warum die Selbständigkeit für Introvertierte fast schon ideal ist.

 

Große, laute Büros sind einfach nichts für Euch

Ihr seid den ganzen Tag umgeben von Stimmen, klingelnden Telefonen und Türenschlagen. Menschen bewegen sich und ständig steht jemand neben Euch, der etwas möchte. Am Abend seid Ihr völlig erschöpft und wollt nur noch auf Eurer Couch Eure Ruhe haben. Jahrelang war ich in der gleichen Situation und habe mich völlig erschlagen gefühlt von der Reizüberflutung im Büro. All die Geräusche, Bewegungen und Interaktionen mit anderen Menschen kosten uns Introvertierte Kraft und rauben uns Energie, die wir eigentlich kreativ umsetzen wollen.

Gerade deswegen ist die Selbständigkeit ideal für Euch – denn Ihr bestimmt selber, ob Ihr zu Hause oder zum Beispiel in einem Workspace arbeiten wollt. Ist Euch nach Ruhe, bleibt Ihr eben daheim und arbeitet vom Küchentisch aus. In der Stille und vertrauten Umgebung Eurer eigenen Wohnung könnt Ihr Euch völlig auf Eure Arbeit konzentrieren und arbeitet viel effizienter. Auch könnt Ihr Euren eigenen Rhythmus bestimmen. Wenn Ihr kein Morgenmensch seid, dann fangt Ihr eben erst gegen Mittag an und arbeitet dafür abends länger.

 

Ihr seid die idealen Partner für Eure Kunden

Kommt Euch das folgende Szenario bekannt vor? Ihr sitzt in einem Meeting, alle reden möglichst viel, um sich in den Vordergrund zu drängen, aber Ihr schweigt. Werdet Ihr dann explizit angesprochen und sagt Eure (sehr) qualifizierte Meinung, wird es plötzlich ganz still. Alle hören Euch gespannt zu, weil schnell klar wird, dass Ihr ganz genau wisst, wovon Ihr redet.

Genau diese Eigenschaft ist ein echter Vorteil für die Selbständigkeit. Anstatt Euren Fokus nach außen zu richten, schaut Ihr meist nach innen, beobachtet Euer eigenes Verhalten und denkt lange und gründlich über Dinge nach. Ihr überlegt, bevor Ihr redet. Und das macht Euch zu einem idealen Partner für mögliche Kunden – weil Ihr ein echter Experte in Eurem Gebiet seid. Ihr reflektiert, überdenkt und handelt so gut wie nie überstürzt. Ihr habt nicht den Drang, Euch selbst zu präsentieren, sondern es geht Euch um die Sache, an der Ihr gerade arbeitet. Anstatt selbst zu reden, hört Ihr zu. Ihr achtet genau darauf, was Euer Kunde möchte und habt ein feines Gespür dafür, ob die Zusammenarbeit gut läuft.

 

Hemmungen, zu telefonieren? Netzwerken muss nicht persönlich passieren

Wer sich selbständig macht, kommt leider um die (Kalt-)Akquise nicht herum. Aber das heißt nicht automatisch, dass Ihr Euch in aller Öffentlichkeit präsentieren müsst. Denn zum Telefon zu greifen und einfach irgendwo anzurufen, um sich schnell vorzustellen, das ist für die meisten Menschen kein Problem. Für Introvertierte ist es jedoch ein echter Albtraum. Aber als Selbständige könnt Ihr zum Glück selbst entscheiden, über welches Medium Ihr kommuniziert. Ihr wollt nicht anrufen, dann schreibt Ihr eben E-Mails. Ihr mögt keine großen Veranstaltungen mit vielen fremden Menschen, dann nutzt ihr eben Webinare zur Fortbildung und netzwerkt über LinkedIn oder Xing.

 

Traut Euch und wagt den Schritt in die Selbständigkeit
Ihr seht, auch wenn es vielleicht in der heutigen Arbeitswelt so wirkt, als müsste man unbedingt extrovertiert sein, so könnt Ihr Eure Introvertiertheit auch einfach als Stärke nutzen – weil Ihr ganz genau wisst, wer Ihr seid und wie Ihr das zu Eurem eigenen Vorteil nutzen könnt. Und wenn bei Euch Schüchternheit auch eine Rolle spielt, dann gibt Euch Euer Erfolg in der Selbständigkeit noch einen großen Extra-Ego-Boost.

 

© Beitragsbild: Antonino Visalli | Unsplash

3 Kommentare
  1. Laura sagt:

    Unruhige Büros, kein Raum für Kreativität, Meetings, in denen es nur um die Redehäufigkeit geht – genau das sind auch meine Gründe, warum ich mich selbstständig gemacht habe. Nach den ersten Wochen als Freiberuflerin war ich überrascht, wie fit und aktiv ich abends trotz Vollzeit-Woche war. Herrlich!

  2. Ilona sagt:

    Dieses immer „wichtig sein“ und „wichtig zu reden“ und es aushalten, dass nur gelabert wird und oft keiner sich traut, seine ehrliche Meinung zu sagen in Meetings, das macht mich auch unsäglich müde. Und traurig, denn die Zeit könnten wir viel besser nützen. Ich denke schon länger über Selbstständigkeit nach, trau mich aber nach wie vor nicht drüber, die Existenzängste sind zu groß. Eine schrittweise Entwicklung wünsch ich mir und bin dabei, den Weg zu gehen – in meinem Tempo.

    • Sandra sagt:

      Ilona, dann habe ich Ende April genau den richtigen Artikel für Dich. Spoiler: 4 Frauen berichten von ihrer nebenberuflichen Selbstständigkeit. Schau doch dann nochmal rein! 🙂 Sandra

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