„Vernetzung ist das A und O. Gerade in der Anfangsphase“ sagt Schalotti-Gründerin Antonia Schlüter

Antonia Schlüter

Nach Sibilla, Claudia und Susi haben wir eine weitere Hamburger Gründerin aufgetan, die wir für unsere Interviewreihe #HamburgDeineGründerinnen interviewt haben: Antonia Schlüter.

Antonia, ist seit April 2016 selbstständig und will mit ihrem selbstgemachten Zwiebelconfit “die Welt zwiebilisieren”. Ich als Zwiebel-Fan finde, das muss unterstützt werden! Für die Eroberung der Welt durch Schalotti habe ich mir deshalb mal ein paar Fragen ausgedacht. Für den passenden Nachgeschmack sorgt Antonia mit ihren Antworten. 🙂

Antonia, Deine Idee zu Schalotti entstand bereits 2010. Du und Deine Schwester verfeinerten während eines gemeinsamen Abendessens einen Flammkuchen mit einem gekauften Zwiebelconfit. Warum hat es von der Idee bis zur Umsetzung noch sechs weitere Jahre gedauert?

Ich war total kritisch als mir meine Schwester das Rezept für den Flammkuchen zeigte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Wort Zwiebelmarmelade, so das Rezept, noch nicht mal gehört. Dann ein Bissen und ich war angefixt. In Hamburg konnte ich Zwiebelmarmelade oder Zwiebelconfit nirgends finden. Zumindest nicht dort, wo ich einkaufe: Im Supermarkt um die Ecke. Also kochte ich öfter Zwiebeconfit selbst ein. Ohne Rezept. So wie ich es im Gefühl hatte. Das kam bei bekochten Freunden und meiner Familie sehr gut an. Trotzdem hatte ich nie mit dem Gedanken gespielt mich selbständig zu machen.

Meine Karriere lief gut. Irgendwann kamen dann aber mehrere Dinge zusammen: die Idee, dass es Zwiebelconfit im Supermarkt geben müsste war schon lange da, ein nächster Schritt in der Konzern-Karriereleiter schien mir uninteressant und ich hatte etwas Geld gespart, für das ich nach Anlagemöglichkeiten suchte. Relativ spontan gründete ich also die Schlüter Good Foods GmbH und unternahm die ersten Schritte in Richtung Schalotti.

Du bist studierte Volkswirtin und hast nach Deinem Uni-Abschluss bei einer Unternehmensberatung und der Commerzbank gearbeitet. Man würde ja meinen, dass es zur Herstellung von Confit eine Kochausbildung braucht. Woher nimmst Du Dein Wissen zur Herstellung von Schalotti und welche Zusatzqualifikationen musstet Du Dir noch aneignen?

Ich habe in der Entwicklung eng mit Köchen, Ökotrophologen und Produktdesignern zusammengearbeitet und viel von Ihnen gelernt. Das ist ja das Allertollste an der Selbstständigkeit. Man wird jeden Tag vor neue Herausforderungen gestellt, für die man Lösungen finden muss. Ich lerne ständig Neues und das macht mir extrem viel Spaß. Also eher die Lösungen als die Hürden.

Manchmal scheinen die auch unüberwindbar. Bspw. schmeckte eine Produktentwicklung meines Produzenten total bitter. Ich hatte keine Ahnung was das Problem war, bis mir eine Ökotrophologin erklärte, dass Zwiebeln nur geschnitten und nicht gehackt werden dürfen. Dann werden die nämlich bitter. Zwar war mein Produzent wenig amüsiert, als ich ihn bat seinen Zwiebellieferanten über die richtige Verarbeitung der Zwiebel aufzuklären, aber die folgende Produktentwicklung war dahingehend wunderbar.

Du lässt Schalotti in einem Betrieb in Thüringen herstellen. Ich habe gelesen, dass es gar nicht so leicht war, einen geeigneten Produzenten zu finden. Magst Du uns mehr von der Suche und den Schwierigkeiten berichten? Wie lange dauerte der Suchprozess und was führte letztendlich zum Erfolg?

Das stimmt. Ich habe mit fast 40 Produzenten gesprochen. Teilweise sogar im Ausland. Die Probleme waren sowohl inhaltlicher als auch formeller Natur. Marmeladeproduzenten wollen kein Öl auf Ihrer Produktionsstrecke. Die Abfüllanlagen von Saucenherstellern können das stückige Zwiebelconfit nicht abfüllen. Hersteller von Sauerkonserven kochen nicht ein. Andere wiederum können nicht in Glas sondern nur in Plastik abfüllen.

Außerdem hatte ich die Anforderungen, dass mein zukünftiger Partner für die Produktion sowohl Bio- als auch IFS zertifiziert ist. Letzteres ist eine Zertifizierung zum Qualitätsmanagement eines Unternehmens, das vom deutschen Lebensmitteleinzelhandel vermehrt nachgefragt wird. Die Suche dauerte fast sechs Monate bis ich einen für mich perfekten Produzenten gefunden hatte.

Für die Produktion Deiner ersten Confits war doch sicher ein gewisses Grundkapital von Nöten. Woher hast Du das genommen? Wer hat Dich ggf. unterstützt?

Schalotti ist komplett aus meinem Ersparnissen finanziert. Eine Fremdfinanzierung oder Investoren haben wir aktuell noch nicht. Es ist aber für mich sehr wichtig zu wissen, dass meine Familie zu 100% hinter dem steht, was ich tue. Sie haben mich von Anfang an in meiner Idee unterstützt.

Ich nehme an, dass Du ganz klassisch mit Businessplan gegründet hast. Wie sah dieser aus? Wo willst Du in zwei Jahren stehen?

Meinen Businessplan habe ich mit dem Tool der Handelskammer Hamburg geschrieben. Das ist ein toller Leitfaden, der einen Schritt für Schritt durch die Planung führt, auch wenn man das nicht an der Uni gelernt hat.

In zwei Jahren wollen wir flächendeckend in deutschen Supermärkten verfügbar sein. Unser Ziel sind 1.000 Händler in vor allem städtischen Regionen. Nach knapp drei Monaten vertreiben wir bereits überregional in 36 Supermärkten, Reformhäusern und Bio-Läden und haben viele Vorbestellungen. Neben Supermärkten wollen wir ab 2017 auch die Gastronomie beliefern und führen dahingehend erste Gespräche.

Was macht Schalotti so besonders? Wo unterscheidet sich Dein Produkt von anderen auf dem Markt erhältlichen Confits?

Schalotti ist Bio, aus 100% natürlichen Zutaten hergestellt, hat vergleichsweise wenig Zucker (Rohrzucker) und ist preiswert. Wettbewerber im Lebensmitteleinzelhandel gibt es kaum. Wir wollen weg von dem Feinkostprodukt, von dem man sich nur mikroskopische Portionen zur Weihnachtsgans gönnt und hin zu einem tollen Jeden-Tag-Produkt, das sich unheimlich vielseitig einsetzen lässt. Bspw. zu Raclette, Fondue, Flammkuchen und auch dem einfachen Abendbrot mit Käse.

Und was macht Dich besonders? Welche Eigenschaften zeichnen Dich als Gründerin aus?

Mein Vorteil ist, dass ich wenig risikoscheu bin bin. Viele bewundern meinen Mut, aus einer gut bezahlten Anstellung in die Selbstständigkeit zu springen – und das ganz allein. Mir kommt das gar nicht so mutig vor. Ich bin möglicherweise einfach optimistischer als Andere.

Außerdem plane ich gut, bin aber auch sehr pragmatisch. Gerade am Anfang der Startup-Phase muss man viel improvisieren und mutig sein, Entscheidungen zu treffen und einfach zu „machen“. Da kam mir diese Eigenschaft sehr zu gute.

Gibt es eine Eigenschaft von der Du glaubst, dass sie eine Frau, die sich selbstständig machen möchte NICHT haben sollte?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen sich sehr gut einschätzen können. Dahingehend, ob sie sich eher in einem Anstellungsverhältnis wohl fühlen oder „raus“ wollen und etwas Eigenes auf die Beine stellen wollen. Letztere sollten es einfach wagen. Tun sie es nicht, ist das die Antwort. Erfolgreiche Unternehmerinnen sind nicht bequem. Sie wagen irgendwann den Sprung ins Ungewisse.

Etwas nicht haben – gutes Stichwort. Anfang des Jahres wurde der Fall Claudius Holler publik. Claudius ist selbstständig und hatte zum Zeitpunkt seiner Hodenkrebsdiagnose keine Krankenversicherung. Wie hältst Du es mit der Kranken- und Rentenversicherung?

Ich bin gut versichert. Persönlich und auch meine Gesellschaft. Claudius wird durch seinen emotionalen Aufruf in den sozialen Medien viel Unterstützung erfahren haben. Ich selbst habe ihn damals auch mit einem kleinen Beitrag unterstützt, da ich es wichtig finde, dass Gründer zusammenhalten. Weniger Hilfe würde eine Unternehmerin sicherlich erfahren, wenn es beispielsweise Mängel an den Produkten gibt und möglicherweise sogar Dritte zu Schaden kommen. Ist dann keine Haftpflichtversicherung vorhanden, kann nicht nur eine Insolvenz drohen.

Ich finde ja, dass es uns den Selbstständigen der Staat Deutschland nicht besonders einfach macht. Angefangen bei der mangelnden Hilfestellung während einer Gründung bis hin zu horrenden Beiträgen für die Krankenkasse oder der Frage nach der Altersvorsorge. Gibt es aus Deiner Sicht auch Punkte bei denen nachgebessert werden könnte?

Ich bin eigentlich recht zufrieden mit der Unterstützung vom Staat. Und mit fortschreitender Digitalisierung gibt es nicht nur wahnsinnig viele Informationen, sondern auch Tools, die einen auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen. Die Herausforderung liegt eher darin, das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden zu können. Das ist nicht immer einfach.

Nachdem man die Hürde „Gründung“ dann genommen hat, findet man als Unternehmerin nichts „Vorgekautes“ vor. Daher könnte man das Gefühl mangelnder Unterstützung vom Staat auch einfach als guten „Test“ verstehen, ob man sich als Unternehmerin eignet. Frei nach dem nach Motto „Wenn Du das geschafft hast, schaffst Du alles.“

Gibt es Dinge, die wir Gründer tun können, damit die Selbstständigkeit für mehr Menschen in Deutschland zu einer echten Option wird?

Es klingt etwas abgenutzt, aber Vernetzung ist, meiner Meinung nach, immer noch das A und O. Gerade in der Anfangsphase. Ich tausche mich ständig mit anderen Gründern und Professionals aus den jeweiligen Bereichen aus. In meinem Fall: Handel, Ökotrophologie, Einkauf, Vertrieb, Marketing etc.

Man trifft auf Messen, in den entsprechenden Foren oder durch Empfehlungen von Freunden so viele inspirierende Menschen, die einem bei wesentlichen Fragen weiterhelfen und unterstützen können. Ich selbst gebe auch Kontakte weiter, wenn ich denke, dass das denjenigen Personen oder Unternehmen hilfreich sein könnte. Zwei Sekunden dauert es einen Kontakt über Whatsapp weiterzuleiten. Manchmal kann das für Andere eine entscheidende Hilfestellung sein.

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