„Ich wollte schon immer eigenständig unternehmerisch handeln & viel Gestaltungsraum haben“ sagt Ragnhild Struss, Gründerin der Karriereberatung Struss und Partner Karrierestrategien

Ragnhild Struss
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Für jemanden wie mich, der noch nicht ganz drei Jahre selbstständig ist, ist es besonders spannend eine Interviewpartnerin zu sprechen, die schon viele Jahre in der Selbstständigkeit steht. Deshalb habe ich mich tierisch gefreut Ragnhild Struss meine Fragen stellen zu dürfen.

Hinzu kommt, dass sie mit ihrer Karriereberatung eine waschechte Hamburger Gründerin ist, weshalb sie super in unsere Interviewreihe #HamburgDeineGründerinnen passt.

Liebe Ragnhild, mittlerweile bist Du seit 14 Jahren mit Deiner Karriereberatung Struss und Partner Karrierestrategien selbstständig. Wow. Dazu erst einmal: Herzlichen Glückwunsch! 🙂 Wie kam es 2003 zu Deiner Selbstständigkeit?

Danke, ich bin selbst immer überrascht, wie lange das schon her ist… Die Idee entstand, als ich während meines Studiums eine Bekannte zur Berufsberatung begleitete und dachte: Das kann man besser machen! Meine folgenden Semesterarbeiten erhielten den Fokus, diese Idee zu durchdenken, den Markt zu analysieren und schließlich einen Businessplan zu schreiben.

Neben diese inhaltliche tritt sicherlich auch eine persönliche Komponente. Ich wollte schon immer eigenständig unternehmerisch handeln und viel Gestaltungsraum haben. Ausprobiert hatte ich mich damals als Leiterin einer Studenteninitiative und Initiatorin eines Nachhilfezirkels. Mein Unternehmergeist war geweckt und das Thema Karriereberatung so spannend, dass die Gründung für mich auf der Hand lag.

Im Interview mit femtastics steht: “Ihr Unternehmen gründete (…) Ragnhild Struss mit einer Freundin im Alter von Anfang 20”. Arbeitet Ihr nach wie vor zusammen oder hat Deine Freundin einen anderen beruflichen Weg eingeschlagen?

Nach ein paar Jahren hat sich ihre private Situation verändert, und sie wollte lieber eine Karriere in einem großen Unternehmen verfolgen. Wir sind aber nach wie vor gut befreundet und sehen uns regelmäßig. Es war eine natürliche Entwicklung ohne Streit oder Groll.

Du hast nach dem Studium gegründet und hast Henrike von Box of Birds verraten, dass nach dem Studium für Dich der optimale Zeitpunkt zum Gründen war. Warum?

Nach dem Studium hatte ich keine größeren Verpflichtungen, keinen Job, in dem ich langfristig gebunden war, keinen Druck. Das gab mir die Chance, mich einfach auszuprobieren. Zu keinem anderen Zeitpunkt ist die Fallhöhe so gering wie direkt nach dem Studium.

Welchen Rat kannst Du Leuten mitgeben, die sich ebenso wie Du, direkt nach dem Studium selbstständig machen wollen? Gibt es Stolpersteine vor denen Du warnen kannst?

Wenn es sich um ein Business im Dienstleistungs- und Servicebereich handelt, gibt es aus meiner Sicht zwei Dinge zu bedenken. Zum einen hilft es ungemein, sich in der Startphase von einem erfahrenen Gründer oder Mentor begleiten zu lassen. Die Kombination aus Know-how und Tatendrang befruchtet sich oft gegenseitig. Außerdem wissen alte Hasen genau, wann man das Rad nicht neu erfinden muss, sondern auf Bestehendes aufbauen kann. Das maximiert die Effektivität und Effizienz.

Zum anderen rate ich, auf das psychische Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung zu achten. Gerade wer für sein Business brennt, ist häufig 24/7 im Auftrag der Arbeit unterwegs. Dabei sind Pausen und Erholungsphasen wichtig – auch, um nebenbei noch Power zum Networken zu haben. Am Anfang einer Firmengeschichte ist es wichtiger denn je, die richtigen Kontakte zu knüpfen und potenzielle Kunden, Geschäftspartner, Kapitalgeber etc. zu überzeugen. Es ist fast egal, um welches Produkt oder welche Dienstleistung es sich handelt, man befindet sich immer im People to People-Business.

Wer sich selbst kennt, mit einem positiven Selbstwert ausgestattet und reflektiert ist, hat gute Aussichten, sein Angebot anderen gegenüber erfolgreich zu präsentieren.

Im Interview mit Box of Birds steht auch geschrieben, dass Du Dich mit einer “Extraportion Mut als Kapital” selbstständig gemacht hast. Dazu zwei Fragen: Wie viel Mut braucht es, um in die Selbstständigkeit zu gehen?

Da muss ich ein bisschen grinsen, denn ich mag den sehr wertschätzenden Artikel von Henrike Berg sehr. Klar, musste ich damals tief durchatmen und mir innerlich sagen „Ich schaffe das!“. Aber aus meiner persönlichen Sicht war es eher eine innere Notwendigkeit, den Schritt in die Selbstständigkeit auszuprobieren. Ich habe mir selbst eine Deadline gesetzt und wollte nur weitermachen, wenn nach einem Jahr der Break-even gelingt. Zum Glück hat das geklappt!

Hattest Du wirklich nur Deinen Mut als Startkapital? Es brauchte doch wenigstens ein bisschen finanzielle Mittel, um Dein Unternehmen zu gründen, oder?

Ich habe damals 12.000 Euro von der Bank geliehen. Für die ersten Mieten, einen Rechner und ein bisschen Büromaterial. Ansonsten hatte ich keine hohen Kosten. Ich lebte in denselben Räumen, in denen die Beratung stattfand. Die Klienten saßen quasi in meinem Wohnzimmer.

Auch Sylvia vom Lifestyleportal Klüngelkram hat Dich interviewt. Ihr hast Du verraten: “Mit einem Businessplan an der Hand entschied ich mich dann, mein Hobby zum Beruf zu machen”. Verrate uns doch bitte wie dieser Businessplan aussah und woher Du das Wissen zur Erstellung eines solchen genommen hast.

Das Handwerkszeug stammt aus meinem BWL-Studium, in dem mich ganz tolle Professoren dabei unterstützt haben, meinen Businessplan aufzusetzen. Im Grunde ist das aber auch kein Hexenwerk. Ich habe mein Vorhaben ausführlich skizziert, das Marktpotenzial analysiert und den Bedarf ermittelt. Dann ging es darum, Umsatzziele zu bestimmen, Preise und Kundenzahlen festzulegen. Natürlich fundiert durch Zahlen, Daten, Fakten.

Schließlich habe ich aufgezeigt, wie ich das alles erreichen will – und wie mein Plan B aussieht, falls Schwierigkeiten auftreten. Best-Case- und Worst-Case-Szenario in der Gegenüberstellung. Dazu gehörten auch eine Vertriebs- und Marketingstrategie sowie eine überzeugende Selbstdarstellung. Schließlich müssen Kapitalgeber – oder in meinem Fall auch Vermieter oder Kooperationspartner – auch davon überzeugt sein, dass das Vorhaben Hand und Fuß hat.

2003 dann die Gründung Deiner Karriereberatung. Wie habe ich mir eine Eurer Beratungen vorzustellen und wer sind Eure Kunden?

Unsere Beratung umfasst einen Tag, den Klienten bei uns verbringen, und ein ganzes Jahr, in dem sie sich im Nachgang mit Fragen an uns wenden können. Denn meist ist die Beratung erst der Auftakt eines Prozesses, den wir in Gang setzen.

Während des Beratungstages widmet sich einer unserer Kollegen einem Kunden. Der enge Austausch im Eins-zu-eins-Kontakt ist die Grundlage, um Vertrauen aufzubauen und unser Tagesziel zu erreichen: eine rundum erfüllende Lebens- und Berufsplanung.

In die Beratung gehen wir möglichst unvoreingenommen. Welche eigenen Ideen der Karriereplanung Klienten im Kopf haben, wenn sie zu uns kommen, wollen wir gar nicht wissen. Stattdessen konzentrieren wir uns auf die Persönlichkeit. Dafür nutzen wir eine Reihe anerkannter personalpsychologischer und eignungsdiagnostischer Verfahren und ausführliche Gespräche. Insbesondere der persönliche Eindruck ist wichtig, um Testergebnisse einordnen und den Menschen an sich erfassen zu können. Wir schälen heraus, was motiviert, welche Werte das eigene Handeln bestimmen und welche Glaubenssätze bestehen. Außerdem führen wir kognitive Tests durch. Dabei handelt es sich nicht um einen IQ-Test, sondern um Aufgaben, aus denen sich Tendenzen in der Begabung ableiten lassen.

Diese Informationen verknüpfen wir miteinander, um daraus Empfehlungen ableiten zu können. Im Fokus stehen die individuellen Stärken. Wer versucht, Schwächen auszugleichen, kann höchstens mittelmäßig werden. Wer aber sein Potenzial entdeckt und im Einklang mit seiner Persönlichkeit entfaltet, wird mit großer Wahrscheinlichkeit zufrieden sein. Unsere Empfehlungen weisen den Weg dorthin in vielen Schritten – von Studien- und Ausbildungswegen über Arbeitgeber bis hin zu Sport-und Literatur-Tipps. Wir sehen die Persönlichkeit umfassend und gehen daher auch bei unseren Empfehlungen über den beruflichen Kontext hinaus.

Diese persönlichkeitsorientierte Beratung passt für Menschen jeden Alters – egal, ob Schulabgänger, Berufsein- oder –umsteiger, Führungskraft oder Gründer. Deswegen sind unsere Klienten in allen Altersgruppen zu finden.

Ihr beratet auch Schüler. Wenn ich an meine Schulzeit und die Beratung durch das Berufsinformationszentrum (BIZ) der Bundesagentur für Arbeit zurückdenke, habe ich keine positiven Erinnerungen. Ich krieg nicht mehr zusammen, was man mir als möglichen Beruf vorgeschlagen hat, ich weiß nur, es war absurd. Wie stellt Ihr sicher, dass Ihr einen passenden beruflichen Weg für mich findet?

Viele solcher Tests konzentrieren sich alleine auf Interessen. Sie versuchen Gleiches mit Gleichem zusammenzubringen. Wer Tiere mag, wir Veterinär, wer sich für Holz begeistert Tischler. Interessen allerdings haben mehr mit Gelegenheiten zu tun als mit intrinsischen Motiven. Sie sind stark davon abhängig, wie und in welchem sozialen Umfeld Kinder aufwachsen. Aus der Persönlichkeit, also den individuellen Mustern, die das Tun und Denken bestimmen, den Vorlieben bezüglich der Arbeitsumgebung und -weise, lässt sich viel verlässlicher ableiten, in welche Richtung es gehen kann. Sie mit standardisierten Verfahren zu messen, ist aber schwierig.

Für Schüler ist es deswegen ratsam, sich damit zu beschäftigen, wer sie eigentlich sind – und was sie können. Denn schließlich müssen auch die Fähigkeiten zum angestrebten Bereich passen. Wer Architekt werden möchte, sollte ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen haben, wer PR studieren möchte gut in Sprachlogik sein. Wenn eine Empfehlung zur Persönlichkeit passt, kann sie nicht absurd sein. Ungewöhnlich hingegen schon. Wir haben auch schon einer Tourismus-Referentin empfohlen, Traureden zu schreiben, und einem Abiturienten den Rat gegeben, Tough Mudder auszuprobieren und Bootsbauer zu werden.

Bei der Beratung damals war von einer möglichen Selbstständigkeit nie die Rede. Ist sie bei Euch eine Option, die Ihr auch Schülern aufzeigt?

Na klar! Es gibt Persönlichkeitsprofile, für die das langfristig definitiv eine Option ist. Das benennen wir ganz deutlich – auch gerade einmal 17-Jährigen gegenüber. Allerdings sollte immer zuerst die Idee stehen. Deshalb raten wir Kunden, die sich charakterlich für eine Selbstständigkeit eignen, einen für sie interessanten Markt genau zu studieren und ihr Wissen über bestehende Produkte und Dienstleistungen zu vertiefen. Werde Experte und brenne für dieses Thema! Wenn beide Grundvoraussetzungen erfüllt sind, steht einem erfolgreichen Business nichts mehr im Wege.

Um junge Erwachsene auf ihrem Weg in die berufliche Zukunft zu unterstützen, hast Du 2009 den gemeinnützigen Verein Step Up! gegründet. Wie kam es dazu? Erzähle uns auch gerne etwas mehr über die Initiative.

Ich bin zu Beginn meiner Karriere selbst gefördert worden. Das wollte ich zurückgeben und habe deswegen schon in den ersten Jahren immer mal wieder kostenfreie Beratungen für Klienten durchgeführt, denen die Mittel dafür fehlten. Aus diesem Selbstverständnis ist Step up! geboren. Step up! fördert junge, engagierte Erwachsene mit einem Karrierestipendium. Es baut auf zwei Säulen auf: einer professionellen Karriereberatung und einer Betreuung durch Mentoren aus der Berufspraxis. Auf diese Weise wollen wir Jugendliche dabei unterstützen, sich beruflich zu orientieren und persönlich weiterzuentwickeln. Und einen Beitrag zur Chancengleichheit leisten.

Mir ist es wichtig, dass Step up! kein Elite-Stipendium ist. Wir erwarten nicht, dass Bewerber zu den Besten ihres Jahrgangs gehören. Wir wünschen uns gute Leistungen und soziales Engagement. Aufgenommen werden außerdem nur Stipendiaten, die Bestandteile des Programms – wie die Karriereberatung – aus eigener Kraft nicht finanzieren können.

Gerade ist Step up! in einer spannenden Phase: Wir haben zwei Mitarbeiterinnen eingestellt, die das Projekt weiter vorantreiben und hoffentlich zahlreiche Unterstützer gewinnen, damit wir künftig mehr Stipendiaten fördern können.

Du selbst sagtest im Interview mit Klüngelkram: Die “Selbstständigkeit ist meine Erfüllung”. Warum?

Ich liebe es, im unternehmerischen Sinne gestalterisch zu arbeiten, meine Visionen mit meinem grandiosen Team umzusetzen und an einer Arbeitswelt zu arbeiten, die nicht nur meinen Werten entspricht, sondern auch denen meiner Mitarbeiter. Die Freiheit zu haben, jeden Tag voll und ganz man selbst zu sein, selbst entscheiden zu können und an einem Inhalt zu arbeiten, der mich begeistert – für mich gibt es nichts Spannenderes als den Menschen und seine Lebensgestaltung –, ist doch erfüllend, oder? Für mich zumindest ist es ein Geschenk und Privileg zugleich. Ich bin sehr dankbar.

Im UnternehmerTV! solltest Du Unternehmern in spe einen guten Rat geben. Du sagtest: “Man sollte nicht nur lieben was man tut, sondern auch können was man tut”. Wie meinst Du damit? Kannst Du das etwas mehr ausführen?

Naja, das ist eigentlich eine sehr pragmatische Empfehlung. Ich beispielsweise liebe es zu singen oder zu malen. Aber beides sollte ich definitiv nur zu Hause und ohne Zuschauer tun. Denn obwohl es mir große Freude bereitet, könnte und würde ich niemals Geld damit verdienen. Talent, das größer ist als das der Konkurrenz, ist eine Grundvoraussetzung. Allerdings: längst nicht die einzige! Wer sich für ein Gesangs- oder Kunststudium entscheidet, muss viel Flexibilität, Resilienz, ein gutes Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen mitbringen, um auch (finanziellen) Rückschlägen standzuhalten.

Gibt es weitere Tipps, die Du angehenden Selbstständigen mitgeben magst? Immerhin hast Du 14 Jahre Erfahrung sammeln können! 🙂

Neben dem Business und seiner Entwicklung sollte immer auch die eigene Person im Fokus der Betrachtung stehen. Wenn du verstehst, was dich motiviert, wo deine persönlichen Stolpersteine liegen, wie du nach außen wahrgenommen wirst und mit deinen Mitarbeitern oder Kunden kommunizierst, dann kannst du viel effizienter und zufriedenstellender handeln. Selbsterkenntnis bringt natürlich nur etwas, wenn man ehrlich mit sich ist. Deshalb ergibt es durchaus Sinn, das eigene Schaffen von Anfang an regelmäßig (kann auch monatlich sein) mit einem Coach zu reflektieren. Ich selbst gehe bis heute immer wieder zu einer externen Supervision. Für die Produktivität wirkt das Wunder.

Was waren Deine größten Herausforderungen in Deiner bisherigen Selbstständigkeit?

Was nach dem Studium ohne Verpflichtungen und große Risiken begann, ist mit den Jahren immer größer geworden. Gerade als wir 2009 neue Büroräume bezogen hatten, schlug die Finanzkrise zu. Das war eine harte Zeit, die wir vor allem dank des Teams und der Unterstützung durch Familie und Freunde gut gemeistert haben. Solche Phasen sind eine echte Belastungsprobe, aber auch Meilensteine.

Wie wird es für Dich und Deine Karriereberatung weitergehen? Welche Ziele verfolgst Du noch für Dich und Dein Unternehmen?

Oh, das sind viele! Gerade ist die Web-App BeBrilliant online gegangen, die eine Freundin und ich konzipiert haben. BeBrilliant unterstützt User dabei, ihr Selbstbild zu schärfen und mit dem Feedback eingeladener Kontakte abzugleichen. Customized Content regt dazu an, an der eigenen Persönlichkeit zu wachsen.

Dann haben wir gerade ein zweites Büro von Struss und Partner eröffnet. Zum Standort in Hamburg ist einer in München dazugekommen. Wir wollen Step up! ausbauen und erarbeiten gerade Konzepte für Sponsoren. Außerdem steht 2017 bei uns im Zeichen der Digitalisierung. Man sieht: Langeweile kenne ich nicht.

© Beitragsbild: Tristan Vostry

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