Kreativ, zufrieden & erfolgreich – Interview mit Illustratorin und Infografikerin Gudrun Wegener

Gudrun Wegener

Unser heutiger Interview-Gast ist Euch vermutlich nicht unbekannt. Zum einen, weil Gudrun eine umtriebige Netzwerkerin (in Hamburg) ist und zum anderen, weil sie unseren Blog von Anfang an als Gastautorin begleitet. Als eine der wenigen selbstständigen Frauen mit Kindern in meinem Freundeskreis, habe ich sie gebeten für uns im zweimonatlichen Turnus über das Thema „Selbstständigkeit und Kind“ zu schreiben. All ihre Artikel findet ihr hier.

Nach über einem Jahr Mitwirken bei Frau, frei & wird es nun aber wirklich mal Zeit Euch Gudrun und ihre Arbeit genauer vorzustellen, dachte ich mir. Viel Spaß mit ihrem Interview!

Erzähl uns aus Deinem Leben als selbstständige Illustratorin und Infografikerin. Was sind Deine Aufgaben? Mit was beschäftigst Du Dich tagtäglich?

Jeden Tag veröffentlichen Unternehmer seitenweise Zahlen und Fakten über Ihr Business. Aber keiner liest sie. Das liegt nicht daran, dass die Sachen uninteressant sind, sondern daran, dass sie in der gigantischen Menge an täglichen Informationen einfach nicht wahrgenommen werden.
In meinem bilderbuero mache ich aus den gleichförmigen Rohdaten spannende Infografiken, interaktive Grafiken und kreative Visualisierungen. Menschen lieben Geschichten und Menschen lieben Bilder. Meine Aufgabe ist es die Geschichte hinter den Daten zu finden und ihr ein visuelles Leben zu geben. Durch die Bilder werden die Informationen spannender, leichter verständlich und sehr viel interessanter.

An meiner Arbeit liebe ich vor allem die Vielfalt: An einem Tag gestalte ich eine farbenfrohe Infografik für Kinder. Am nächsten Tag soll eine barrierefreie Dusche klar und reduziert illustriert werden. Dann wieder recherchiere ich das Konzept für eine interaktive Grafik oder schreibe Blogartikel. Jeder Tag ist anders – das gefällt mir.

Illustrationen in Arbeit… #scribble #sketches #sketchnote #illustration #marker #infografik @stylefile_marker

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Du bist jetzt seit sechs Jahren selbstständig. Es ist aber nicht das erste Mal, richtig? Du hast schon einmal den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, direkt nach dem Studium – und bist gescheitert. Was meinst Du, woran lag das?

Das stimmt, direkt nach dem Studium hatte ich mich übereilt selbstständig gemacht, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung davon zu haben, was das eigentlich alles bedeutet.

  • Wie arbeitet man mit Auftraggebern zusammen?
  • Wo findet man Jobs?
  • Was will ich überhaupt für Leistungen anbieten?
  • Wie baut man sich ein Netzwerk auf?
  • Warum ist es so wichtig, dass man sich positioniert?
  • … (die Liste könnte ich ewig weiterführen)

Und es kam, was kommen musste, wenn man völlig ohne Plan loslegt – ich bin gescheitert. Aber dafür wusste ich im Anschluss ganz genau, dass zu einem erfolgreichen Design Business mehr gehört, als tolle Designs zu entwickeln.

Empfindest Du das Scheitern als persönliche Niederlage oder als Chance an diesem Misserfolg zu wachsen?

Ich bin definitiv an dieser Erfahrung gewachsen. Scheitern ist auch gut, denn dann kennt man zumindest schon mal einen Weg, wie es nicht funktioniert. Diesen Fehler macht man kein zweites Mal.

Was hast Du aus Deinem Scheitern gelernt?

Wenn man als Designer von seiner Leidenschaft leben will, dann muss man aufhören das eigene Unternehmen wie ein Hobby zu behandeln. Ich war unsicher, wusste nicht was meine Designs wert waren und konnte nicht einschätzen, was die Auftraggeber von mir erwarteten. Ich hatte einfach keine Berufserfahrung. Aber wenn ich schon nicht an mein Unternehmen glaube, warum sollten es dann meine Auftraggeber?

Welche Tipps würdest Du Frauen mitgeben, die vorhaben sich selbstständig zu machen? Was müssen sie beim Eintritt in die Selbstständigkeit beachten?

  1. Brennt für Euer Thema mit Herz und Seele. Eine Selbstständigkeit kann, vor allem am Anfang, ziemlich hart sein. Wenn man dann nicht wirklich hinter seinem Projekt steht, wird es schwer.
  2. Versucht es nicht alleine. Es gibt überhaupt gar keinen Grund, es sich selbst so schwer zu machen. Sucht Euch ein Netzwerk aus Gleichgesinnten, lest Bücher und Blogs zu dem Thema. Tauscht Euch mit Gründerinnen aus, die schon da sind, wo Ihr gerne hin wollt. Lernt voneinander und gebt Eure Erfahrungen großzügig weiter. Niemand muss das Rad neu erfinden.
  3. Seid Euch über den Wert Eurer Arbeit im Klaren. Auch wenn Ihr noch ganz frisch selbstständig seid, ist das kein Grund Eure Arbeit klein zu machen. Rabatte oder etwas günstigere Preise können beim Einstieg helfen, aber nur, wenn Ihr ganz deutlich kommuniziert, dass es eine einmalige Sache ist. Haben sich niedrige Preise erst mal etabliert, ist es schwer davon wieder weg zu kommen.
  4. Traut Euch und glaubt an Euch! Man kann sowieso nicht alles im Leben planen.

Nach dreijähriger Festanstellung bei der dpa hast Du Dich erneut selbstständig gemacht – um einige Erfahrungen reicher. Was war der Grund dafür?

Nach meiner ersten gescheiterten Selbstständigkeit, folgten drei spannende und sehr lehrreiche Jahre als angestellte Infografikerin bei der Nachrichtenagentur dpa. Für mich ein echter Glücksgriff. Doch als mein Arbeitgeber bekannt gab, dass die Agentur nach Berlin umziehen wird, musste ich mich erneut entscheiden, wie ich meine berufliche Zukunft gestalten will. Zumal ich zu diesem Zeitpunkt gerade mit meiner ersten Tochter schwanger war. Mit meiner Familie nach Berlin gehen, ohne zu wissen was uns alle erwartet oder in Hamburg bleiben und nach der Elternzeit ohne Job dastehen? Wir sind in Hamburg geblieben.

Und wenn ich schon neu anfangen musste, dann wollte ich es zu meinen Konditionen machen. Also habe ich ein zweites Mal das „Abenteuer Selbstständigkeit“ gewagt und mein bilderbuero gegründet. Jetzt aber mit Berufserfahrung, mehr Wissen und einer genaueren Vorstellung von dem, was mich erwartet.

Heute bin ich sehr froh darüber. Wer weiß, ob ich sonst all die tollen Projekte und Ideen umsetzen würde, die heute zu meinem Job zählen.

Bei uns im Blog berichtest Du ja viel über das Thema „Selbstständigkeit und Kind“, als Mama von mittlerweile zwei Töchtern kennst Du Dich auch bestens aus. 😉 Wie schaffst Du es beides, also Deine Familie und Deine Arbeit, unter einen Hut zu bekommen?

Ein großer Vorteil meiner Selbstständigkeit ist es ja, dass ich mir meine Zeit frei einteilen kann. Den größten Teil meiner Arbeit erledige ich, wenn die Kinder in der Vorschule und im Kindergarten sind. Das sind dann auch die Sachen, bei denen ich viel mit meinen Auftraggebern absprechen muss. Internes wie Rechnungen & Angebote, Blogartikel schreiben, Buchhaltung oder Planungen, mache ich abends in einer „zweiten Schicht“, wenn die Kiddies im Bett sind. Die Nachmittage halte ich mir für die Familie frei, für Ausflüge oder um einfach nur im Garten zu spielen. Natürlich klappt das nicht immer, aber ziemlich oft. Zum Glück ist das ein Thema, in das man in Laufe der Zeit reinwächst. ☺

Welchen Schwierigkeiten begegnest Du als Mompreneur? Hast Du z.B. mal einen Job nicht bekommen, weil Du Mutter bist?

Damit hatte ich noch nie Probleme. Als Mompreneur musst du nur sehr viel besser und mehr organisieren. Wann kann ich wo sein und wann nicht? Wer hat wann Termine und überschneidet sich das mit Events etc. zu denen ich gehen will? Können Oma, Freunde oder die Tante einspringen, wenn es ganz knapp wird?

Welchen Rat kannst Du selbstständigen Frauen geben, die jetzt schwanger sind? Ich kann mir vorstellen, dass manche sich sorgen, wie es mit ihrer Selbstständigkeit nach der Geburt weitergehen wird.

Schon während ich mit meiner zweiten Tochter schwanger war, hab ich das Thema „Elternzeit und wie geht es danach weiter“ offen mit meinen Kunden besprochen. Alle wussten, dass ich bis zu dem Tag x noch arbeite und dann erstmal Pause mache. Das hat auch gut geklappt.

In der Elternzeit hab ich viel Zeit in meine Weiterbildung gesteckt. Ich konnte durchatmen, mich sammeln und neue Ziele für mich finden. Mein Blog „Achtung Designer“ ist ein Ergebnis dieser Arbeitspause.

Über E-Mail, Social Media oder Netzwerk-Treffen bin ich mit meinen Auftraggebern in Kontakt geblieben, auch wenn ich keine Jobs angenommen habe. Aber alles in Ruhe und in meinem Tempo. Das war gut, denn so bin ich auch für meine Auftraggeber immernoch „da“ gewesen. Kurz vor Ende der Elternzeit hab ich mich überall gemeldet und abgesprochen welche Projekte anstehen und in welchen Umfang ich wieder zur Verfügung stehe.

Nicht völlig von der Bildfläche zu verschwinden, ist glaube ich ein wichtiger Rat. Für mich wäre es sehr viel schwerer gewesen alle Verbindungen wieder aufzufrischen, wenn ich nicht lose den Kontakt gehalten hätte.

Wenn ich Deine zweite Selbstständigkeit so betrachte, läuft es aus meiner Sicht derzeit – mit dem zweiten Kind – besser als jemals zuvor. Du setzt spannende Aufträge um, hältst Vorträge (z. B. hier oder hier) und hast Deinen Blog Achtung Designer, der Blog für selbstständige Designer, gelauncht. Wie soll es beruflich weitergehen? Welche Ziele hast Du Dir für 2016 noch gesteckt?

In der zweiten Elternzeit hat sich für mich ganz viel geklärt, über das ich mir vorher im laufenden Berufsalltag gar keine Gedanken machen konnte. Mir sind beim Nachdenken auch viele Dinge aufgefallen, die ich so vorher gar nicht reflektiert hatte. So zum Beispiel, dass ich in den ersten Jahren im bilderbuero zwar viele tolle Aufträge umgesetzt habe, aber irgendwann gar nicht mehr an meinen Ideen und Visionen gearbeitet habe.

Nach der Elternzeit hab ich vieles anders angepackt – quasi ein mentaler Relaunch für meine Selbstständigkeit. Heute arbeite ich nicht mehr nur „im bilderbuero“, ich arbeite vor allem auch „am bilderbuero“. Meine Positionierung habe ich zugespitzt, meinen perfekten Wunschkunden definiert und übernehme nur noch Aufträge die mich wirklich inspirieren. Solche Aufträge bei denen ich mit Herzblut dabei bin und das Beste für die Auftraggeber rausholen kann. Ich bin überzeugt, dass das der optimale Weg ist, um erfolgreich und glücklich zu sein.

Mein Wissen und meine Erfahrungen gebe ich weiter. Erst waren es Sessions auf Barcamps oder Vorträge bei Meetups, aber zukünftig würde ich gerne noch viel häufiger Workshops geben. Der Austausch ist mir wichtig.

Aus diesem Gedanken heraus ist auch Achtung Designer entstanden. Bei meiner Arbeit in Agenturen beispielsweise, hab ich immer wieder kreative junge Designer getroffen, die zwar tolle Designs machen, aber nie wirklich am Markt Fuß fassen, weil sie nicht wissen wie sie es anstellen sollen. Und das deckt sich ja auch mit meinen Erfahrungen: Man lernt im Studium großartige Designs zu machen, aber wie man vom Designer sein lebt, dass sagt Dir keiner. Das ist doch furchtbar!

Also hab ich den Blog gestartet, um andere Grafiker, Designer und Illustratoren dabei zu unterstützen, dass sie sich ein Design Business aufbauen, dass sie kreativ, zufrieden und erfolgreich macht. Ich gebe alle die Dinge weiter, die ich mir selbst so mühevoll im Laufe der Jahre angeeignet habe. Und das wunderbare Feedback meiner Leser gibt mir Recht – zusammen können wir viel mehr erreichen und voneinander profitieren. (An dieser Stelle ein herzlichen Dankeschön an alle meine Leser – Ihr seid großartig. Ich freue mich über jede Mail und jeden Kommentar von euch.)

Für Achtung Designer ist 2016 auch noch einiges geplant. Aufbauend auf die 14-Tage-Challenge, wird es einen kompakten Kurs geben, mit dem sich Designer Schritt für Schritt ihr eigenes Design Business aufbauen können. Und wer schon mal bei meiner Challenge mitgemacht hat, der weiß, dass es bei mir nur wenig Gerede, aber viel praktische Übungen gibt. „Nicht lang schnacken – lieber machen“, wie man hier in Norddeutschland so schön sagt.

Apropos Pläne, wie organisierst Du Dich selbst? Hast Du Tool mit denen Du Struktur in Deinen Arbeitsalltag bringst?

Meine liebsten Begleiter im Berufsalltag sind ein ganz normales Notizbuch und eine Whiteboard-Tafel. Im Notizbuch stehen alle Termine und Notizen, plus Post-its und lose Zettel. Das liegt auch immer neben mir, damit ich schnell alles festhalten kann.

Die Whiteboard-Tafel nutze ich um meine Aufträge zu organisieren. Unterteilt ist sie in drei Bereiche „To Do“, „in Arbeit“ und „fertig“. Hab ich die Zusage für ein neues Projekt, dann klebe ich einen Post-it in die erste Spalte. Der Zettel wandert dann je nach Status immer eine Spalte weiter. Dieses System hilft mir den Überblick zu bewahren, weil ich viele Aufträge parallel bearbeite.

Struktur in den Arbeitstag bekomme ich durch „3 pro Tag & 5 pro Woche“. Jeden Abend lege ich drei Aufgaben fest, die ich am nächsten Tag erledigen will. So kann ich morgens gleich konzentriert durchstarten, ohne mich erst von meinem überquellenden Postfach oder Facebook & Twitter ablenken zu lassen. Die fünf pro Woche beziehen sich auf fünf Dinge, die ich jede Woche für mein Business umsetzen will. Das kann ein neuer Blogpost sein, neue Visitenkarten bestellen oder vielleicht ein neue Arbeitsprobe auf der Website sein. Es spielt auch keine Rolle an welchen Tag ich das mache. Wichtig ist nur, dass ich so ganz kontinuierlich jede Woche an meinem Business arbeite.

Mit Online Tools und Apps hab ich es auch immer wieder probiert, aber bis jetzt schlägt nichts mein Oldschool-Notizbuch. 😉

Und noch eine letzte Frage. Sie steht auch in Bezug zum Thema Ziele bzw. Zielerreichung. Wir beide treffen uns regelmäßig auf einen „Mastermind-Kaffee“. Während wir leckeren Latte Macchiato schlürfen, sprechen wir über unsere Selbstständigkeit, helfen uns gegenseitig oder brainstormen neue Ideen. Wie wichtig ist Dir der Austausch mit anderen Selbstständigen? Und welchen Tipp kannst Du denjenigen geben, die vielleicht nicht so gerne netzwerken?

Für mich ist der Austausch mit Gleichgesinnten sehr wichtig. Ständig hab ich tausend Fragen und was liegt da näher, als von den Erfahrungen Anderer zu profitieren. Würde ich versuchen mir all die Dinge alleine zu erarbeiten, wäre ich deutlich langsamer. Es gibt auch gar keinen Grund, sich alleine durchzuquälen, finde ich. Irgendwann bin ich bei meinen Problemen immer betriebsblind – da kann die Meinung eines Außenstehenden sehr hilfreich sein. Zusammen und voneinander kann man sehr viel lernen und so kommen alle Beteiligten schnelle und besser ans Ziel.

Wer nicht so gerne im wahren Leben netzwerkt oder in seiner direkten Umgebung einfach auch kein Netzwerk hat, der findet Online viele Möglichkeiten sich auszutauschen. Alleine bei Facebook gibt es unzählige Gruppen zu fast jedem Thema und nach meiner Erfahrung sind alle sehr hilfsbereit. Nur Mut und los!

Dankeschön Sandra, für dieses tolle Interview.

Danke Dir!

Für noch mehr tolle Interviews mit inspirierenden Frauen wie Gudrun könnt Ihr auch mal auf unseren Pinterest-Account schauen.

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