Interview mit der Digital-Nomadin Carina Herrmann

Carina Herrmann

Von der onkologischen Kinderkrankenstation in die Selbstständigkeit. Carina Herrmann hat 2013 ihren erlernten Beruf der Kinderkrankenschwester aufgegeben und ihre Leidenschaft zur Berufung gemacht. Seither reist sie als moderne Nomadin durch die Welt, lebt aus ihrem Rucksack und arbeitet als ortsunabhängige Selbstständige. Wie das so funktioniert und wie sie über Themen wie z. B. die Vereinbarkeit von Kind und Karriere denkt, könnt Ihr im folgenden Interview nachlesen.

Hallo Carina, Du bezeichnet Dich selbst als digitale Nomadin. Was bedeutet es, eine digitale Nomadin zu sein?

Über diese Definition streiten sich immer häufiger die Geister… Meine Definition? Eine digitale Nomadin hat ihren Beruf im Gepäck. Sie kann von überall aus arbeiten, da ihr gesamtes Business online existiert und alles was sie zum Arbeiten braucht, eine Internetverbindung und ihr Laptop sind.

In einem Artikel den ich vor kurzem gelesen habe, heißt es „Reisen ist Urlaub. Arbeit ist Arbeit. Wenn man es vermischt, hat man weder eine vernünftige Reise noch Arbeitsergebnisse die andere zufriedenstellen. Allein einen Reiseblog von unterwegs zu führen ist für viele Blogger schon nicht einfach“ – da liegt die Frage nahe, wie meisterst Du das Reisen und das gleichzeitige Arbeiten?

Das ist eine gerechtfertigte Frage. Reisen bedeutet für mich nicht Urlaub. Urlaub ist Urlaub. Denn dann gäbe es ja auch keine Geschäftsreisen.

Ich mache keinen Urlaub, habe ich schon vor ein paar Jahren aufgegeben. Denn ich reise und arbeite eben gleichzeitig. Genauso wenig ist für mich Arbeit der Begriff, den die meisten für ihren 9-to-5-Job nutzen. Denn sie sind teilweise froh, wenn der Tag vorbei ist oder der Freitag endlich kommt. Meine Arbeit ist mein Hobby, meine Leidenschaft und meine Erfüllung. Das mögen manche nun zu idealistisch finden, aber genau so ist es.

Zusätzlich verbringe ich meist einen ganzen Monat oder sogar mehr Zeit an einem fremden Ort. So kann ich eben Arbeiten und Reisen verbinden. Ich arbeite 5-6 Tage pro Woche und gebe mir ganz flexibel auch Tage komplett frei. An den Abenden oder Nachmittagen bin ich allerdings nicht in einem gewohnten Alltag, sondern erkunde die Stadt oder die Gegend in der ich bin.

Das ist dann vermutlich das, was viele als Freizeit neben dem Job bezeichnen würden. Aber letztendlich sehe ich vermutlich von diesem Ort genauso viel, wie jemand, der eine Woche intensiv Urlaub dort macht.

Dafür habe ich allerdings den Vorteil, dass ich hier keine Touristin bin. Ich habe ein Stamm-Restaurant, ein Lieblings-Café, ich kenne viele einheimische Gesichter hier sehr gut und sie mich.

Der Vorteil des Reisen und Arbeitens ist also für mich auch, an einem Ort zu leben, anstatt nur durchzureisen…

Warum lohnt es sich ein digitales Nomadenleben zu führen? Kannst Du uns drei Gründe nennen?

Für mich persönlich lohnt es sich aus dem eben genannten Grund, eben keine Touristin mehr zu sein. Die Freiheit, immer wieder zu entscheiden, in welche Richtung ich gehen möchte, beruflich und auf das Reisen bezogen. Generell die grenzenlose Entscheidungsfreiheit, die sich auf allen Ebenen bietet.

Ich habe in der aktuellen Ausgabe des Magazins impulse kompakt einen Artikel zum Thema ortsunabhängiges Arbeiten gelesen, indem auch der digitale Nomade Patrick Hundt zu Wort kommt. Er sagt, „Es ist nicht immer so toll, wie es von außen aussehen mag“ und spielt dabei ebenso auf Vorurteile an (z. B. Digitale Nomaden sind Dauerurlauber), wie auch auf die Schwierigkeit weit weg von Familie und Freunden zu sein. Siehst Du Dich manchmal mit Vorurteilen konfrontiert? Gibt es Momente in denen Dir das Nomadentum über ist?

Ich versuche mich mehr und mehr von diesen Definitionen abzugrenzen. Das Digitale Nomadentum hat ein gewisses Image, das mich etwas stört: Wir leben von Luft, Liebe und Laptop. Sprich, es erfordert nicht viel Aufwand und lässt uns an den Stränden der Welt leben.

Das ist ganz und gar nicht so und jeder hat in seinem Leben auch Schattenseiten. Es gibt kein perfektes Dasein.

Ich habe mittlerweile Wege gefunden, meine Liebsten nicht mehr so stark zu vermissen und nein, ich habe das Nomadentum noch lange nicht über. Ich liebe den Lifestyle den ich mir geschaffen habe, aber er definiert mich nicht. Und jedem steht doch jederzeit frei, die Aspekte daran zu ändern, die ihn stören. Das hat auch Patrick im letzten Jahr erfolgreich getan und genau das ist doch das Wunderbare an einem Lifestyle: Jeder kann seinen eigenen kreieren, so wie es ihn oder sie glücklich macht.

Was ist die größte Herausforderung als ortsunabhängige Selbstständige überall auf der Welt zu arbeiten?

Ich würde sagen, die eigene Disziplin aufzubauen, nicht ständig alles vor sich her zu schieben. Es ist leicht, jeden Tag bis 12 Uhr zu gammeln, wenn einem niemand sagt, wann man wo zu sein hat. Meist treibt mich allerdings der Eifer und der Spaß an meinen Projekten von ganz alleine an den Laptop.

Wie hat Dein Umfeld auf Deinen Entschluss reagiert eine sichere Festanstellung aufzugeben, Deinem Traum zu folgen und das Glück in der Selbstständigkeit zu suchen? Hast Du einen Rat für Frauen, denen ein solches Gespräch mit der Familie und Freunden vielleicht noch bevorsteht?

Viele haben große Augen bekommen, denn mein Lebenskonzept ist nicht immer leicht zu verstehen. Da waren viele Erklärungen nötig und sind es immer wieder.

Ich glaube, es hilft am besten am Anfang so wenig wie möglich Menschen einzuweihen. Die eigenen Selbstzweifel sind oft schon groß genug, da braucht man auch nicht noch die Zweifler und Kritiker, die sich immer leicht finden.

Jedem lieben Menschen im Umfeld sollte man ganz klar sagen, warum man diesen Schritt macht. Die meisten lassen sich gerne von der Leidenschaft und dem Ehrgeiz anstecken oder fiebern zumindest gerne mit, auch wenn sie diesen Weg selbst nicht gehen würden.

Ich nehme an, dass es viele Frauen gibt, die in ihrem Job unglücklich sind. Sie möchten gerne unabhängiger und selbstbestimmter leben und arbeiten; den Schritt in die Selbstständigkeit wagen aber nur die wenigsten. Woran liegt das Deiner Meinung nach?

Oh ja, dass habe ich schnell am vielen Feedback gemerkt, dass von Leserinnen zurückkam. Allerdings können sie auch gleich ganz klar benennen, warum ihnen dieser Schritt so schwer fällt:

Sie zweifeln viel an sich und ihren Eigenschaften. In Deutschland herrscht diese Mentalität, dass Soft Skills nichts wert sind, solange sie nicht durch ein Diplom, Examen oder Zeugnis nachweisbar sind.

Außerdem werden viele klein geredet und haben letztendlich natürlich viele Existenzängste. Ob das Geld reicht, ob sie genug einnehmen, was ist mit der Altersversorgung…

Wir leben in einer Gesellschaft mit einem chronischen Sicherheitsdenken und dass widerspricht dem Risiko, das man als Selbständige erst einmal eingehen muss.

Genau das versuche ich mit meinem Blog zu verändern und die Frauen zu stärken und zum Umdenken zu bekommen.

Gibt es Hürden, mit denen Frauen beim Einstieg in die Selbstständigkeit eher als Männer zu kämpfen haben?

Meiner Meinung nach springen Männer eher mal ins kalte Wasser als Frauen. Sie sind risikofreudiger. Außerdem lebt immer noch der Grundgedanke weiter, dass Frauen zwangsläufig irgendwann Kinder bekommen wollen und jeder fragt sie zuerst was passieren soll, wenn sie Mütter werden.

Selbständigkeit und Familie ist ein großes Thema, was bei Männern kaum eine Rolle zu spielen scheint. Auch wenn da gerade ein enormes Umdenken stattfindet.

Frauen neigen grundsätzlich öfter zu Selbstzweifeln, wir werden auch von unserer Gesellschaft stärker in die Mangel genommen als Männer. Männer und Beruf, egal welcher Art, ist oft schon standardmäßig verknüpft. Wenn eine Frau sagt, sie möchte gerne Karriere machen, wird sie schnell als bossy und egoistisch abgestempelt.

Die Vereinbarkeit von Kind und Karriere ist für Frauen wohl eines der wichtigsten Kriterien um sich entweder für oder gegen die eigene Selbstständigkeit zu entscheiden. Wie stehst Du zu dem Thema? Ist ein Leben als digitale Nomadin dann überhaupt noch möglich?

Das ist etwas, das jede Frau für sich entscheiden muss. Und auch dürfen sollte.

Mich ärgert es manchmal, dass genau diese Frage immer auf uns gedrückt wird. Wo ist bei dieser Frage der Unterschied zu einem Mann? Einem Digitalen Nomaden wird diese Frage nämlich viel seltener gestellt, wenn überhaupt.

Nein, dieser Lebensstil ist mit Familie instinktiv vielleicht nicht der einfachste. Aber auch möglich. Es gibt ein paar internationale Vorbilder, wie Kat Loterzo zum Beispiel, die mit einem sehr profitablen Online Business und einer kompletten Familie gerade eine Weltreise mit unbekanntem Endzeitpunkt macht. Es ist also nicht unmöglich. Allerdings sind wir oft sehr eingeschränkt in unserem Denken was möglich ist und haken etwas schnell als nicht machbar ab, anstatt Lösungswege dafür zu suchen.

In einem Deiner Artikel auf um180grad.de schreibst Du, dass ein Grund warum Du den Blog im letzten Jahr ins Leben gerufen hast, der war, dass dir die weiblichen Vorbilder fehlten. Selbstständige Frauen, von denen man so viel lernen und erfahren kann. Gibt es dennoch Frauen die Dich inspirieren?

Ja, sehr viele. Allerdings stelle ich mehr und mehr fest, dass wir da in Deutschland noch starken Nachholbedarf haben. Internationale Vorbilder sind für mich Marie Forleo, Carrie Green und eben Kat Loterzo zum Beispiel. Sie sind keine digitalen Nomadinnen, aber ich sehe mich auch selbst eher an zweiter Stelle als solche. Es ist Teil meines Lebens, aber in erster Linie sehe ich mich als eine selbständige Frau mit Online Business und genau das verkörpern alle drei sehr erfolgreich. Ich würde mich aber freuen, auch in Deutschland bald mehr solcher Vorbilder zu sehen.

Normalerweise wären wir, ganz in der Tradition von uns „Frau, frei &“-Frauen, mit Dir Frühstücken gegangen, um die Antworten auf unsere Fragen zu bekommen. Da Dich Dein digitales Nomadenleben aber gerade nach Asien verschlagen hat, müssen wir das bei Gelegenheit nachholen. Beantworte uns bitte trotzdem unsere letzte Frage: Zum Frühstück esse ich am liebsten…

Vollkornbrot mit Kräuterfrischkäse, Rührei mit Tomate und frischen Orangensaft. Typisch deutsch, denn das finde ich im Ausland selten 😀

Ihr interessiert Euch für das Thema Digitales Nomadentum? Dann schaut Doch mal auf Pinterest vorbei. Dort findet Ihr viele Informationen rund um das ortsunabhängige Arbeiten.

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