„Mein homeLE ist ein absolutes Herzensprojekt hinter dem ich mit Leib und Seele stehe“ sagt Café-Gründerin Maike Steuer

Maike Steuer, Gründerin des Café homeLE

Seit anderthalb Jahren veranstalten wir in Hamburg Frühstücke für selbstständige und gründungsinteressierte Frauen, um den Austausch und die Vernetzung unter ihnen zu fördern. Auf Wunsch bringen wir unsere Frühstücke nun in andere deutsche Städte – beginnend mit Leipzig.

Dort werden wir uns am 12. März in einem ganz tollen Café namens homeLE treffen, dessen Gründerin Maike Steuer wir vorab interviewt haben.

Wer von Euch mehr Informationen zum Frühstück beziehen möchte oder sich direkt zum Frühstück anmelden mag, kann hier schauen.

Liebe Maike, vor rund einem Jahr hast Du Dein interkulturelles Familiencafé homeLE in Leipzig eröffnet. Wie bist Du auf die Idee gekommen?

Durch meinen Sohn Oskar! Wie das so ist während der Elternzeit, sind wir beiden viel spazieren gegangen und dabei ist mir aufgefallen, dass es in Leipzig-Gohlis, wo es uns nach der Rückkehr aus Indien hin verschlagen hatte, kein einziges Café gab, geschweige denn ein familienfreundliches. Fand ich sehr schade, denn als Neu-Mama und Wieder-Leipzigerin fehlte mir ein Ort, wo ich mit anderen ins Gespräch kommen oder Kontakte knüpfen konnte. Und da ich mich beruflich sowieso neu sortieren musste, fing ich an zu überlegen, ob ich von den Medien zum Kaffee umschwenken sollte.

Das homeLE ist kein gewöhnliches Café mit einem “08/15”-Konzept. Erkläre uns, was das besondere an Deinem Café ist und warum Du Dich entschieden hast, es genauso zu eröffnen.

Schon der Name verrät, was mir am allerwichtigsten ist und war. Ich wollte einen „homely“ Ort schaffen, ein gemütliches Kiezkaffee, einen Treffpunkt für Menschen aus aller Welt. Ein familienfreundliches Café mit extra Spielzimmer, einen Platz für Ideen, wo andere Kreative ihre Produkte „live“ am Kunden testen können. Unterm Strich ist mein Café sehr viel „ich“ und was mir gefällt, was mir wichtig ist und was ich bislang so erlebt habe. Heißt im Umkehrschluss auch, mein homeLE ist ein absolutes Herzensprojekt hinter dem ich mit Leib und Seele stehe. Es passt einfach zu Oskar und mir.

Durch das Buch Sugar Girls, in dem 20 Café-Besitzerinnen portraitiert werden, weiß ich, dass die Eröffnung eines Cafés nicht so einfach von der Hand geht, wie viele sich vielleicht vorstellen. Auch bei Dir lief einiges anders als geplant, oder?

Ja, das stimmt, wobei es die ersten Monate eigentlich gut voran ging – trotz des Bergs an Papierkram, durch den sich jeder Gründungswillige wühlen muss. Ich hatte eine wirklich schöne Location gefunden mit einem – so dachte ich – begeisterten Eigentümer, netzwerkte mich fröhlich durch die Stadt und hamsterte mein bunt zusammen gewürfeltes Mobiliar, wo es nur ging. Aber dann, etwa acht Wochen vor der ursprünglich geplanten Eröffnung stand ich plötzlich ohne Laden da. Alles stand auf der Kippe und wurde letztlich sogar besser als gedacht, dank der Unterstützung von lieben Menschen, die an mich und mein Projekt glaubten.

Wie läuft es seither für Dich und Dein Café?

Es läuft in die richtige Richtung! 😉 Mein „Baby“ hat vor kurzem seinen ersten Geburtstag gefeiert, was mich schon sehr stolz macht. Doch jetzt im zweiten Jahr geht’s erst richtig los so ohne Welpenschutz. Ich bin sehr glücklich darüber, dass meine Vorstellung von einem gemütlichen Café auf so viel Gegenliebe stößt, aber weit davon entfernt, jetzt die Füße hochzulegen. Ich möchte, dass es weiter wächst, hab den Kopf voller Pläne und neuer Ideen, um es weiter zu etablieren.

Kannst Du eines der folgenden Sugar-Girls-Zitate bestätigen? “Es ist harte Arbeit für vergleichsweise wenig Geld” oder “Ein Café zu führen bedeutet viel Arbeit mit wenig Ruhe und Entspannung”.

Beide Zitate würde ich so stehen lassen. Wer auf finanziellen Reichtum aus ist, sollte definitiv kein Café eröffnen, wobei die Arbeit emotional sehr bereichernd ist. Ich liebe die Gespräche mit meinen Gästen und erleben zu dürfen, wie sich meine „Café-Kinder“ entwickeln. Dafür nehme ich die viel-fältige Arbeit gern in Kauf, denn ich tu´s für mein eigens Projekt und ja, irgendwas ist immer.

In Deinen alten Job als Online-Journalistin willst Du aber nicht zurück, nehme ich an?

Ein Mal Schreiber, immer Schreiber. Es ist ein wichtiger Teil von mir und wann immer möglich, arbeite ich nebenbei als freie Journalistin für diverse Medien wie z. B. ZDF heute.de. Zudem will ja auch mein Café medial begleitet und beworben werden, heißt ich blogge, poste auf Facebook und füttere meinen Instagram-Account mit leckeren Fotos :-).

Wie vereinst Du Deine Arbeit im Café mit Deinem kleinen Sohn? Als alleinerziehende Mutter selbstständig zu sein ist sicher nicht leicht.

Nein, es ist nicht einfach, aber durch das Café auf jeden Fall viel machbarer, als wenn ich irgendwo fest angestellt wäre. Denn ich bin mein eigener Chef, Oskar fühlt sich sehr wohl im homeLE und stört niemanden und ich muss mich nicht rechtfertigen, weil ich nicht zu spät kommen kann. Schwierig wird’s, wenn Oskar von jetzt auf gleich krank wird. Dann fliegt uns unser sorgsam gestrickter Plan rasant um die Ohren. 😉

In einem Interview mit Kathrin Frank antwortest Du auf die Frage, welche Dinge es Deiner Meinung nach braucht, um die Selbstständigkeit und Familie unter einen Hut zu bringen, u. a. mit Flexibilität. Was noch?

Sehr viel Kreativität, Pragmatismus und Gelassenheit. Mit Kind ist jeder Tag wie ein Überraschungsei, doch der Laden muss trotzdem laufen.

Ist es aus Deiner Sicht als selbstständige Mutter einfach sich mit Kind in Deutschland selbstständig zu machen?

Keine Ahnung, denn ich kenne ja nur diese eine Perspektive als selbständige Mama. Ich denke, generell ist der Schritt in die Selbständigkeit ein Wagnis, auf das man Bock haben muss. Immer wieder wird moniert, dass weniger Leute in Deutschland gründen. Gleichzeitig wird der Gründungszuschuss zusammen gestrichen, willkürlich Einstiegsgeld verwährt, weil man „fachfremd“ ist, wie Freunde von mir erleben mussten und mal ehrlich: So ein fixes Gehalt jeden Monat, regelmäßig Wochenende und bezahlter Urlaub klingen in meinen Ohren inzwischen wie blanker Luxus. Ein Hang zum Wahnsinn ist als Gründer wohl Grundvoraussetzung. 😉

Wenn ich das richtig sehe, hast Du Dich während Deiner Elternzeit zum Schritt in die Selbstständigkeit entschieden. Dasselbe hat Alexandra Gaida-Steingaß getan und darüber auf unserem Blog geschrieben. Ihr Artikel heißt: “Berufliche Neuausrichtung in der Elternzeit – Ran an die Träume!” Sie beschreibt darin die Chance, die eine Elternzeit Frauen bietet, die mit dem Gedanken spielen sich selbstständig zu machen. Siehst Du das auch so?

Absolut! Auch wenn so ein kleiner Zwerg alles auf den Kopf stellt und der Tagesablauf sich erstmal wieder einspielen muss, bleibt trotzdem genug Luft, die Gedanken einfach schweifen zu lassen. Ich bin in meinem Leben noch nie so viel spazieren gegangen, wie in Oskars erstem Jahr und hatte entsprechend viel Zeit zum Nachdenken. Genau wie ich, stellen sich viele Frauen in der Elternzeit die Frage, was sie wirklich für ihre Zukunft wollen und kommen durch´s Kind auf ganz neue Ideen.

Du bist Mitglied der Leipziger Mompreneurs und veranstaltest regelmäßig Treffen in Deinem Café. Wie wichtig ist Dir das Netzwerk und der Austausch mit anderen selbstständigen Müttern?

Ich liebe diesen Austausch und den Rückhalt, den unsere Leipziger Gruppe bietet. Bei meinem ersten Mompreneurs-Treffen im März 2015 hab ich zum ersten Mal in Worte gefasst, was ich vorhabe. Ich war mega nervös und angespannt. Aber die positiven Reaktionen der anderen und das Feedback haben mein Projekt für mich selbst ein Stück realer gemacht und mir sehr viel Schwung gegeben. Umso mehr genieße ich es inzwischen, wenn ich anderen Mamas in der Gründungsphase in ihrem Vorhaben bestärken kann.

Wie hast Du Dir eigentlich Dein eigenes Café finanziert? Hattest Du Rücklagen? Hast Du ein Kredit aufgenommen? Wie viel Geld braucht man, um ein Café zu eröffnen?

Ich hatte keinen nennenswerten Rücklagen, aber auch keine Absicht, mich bis ans Lebensende zu verschulden. Mir war wichtig, dass das finanzielle Risiko für mich überschaubar bleibt, selbst wenn das ganze Projekt scheitern sollte. Deshalb habe ich mich für ein Mikrodarlehen der Sächsischen Aufbaubank beworben und es genehmigt bekommen. Diese 20.000 Euro haben gereicht, weil ich auf kreative Art und Weise das Mobiliar zusammengetragen habe, mit anderen kooperiert und alle Unterstützer aktiv miteinbezogen habe.

Um Dir für Dein Café eine Siebträgermaschine zu finanzieren, hast Du eine Crowdfunding-Kampagne auf Visionbakery gestartet. Leider ohne Erfolg – es kamen nur 40% des erhofften Betrages zusammen. Hast Du Deine Espressomaschine mittlerweile trotzdem?

Natürlich! Die Kampagne hat zwar nicht geklappt, gekauft habe ich mir meine zweigruppige La Cimbali aber trotzdem. Sie ist das Herzstück meines Cafés. Ich bin ein Kaffee-Snob und liebe mein Maschinchen heiß und innig.

Was hast Du aus der Crowdfunding-Kampagne gelernt?

Crowdfunding klingt im Kern so simple: „Einfach“ sein Projekt online stellen und dann Geld einsammeln von der begeisterten Masse. Dabei ist es jede Menge Arbeit und zerrt auch am eigenen Nervenkostüm, denn du bist auf die Gunst der Anderen für den Erfolg angewiesen. Timing und Relevanz für die breite Masse sind entscheidend. Meine erste Crowdfunding-Kampagne kam zu früh. Mein Café war noch nicht auf, die Möglichkeit, dass es nix wird, war durchaus gegeben. Zudem erschien die Summe vielen utopisch, denn wer sich nicht näher mit der Materie befasst, kann sich nicht vorstellen, dass Siebträgermaschinen samt Mühle etc. locker 5.000 Euro kosten.

Würdest Du mit dem Wissen von heute etwas anders machen?

Ja und habe es auch schon erfolgreich getan. Denn den Freisitz meines Cafés habe ich im letzten Frühjahr erfolgreich dank der Crowd finanziert. Wieder über die Visionbakery, aber dieses Mal mit einem realistischeren Funding-Ziel und einem laufenden Café!

Warum hast Du Dich damals für Visionbakery und nicht Startnext entschieden? Gab es dafür einen bestimmten Grund?

Der Hauptgrund für die Visionbakery war der Ort des Geschehens. Sie sitzen in Leipzig und ich unterstütze wann immer möglich lokale Initiativen. Mein Café ist zudem eine sehr ortsgebundene Sache und kein Gadget, worauf die ganze Welt gewartet hätte. Von daher machte für mich die Visionbakery mehr Sinn als einer der großen globalen Player. Was nicht heißt, dass ich die für künftige Aktionen nicht durchaus mal testen würde.

Leipzig hat eine blühende Startup-Szene. Karsten Schaal, Mitgründer von food.de, sagte kürzlich in einem Interview mit Deutsche Startups: “Wo Berlin hip ist, ist Leipzig herrlich unaufgeregt”. Wie nimmst Du die Gründerszene in Leipzig wahr? Wo findet man am besten Anschluss?

Da hat er wohl recht. Ich liebe das entspannte Miteinander und die Tatsache, dass Leipzig sich anfühlt wie ein großes Dorf, wo man früher oder später jeden kennt. Durch die Stadt geistern jede Menge kreative Ideen, die hier im Gegensatz zu Berlin auch noch genug Raum finden, um sich zu entfalten und nicht erdrückt werden von der Tatsache, dass es ja schon tausend Andere gibt, die was ähnliches machen. Es gibt regelmäßig Gründerfrühstücke, Netwerktreffen, Coworking Spaces, die immer Programm haben, das Social Impact Lab für alle mit Interesse an nachhaltigem Gründertum und auch die monatlichen Fuckup Nights sind eine gute Möglichkeit, um sich auszutauschen und neue Kontakte zu knüpfen. Auch die IHK bietet Beratungen an und speziell bei mir im Kiez gibt es ein Infozentrum, wo jeder, der in der Gegend zu gründen gedenkt, Unterstützung findet.

Du hast lange in Indien gelebt und dort auch eine gewisse Zeit in einem Start-up gearbeitet. Mich würde interessieren, ob Du Unterschiede in der Gründungskultur von Indien und Deutschland feststellen konntest? Wenn ja, welche?

Inder gründen anders. Sie grübeln nicht erst ewig drüber nach, ob sie´s machen sollten, was dagegen spricht und was alles schief gehen könnte, sondern sie machen. Mich haben die vielen kleinen Händler immer inspiriert, die sich mit fast nichts ein eigenes „Geschäft“ geschaffen haben. Und sei es nur, dass sie zwei Bastkörbe links und rechts an den Gepäckträger ihres Fahrrads befestigt hatten, worin sie ihre Waren feilboten. Wenn man eine gute Idee hat, bedarf es nicht zwangsläufig einem riesen Budget, um diese umzusetzen. Das hatte ich immer im Hinterkopf und genau das hat mich auch darin bestärkt, mein eigenes Café mit wenig Geld auf die Füße zu stellen. Bootstrapping und so, um im Gründerslang zu antworten.

Gibt es abschließend noch einen Rat den Du angehenden (Café-)Gründern mitgeben magst, Maike?

Erzählt der Welt von Anfang an, was ihr vorhabt, statt euch in Geheimniskrämerei zu üben und bindet alle Interessierten im Umfeld aktiv mit ein. Mich hat mein Netzwerk, an dem ich von Tag eins an gestrickt habe, letztlich gerettet, denn nur so habe ich das Zuhause für mein Café gefunden. Wer erst am Tag der Eröffnung anfängt, sich mitzuteilen in der Erwartung, dass die Gäste/Kunden von alleine kommen werden, macht sich den Start unnötig schwer. Außerdem ist der Weg der Gründung viel zu spannend, um verschwiegen zu werden 😉

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