„Der Schlüssel zu mehr Umsatz? Ich verkaufe mein Wissen und die Ergebnisse, nicht den Text“ – Texterin Lilli Koisser

Lilli Koiser

Wenn ich an freie Texterinnen denke, kommen mir direkt zwei Namen in den Sinn. Einer davon ist Lilli Koisser vom Blog LETTERS. Gefühlt kommt man an ihr derzeit nicht vorbei. Muss man auch gar nicht, denn Lilli hat einiges zu erzählen – nicht zuletzt, wie sie sechs Monate Krankenstand überstanden hat.

Liebe Lilli, erzähl uns bitte wie Du zur freien Texterin geworden bist. War das etwas, das Du schon immer angestrebt hast, oder mehr ein Produkt des Zufalls?

Eigentlich wurde ich in die Selbstständigkeit „gedrängt“. Ich war schon als Teenager fasziniert von Werbung und tapezierte mein Jugendzimmer mit Parfum-Anzeigen. Außerdem war ich Klassenbeste in Deutsch und es fiel mir extrem leicht, meine Gedanken niederzuschreiben oder Recherchen verständlich aufzubereiten. Dann organisierte eine Lehrerin, dass der Inhaber einer kleinen Werbeagentur zu uns in die Klasse kam und sein Berufsbild vorstellte. Ich wusste instinktiv, dass das die richtige Berufswahl für mich ist. Nach einigen Umwegen und Ausflügen, z. B. in die Psychologie, landete ich an der Werbe Akademie Wien und studierte Marktkommunikation.

Nach zwei Jahren in einer Dialogmarketing-Agentur, einem Jahr als Texterin in der Marketing-Abteilung eines großen Unternehmens und einem Jahr als Au Pair in den USA kam ich zurück nach Österreich und bewarb mich wieder bei Agenturen – obwohl ich gar keine Lust darauf hatte. Ich wusste, dass ich mich über kurz oder lang selbstständig machen wollte, aber ich dachte:

• Ich bin noch zu jung.
• Ich muss noch mehr Erfahrungen sammeln.
• Ich muss noch mehr Kontakte knüpfen.
• Ich muss noch mehr Ausbildungen machen.
• Ich sollte noch warten.

Nachdem mich allerdings einige Agenturen zum Vorstellungsgespräch eingeladen und mir dann allesamt gesagt hatten, dass sie Texter eigentlich nur noch als Freelancer suchen, dachte ich mir: Wenn der Markt es verlangt, dann biete ich es einfach an. Zwei Freunde aus Agenturzeiten waren auch selbstständig und ich kannte daher ein paar Details über das Unternehmensgründungsprogramm des Arbeitsamtes, behördliche Hürden usw. So schwer sah das nicht aus, und ich sprang einfach ins kalte Wasser.

Den Schritt in die Selbstständigkeit habe ich noch nie bereut! Auch wenn ich noch zig Ausbildungen, Erfahrungen und Bekanntschaften in der Branche gemacht hätte: Du kannst Dich sowieso nicht auf die Selbstständigkeit vorbereiten. Du musst es einfach machen und dann „on the go“ lernen, es gibt meiner Meinung nach keinen anderen Weg.

Welche Skills bedarf es Deiner Meinung nach, wenn man als Freiberuflerin im Bereich Text erfolgreich sein will?

So abgedroschen es jetzt klingt: Erfolg ist Einstellungssache. Das bedeutet: Lösungsorientiertheit statt Problemdenken. Groß zu denken und tolle Kunden, hohe Stundensätze, viel Erfolg anzustreben. Sich Ziele zu setzen, bei denen man Schmetterlinge im Bauch bekommt. Positives Denken. Marketing-Wissen, theoretisch und praktisch. SEO-Kenntnisse. Empathie. Biss. Natürlich eine gute Schreibe und Können im Bereich Werbetexten. Sich selbst zu erlauben, Erfolg zu haben und gut zu verdienen. In sich selbst und sein Unternehmen zu investieren, z. B. in Coachings und Seminare. Und eine gewisse „Scheiss-drauf-Mentalität“: Scheiss drauf, ich mach das jetzt. Scheiss drauf, ich veröffentliche das jetzt so. Scheiss drauf, ich brauche diesen Kunden nicht. Scheiss drauf, wenn jemand einen doofen Kommentar hinterlässt. Man kann es nicht allen recht machen.

Ist es heutzutage überhaupt noch erstrebenswert, als freie Texterin zu arbeiten? Hört man doch immer, dass man in diesem Bereich kein kaum Geld verdient.

Wenn man seine Kunden über Texter-Jobbörsen im Internet gewinnt und sich selbst als Zulieferer sieht, verdient man tatsächlich wenig Geld damit. Wenn man sich ein eigenes Unternehmen aufbaut, sich einen Namen macht und seine Kunden genau kennt und zielgerichtet anspricht, kann man als Texter sehr gut verdienen!

Butter bei die Fische: Wie viel verdienst Du mit Deiner Arbeit?

Ich hatte schon einige Monate dabei, in denen ich 8.000 bis 10.000 Euro Umsatz gemacht habe. Manchmal sind es dafür nur 1.500 Euro Umsatz – je nachdem, wie viele Aufträge man annimmt, ob man im Urlaub oder krank ist, ob man im Monat davor schon genug eingenommen hat, etc. Durchschnittlich sind es 3.000 bis 5.000 Euro pro Monat, von denen ja noch alle Ausgaben wie Steuern, Versicherung und berufliche Ausgaben weggehen. Als Gehalt zahle ich mir nur 1.500 Euro pro Monat auf mein privates Konto aus – und das reicht aus, um ein schönes Leben zu führen.

Wie hast Du Deinen Preis berechnet?

Die Preisgestaltung ist ein Prozess. 2013 habe ich mit 30 Euro pro Stunde angefangen und dachte, das wäre richtig viel, weil ich nur Studentenjobs für 10 Euro pro Stunde gewöhnt war. Mit der Zeit bemerkst du dann, dass du mit deinem Umsatz deine Kosten nicht decken kannst. Außerdem ist mehr Erfahrung auch mehr wert – ein Angestellter bekommt schließlich auch jedes oder jedes zweite Jahr eine Gehaltserhöhung. Ich habe z. B. schon über 400 Blogartikel geschrieben – dieses Wissen und diese Erfahrung fließen heute ja in jeden Blogartikel, den ich für meine Kunden erstelle, hinein. Es ist schlicht und einfach viel wert.

Wie man seinen Stundensatz genau berechnet, und warum er nicht unter 60 Euro liegen sollte, habe ich auf LETTERS ausführlich erklärt. Ich kann dazu auch den kostenlosen E-Mail-Kurs „Double Your Freelancing“ von Brennan Dunn empfehlen – ein Tipp von Detlef Krause, der schon seit über 20 Jahren erfolgreich als freier Texter arbeitet.

Du hast schon für einige namhafte Kunden gearbeitet. Worauf kommt es Dir bei der Zusammenarbeit an? Ich nehme an, Du arbeitest nicht für jeden.

Für die großen Marken durfte ich über Agenturen texten, deswegen ist die Zusammenarbeit mit Agenturen ein guter Einstieg für Anfänger. Irgendwann sollte man aber von den Agenturen wegkommen und sein eigenes Ding machen. Heute finde ich es wichtig, dass Kunde und Texter zusammenpassen und vom gleichen Ergebnis sprechen. Dadurch, dass ich auf Content Marketing spezialisiert bin, werden z. B. Broschürentexte ja gar nicht erst bei mir angefragt.

Je genauer ich meinen Zielkunden kannte und je mehr Persönlichkeit ich online von mir zeigte, desto besser passten die Kunden, die über meine Website bei mir anfragten, zu mir – und desto mehr verdiente ich. Ich schreibe mittlerweile nur noch für Kunden aus der Lifestyle- und Marketingbranche, die auch von der Persönlichkeit und Arbeitsweise her zu mir passen. Diese Kunden ziehst du dann automatisch an. Mein Tipp lautet daher: Trau Dich, online Du selbst zu sein und sichtbar zu werden!

Judith hat in ihrem Artikel “So wirst Du ein Lieblings-Freelancer” beschrieben, was man tun muss, um bei Agenturen besonders beliebt zu sein. Welche Erfahrungen hast Du gemacht? Was meinst Du, worauf achten Auftraggeber bei einem Freelancer besonders?

Ich kann dem Artikel und vor allem dem Punkt 2.1 voll zustimmen – obwohl ich mich selbst nicht unbedingt als Freelancer sehe, sondern als Unternehmerin bzw. Dienstleisterin / Beraterin. Ich glaube, meine Kunden buchen mich nicht, damit ich ihnen einen 0815-Text runterleiere – das können sie auch billiger bekommen. Sie möchten von mir beraten werden, wie sie online mehr Menschen erreichen können. Sie wollen meine Meinung hören und von meinem Wissen profitieren. Und das ist auch der Schlüssel zu mehr Umsatz: Das Wissen und die Ergebnisse zu verkaufen, nicht den Text.

Was leider gerade bei Textern immer wieder erwähnt werden muss: Sei zuverlässig. Ich weiß nicht, warum, aber ich bin anscheinend im Bezug auf Zuverlässigkeit eine positive Ausnahme unter den Textern – zumindest bekomme ich das so von meinen Kunden gespiegelt. Man muss als Selbstständige einfach lernen, sich selbst zu organisieren und Deadlines zuverlässig einzuhalten! Auch bei Gastautoren für meinen Blog habe ich da schon Enttäuschendes erlebt – vom Untertauchen zwischendurch bis hin zum Totstellen. Da braucht man sich dann nicht wundern, wenn man keinen Erfolg hat…

Ist es Dir in Deiner Laufbahn als Texterin schon einmal vorgekommen, dass Du einen Auftrag mittendrin abbrechen musstest? Wenn ja, was war der Grund?

Ja, ich musste einige – teilweise sehr große – Aufträge abbrechen, als ich letztes Jahr einen Unfall hatte und ein halbes Jahr lang im Krankenstand war.

Was war Dein bislang schönstes Erlebnis; was Dein größter Erfolg?

Ich werde nie vergessen, als ich an der Harvard Extension School einen Abendkurs für „Writing for Marketing and PR“ belegte, und der Professor MEINE Presseaussendung als gutes Beispiel für die Hausarbeiten rumzeigte. Das war so ein unbegreiflich schöner Moment!

Lilli, Du lebst und arbeitest in Wien. Wie würdest Du die Gründerszene in Österreich beschreiben? Welchen Stand haben Selbstständige bei Euch?

In Österreich konzentriert sich die Gründerszene sehr auf Wien und erst nachrangig auf einige kleinere Landeshauptstädte. Ich könnte mir vorstellen, dass das in Deutschland anders ist. Ich arbeite heute z. B. mit Einzelunternehmern, kleinen Startups und KMUs aus Wien und Graz. Auch alle großen, nationalen Unternehmen sind in Wien und Umgebung ansässig, was natürlich ein Vorteil für mich ist. Wie jeder Selbstständige werden auch wir in Österreich von Angestellten als seltsam, faul oder verbrecherisch betrachtet und von Finanzamt und Sozialversicherung gemolken – aber das ist wohl das Los jedes Unternehmers! 😉

Ich habe vor nicht allzu langer Zeit das Buch Big Magic von Elizabeth Gilbert gelesen und rezensiert. Darin geht es um die Themen Kreativität und Inspiration. Wer oder was inspiriert Dich?

Das Buch steht auch auf meiner Liste! Zurzeit inspirieren mich vor allem Podcasts und Webinare, aber auch Bücher von beeindruckenden Persönlichkeiten oder über ungewöhnliche Ideen und Denkweisen. Ich finde, man lernt nie aus – auch wenn ich Seminare zu manchen Themen selbst halten könnte, schaue ich sie mir an. Man darf sich dafür nicht zu gut sein. Du weißt nicht, was du nicht weißt, und manchmal kann dich schon ein einziger Satz wieder auf völlig neue Ideen bringen! Meine Inspiration kommt also oft von außen, von anderen Menschen.

Was machst Du zum Ausgleich Deiner Arbeit, um den Kopf frei zu kriegen?

Handy und Laptop weglegen, rausgehen, ein Buch lesen (analog!). Essen gehen, ins Freibad gehen, Sport machen, verreisen. Alles, wobei man nicht wieder vorm Laptop sitzt! 😉 Außer Serien schauen: Das hilft mir dabei, am Abend runterzukommen.

Und abschließend noch etwas für den Kopf: Dein ultimativer Tipp für Frauen, die sich selbstständig machen wollen – und vielleicht noch eine Buchempfehlung.

Du kannst recherchieren, überlegen, planen und zögern, bis Du schwarz wirst – weiterbringen wird es Dich nicht. Praktisch alles, was mit der Selbstständigkeit zu tun hat, lernt man nur durch die praktische Umsetzung, durchs Tun. Es ist wie beim Autofahren: Bei Deiner ersten Fahrt stirbst Du fast vor Nervosität und bist total überfordert. Auch, wenn Du Dir vorher zig YouTube-Videos übers Autofahren reingezogen hast – es ist einfach nicht dasselbe. Und heute denkst Du nicht mal mehr darüber nach, Du machst es einfach. So ist es als Unternehmer mit allem: Buchhaltung, Marketing, Steuern, Bloggen, Verhandlungen, Preiserhöhungen. Du wirst es nie können, wenn Du nicht irgendwann einfach damit anfängst.

Neben Buchtipps (The 4 hour workweek*, Lean In*) möchte ich an dieser Stelle – vor allem Frauen – den Podcast von Laura Seiler, einem Life Coach aus Berlin, empfehlen. Er hat bei mir echt einiges verändert und ich habe auch bereits ihre Rise Up & Shine University gemacht. Und lasst Euch von dem Wort „holy“ nicht abschrecken, es geht nicht um Religion! 😉

Das bringt mich auch zu meinem letzten Tipp: Das Geld, das man mit seinem Unternehmen verdient, gehört zu ca. 10 % wieder ins Unternehmen reinvestiert. Für Tools, Kurse, Bücher, Equipment und jegliche Form der Weiterentwicklung. Und da ein Einzelunternehmer sozusagen das ganze Unternehmen darstellt, darf dieses Geld auch für Gesundheit, Entspannung oder persönliche Weiterentwicklung ausgegeben werden. Das ist viel mehr wert als ein neues Paar Schuhe!

© Beitragsbild: Jessica Kupfer

*Noch ein kleiner Hinweis: Meine Empfehlungen enthalten Affiliate-Links des Anbieters Amazon. Wenn Ihr über diese Links z. B. ein Buch kauft, erhalte ich eine kleine Provision.

2 Kommentare
  1. Petra sagt:

    Authentisches Interview! Auch wenn ich Lilli bisher nur digital kenne, passt das Gesagte absolut zu ihr. Und ich stimme ihr in vielen Dingen zu. Der Titel des Interviews ist übrigens sehr aussagekräftig – sollte man sich als Texter/in immer wieder vor Augen halten, dass es bei unserer Dienstleistung nicht ausschließlich um den Text an sich geht. Das darf der Kunde/Auftraggeber ruhig wissen 😉

    • Sandra sagt:

      Liebe Petra, danke für Deinen Kommentar. Ich kenne Lilli auch noch nicht persönlich, aber wenn sie nur halb so nett ist wie online und im Interview, wird unser Kennenlernen im Oktober ein Fest! 🙂

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