„Es ist eine Herzensangelegenheit“ sagt Gründerin Kathrin Hage über ihr Side Business »Hommage an«

Kathrin Hage

Meine heutige Interviewpartnerin hat schon früh in ihrem Leben viele Familienmitglieder verloren. Ich auch. Meine Großeltern leben schon seit Jahren, gar Jahrzehnten, nicht mehr. Vor knapp einem Jahr ist meine Schwester gestorben – was mich Anfang des letzten Jahres den Artikel „Nach dem Tod – Was passiert mit meinem Business?“ schreiben lassen hat.

Der Umgang mit dem Tod ist hierzulande schwierig. Darüber gesprochen wird viel zu selten. Deshalb finde ich wahnsinnig schön, wie Kathrin Hage sich diesem „Tabuthema“ mit Hommage an nähert.

Liebe Kathrin, Du hast Anfang 2016 „Hommage an …“ gegründet – das sind 17×12 cm große Kästchen als gegenständliche Erinnerung. Erklär uns die Idee hinter „Hommage an …“ doch noch mal in Deinen eigenen Worten.

Eine Brosche, einen Schal, einen Sessel … wir alle besitzen Erinnerungsstücke an unsere geliebten Großeltern, Eltern, Tanten, Onkel. Dies sind wunderbare Gegenstände, aber sie reduzieren eine verstorbene Person auf dieses eine Objekt. Viel wichtiger aber ist: Sie können nicht festhalten, dass beispielsweise die Oma Apfelschnitze immer in einem aufgeschnittenen Tetrapack aufbewahrt hat, die Tante ein Faible für Bauernschränke hatte oder sich die Mama grundsätzlich beim Weihnachtsstern-Basteln verfaltet hat. All diese wertvollen Anekdoten, Eigenheiten und Running-Gags geraten mit der Zeit in Vergessenheit. Das ist schade. Denn genau sie haben das Potenzial ein regelrechtes „Erinnerungsfeuerwerk“ zu zünden.

In meinen Kästchen bündle ich all die Geschichten, die mir meine Kunden zu der Person verraten, für die sie eine Hommage haben möchten. So modelliere ich beispielsweise Miniatur-Apfelschnitze aus Fimo, schreinere einen klitzekleinen Bauernschrank oder falte einen missratenen Weihnachtsstern in Fingernagelgröße. Miniaturbasteleien habe ich schon immer geliebt, und das ist auch das Besondere meiner Arbeit. Denn wenn die Kästchen bei den Kunden zuhause hängen, dann ziehen diese klitzekleinen Welten die Blicke magisch an. Jeder möchte wissen, was es mit der Hommage auf sich hat, und meine Kunden haben die Möglichkeit, von den Verstorbenen zu erzählen – und zwar nicht nur, wie er gestorben ist, sondern wie er als Mensch war.

Wie bist Du auf diese Idee gekommen?

Ich habe früh sehr viele Familienmitglieder verloren. Doch obwohl der Tod und Beerdigungen zu meiner Kindheit und Jugend gehört haben, hatten wir in der Familie einen – wie ich fand – „schwierigen“ Umgang damit. Erst in der Familie meines heutigen Mannes habe ich erlebt, wie es anders geht. Als meine „Schwiegeroma“ verstorben ist, ermutigte meine Schwiegermutter die kleine Trauerrunde dazu, Geschichten von der Oma zu erzählen. Jeder erinnerte sich an etwas anderes, wir haben zusammen gelacht, geweint, geschmunzelt, uns noch einmal über manch Eigenart geärgert. Am Ende sind wir alle mit einem bunten Strauß an Erinnerungen heimgegangen. Da dachte ich: Wie schön wäre es, das nun festzuhalten. So ist das erste Kästchen für meinen Mann entstanden, die Hommage an seine Oma.

Du hast „Hommage an …“ im Nebengewerbe gegründet. Hauptberuflich arbeitest Du als Teamleiterin Projektmanagment beim TRIAS Verlag. Welche Vor- und Nachteile bringt es Deiner Meinung nach mit sich, nebenberuflich selbstständig zu sein?

Mir tut es unglaublich gut, mich nebenberuflich austoben zu können. Ich kann meine eigene Idee vorantreiben, wann und wie ich es für richtig halte. Seitdem verspüre ich eine große kreative Zufriedenheit und innere Gelassenheit für meine Arbeit im Verlag. Ich kann es viel leichter ertragen, wenn etwas nicht so umgesetzt wird, wie ich es für richtig halte – was in einem großen Unternehmen natürlich ständig passiert. Denn ich weiß: Zuhause bei „Hommage an …“ darf ganz allein ich entscheiden. 🙂

Aber klar, man muss es mögen, sich immer mal wieder nach einem langen Arbeitstag noch bis nach Mitternacht mit Fimo, Sekundenkleber oder Epoxidharz zu beschäftigen. Für mich ist es Entspannung pur. Was mich tatsächlich manchmal nervt, ist die Webseite zu pflegen, neue Flyer zu beauftragen, Instagram-Postings vorzubereiten oder mir Marketingmaßnahmen zu überlegen. Andererseits gehört das eben zur Selbstständigkeit dazu.

Ich habe schon einige nebenberuflich selbstständige Frauen interviewt, z. B. Katrin Lange von Elikat, die Ihr Business neben einem 40-Stunden-Vollzeitjob aufgebaut hat. Erst kürzlich hat Janine Tychsen bei mir einen Gastartikel über den Drahtseilakt Selbstständigkeit und Festanstellung veröffentlicht und von der Herausforderung berichtet, die richtige Balance zu finden. Wie machst Du das? Wie organisierst Du Dich?

Ich glaube manchmal, ich habe Energie für fünf. Nein, im Ernst. Ohne richtig, richtig viel Power würde ich es nicht schaffen. Und die wiederum habe ich nur, weil mir alles so viel Freude bereitet. Ich liebe meine Arbeit im Verlag, doch sie strengt mich auf andere Weise an wie alles rund um „Hommage an …“. So kann ich mich darauf mit ganz frischer Energie einlassen. Zudem habe ich das Glück, dass mein Hirn permanent im Hintergrund arbeitet: Manchmal kommt mir plötzlich eine Idee für ein Kästchen, während ich einen Text im Verlag redigiere, mich mit Freunden treffe, auf dem Golfplatz, dem Surfbrett oder unter der Dusche.

Ach und Aufschieben ist für mich ein Fremdwort: Alles wird sofort erledigt. So sind meine To-do-Listen nie zu lange. Das würde ich als mein Geheimrezept bezeichnen.

Planst Du für die Zukunft den Schritt in die Vollzeitselbstständigkeit? Ist das mit Deinem jetzigen Geschäftskonzept überhaupt machbar? Ich frage, weil mir der Aufwand der Erstellung eines Kästchens im Verhältnis zum Verkaufspreis (ab 60€) ziemlich hoch zu sein scheint.

Nein, die Vollzeitselbstständigkeit ist nicht mein Ziel. Denn ich glaube, dass es mir nur so viel Freude bereitet, weil ich nicht fünf Tage die Woche von morgens bis abends sägen, modellieren, schneiden, kleben, falten muss. Ich hätte Angst, dass es mir irgendwann zu viel wird, was sich negativ auf meine Kreativität auswirken würde. Zumal ich viel zu vernarrt in die Verlagsarbeit bin und von meinen Kästchen schlicht auch nicht leben könnte.

Bei 60 oder 70 Euro verdiene ich praktisch nichts. Aber das steht für mich auch nicht im Vordergrund. Es ist eine Herzensangelegenheit und der eigentliche Verdienst ist für mich, wenn mir ein Kunde sagt, dass ihm der Verlust eines geliebten Menschen durch die Hommage leichter fällt.

Wie lange brauchst Du für die Erstellung eines Kästchens? Auf Deiner Seite habe ich von einer Herstellungszeit von einer Woche gelesen…

An einem Kästchen sitze ich rund acht bis zehn Stunden. Aber die Zeit muss ich eben nebenher irgendwie freischaufeln, daher behalte ich mir eine Woche Herstellungszeit vor. Manchmal muss ich auch etwas bestellen, was Zeit kostet, oder die Kunden gehen im Entstehungsprozess richtig auf, sodass Tag für Tag neue Erinnerungen bei mir eintrudeln.

Welche Materialien verwendest Du für Deine Arbeit? Und woher, bekommst Du diese?

Ich verwende sehr viel Fimo, Knetmasse, die im Ofen aushärtet. Zudem kommen zum Beispiel Stoffe, Holz, Epoxidharz, Pappe und Papier zum Einsatz. Bestimmte Gegenstände kann ich allerdings schlecht selbst herstellen, das würde nach Kindergartenbastelei aussehen. Daher kaufe ich manches Puppenstubenzubehör zu und individualisiere es dann. In ein kleines Weinglas fülle ich zum Beispiel rote Window-Colour-Farbe, in ein Tässchen spachtle ich braunes Fugensilikon und bestreue es mit Kakao – fertig ist das Glas Rotwein am Abend beziehungsweise der geliebte Cappucchino.

Wir haben uns auf einem Neuerin-Event kennengelernt. Du warst so mutig, dort spontan „Hommage an …“ vorzustellen. Nimmst Du regelmäßig an solchen Veranstaltungen (mit Bezug zur Selbstständigkeit) teil? Wie wichtig ist Dir der Austausch mit anderen selbstständigen Frauen?

Wenn ich von etwas erfahre, das mich interessiert und meine Idee hinter „Hommage an …“ weiterbringen könnte, versuche ich es tatsächlich immer möglich zu machen. Denn ohne ein gutes Netzwerk kann es meiner Meinung nach mit der Selbstständigkeit nicht klappen. Es inspiriert und eröffnet damit neue Wege.

Kürzlich habe ich das Buch „Alles geben – nur nicht auf!“ rezensiert und in diesem Beitrag hervorgehoben, wie wichtig Vorbilder für Frauen sind, um sie zu stärken. Hast Du Vorbilder, egal ob männlich oder weiblich, oder Menschen in Deinem Umfeld, die Dich inspirieren, Dir Mut machen?

Vorbilder habe ich nicht. Doch Motor, Motivator und Mutmacher ist für mich die Tatsache, dass unser Leben endlich ist. Von heute auf morgen kann alles anders oder vorbei sein. Ich möchte dann nicht auf meiner Wolke sitzen und denken „Mist, hättest Du mal lieber …“. Mein Ziel ist ein buntes Leben, in dem ich alles ausprobiert habe, das ich möchte. Mit dem Ziel vor Augen habe ich jeden Tag neue Energie und schiebe nichts – oder wenig – auf die lange Bank.

Wie bildest Du Dich weiter? Woher nimmst Du all Dein Wissen, um die nebenberufliche Selbstständigkeit?

Ausprobieren, Glück haben oder scheitern und dann von neuem versuchen – so gehe ich an alles heran. Und wenn ich allein nicht weiterkomme, dann mach ich einfach den Mund auf und frage: Es gibt immer jemand, der ein ähnliches Problem hatte und gerne weiterhilft. Im Gegenzug helfe ich dann an anderer Stelle. Und selbst auf dem Finanzamt helfen sie einem, wenn man überfordert ist und alles das erste Mal macht 😉

Gibt es einen Rat, den Du Frauen weitergeben magst? Etwas, dass Du in Deiner, jetzt schon mehr als zweijährigen nebenberuflichen Selbstständigkeit gelernt hast?

Es ist abgedroschen, aber so wahr: Wer eine Idee hat, sollte es einfach wagen. So, wie ich es angegangen bin, hatte ich außer Zeit kaum etwas zu verlieren. Ich brauchte nur Geduld, Offenheit, um überall selbstbewusst von meinem Projekt zu erzählen, und den Mut, manch unbekanntes Terrain zu begehen. Zu hoch sollte man sich die Latte allerdings nicht hängen und beispielsweise innerhalb kürzester Zeit den Job für die Selbstständigkeit aufgeben zu wollen. Wie sagt man so schön: „Schwinge Dich zum Mond empor, selbst wenn Du ihn verfehlst, landest Du bei den Sternen.“ Ich bin nicht mal mit der Absicht, zum Mond zu gelangen, an die Sache herangegangen. Doch mir haben sich ganze Galaxien durch meine Kästchen eröffnet.

© Beitragsbild: Thomas Möller

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