„Ich liebe und brauche die Freiheit“ – Deshalb gründete Esin Rager ihr eigenes Unternehmen. Ein Interview.

Esin Rager, Gründerin von Samova

Anderthalb Wochen ist unsere Session „Frei, froh & Franzbrötchen – Eine leckere Bloglesung zur Selbstständigkeit“ auf der Social Media Week nun her. In unseren Augen war sie ein toller Erfolg! Was eine Zuhörerin zu der Session sagt, könnt Ihr hier nachlesen.

Wir hatten ja berichtet, dass wir das „lecker“ im Titel der Veranstaltung beinahe hätten streichen müssen. Unser Frühstück ist letztendlich nur durch die Hilfe von tollen Gründerinnen wie Laura von Selosoda oder Lina und Friederike, Inhaberinnen des Cafés Glück und Selig, zustande gekommen. Heute möchten wir Euch eine weitere Unterstützerin vorstellen: Esin Rager, Gründerin von samova.

Seit 18 Jahren bist Du nun selbstständig mit Business, Esin. Das beeindruckt mich, als relativ frische Selbstständige, ungemein. Was hat Dich damals dazu bewogen, im Alter von 30 eine Agentur zu gründen?

Ich liebe und brauche die Freiheit, und das spürte ich schon immer. Deshalb arbeite ich schon seit meinem Abitur, also seit fast 30 Jahren selbständig. Erst nur als freie Journalistin, dann auch als Medienentwicklerin und Marketingberaterin – und schließlich heute als Teehändlerin. Zwischendurch war ich im Rahmen einer Printmedieneinführung des Axel Springer Verlages dort einige Jahre (von meinem 26. bis 30. Lebensjahr) als Ressortleiterin fest angestellt, das erforderte das Projekt. Als dieses erfolgreich im Markt etabliert war, gründete ich meine erste Agentur E22, um mit einem größeren Team mehrere Kundenaufträge gleichzeitig bearbeiten zu können und diese finanziell abzusichern.

2002 hast Du dann mit drei Freunden samova gegründet. Anfangs war es mehr ein Spaß-Projekt wie Du hier verrätst, aber 2008 hast Du Dich dann doch dazu entschieden, hauptberuflich einzusteigen. Wie verliefen die ersten Jahre für Dich und was ist aus Deiner Agentur geworden?

Die ersten Jahre waren pure Pionierarbeit, das Geschäftsmodell lautete: tolles Hobby in Vollzeit – und das plus Agenturgeschäft und Familie. Irgendwann musste ich mich entscheiden und Prioritäten setzen. Das waren bei mir meine Familie und samova. Zwei der Gründungspartner entschieden sich schon vorher für ihre Designagentur.

Wie habe ich mir Euren Start mit Samova vorzustellen? Die Idee am Küchtisch war geboren, und dann? Was waren die nächsten Schritte und wie habt Ihr Euch anfangs finanziert?

Stell Dir vor, Du feierst eine nette Party mit »selbstgebasteltem« Tee und hinterher wollen alle Gäste den Tee kaufen und ständig noch mehr nette Parties feiern. Also machst Du spontan weiter, Tag für Tag, Euro für Euro, den Du privat reinbutterst. Wenn Du als Medienprofi auf einmal Tee machst, leihen Dir nur nette Freunde und Verwandte Geld. Das ist auch gut so, denn nur so bleibst Du unabhängig von Banken und anderen Leuten, die Dir ständig reinreden und nur schnellen Profit wollen.

In die Zeit der Gründung fiel auch die Geburt Deines ersten Sohnes. Das war doch sicher nicht einfach. Wie hast Du die Doppelbelastung Neumama und Gründerin zu sein gemeistert?

Mein Sohn Can war bei der Gründung zwei Jahre alt, mein Sohn Sinan kam einige Jahre später, vier Tage nach einer unserer Tanzteeveranstaltungen mit 500 Gästen. Ich saß die ganze Party über hochschwanger auf einem Sessel und moderierte im Sitzen mit Mikro in der Hand. Mein Bruder, der Kinderarzt ist und unter den Gästen war, war meine Versicherung dafür, dass das schon alles gut gehen wird. Die einzige Methode, die in solchen Lebenssituationen hilft ist: nicht lange drüber nachdenken, sondern einfach machen.

Mittlerweile bist Du zweifache Mutter. Wie vereinbarst Du für Dich Beruf und Familie?

Das war ein harter Lernprozess. Früher wollte ich es ständig allen und allem recht machen und blieb selber dabei oft auf der Strecke mit meinen eigenen Bedürfnissen. Heute habe ich dazugelernt: Ich nehme mir Zeit für meine Kinder und für mich, habe immer noch denselben tollen Ehemann, der mich emotional stützt, verständnisvolle Geschäftspartner und sehr engagierte Mitarbeiter, die selbst Verantwortung übernehmen. Leute und Situationen, die mich unter negativen Druck setzen wollen, schalte ich mit der Fernbedienung ab. 🙂

Einem Interview, das das Magazin Linea Futura mit Dir geführt hat, kann man entnehmen wie sich in etwa ein Tag in Deinem Leben gestaltet. Kannst Du nochmal stärker auf Deine Zeit im Büro eingehen? Welchen Aufgaben widmest Du Dich dort? Und welche Arbeit fällt mittlerweile nicht mehr in Deinen Aufgabenbereich?

Meine Kernbereiche sind die Produktentwicklung, das Marketing und der Vertrieb. Mein Geschäftspartner Sebastian Lechner ist für das Zahlenwerk zuständig. Aber letztendlich sind wir beide für alles verantwortlich, weshalb wir uns in allen wichtigen Fragen besprechen und bei Entscheidungen gegenseitig stützen.

Wir sind bei samova gerade dabei, das klassische Büro abzuschaffen. Ganz ohne Homebase geht es natürlich nicht, aber wir wollen unsere Arbeitszeiten und –orte so flexibel wie möglich gestalten. Und uns zwischendurch immer wieder treffen, um gemeinsam zu arbeiten. samova steht für Innovation und das auch noch nach 14 Jahren. Das geht nur, wenn wir nicht in sture Raster verfallen. Ich bin eine große Freundin des regelmäßigen Total Reset (diese samova Sorte ist nicht zufällig mein Lieblingstee) 🙂 innerhalb eines Projektes, es ist sehr wichtig immer wieder neue Erfahrungen zu machen und sie in seine Arbeit einzubauen.

Deine drei Mitgründer sind mittlerweile nicht mehr mit an Bord. Warum?

Sie haben einfach in verschiedenen Lebenssituationen andere Prioritäten gesetzt. Mal beruflich, mal privat… Wir stehen noch in freundschaftlichem Verhältnis, es gab niemals Streit, das war und ist uns allen wichtig.

Du hast sowohl die Erfahrung gemacht alleine, als auch im Team zu gründen. Beide Varianten haben sicher ihre Vor- und Nachteile, oder? Magst Du Deine Erfahrungen mit uns teilen?

Im Team gründen gibt mehr Sicherheit und macht mehr Spaß, im Alltag dann die Arbeit und Verantwortung im Team gerecht aufzuteilen, ist eine große Herausforderung. Ich tendiere heute eher zu der Lösung: Eine(r) führt im Alltag, die anderen stehen unterstützend zur Seite.

Lass uns auf das Hauptprodukt Deines Unternehmens zu sprechen kommen: Tee. Im Interview mit Saal Zwei sagst Du, dass es Dir ein persönliches Bedürfnis war, besseren Tee, herzustellen und Du genervt von dem Umfeld warst, in dem Tee angeboten wurde. „Das Image von Tee muss ja nicht immer was mit Jugendherberge, Krankenhaus und konservativem Lebensstil zu tun haben“, sagst Du hier. Hat sich aus Deiner Sicht am eher schlechten Ruf von Tee mittlerweile etwas geändert?

Das Teeangebot hat sich seit unserer Gründung vor 14 Jahren auf jeden Fall verbessert, und wir sind stolz, dass wir bis heute dazu eine Menge beitragen dürfen. Viele Menschen essen und trinken bewusster, die Bewegung hin zu mehr Achtsamkeit führt auch unweigerlich zu gutem Tee. Wir bei samova sind besonders stolz darauf, dass wir auch Menschen für Tee begeistern, die vorher gar nichts mit dieser Welt anfangen konnten, besonders auch viele Männer – Tee in Deutschland wird sonst hauptsächlich von Frauen gekauft.

Erzähl uns gerne mehr über Euren Tee sowie die anderen Produkte, die Ihr anbietet.

Im Dezember 2002 haben wir samova ins Leben gerufen, um aus Tee und Kräutern mehr zu machen, als sie bis dahin zu bieten hatten. Heute verkaufen wir 26 Tee- und Kräuterspezialitäten in Premium-Qualität, die nicht nur heiß aufgebrüht schmecken: Wir kreieren damit Rezepte für Tee-Cocktails, Tee-Sorbets sowie innovative Zubereitungen von Tee-Speisen und –Backwaren.

samova steht für moderne Teekultur »made in Germany«. Unsere Besonderheiten sind neue Geschmackserlebnisse aus besten Bio-Rohstoffen, ein preisgekröntes Design, außergewöhnliche Veranstaltungen und unsere doppelte Absicherung in Bezug auf die Reinheit unserer Rohstoffe: Wir lassen jede einzelne Zutat unserer Tee- und Kräuterkollektion bei jeder Nachbestellung (!) in einem unabhängigen Institut in Deutschland auf Schadstoffe untersuchen.

samova legt außerdem größten Wert auf nachwachsende und recycelbare Rohstoffe bei umweltverträglichen, schonenden Anbau- und Produktionsmethoden. Diejenigen Spezialitäten unseres Sortiments, deren Rezepturen es zulassen, also mittlerweile fast alle, bestehen aus kontrolliert biologisch angebauten Zutaten und sind mit dem deutschen und dem europäischen Bio-Siegel ausgezeichnet. Alle Sorten sind als Refill-Pack zum Nachfüllen erhältlich.

Ich habe gelesen, dass Ihr jedes Jahr zwei neue Tees in Eure Kollektion aufnehmt. Wie findet Ihr Eure neuen Geschmacksrichtungen? Was inspiriert Dich zu neuen Kreationen?

Ich lasse mich vom Leben inspirieren, von Themen, die gerade eine Rolle in unserer Gesellschaft spielen oder unser Team bei samova beschäftigen. So ist zum Beispiel unsere neueste Kreation Digital Detox eine Erinnerung daran, sich mal vom Bildschirm abzuwenden und sich eine analoge Pause zu gönnen. Denn bei allen Entgiftungstrends, die gerade so kursieren, erscheint uns die Entgiftung der »grauen Zellen« am wichtigsten für unsere Gesellschaft.

All Eure Tees haben eher ungewöhnliche Namen wie „Team Spirit“, „Lazy Daze“ oder „Maybe Baby“. Wenn Du Deiner Selbstständigkeit einen Namen geben müsstest, wie würde er lauten. Und warum?

Oh, das ist eine guTEE Frage :), eigentlich müsste ich jetzt zwei Stunden mit dem Hund durch die Natur laufen oder duschen – da kommen mir immer die besten Ideen für unsere Teenamen, also wenn ich den Kopf ein bisschen freier habe als sonst. Jetzt ganz spontan würde mir etwas wie »Funky Move« einfallen, ein Name der gleichermaßen für Spaß und Bewegung steht, die Hauptvoraussetzungen dafür, mit Selbständigkeit erfolgreich zu sein. Außerdem gefällt mir die vielschichtige Bedeutung von »Move«, das kann ja auch für Schachzug stehen…

Über noch mehr Schachzüge von Gründerinnen, könnt Ihr auf unserem Pinterest Board „Inspirierende Frauen“ nachlesen.

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