„Der Gedanke, einmal eine eigene Buchhandlung zu gründen, lag für uns beide schon lange nahe“ – Elisabeth Windfelder & Jasmin Marschall, Gründerinnen herr holgersson

herrElisabeth & Jasmin von herr holgersson holgersson

Wie ich in meiner Rezension zu “Shop Girls – 28 Frauen und ihr Traum vom eigenen Laden” verraten habe, gehört die Geschichte zur Buchhandlung von Elisabeth Windfelder und Jasmin Marschall zu meinen liebsten.

Bei Büchern bekomme ich einfach Herzchen in den Augen.

Doch weil der Text über die beiden und ihren Laden herr holgersson nur wenig über die Selbstständigkeit verrät, habe ich sie nur am Rande erwähnt. Wenn das mal kein guter Anlass ist, um ein paar neugierige Fragen nach Gau-Algesheim zu schicken.

Liebe Elisabeth, liebe Jasmin, bei Euch “dreht sich alles ums lesen & leben”. Auf Eurer Website steht geschrieben, dass Euer Leseladen ganz im Sinne eines Zuhauses konzipiert ist. Verratet uns bitte mehr! Was ist das Besondere an herr holgersson?

Die Buchhandlung ist eingerichtet wie eine Wohnung. Wir haben einen großen Raum, in dem Wohnbereich, Essbereich und Küche ineinander übergehen sowie einen weiteren Raum, der unser Kinderzimmer ist. So findet man die Bücher ganz intuitiv dort, wo man sie auch zuhause nutzt.

Hinzu kommt, dass wir von Beginn an einen Webshop am Start hatten, eReader und eBooks verkaufen und sehr häufig Veranstaltungen rund ums Buch in unserem herr holgersson stattfnden.

Euer Konzept wurde mehrfach ausgezeichnet. Erzählt mal, welche Preise habt Ihr so eingeheimst?

Die Preise haben uns alle sehr gefreut. Dass wir letztes Jahr als KfW Gründerchampion ausgezeichnet wurden und uns in Rheinland-Pfalz gegen 21 Mitbewerber durchgesetzt haben, hat uns richtig stolz gemacht, da wir somit unsere schöne Buchhandlung zwischen Start-ups vorstellen durften.

Als ich von Euch und Eurem Laden in Shop Girls gelesen habe, den Ihr in einer kleinen Stadt mit knapp 7.500 Einwohnern eröffnet habt, war meine erste Reaktion “mutig”. Meine zweite: “Das kann sich wirtschaftlich doch gar nicht tragen.” Ihr belehrt mich eines besseren. Aber sagt, wie habt Ihr es geschafft, dass Euer Buchladen so ein Erfolg wird?

Bevor wir den Laden hier eröffnet haben, haben wir uns sehr intensiv mit der Region befasst. So ist unser Einzugsgebiet deutlich größer als Gau-Algesheim. Wir haben Kunden, die 25 bis 30 Kilomenter fahren, um bei uns ihre Bücher zu kaufen.

Hinzu kommt, dass wir uns hier im Rhein-Main-Speckgürtel befinden, was sich zum Glück positiv auf die Kauffreude unserer Kunden auswirkt. Nach wie vor versuchen wir aber, neben der täglichen guten Leistung vor Ort, dem Beraten und dem Service, durch unsere Veranstaltungen im Gespräch zu bleiben. Das hat sehr dazu beigetragen, dass herr holgersson schnell bekannt wurde.

Mit Tiefen hattet Ihr doch sicher auch schon zu kämpfen, oder? Wenn ja, was war in den vergangenen Jahren so ein richtiger – bitte verzeiht – pain in the ass?

So ein richtiger pain in the ass-Moment hatten wir bisher tatsächlich noch nicht. Das ist ja immer auch ein bisschen Einstellungssache. Klar, gibt es immer mal Durchhänger, aber da ist es einfach super gut, dass wir zu zweit sind, die den Laden führen, und ja auch schon ein kleines Team um uns rum haben, das uns sehr unterstützt.

Wie viel Startkapital habt Ihr für die Eröffnung Eures Ladens benötigt? Und, woher habt Ihr dieses Geld genommen? Ersparnisse?

Hand aufs Herz: Als Buchhandlung hat man im Vergleich nicht die höchsten Anfangsinvestitionen. Da kann man sich auch in ganz anderen Branchen mit anderen Grundvoraussetzungen oder Betriebsmitteln selbständig machen. Bei uns war es ein Misch aus Ersparnissen und KfW-Kredit.

Nachdem ich Sugar Girls gelesen habe, wo es um Frauen geht, die ein Café eröffnet haben, war mir klar, dass ich selbst keine Cafébesitzerin sein möchte. #Ausgeträumt – anscheinend hat jede Frau mal diesen Traum… ein Grund warum ich ein eigenes Café für mich ausgeschlossen habe: Ich möchte weiterhin in Cafés gehen und in Ruhe einen Latte Macchiato trinken können, ohne mich umzuschauen, welche Idee ich für meinen eigenen Laden mitnehmen kann. Wie ist es bei Euch? Lest Ihr eigentlich selber noch gerne, wenn Ihr den ganzen Tag von Büchern umgeben seid?

Oh, wir lesen beide noch sehr gerne. Manchmal fehlt uns leider aber etwas die Zeit – das wird dann im Urlaub oder am Wochenende nachgeholt. Aber die „Krankheit“, jede andere Buchhandlung (oder andere Läden überhaupt) erst einmal ganz genau anzuschauen, die haben wir natürlich schon

Gibt es Bücher, die ihr selbstständigen Frauen empfehlen könnt?

Wir haben beide sehr gerne „Sunwise Turn“ von Madge Jenison gelesen. Es ist ein Erfahrungsbericht von zwei Buchhändlerinnen, die sich in den 1910er Jahren in New York selbstständig gemacht haben. Das hat uns gerade in der Anfangsphase sehr inspiriert.

Außerdem können wir von Sheryl Sandberg „Lean In“ sehr empfehlen – auch wenn man Google und Facebook natürlich nicht mit unserem herr holgersson vergleichen kann, hat Sandberg ein paar echt gute Tipps auf Lager!

Buchladen herr holgersson
Blick in den Buchladen von Elisabeth und Jasmin – Foto von Andreas Ortner

Woher wisst Ihr eigentlich welche Bücher Ihr für Euren Laden ordern sollt? Und, weil ich die Expertinnen einmal vor mir habe: Wie funktioniert der Bestellprozess dahinter?

Wir bestellen das, was man bei uns im Laden liegen sieht, direkt bei den Verlagen. Hier hilft uns natürlich, dass wir beide eine Ausbildung haben und daher schon lange den Buchhandel im Blick haben, die Verlage kennen, die wichtigen Autoren ebenfalls.

Wir lesen viel, werden von Verlagsvertretern besucht, die uns ebenfalls Empfehlungen geben und so entsteht dann unser eigener persönlicher Mix.

Wenn ein Kunde einen besonderen Wunsch hat, haben wir aber auch noch unseren Großhändler im Rücken, der uns über Nacht mit lieferbaren Büchern versorgt.

So sind wir, wenn es drauf ankommt, sehr schnell!

Was passiert mit den Büchern, die nicht gekauft werden? Wie lange hüten Bücher maximal Eure Regale?

Wir versuchen beim Einkauf sehr darauf zu achten, dass es keine Ladenhüter gibt. Wir bestellen sehr häufig nach, so dass wir keine großen Mengen bestellen müssen, wenn wir uns unsicher sind.

Natürlich „leisten“ wir uns auch besonders tolle Titel, bei denen wir nicht direkt den „perfekten Kunden“ vor Augen haben.

Sollte sich nach ca. einem halben Jahr etwas so gar nicht verkauft haben, haben wir zum Glück manchmal die Möglichkeit, Bücher dem Verlag zurückzugeben. Das ist dann zwar trotzdem ein Verlust, aber dafür sind die Bücher dann vielleicht in Läden, in denen es besser für sie läuft.

Neben Büchern bietet Ihr, bei Euch im Laden auch Veranstaltungen an? Was denn zum Beispiel?

Das sind ganz viele unterschiedliche. Wir laden ein zu Lesungen: dieses Jahr zum Beispiel mit Fatma Aydemir und Svenja Gräfen, Alex Capus und Martin Walker waren auch schon da.

Es gibt Kreativworkshops für Große und Kleine.

Wir haben hier schon viele Filmabende durchgeführt – von Dirty Dancing zu Jane Eyre -, wir haben einen Literaturkreis, mit dem wir uns circa 5x im Jahr treffen, bei uns gibt es Stöber-Abende, zu denen man sich nach Ladenschluss ganz ohne uns alleine „einschließen“ lassen kann und, und, und.

Wir versuchen ganz vielseitige Themen und Formate anzubieten und die Buchhandlung so auch für die verschiedensten Zielgruppen interessant zu machen.

Zur Zeit sind wir gedanklich schon oft in 2018 und planen an einigen Veranstaltungen rund ums Thema „Nachhaltigkeit“.

Wie habt Ihr beiden Euch eigentlich kennengelernt?

Tja, in einer Buchhandlung. 🙂 Zu einer Lesung von Maren Gottschalk aus ihrer Biografie zu Frida Kahlo.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen gemeinsam zu gründen?

Der Gedanke, einmal eine eigene Buchhandlung zu gründen, lag für uns beide schon lange recht nahe und nachdem wir uns dann getroffen hatten, noch ein bisschen näher.

Wärt Ihr den Schritt der Gründung eines eigenen Buchladens auch ohne die jeweils andere gegangen?

Sehr wahrscheinlich nicht – oder zumindest nicht so jung mit Ende 20 und Anfang 30.

Wie wird es für Euch und herr holgersson weiter gehen?

Am 3. Juli feiern wir erst einmal unseren dritten Geburtstag und freuen uns sehr darüber, dass wir die ersten drei Jahre erfolgreich und zufrieden gemeistert haben. Wir haben recht schnell gelernt, dass es ein Unterschied ist, im und am Unternehmen zu arbeiten und so schmieden wir fleißig Pläne für beides. Die verraten wir natürlich aber nicht … 😉

Wenn Ihr noch mehr inspirierende Interviews mit Gründerinnen lesen wollt, schaut doch mal auf Pinterest vorbei!

© Beitragsbild: Andreas Ortner

2 Kommentare
  1. Farbenfreundin sagt:

    Wie cool ist das denn – eine Buchhandlung in Gau-Algesheim, über die ich in einem Blog aus Hamburg lese. Wow, dafür liebe ich das Internet! Wir haben hier im Vorort auch so eine kleine, feine Buchhandlung und das mag ich, dass trotz und neben amazon solche Läden bestehen bleiben.

    • Sandra sagt:

      Liebe Bärbel, ich habe von herr holgersson aus einem Buch erfahren – und war sofort begeistert! 🙂 Das Konzept ist aber auch toll. Und Bücher bzw. Buchhandlungen eh meine Schwäche. 😉

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