„Es kommt auf Sinnhaftigkeit an und auf das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben“ – Elisabeth Grosser und Frauke Homann, Gründerinnen vom Atelier von Herzen

Atelier von Herzen

Ich habe ja schon viele Interviews für unseren Blog geführt, aber ehrlicherweise hat mich keines so emotional gefordert wie das nachfolgende. Zum einen, weil es sich um ein sehr sensibles Thema handelt mit dem sich die beiden Gründerinnen Frauke Homann und Elisabeth Grosser beschäftigen und zum anderen, weil ich keiner der Interviewten zu nahe treten wollte. Ich habe mir viel Zeit für die Entwicklung der Fragen gelassen und auch Frauke und Elisabeth haben sich diese genommen, um die Fragen ausführlich zu beantworten. Ganz offen und ehrlich. Herausgekommen ist ein Interview über Ihr Atelier von Herzen, Ihre Selbstständigkeit, Schicksalsschläge, den Tod und die Trauer.

Liebe Frauke, liebe Elisabeth, Ihr seid die Gründerinnen des Atelier von Herzen, einem Atelier für “zugewandte, achtsame, warme und farbige Trauerkultur”. Damit widmet Ihr Euch einem schweren Thema, nämlich dem Tod. Wie kam es zur Gründung Eures Ateliers?

Oh, angefangen hat alles mit 1000 Ideen und dem Gefühl, dass wir beide gerne etwas miteinander auf die Beine stellen wollten – das war uns schon an dem Tag klar, als wir uns auf der Gartenparty eines Kollegen unserer Ehemänner kennen lernten. Frauke war damals gerade nach dem ersten Kind wieder in den Job eingestiegen, und ich schob einen Doppelkinderwagen mit einem Baby und einem Kleinkind durch die Elternzeit.

Wir haben sofort dieselbe Sprache gesprochen und sehr schnell alles Oberflächliche bei Seite gelassen. Wir blieben locker in Kontakt, ich fing wieder in Teilzeit an zu arbeiten, Frauke bekam ein zweites Kind. Gute zwei Jahre nach dem Kennenlernen trafen wir uns zu einem ersten Ideen-Arbeitstreffen in einem Café. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie Fraukes Töchterchen meine Handtasche ausräumte…

Auf das Thema Bestattungskultur kamen wir unabhängig voneinander. Frauke war durch mehrere Todesfälle in ihrer Familie schon öfter direkt mit dem Tod in Berührung gekommen und vermisste so oft eine Wärme und Herzlichkeit in den Abschiedsritualen. Bei mir sah es eher so aus, dass ich eine Zeitlang jeden Tag an einem sehr außergewöhnlichen Bestatter-Schaufenster entlang zur U-Bahn gegangen war und immer wieder feststellte, wie anders und zum Teil „verrückt“ man an das Thema herangehen war. Das hat mich sehr fasziniert.

Die Gründung in 2012 diente auch erst einmal dazu, an gewisse Branchen-Information wie Preise etc. heran zu kommen, um in die genauere Planung und Prüfung einzusteigen.

Elisabeth, auf Eurer Website schreibst Du, dass eine schwere Krankheit zum Kurswechsel in die Selbstständigkeit geführt hat. Heißt das, dass Du schon vor diesem Schicksalsschlag mit dem Gedanken gespielt hast Dich selbstständig zu machen, Dich zuvor aber nicht getraut hast oder war die Selbstständigkeit vorher nie eine Option?

Ich habe schon immer von der Selbstständigkeit geträumt, definitiv. Gerade durch die Geburt meiner beiden Söhne wurde mir immer mehr bewusst, dass ich mir für mein Leben mehr Erfüllung und mehr Flexibilität – mehr Freiheit wünsche. Die ganzen Überlegungen mit Frauke und auch die Gründung lagen vor meiner Krankheit, allerdings geschah alles noch neben meiner Tätigkeit im Verlag und verlief eher zaghaft.

Am zweiten Januar 2013, direkt nach Silvester, fühlte ich dann diesen Knoten in der Brust und erlebte eine bange Zeit bis zu der klaren Diagnose Brustkrebs – danach war ich erst einmal aus der Zeit gefallen. Den Ausschlag für meine spätere Entscheidung zu kündigen, gab einer der ersten Gedanken nach der Diagnose: „Dann muss ich wenigstens nicht mehr in den Verlag“. Mir wurde erst jetzt klar, wie wenig zufrieden ich mit meiner Jobsituation war, auch wenn von außen betrachtet eigentlich alles fein war und ich nichts auszustehen hatte.

Ich hatte dieses nagende Gefühl der Unzufriedenheit, der Zerrissenheit und, ja, der Langeweile einfach nicht wichtig genug genommen; ich hatte MICH nicht wichtig genommen sondern zu sehr auf alle Vernunftargumente anderer gehört. Für mich war diese Krankheit ein Geschenk des Himmels, weil sie mir endlich die Legitimation gab, meinem Herzen zu folgen und mein Leben zu leben. Das betraf sowohl die berufliche Orientierung als auch viele Dinge und Beziehungen im privaten Bereich. Ich habe einen so unglaublichen Rückhalt von Familie und Freunden erfahren; diese Wertschätzung hat mich getragen und tut es noch.

Ihr gestaltet seit 2012 außergewöhnliche und persönliche Urnen – für Erwachsene und Kinder. Eurer Website konnte ich entnehmen, dass Ihr aufgrund der Resonanz auf Eure Kinderurnen nun Euer Sortiment umstellt und fortan ausschließlich Kinderurnen anbietet. Aus Business-Sicht ein logischer Schritt, aber emotional war es sicher kein leichter. Wie denkt Ihr über diese Entwicklung?

Wir stehen mit ganzem Herzen hinter dieser Entscheidung, uns auf die Kinderurnen und unsere Tröster für Familien und Freunde zu konzentrieren. Sicher, Elisabeths Herz schlägt vor allem für schräge, verrückte und laute Urnen, aber aufgrund der Nachfrage an unserem Kinder-Sortiment möchten wir mit unseren Kapazitäten haushalten und können zum jetzigen Zeitpunkt nicht alle unsere Ideen umsetzen.

Diese klare Kursrichtung hat uns sehr erleichtert, weil wir nun unsere Kräfte ganz gezielt einsetzen können und uns nicht verlieren. Emotional ist es für uns immer sehr bewegend und wir sind mit Herz und Gedanken immer über Tage bei den Familien, die wir mit unseren Produkten begleiten. Ich denke, das spüren alle Eltern und Familien und auch Bestatter, mit denen wir in Kontakt treten und die unsere sorgsam gepackten Pakete erhalten.

Ihr seid beide Mütter. Du, Frauke, hast drei Kinder und Du, Elisabeth, hast zwei. Wissen Eure Kinder womit Ihr Euer Geld verdient? Redet Ihr offen mit Euren Kindern über das Sterben?

Elisabeth: In unserer Familie sprechen wir sehr offen über alles, auch über Themen, die für andere vielleicht mit Berührungsängsten behaftet sind. Als in unserem Haus der Brustkrebs zu Gast war, habe ich mit meinem damals fünfjährigen Sohn abgemacht, dass wir uns im Himmel treffen, falls ich sterben sollte, und von Kindesseite war das eine völlig abgeklärte und angstfreie Angelegenheit.

Ich möchte meinen Kindern keine Scheu vor dem Sterben und dem Tod vorleben – er ist ein wichtiger und gänzlich normaler Teil des Lebens. Es geht für mich viel darum, etwas Unumgängliches anzunehmen und so gut und schön wie möglich zu gestalten, aus der Ohnmacht heraus zu gehen. Ich erzähle ihnen auch von den Kindern, für die wir eine Urne besticken lassen oder von den Eltern, für die wir eine Trösterdecke gestalten. Mein Arbeitszimmer ist voll von Entwürfen, überall stehen Urnen und Tröster, das alles gehört mittlerweile zu unserem Alltag. Ich erlebe gerne, wie meine Jungs ihren Freunden erklären, was ich so tue oder was das für Töpfe auf meinem Regal sind, sie sind dann richtig stolz auf mich.

Frauke: Ja, auch wir sprechen offen darüber und meine Kinder stellen viele Fragen, die ich gerne ausführlich beantworte und dabei versuche, die Angst vor der Endgültigkeit des Todes zu nehmen. Wir glauben fest daran, dass wir uns alle im Himmel wiedersehen.

Zuerst dachte ich, ich müsse meine Tätigkeit vor ihnen verheimlichen, um ihnen keine Angst zu bereiten. Aber schon bald haben meine Kinder festgestellt, dass es sich nicht um Übertöpfe sondern um Urnen in unserem Haus handelt… Als ich eines Tages meine große Tochter vom Kindergarten abholen wollte, kam sie ganz aufgeregt angestürmt und zog mich über den Spielplatz zu dem Zaun, der den Kindergarten von dem Friedhof nebenan trennt. Sie zeigte auf einen Grabaushub und – eine Urne, die in der Mittagssonne auf einem Tischchen daneben stand. „‚Schau mal, Mama, da ist ein gebrannter Mensch!“

Oder neulich, als meine Tochter mir anvertraute, sie wolle unbedingt mal fliegen. Auf die Frage, warum sie das denn gerne wolle, antwortete sie: „Na, dann sehe ich doch Leica wieder!“ Leica ist der verstorbene Hund meiner Schwiegereltern.

Mittlerweile gehört es fest zum Alltag dazu, da ich die Urnen bei uns im Haus fertigstelle und auf ihren Weg bringe; und da der Tod sich nicht nach Wochentagen oder Uhrzeiten richtet, kann dieses mitten am Tag, am Abend oder am Wochenende im schönsten Familienrummel sein.

Ich nehme an, dass Ihr beide schon Kinder hattet, als Ihr Euch mit Eurem Atelier selbstständig gemacht habt. Die Doppelrolle der Gründerin und Mutter war sicher nicht leicht. Wie habt Ihr diese Aufgabe dennoch gemeistert?

Elisabeth: Es ist schon ein besonderes Wagnis, sich mit kleinen Kindern selbstständig zu machen, zumal die Familie im Zweifel immer vorgeht. Mich hat es aber auch gleichzeitig sehr entspannt, da ich eben auch arbeiten kann, wenn mein krankes Kind nebenan auf dem Sofa liegt und ich notfalls eine Nachtschicht einlegen kann. Wir sind unsere eigenen Herrinnen und können eine Flexibilität leben, die es bei einem Präsenz-Arbeitsplatz im Büro in dieser Form leider noch nicht gibt. Und es ist immens wichtig, dass wir eben zu zweit sind und notfalls die andere einspringen kann.

Frauke: Man muss schon eine fixe Vision und viel Durchhaltevermögen besitzen, um diesen langen Weg zu beschreiten. Diese Idee lebt man nicht in festen Zeitfenstern, sondern man lebt sie 7 Tage die Woche. Da Elisabeth und ich über 65 km voneinander entfernt wohnen, sind hier tägliche Telefonate, Emails und regelmäßige Treffen wichtig für ein gefühltes und auch gelebtes Miteinander. Wir beide haben das Glück, dass unsere Familien fest hinter uns stehen, an uns und unsere Ideen glauben und auch mal Sonntagabend mit uns Kartons packen.

Erst seit ein paar Wochen ist mein Kleiner in der Krippe, so dass ich vormittags ein paar Stunden Zeit und Ruhe habe, in denen ich werkeln, Telefonate führen oder persönliche Termine wahrnehmen kann – ohne dass jemand nebenbei sämtliche Schubladen ausräumt. Das war vorher nur mit großem organisatorischem Aufwand möglich. Doch auch so ein Vormittag ist schnell vorbei und so spielen meine Drei auch oftmals im Garten während ich Urnen anziehe und verpacke, fahren mit mir Pakete zur Post oder begleiten mich zu unseren Schneiderinnen – und das Ganze ohne zu murren.

Wie habe ich mir einen Arbeitstag bei Euch beiden vorzustellen?

Jeder Tag beginnt mit einem richtig guten Kaffee – die Kaffeemaschine ist unsere gute Seele. 🙂 Danach verläuft jeder Tag anders, zumal wir uns momentan auch noch so stark weiter entwickeln. Viele Tage sind geprägt von der Abstimmung mit unseren Dienstleistern und Partnern; das Netzwerken ist für uns unglaublich wichtig und bringt uns mit sehr warmherzigen und engagierten Menschen zusammen.

Elisabeth arbeitet viel am Computer, da wir momentan unsere Websites komplett allein aufsetzen, entwickeln und pflegen und ist auch sonst unsere Frau für technische Fragen. Mit großer Begeisterung findet sie sich immer wieder in komplexe Themen ein und nutzt diese zum Ausbau unseres Shops. Auch hat sie Freude am Texten und Gestalten.

Frauke verbringt viel Zeit mit der Produktion unserer Urnen. Diese müssen bei einem Auftrag so schnell wie möglich individualisiert und versendet werden, da es gilt, die Bestattungstermine zu halten. Je nach Auftragslage düst sie dann mitunter schnell nach Hamburg um benötigte Materialien zu kaufen, anschließend zu unseren Schneiderinnen (die übrigens auch am Wochenende für uns die Wunsch-Motive schnell aufnähen, dann schnell noch ein Trösterchen fertigen oder sogar einmal am Sonntagabend mit uns in der Küche Knöpfe annähen) und dann ins Büro, um die Urnen fertigzumachen und zu versenden.

Während Frauke die hier gestellten Fragen beantwortet, kugelt ihr Sohn die Bälle aus dem Trockner durchs Büro, klettert in die Schränke und spielt lautstark mit seinem Trecker. Sie versucht sich bei lauter ‚Brrrrrr Brrrrrrrrr‘- Geräuschen zu konzentrieren 😉

Hat jede von Euch Ihre eigenen Aufgabenbereiche oder macht Ihr beide alles?

Wir machen schon sehr viel gemeinsam und stimmen uns viel ab, aber im Laufe der Zeit haben sich natürlich „Steckenpferde“ entwickelt. Unsere Produkte fotografieren wir selbst, im heimischen Garten, an der Elbe oder im Wald, wo auch immer ein schöner Platz zu finden ist. Je nach Zeit und Möglichkeit machen wir das zusammen oder einzeln.

Die Broschüren werden zusammen besprochen und dann von Elisabeth gestaltet und druckfertig gemacht. In regelmäßigen Abständen treffen wir unsere Scheiderinnen gemeinsam, um über organisatorische oder auch kreative Umsetzungen zu sprechen oder auch einfach nur, um das WIR-Gefühl zu stärken.

Auch Bestatter, Krematorien, Händler, Künstler und weitere Personen treffen wir meist beide gemeinsam. Dazu kommt jetzt immer mehr PR und Marketing, Präsenz auf Facebook etc. zeigen – weniger wird es nicht!

Elisabeth – Bau und Pflege der Website, Social Networks, PR, Broschürenproduktion, Technisches aller Art

Frauke – Kreation, Produktion, Versand; Absprache mit den jeweiligen Dienstleistern

Beide – Konzept und Sortimentsgestaltung, Kontaktpflege und Netzwerken, Akquise, Verwaltung, Rechtliches, Fotografie

Was habt Ihr eigentlich vor der Selbstständigkeit beruflich gemacht?

Elisabeth hat in der Herstellungsleitung eines großen Hamburger Zeitschriftenverlags gearbeitet und sich um die technische Produktion und Qualität von Zeitschriften gekümmert.

Frauke war Verkaufsleiterin in einem großen Münchener Verlagshaus und betreute dort deutschlandweit Markenkunden.

Frauke, auf Eurer Website ist folgendes Zitat von Dir zu lesen: “Es ist mir ein Anliegen, Menschen mit unseren sorgsam erstellten Produkten Kraft zu spenden und damit den Abschied erträglicher zu gestalten.“ War es Euch beiden wichtig, dass Ihr ein soziales Unternehmen gründet oder wäre es auch denkbar gewesen, dass Ihr Euch mit einer anderen, weitaus kommerzielleren Idee, selbstständig macht?

Wir sind sehr lebensfrohe Frauen und alles andere als leise, und dennoch hat uns gerade dieses Thema besonders bewegt. Es ist eine schöne Aufgabe, Ideen und Produkte für einen warmherzigen und individuellen Abschied – ob von Mensch oder Tier – zu entwickeln und Menschen in dieser schweren Zeit etwas Liebevolles an die Hand zu geben. Uns fallen durchaus einige Geschäftsmodelle ein, die leichter zu kommunizieren wären und vielleicht auch schneller zum finanziellen Erfolg führen. Worauf es am Ende aber doch ankommt, sind die Sinnhaftigkeit und das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben.

“Ich möchte gerne gestalten und damit etwas Sinnvolles tun, was mich erfüllt und worüber ich am Ende des Tages glücklich bin”. Das Zitat stammt von Dir Elisabeth. Würdest Du sagen, Du hast dieses Ziel mit Eurem Atelier erreicht?

Es ist noch alles im Fluss! Ich habe an mir viele Fähigkeiten entdeckt, die ich nicht an mir vermutet hätte, z. B. Websites zu gestalten und auch in Schuss zu halten. Ich liebe es, mich weiterzuentwickeln und Neues zu lernen – das bringt die Selbstständigkeit unausweichlich mit sich!

Ich empfinde unsere Arbeit als sehr sinnvoll und wichtig für die betroffenen Familien, ich komme gar nicht darauf, das in Frage zu stellen. Ich hoffe aber auch, dass wir uns nach und nach auf unsere Stärken konzentrieren und einige Arbeitsbereiche ausgliedern können. Die Steuererklärung macht auch jetzt schon unser hochgeschätzter Steuerberater 🙂

Diese Webseite verwendet Cookies. Stimme der Verwendung von Cookies zu, wenn Du die Webseite weiter nutzt. Mehr Informationen

Für eine uneingeschränkte Nutzung der FF&-Webseite werden Cookies benötigt. Einige dieser Cookies erfordern Deine ausdrückliche Zustimmung. Bitte stimme der Verwendung von Cookies zu, um alle Funktionen der Webseite nutzen zu können. Detaillierte Informationen über den Einsatz von Cookies auf dieser Webseite erhältst Du in unseren Datenschutzbestimmungen.

Schließen