„Ich wollte mein berufliches Schicksal als alleinerziehende Mutter nicht von anderen abhängig machen“ – Christiane Brandes-Visbeck

Christiane Brandes-Visbeck

Wenn ich gefragt würde, ob ich jemanden kenne, der mindestens genau so umtriebig ist wie ich, würde sie mir zuerst einfallen: Christiane Brandes-Visbeck.

Kommunikationsberaterin ihrer eigenen Agentur Ahoi Consulting. Journalistin. Referentin. Dozentin an der Akademie für Publizistik. Beirätin. Und, und, und. Ich kenne sie von ihrem Engagement bei den Digital Media Women, für die wir beide schon seit Jahren ehrenamtlich aktiv sind.

Nun sitzen wir bei der Social Media Week gemeinsam auf einem Panel mit dem Titel “Für mehr Gründerinnen im Land: Traut euch – wir haben’s auch getan!” Christiane als Moderatorin, ich als Pannelistin.

Da wir nicht die einzigen Digital Media Women auf dem Panel sind, sondern noch vier weitere auf dem Podium sitzen werden, habe ich diese Veranstaltung zum Anlass genommen, um eine Interviewreihe mit allen Beteiligten zu machen.

Beginnend mit Christiane.

Liebe Christiane, Du hast Deine Agentur Ahoi Consulting 2004 gegründet. Wie kam es dazu? Und magst Du in Deinen eigenen Worten erklären, welche Leistungen Du anbietest?

Meine Kommunikations- und Management-Beratung Ahoi Consulting habe ich mit Panoramablick auf die Flensburger Förde gegründet. Vorher war ich viele Jahre in Hamburg als Online-Chefredakteurin bei einer Medientochter von Bertelsmann beschäftigt. Nach der ersten Internetkrise um 2001 wurden wir der Europa-Hub eines US-amerikanischen Content-Aggregators, der leider sehr schnell in die Insolvenz ging. Leider wurden mein Team und ich ohne Vorwarnung entlassen, was damals für Bertelsmann sehr unüblich war.

Ich war damals eine alleinerziehende und –finanzierende Mutter meines 4-jährigen Sohnes und wollte auf keinen Fall, mein berufliches Schicksal von anderen abhängig machen und möglicherweise bald wieder ohne Job da zu stehen. Deshalb hatte ich beschlossen, etwas eigenes aufzubauen, eine Firma, bei der ich Arbeitszeiten, Finanzierung und Geschäftsmodell selbst bestimmen konnte.

Weil ich mir jedoch nicht so sicher war, ob ich als Gründerin erfolgreich sein werde und mich vor meinen ehemaligen Kollegen nicht blamieren wollte, sind wir wegen meiner Begeisterung fürs Segeln nach Flensburg an die Ostsee gezogen. Mit Ahoi Consulting wollte ich die Lotsin sein, die KMUs sicher durch die Untiefen der digitalen Kommunikation navigiert.

Bis heute sind mir genau die Themen rund um Unternehmenskommunikation und Leadership im digitalen Zeitalter am liebsten, in denen Mut zum Umdenken und ein neues Mindset gefragt sind. Ob Content-Strategie, Fehlerkultur oder Virtuelle Führung – mich interessiert alles das, was verantwortungsvollen und reflektierten Menschen hilft, sich in Zeiten der Veränderungen zurecht zu finden und anderen damit Orientierung zu bieten.

Was hast Du davor beruflich gemacht?

Nach dem Studium habe ich bei RTL und ZDF als Fernsehjournalistin Nachrichtenfilme und Reportagen produziert bis ich von einer TV-Produktionsgesellschaft der Trebitsch Holding, die später zu Bertelsmann gehörte, das Angebot bekommen habe, ein junges TV-Format zu produzieren. Das war Mitte der 1990er Jahre, also die Zeit, in der das Internet schneller wurde und man anfing, Filme digital zu schneiden und nachzubearbeiten. Diese neuen technischen Möglichkeiten waren eine sensationelle Chance, eine neue Bildsprache zu entwickeln, die auch die Musikvideos der Zeit prägten.

Unsere Quoten waren top, weil wir uns nicht an die Branchenregeln hielten und das taten, was man heute mit „disruptiv“ umschreibt: Unsere Magazin-Sendung vermischte Elemente aus dem Segment E (wie Ernst, also Nachrichten und Informationsvermittlung) aus dem Bereich U (wie Unterhaltung, also Musik und Show), wir porträtierten schwarze Hip Hopper und Drag Queens aus New York sowie das Leben junger Tuaregs und von Jugendlichen in den Pariser Vororten. Damals vermieden es Mainstream-Medien, Schwarze außerhalb des Brot-für-die-Welt-Kontextes zu zeigen – übrigens eine mehr oder weniger unausgesprochene Vorgabe im gesamten Journalismus der Zeit.

Und wir änderten die Produktionsprozesse. Bei uns durften beispielsweise Nachwuchsjournalisten und Laien, die durch die Welt reisten, Rohmaterial drehen, aus dem unsere Cutter-Whizzards tolle Videobeiträge zauberten. Im Prinzip waren wir ein Medien-Startup nach der ersten Finanzierungsrunde. Weil mich das Fremde so begeistert hat, bin als Korrespondentin nach New York gezogen, wo auch mein Sohn auf die Welt gekommen ist. Nach vier Jahren Big Apple, wo ich großartige bekannte und unbekannte Menschen kennenlernen durfte, sind mein Sohn und ich nach Hamburg zurück gekehrt.

Das war möglich, weil ich bei derselben Bertelsmann-Tochter, die sich inzwischen zu einer Multimedia-Agentur entwickelt hatte, als Online-Chefredakteurin mit einem 30-Wochenstunden-Vertrag einsteigen durfte. Das war eine spannende Zeit, weil meine 100-köpfige Mannschaft und ich mit ganz unterschiedlichen Content Management Systemen klassische News für Corporate Websites und Mobile Applications produziert haben. Zu unserem Geschäftsmodell gehörte ausdrücklich, mit neuen digitalen Features zu experimentieren und innovative Content-Formate für neue Telco-Gadgets zu entwickeln.

Für mich war das eine wunderbare Zeit, weil wir alle Freiheiten der Welt hatten und ich eine wunderbare Stellvertreterin, so dass ich meinen Sohn jeden Abend pünktlich um 18 Uhr von der Tagesmutter abholen konnte. Eine Chefredakteurin in Teilzeit zu sein, war vor rund 15 Jahren extrem fortschrittlich.

Deine letzte Festanstellung als Bereichsleiterin für Personal und Kommunikation bei einer großen mittelständischen Bank ging vor fünf Jahren zu Ende. Heißt, Du hast Deine Agentur zeitweise nebenberuflich geführt. Warum hast Du Dich für diesen Weg entschieden?

Als mein Sohn zu seinem Vater nach New York zog, war ich wieder offen für eine Festanstellung. Doch bevor ich bei der Bank anfing, habe ich ehrlicherweise fast alle meine Kunden an liebe Kollegen „verschenkt“. Nur meine heißgeliebte Dozententätigkeit an der Akademie für Publizistik habe ich beibehalten. Da ich den Auftrag hatte, zwei Abteilungen, also die Unternehmenskommunikation und die HR-Abteilung, innerhalb von kurzer Zeit zu professionalisieren, war klar, dass mich dort ein Fulltimejob erwartete.

Dann wieder der Schritt in die Selbstständigkeit. Worin liegt für Dich der Vorteil Deine eigene Chefin zu sein?

Rückblickend betrachtet waren dafür wohl mein großer Freiheitsdrang, meine schnelle Auffassungsgabe und mein Interesse an nachhaltigen Innovationen ausschlaggebend. Meine Kunden mögen das an mir, meine Chefs waren davon nicht immer so begeistert. Jemand wie ich läuft nur dann zu Höchstleistungen auf, wenn man ihm vertraut und sich darauf verlässt, dass man sich schon rechtzeitig meldet, bevor etwas schief geht. Hinzu kommt, dass ich als Selbständige etwas flexibler auf die Bedürfnisse meines Sohnes eingehen kann. Mir ist es wichtig, beiden Aufgaben gerecht werden zu können.

Was macht für Dich einen guten Chef aus?

Ein guter Chef ist ehrlich, lebt werteorientiert, kennt sich selbst recht gut und weiß sich deshalb selbst zu führen. Er fragt sich bei jeder Handlung: „Ist das, was ich hier mache fair und nachvollziehbar oder bin ich gerade manipulativ unterwegs?“ Ein guter Chef hat das Wohl aller im Sinn. Ein guter Chef agiert sinnstiftend, so dass es allen Spaß macht, für die gemeinsamen Ziele zu arbeiten. Ein guter Chef ist nicht nachtragend, schenkt einen Vertrauensvorschuss und lästert nicht über Dritte. Er steht hinter seinem Team, sagt aber auch, was Sache ist, wenn’s mal nicht so gut läuft. Ich finde es wichtig, dass Menschen wissen, woran sie bei anderen sind.

Du stehst wie keine andere für das Thema “Digital Leadership”, publizierst darüber, gibst „Leadership“-Workshops und Coachings. “Leadership” ist auch eines Deiner Themen, dass Du an der FOM und an der Akademie für Publizistik vermittelst. Wie kam es zu diesen Engagements, und warum sind sie Dir so wichtig?

Ich bin nach nur drei Berufsjahren Redaktions- und Produktionsleiterin geworden und war damit für eine TV-Sendung und das junge, recht unerfahrene Team mehr oder weniger allein verantwortlich. Das war toll, aber auch super anstrengend, weil ich weder einen Coach noch einen Mentor hatte, den ich um Rat fragen konnte. Im Laufe meines Lebens lernte ich immer mehr über die politische Dimension von Managerjobs und wie man mit Intrigen, Nebenschauplätzen, Seilschaften oder Leichen im Keller umgeht. In meiner Naivität dachte ich früher, wenn man gut ist, wird man auch erfolgreich sein. Das ist nicht immer so. Ich finde, das sollten Menschen, insbesondere Frauen, wissen. Als Pastorenenkelin habe ich wohl so etwas mitmenschlich-missionarisches in mir: Ich möchte Menschen vor Unglück bewahren und sie zum Erfolg führen.

Diese Fragen kann ich Dir auch in Bezug auf Deine ehrenamtliche Tätigkeit bei den Digital Media Women stellen. Warum bist Du in diesem Verein tätig?

Schon als Kommunikationschefin war mir klar, dass niemand um Social-Media-Kenntnisse herumkommen wird. Doch in der Bank waren wir noch nicht so weit. Deshalb habe ich in der Zeit danach sofort angefangen zu twittern, Digitalkonferenzen zu besuchen und meine Kenntnisse in Social-Media-Schulungen zu professionalisieren. Dabei habe ich die Gründerinnen der Digital Media Women kennengelernt. Irgendwann durfte ich einen Nachbericht zu einem #DWM-Themenabend schreiben, später eine Medienkooperation mit einem Digitalkongress betreuen. Schnell wurde ich Mitglied der Blogredaktion und Orgafrau im Hamburger Quartier.

2015 habe ich mit tollen Frauen in der Taskforce Markenentwicklung das Leitbild der #DMW entwickelt. Ich liebe es, über digitalaffine Frauen für das #DMW-Blog zu schreiben und mit inspirierenden Männern und Frauen aus der Digitalbranche bekannt bis befreundet zu sein. Bei den #DMW können wir den digitalen Wandel bundesweit mitgestalten. Wir setzen uns für Frauen und ihre Sichtbarkeit auf allen Bühnen ein.

Aktuell beschäftige ich mich mit der Frage, inwieweit wir Frauen uns in Zeiten des zunehmenden Rechtspopulismus Gedanken darüber machen müssen, was wir öffentlich sagen oder schreiben. Die große Unbekümmertheit, die aus der Gewissheit entstanden ist, dass unsere Demokratie Bestand hat, ist der Erkenntnis gewichen, dass wir uns für Werte wie Freiheit, Gleichheit und Zusammenhalt aktiv einsetzen müssen. Deshalb sage ich jetzt immer lachend, dass ich über meine Arbeit bei den #DMW eine Aktivistin geworden bin.

Wie wichtig ist Dir das Netzwerken und hast Du vielleicht einen Tipp für diejenigen, die sich damit etwas schwerer tun?

Ohne mein Netzwerk und die Menschen um mich herum, hätte ich mein turbulentes Leben nicht gemeistert. Aus Dankbarkeit helfe ich gern anderen mit Kontakten und Vernetzung wo ich kann. Die Amerikaner sagen „What goes around, comes around“. Um unbekümmerter und mutiger auf Menschen zugehen zu können, folge ich zwei Erkenntnissen: 1. Jeder Mensch hat etwas Besonderes an sich, man muss es nur sehen wollen. Und 2. Jeder Mensch hat zwei Bedürfnisse: die Abwesenheit von Schmerz und die Hoffnung auf Belohnung. Also versuche ich beim Networken, herauszubekommen, wie Menschen ticken. Networking für mich damit weit mehr als nur Leads zu generieren.

2014 hast Du die Talentscouting-App JobDigga gegründet. Was ist daraus geworden?

Wir hatten uns eine Jahresfrist gesetzt, in der wir eine Finanzierung erhalten wollten. Nach dem Ende unserer Förderung im Social Impact Lab, hatten wir zwar einen hohen Bekanntheitsgrad und viele Fans, aber keinen Investor gefunden. Deshalb habe ich JobDigga aufgegeben. Allerdings kann ich mich bis heute nicht von der Website und den Social-Media-Aktivitäten von JobDigga trennen. Ich bin immer noch der Ansicht, das JobDigga die Welt zu einem etwas besseren Ort gemacht hätte. 😉

Wo wir eben schon beim Thema “Junge Menschen & Talente” sind: Welchen Rat kannst Du angehenden Gründerinnen mitgeben?

Sprich mit Menschen und höre ihnen zu. Immer. Egal, ob sie Deine Mitarbeiter sind, Deine Freunde oder Förderer. Gründer neigen zu einem Tunnelblick, das schadet dem Business Development.

Lust auf noch mehr inspirierende Frauen? Dann schau doch mal hier:

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