Ein „‚konventionelles‘ Designlabel zu führen, das in Fernost produziert“ käme für Constanze und Lotte von Bridge&Tunnel nicht in Frage

Constanze und Lotte von Bridge&Tunnel

Die beiden Gründerinnen Constanze und Lotte von Bridge&Tunnel habe ich auf einem Meetup der Hamburger Mompreneur kennengelernt. Dort haben sie über ihre Gründungsidee gesprochen – und wie Moral und Profit zusammengehen!

Schon nach den ersten paar Sätzen war klar, dass ich die beiden zu einem Interview auf Frau, frei & gewinnen muss. Zumal Constanze und Lotte eine Paradebeispiel für unsere Interviewreihe #HamburgDeineGründerinnen sind.

Liebe Constanze, liebe Lotte, bitte verratet uns doch, wie ihr beiden Euch kennengelernt habt und wie Ihr zu dem Entschluss gekommen seid beruflich gemeinsame Sache zu machen und zu gründen?

Ich (Conny) habe viele Jahre im Projektmanagement eines großen Hamburger Stadtplanungsprojektes gearbeitet und dort die Kulturprojekte betreut. 2013 hatte ich die Idee, einen textilen Co-Working Space für Designer auf die Beine zu stellen, der auch dann noch eine Anlaufstelle in Wilhelmsburg ist, wenn das Stadtplanungsprojekt (ein Laborprojekt, das bis 2013 begrenzt war) und mit ihm die Anschubfinanzierung vorbei ist.

Als Träger war schnell Passage Hamburg gefunden – ein Träger, der selbst schon einige Textilprojekte hatte und unter dessen Dach das Stoffdeck, unser Co-Working Space, auch heute noch läuft.

Da ich selbst Kulturwissenschaftlerin bin, war aber auch schnell klar, dass ich nur bestimmte Teile der Werkstatt leiten kann und wir einen Profi brauchen, der den operativen Bereich der Gemeinschaftswerkstatt stemmt.

Ich habe unsere Stellenausschreibung dann u. a. auf facebook geteilt und bekam Sekunden später eine absolut zauberhafte Email von Lotte mit den Worten „Liebe Conny, du suchst mich!“. Wir sollten wohl einfach zusammenfinden. Und seitdem packen wir tagtäglich jede Menge kreative Dinge gemeinsam an.

Auf Eurer Website heißt es: “Bridge&Tunnel steht für Design, das Gesellschaft verändert. Unser Social Design Label fertigt hochwertige Designprodukte und bringt damit gesellschaftlich benachteiligte Menschen in Arbeit.” Bitte verratet uns mehr. Was verbirgt sich hinter Eurer Idee und wie seid Ihr auf Euer Business-Konzept gekommen?

Die Idee zu Bridge&Tunnel kam im wahrsten Sinne des Wortes zu uns: Seit 2013 leiten Lotte und ich nun schon das Stoffdeck. In unserer Gemeinschaftswerkstatt können sich professionelle Designer, aber auch kreative DIYler unkompliziert einmieten.

Als wir irgendwann mitbekamen, dass sich ein deutsch-türkischer Nähclub mit ihren Haushaltsnähmaschinen in einer Wilhelmsburger Moschee zum Nähen trifft, haben wir sie eingeladen, ihren Nähtreff bei uns im Stoffdeck zu machen. Und standen dann fassungslos daneben…

Denn wir konnten live mit ansehen, was für Zauberhände viele der Frauen haben, obwohl fast alle noch nie in einem richtigen Job waren. Da war uns schlagartig klar: wir müssen diese beiden Welten vernähen. Und seitdem bringen wir professionelles Design und Menschen aus dem Stadtteil mit flinken Händen zusammen.

Mit Bridge&Tunnel fertigen wir also bewusst lokal und fair: inmitten Hamburgs, mit Menschen, die lange Zeit keinen Job finden konnten, aber tolle handwerkliche Fertigkeiten haben.

Für unser Design (Accessoires und Interior) verwenden wir post consumer waste. Deshalb ist jedes Produkt ein Unikat. So verhelfen wir wertvollen Materialressourcen zu einem neuen Leben in style und hoffnungsvollen Talenten aus aller Welt zu einem erfüllenden Job mit Anerkennung. Eine ziemlich gute Kombi, wie wir finden.

Wie habe ich mir dann die Gründung Eures Unternehmens vorzustellen? Was waren die ersten Schritte?

Als klar war, dass es mit Bridge&Tunnel ernst wird, wollten wir die Info, dass wir handwerklich begabte Näher und Schneider suchen, natürlich bestmöglich streuen. Wir hatten dann das große Glück, dass im Wilhelmsburger Wochenblatt – einem kleinen aber superviel gelesenen Blatt – ein Artikel mit unserem Angebot auf dem Titel erschien.

4 Plätze wollten wir vergeben, gemeldet haben sich fast 60 (!) Leute. Auch das Jobcenter, mit dem wir eng zusammenarbeiten, hatte unsere Info gestreut. Unser Telefon stand tagelang nicht still…

Es war unfassbar, welchen Nerv wir offenbar getroffen hatten. Wir haben dann am Telefon erstmal mit allen Interessierten eine Abfrage nach ihren Näherfahrungen und eine kleine Erstberatung gemacht. 25 haben wir dann zu einem Probenähen eingeladen und daraus unser Team ausgewählt. Neben dem Geschick an der Nähmaschine haben wir das Sprachniveau und die zeitliche Verfügbarkeit abgefragt. Und natürlich haben wir auch geschaut, dass die einzelnen Frauen gut zueinander ins Team passen.

In unserem Produktionsteam arbeiten aktuell 4 (zuvor langzeitarbeitlose) Näher und Näherinnen, die gebürtig aus Indien, der Türkei und Afghanistan kommen. Angeleitet werden sie von 2 weiteren tollen Frauen, die ausgebildete Schneiderinnen oder Bekleidungstechnikerinnen sind. Zusätzlich sind seit Dezember 2 Männer mit jüngerer Fluchtgeschichte bei uns an Board, denen wir im Rahmen eines Praktikums eine Berufsorientierung auf dem deutschen Textilmarkt ermöglichen möchten.

Sicherlich habt Ihr auch einen Beteiligungsvertrag abgeschlossen. Was habt Ihr darin festgehalten?

Wir haben keinen Beteiligungsvertrag geschlossen. Wir haben ein Geschäftsmodell, das auf verschiedenen Füßen steht und durch unsere Gemeinnützigkeit (wir sind eine gGmbH) besonderen Regeln folgt: Zuallererst verkaufen wir natürlich unsere Endprodukte, unser Design. Dann setzen wir auf Unternehmenskooperationen.

So haben wir mit einem Hamburger Wirtschaftsunternehmen, die ebenfalls einen Fokus auf Recycling haben und mit dem wir eng zu dem Thema zusammen arbeiten wollen, ein dreijähriges Sponsoring abgeschlossen.

Da alle unserer Näher und Näherinnen im Kernteam aus der Langzeitarbeitslosigkeit kommen, profitieren wir außerdem noch von anteilig geförderten Arbeitsverhältnissen durch das Jobcenter. Das ist gerade für den Anfang, wo wir ja viel Zeit damit verbringen, unser Team zu professionalisieren, eine wahnsinnige tolle Unterstützung.

Zuletzt – und das ist wirklich besonders – haben wir einen Privatinvestor gefunden, der uns maßgeblich unterstützt. Mit ihm arbeiten wir über Spenden sowie einen Darlehensvertrag zusammen, der allerdings komplett ohne Anteile auskommt.

Und wie habt Ihr die Aufgaben innerhalb des laufenden Tagesgeschäfts aufgeteilt? Ich nehme an, jede von Euch hat Ihre Bereiche, die sie betreut?

Wir scherzen gern, dass Lotte die Innenministerin und Conny die Außenministerin ist.

Während Lotte für die Designentwicklung, die Produktionsorganisation und das Backend der Website zuständig ist, widmet Conny sich der Kommunikation (Presse, Social Media), Partnerkooperationen, dem Thema Vertrieb und Fundraising. Zudem „befüllt“ sie das Frontend unserer Website.

Gemeinsam stemmen wir die Betreuung unseres Teams, die bei uns ja sehr intensiv ausfällt. Wir begleiten unsere Mitarbeiter bei Behördengängen, klären Rechtsfragen oder suchen für eine 5köpfige Familie auch schon mal eine Wohnung…

Betreuung, mein Stichwort, um elegant zum nächsten Thema überzuleiten. Ihr seid beide Mütter. Wie vereint Ihr Selbstständigkeit und Familie?

Wir machen einfach, wie jeder und jede andere auch. Unsere Kids sind tagsüber in der Kita oder in der Schule und einige Tage in der Woche arbeiten wir mithilfe der Papas, der Familie oder Babysittern, die die Nachmittagsbetreuung übernehmen, lang. An anderen Nachmittagen gehört unsere Zeit ab 16:30 den Kids, dafür setzen wir uns dann aber abends nochmal an den Rechner.

Ich bin eine Kritikerin des deutschen Bildungssystems – zumindest wenn es um die Berufsvorbereitung an Schulen geht. Als Schüler hat man kaum die Möglichkeit praktische Berufserfahrungen zu sammeln. Die Selbstständigkeit wird als Option, später einmal sein Geld zu verdienen, gänzlich verschwiegen. Hier muss die Politik dringend nachbessern, wie ich finde. Gibt es aus Eurer Sicht etwas, dass sich bessern muss, um Gründern in Deutschland den Einstieg in die Selbstständigkeit zu erleichtern?

In Deutschland wird tatsächlich wenig Lust zum Gründen vermittelt. Das ist in manchen Ländern ganz anders. Dort ist aber auch die Angst vor dem Scheitern viel kleiner.

Wir finden es toll, einfach zu machen. Das ist aber sicherlich Typsache und nicht jeder fühlt sich mit einer Selbständigkeit vielleicht wohl. Eine tolle Unterstützung wären aber sicherlich einfache Kredite – und ein deutlich vereinfachtes Steuersystem 😉

Welche Hürden musstet Ihr auf dem Weg in die Selbstständigkeit überwinden?

Haha, jede Menge. Wir sind, was sicherlich erstmal ungewöhnlich für ein Start-up ist, durch unseren Wunsch der lokalen und fairen Produktion, direkt mit einem Team von fast 10 Mitarbeitern gestartet. Da war das Thema Finanzierung natürlich unser dickstes Brett.

Wir haben dann viele, viele Monate damit verbracht, unsere Finanzierung auf die Beine zu stellen und sind megahappy (und auch ein klein wenig stolz), dass wir mittlerweile fast eine Viertelmillion Euro Invest einwerben konnten.

Dabei hatten wir aber wahnsinnig hilfreiche Unterstützung. Durch unser Stipendium bei Social Impact Lab Hamburg hatten wir von Anfang an tolle Coaches an unserer Seite, mit denen wir z. B. zum Thema Businessplan, Storytelling, Vertrieb sowie natürlich zu unserem Kernthema Social Entrepreneurship zusammen gearbeitet haben.

Zum Ende des letzten Jahres haben wir dann zwei tolle Preise gewonnen: den Hidden Movers Award der Deloitte-Stiftung und die bundesdeutsche Auszeichnung Kultur- und Kreativpiloten Deutschland.

Die Deloitte-Stiftung war mit einem sehr wertvollen Coaching verbunden, da haben wir tolle Mentoren gefunden, die uns bis heute mit unserem Finanzplan sehr tatkräftig und v. a. sehr professionell unterstützen. Der Bundespreis Kultur- und Kreativpiloten Deutschland hat uns nicht nur ein sehr inspirierendes Netzwerk mit anderen kreativen Gründerinnen und Gründern beschert, die Auszeichnung – als eine Wertschätzung von außen – hat uns auch beim Fundraising sehr geholfen.

Ihr habt Euch für die Umsetzung einer sozialen Idee entschieden und seid damit zwei waschechte Social Entrepreneurinnen. Warum war es Euch wichtig mit nachhaltig und sozial zu arbeiten? Eure Idee hätte doch sicher auch ohne diese Aspekte funktioniert, oder?

Wir werden oft gefragt, was zuerst da war: Der Wunsch ein nachhaltiges Label zu schaffen – oder der, gesellschaftlich benachteiligten Menschen einen Job geben zu können? Die Antwort darauf ist: Es kam beides wie ein Urknall zusammen.

Für uns wäre es nicht interessant, ein ‚konventionelles’ Designlabel zu führen, das aber in Fernost produziert. Es wäre für uns aber auch nicht interessant, ein reines Sozialprojekt ohne Design-Endprodukt zu führen. Wir finden es gerade spannend, diese beiden Welten, die sonst eher weniger Berührungspunkte haben, miteinander zu „vernähen“. Und deshalb möchten wir weder das eine noch das andere missen.

Zumal es doch absolut spannend – und übrigens zukunftsweisend – ist, wenn es gelingt, gesellschaftliche Missstände aus eigener Kraft, sprich mit unternehmerischen Mitteln anzugehen.

Worauf können wir uns in 2017 bei Bridge&Tunnel freuen? Wird das Sortiment erweitert? Setzt Ihr auf neue Stoffe? Verratet es uns!

Momentan sind wir noch überwältigt von den zahllosen Möglichkeiten, die Denim als Material bietet. Da sind wir noch lange nicht am Ende unserer Inspiration!

Seit kurzem bieten wir zum Beispiel die Option an, die eigenen alten Jeans einzuschicken, aus denen wir dann einen individualisierten Rucksack oder Weekender fertigen.

Unsere Idee ist es, mit Bridge&Tunnel die Schönheit und Langlebigkeit von unterschiedlichen Reststoffen aufzuzeigen. Dazu möchten wir zukünftig mit wechselnden Materialien arbeiten und daraus verschiedene Endprodukte wie Accessoires und Interior Design fertigen. Die nächste Kollektion, die aus einem supertollen (aber noch geheimen) Material entsteht, erscheint im Frühjahr 2017.

Natürlich wäre es toll, auch unser Team zu vergrößern. Wir könnten uns z. B. vorstellen, neben unserer eigenen Linie zukünftig auch für andere Designer zu fertigen, denen ökologisches und soziales Engagement am Herzen liegt und die ein Interesse an fairer, lokaler Fertigung haben. Es bleibt also in jedem Fall spannend.

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