„Nachhaltiges wirtschaften und Leben gehört für mich zusammen“ – BYOFIT-Gründerin Anne-Rieke Thurm

Anne-Rieke Thurm
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Ich arbeite vorwiegend im Homeoffice und finde es großartig! Das Beste daran – neben dem sehr kurzen Arbeitsweg: Ich kann mir jeden Mittag mein Essen selbst frisch zubereiten. Ein Privileg, das ich zu schätzen weiß, und ausnutze. Ich koche jeden Tag frisch – sofern ich nicht zum Lunch in der Stadt verabredet bin. 😉

Es gab allerdings auch schon andere Zeiten. Damals, als ich noch fest angestellt war. Da habe ich mir des Geldes wegen – Praktikum, Traineeship, Volontariat – oft morgens noch schnell einen Salat zusammen geschnibbelt, um wenigstens etwas Gesundes mit zur Arbeit zu nehmen. Mehr Abwechslung? Fehlanzeige. Für die sorgte nur der Anruf beim Lieferservice. Später war ich froh über die Existenz einer Kantine.

Deshalb finde ich das Business von Anne-Rike Thurm besonders spannend, mit denen Junk Food hoffentlich bald der Vergangenheit angehört – zumindest in Münster. Und hoffentlich bald in ganz Deutschland.

Liebe Anne-Rieke, du lieferst mit Deinem Unternehmen gesunde Snacks für die Mittagspause. Die Idee zu BYOFIT kam Dir während Deines Ökotrophologie-Studiums. Erzähl uns bitte mehr. Warst Du konkret auf der Suche nach einem Konzept, mit dem Du Dich selbstständig machen kannst oder hattest Du einen spontanen Einfall, aus dem sich im Nachhinein die Möglichkeit zur Selbstständigkeit ergab?

Das Konzept, gesunde Ernährung bis ins Büro zu liefern, habe ich in einem Seminar zum Thema „Ideenmanagement in der Lebensmittelbrache“ entwickelt. Es war sowas wie eine Hausaufgabe und die Idee hat mich dann nicht mehr losgelassen. Mein damaliger Professor hat mich darin unterstützt weiter zu überlegen, wie und ob das Konzept von Leuten angenommen wird. Über Selbstständigkeit habe ich damals noch nicht nachgedacht, das kam dann zwangsläufig, weil ich die Produkte auf dem Markt testen wollte.

Vor Deinem Studium der Ernährungs- und Wirtschaftswissenschaften hast Du bereits Architektur und Gärtnerei gelernt. Du scheinst vielseitig interessiert zu sein – oder warst lange auf der Suche nach der für Dich passenden Profession. Genau wie ich. 😉 Was trifft zu? Beides? Bist Du mittlerweile angekommen und gehst einer Arbeit nach, die Dich erfüllt? Hast Du einen Tipp für Frauen, die noch auf der Suche sind?

Ich habe beruflich einfach viel ausprobiert, weil ich nur so abschätzen konnte was mir liegt und was nicht. Bei meiner langen Suche hat mir bestimmt geholfen, dass ich einen eher unkonventionellen minimalistischen Lebensstil pflege. Ein sicherer Job und ein geradliniger Lebenslauf sind mir dabei nicht so wichtig, außerdem konnte ich mir nie vorstellen für einen großen Lebensmittelkonzern zu arbeiten.

Du hattest also eine Gründungsidee. Wie ging es von da aus weiter? Welche Schritte hast Du unternommen, um sie Realität werden zu lassen? Ich denke hier an Themen wie Finanzierung, Behördengänge (z. B. Finanz- und Gesundheitsamt) …

Die Idee habe ich erstmal ein Jahr im Kopf und bei Gesprächen entwickelt. An meiner Fachhochschule gab es einige Angebote für Gründungsinteressierte. Als ich dann einen geeigneten Raum zum Produzieren gefunden hatte, ging alles ganz schnell. Die Behördengänge habe ich im Vorfeld gut vorbeireitet und somit war das keine große Hürde. Man muss manchmal nur etwas Geduld haben. 2016 wurde ich mit dem Unternehmerinnenbrief NRW ausgezeichnet – das war eine gute Motivation und hat bestätigt, dass meine Intuition richtig war.

Was war die größte Schwierigkeit, auf die Du während der Gründungsphase gestoßen bist? Was erwies sich rückblickend vielleicht als einfacher als gedacht?

Eine große Schwierigkeit war die Finanzierung. Als Studentin mit Idealismus, ohne finanzielle Sicherheit und nur mit einem Businessplan bewaffnet, bekommt man nicht so einfach einen Kredit. Ich habe aber nicht lockergelassen und eine Bank nach der anderen abgeklappert.

Auf Deiner Website steht, dass Du BYOFIT gegründet hast, „um mehr Menschen den Zugang zu gesunden Lebensmitteln zu erleichtern“. Warum glaubst Du fällt es der arbeitenden Bevölkerung so schwer sich ausgewogen zu ernähren? Müssten wir nicht alle wissen, welches Essen uns und unserem Körper guttut – und danach entsprechend ‚futtern‘?

Wir sind bei der Nahrungsaufnahme leider noch ziemlich urmenschlich geprägt. Lebensmittel mit hoher Energiedichte, also Currywurst mit Pommes oder Sahnetorte, springen uns als erstes in den Blick und dann läuft uns auch schon der Speichel im Mund zusammen. Leider laufen wir nach dem fettigen Genuss nicht mehr stundenlang durch die Prärie, sondern nur noch mit dem Fahrstuhl bis zum Schreibtisch. Ein anderer Faktor ist sicherlich auch die geringe Zeit, die wir für die Zubereitung der Mahlzeiten aufzubringen bereit sind. Da ist es doch einfacher und schneller, sich ein Fertiggericht im Supermarkt zu kaufen. Das war auch die Idee hinter BYOFIT, es soll einfach sein und gesund.

BYOFIT
 

Dein Arbeitstag startet morgens um sechs mit dem Einkauf auf dem Großmarkt, wie ich hier gelesen habe. Wie geht es danach weiter? Nehme uns gerne mit durch einen typischen Tag in Deinem Leben. Welche Aufgaben fallen für Dich als Unternehmerin darüber hinaus an?

Um halb sechs geht es mit dem Fahrrad und Anhänger zum Großmarkt. In meiner kleinen Betriebsstätte werden dann die Gemüse- und Obsttüten, Smoothies und Salate frisch zubereitet und in Frischeboxen auf den Anhänger geladen. Die Auslieferungstour geht dann meist quer durch Münster. Nach einer kleinen Mittagspause geht es dann am Schreibtisch für mich weiter. Mails beantworten, Webseite aktualisieren, Kunden akquirieren und die Buchhaltung muss erlegt werden. Dazwischen tauchen auch immer wieder Probleme auf, die eine schnelle Lösung fordern. Zum Beispiel wenn mal wieder ein Reifen platt ist oder das Internet nicht laufen will.

Machst Du eigentlich alles allein oder hast Du ein Team, das Dir helfend zur Seite steht? Wenn letzteres zutrifft: Was ist die größte Herausforderung nicht nur die eigene Chefin zu sein?

Zurzeit mache ich die Produktion und Auslieferung noch allein. Bei Marketingaufgaben helfen mir meine Schwester und Freunde. Ich hätte schon gerne im Team gegründet, aber dafür muss man glaube ich, die Idee von Anfang an zusammen entwickeln.

Die größte Herausforderung für mich ist es, mich immer wieder zu motivieren weiter zu machen. Eine Woche läuft es gut, die Nächste ist furchtbar und dazu noch Regenwetter.

Bei BYOFIT kann jede*r bestellen – Einzelperson oder Unternehmen. Wie läuft so eine Bestellung ab? Ordere ich, wenn ich mittags Hunger bekomme? Und: Was hat es mit den Abonnements auf sich? Wer macht den Großteil Eurer Aufträge aus?

Da ich keine Lebensmittel wegwerfen möchte, kann man bei mir auf der Webseite einen Abend vorher bis 23 Uhr bestellen. Einzelne Kunden bestellen bei mir für ihre Mittagspause, Unternehmen für ihre Meetings oder als alternative zum Obstkorb einen Smoothie für die ganze Belegschaft. Kunden, die nicht immer wieder neu bestellen wollen, können bei mir ein Abonnement abschließen und bekommen dann zu festgelegten Wochentagen ihren gesunden Snack geliefert.

Für Unternehmen bietet Ihr auch Vorträge zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. Denn: „Ein gut organisierter und attraktiv zusammengestellter Gesundheitstag wirkt sich nachhaltig positiv auf das Gesundheitsbewusstsein und die Unternehmensentwicklung aus“. Erzähl uns bitte mehr.

Neben den gesunden Produkten möchte ich als Ökotrophologin auch Aufklärungsarbeit leisten. Wer weiß, was in den Lebensmitteln steckt und wie sie im Körper wirken, kann eine gesunde Lebensweise auch einfacher in seinen Alltag integrieren. Für Arbeitgeber ist dieses Angebot sicherlich auch attraktiv, denn gesunde fitte Mitarbeiter wirken sich positiv auf die Unternehmensentwicklung aus.

Mal abgesehen davon, dass Ihr aktiv gegen „Mittagstiefs und Suppenkomas“ vorgeht, finde ich besonders toll, dass Ihr auf einen nachhaltigen Wirtschaftskreislauf achtet – da hüpft mein grünes Herz vor Freude. 😊 Ihr habt Euch dazu entschieden Eure Verpackungen aus voll kompostierbaren Materialien zu gestalten. „Auch bei allen Arbeitsprozessen verfolgen wir den Ansatz der Ökoeffektivität. Das fängt bei den Schürzen an und hört nicht bei den Putzmitteln auf. Umweltfreundlich ist auch unser Lieferservice mit Rad und Anhänger“, heißt es auf Eurer Website. Warum ist Dir Nachhaltigkeit wichtig?

Nachhaltiges wirtschaften und Leben gehört für mich zusammen. Da ich privat sehr darauf acht meinen CO2-Fußabdruck klein zu halten, mache ich das natürlich auch in meiner Firma.

Dein Unternehmen gibt es seit 2015. Demnach bist Du seit vier Jahren Unternehmerin – von denen es hierzulande viel zu wenige gibt. Das gleiche Bild zeichnet sich für die EU. „Obwohl es in Europa mehr Frauen als Männer gibt (52%), machen Unternehmerinnen nur ein Drittel der Selbstständigen (…) aus.“ Wodurch kommt diese Defizit Deiner Meinung nach zustande?

Da kann ich nur spekulieren. Sicherheit und Familienplanung sind sicherlich Aspekte, die Frauen davon abhält so ein Risiko einzugehen.

Die Europäische Kommission arbeitet bereits daran, diese negative Bilanz zu überwinden und mehr Frauen zu ermutigen, ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Zum Beispiel durch WEgate, ein Portal für Unternehmerinnen, in dem auch Du Mitglied bist. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist WEgate keine Organisation als solche; zielt auch nicht auf einen kommerziellen Zweck ab. Stattdessen werden nützliche und inspirierende Informationen geboten. Lass uns doch bitte wissen, warum Du Dich bei WEgate angemeldet hast; welchen Nutzen und welche Vorteile Du aus einer Mitgliedschaft auf dieser E-Plattform ziehst? Für wen eignet sich ein Beitritt?

Ich glaube, inspirierende Geschichten von Unternehmerinnen haben auch mich in der Gründungsphase begeistert, daher finde ich die Beiträge von WEgate super. Man kann sich vernetzen und überregional schauen, was in der „Frauengründerszene“ so passiert, zum Beispiel in nachfolgendem Video über Frauen in Finnland und Rumänien.

Im Interview mit WEgate sagst Du mit Blick auf die Zukunft, dass Du „derzeit an der Feinabstimmung Deiner Produkte sowie an der Gewinnung neuer Kunden arbeitest“, Du Dir jedoch sicher bist, dass BYOFIT „überall als Franchise funktionieren könnte“. „Aber bevor ich in andere Städte expandiere, möchte ich sicherstellen, dass ich die gleichen hohen Standards einhalten kann.“ Ist das Deine Vision? BYOFIT als Franchise?

In meiner Bachelorarbeit habe ich überprüft, ob das Geschäftskonzept auch als Franchise funktionieren würde. Die Idee würde durchaus auch gut in anderen Städten funktionieren. Daher habe ich das als eine von vielen möglichen Zukunftsoptionen für BYOFIT in Betracht gezogen.

Kommen wir zur letzten Frage… welchen Rat kannst Du Frauen mitgeben, die sich gerade frisch selbstständig gemacht haben oder mit dem Gedanken spielen es zu tun?

Sich auch zwischendurch mal Entspannen und nicht an die Firma denken 😊

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