„Warum sollten Frauen denn in klassischen Männerberufen nicht erfolgreich sein können?“ – Anna Hoffmann, Gründerin von PROFISHOP

Anna Hoffmann, Gründerin von PROFISHOP

Vor einigen Monaten habe ich eine Umfrage gemacht und Euch aufgefordert mir mitzuteilen, welche Themen Ihr auf FF& lesen wollt. Jemand wünschte sich noch mehr Interviews aus den unterschiedlichsten Branchen. Nachdem es bereits zahlreiche Porträts von Frauen gibt, die ein Café gegründet haben, von weiblichen Coaches oder Gründerinnen aus dem Bereich Kunst habe ich nun – dem Wunsch folgend – ein weiteres Schmankerl für Euch. 😊

Anna Hoffmann ist Gründerin des B2B-Onlinehandels PROFISHOP und hat mir im Interview Rede und Antwort gestanden – z. B. wie es ist als Frau in einem technischen Beruf zu arbeiten oder gemeinsam mit seinem Mann ein Start-up zu gründen.

Herausgekommen ist ein wunderbares Porträt mit ganz viel Informationen und Herz.

Liebe Anna, 2012 hast Du gemeinsam mit Deinem Mann Arasch Jalali PROFISHOP gegründet. Was ist das besondere an PROFISHOP und unterscheidet Euch von anderen B2B-Onlinehändlern?

Das besondere an PROFISHOP ist die Direktbelieferung aller Artikel vom Hersteller an den Kunden. Das bedeutet, wir selbst haben kein Lager und können dadurch schnell skalieren und wachsen.

Im Gegensatz zu anderen, nicht lagerführenden Händlern, gehen wir aber nicht über etwaige Einkaufsverbände oder ähnliches, sondern arbeiten stets direkt mit dem Hersteller zusammen. Das spart uns Lagerhaltungskosten, was wiederum zu günstigen Verkaufspreisen führt und bietet auf der anderen Seite eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Herstellern, bei der es um Informationstausch in beide Richtungen geht.

Der Kunde bekommt am Ende gar nicht mit, von wo die Ware verschickt wird. Die Lieferzeiten unterscheiden sich nicht zu einem Versand aus dem eigenen Lager. Besonders ist, dass tatsächlich jedes Produkt, sei es ein Inbusschlüssel oder eine Fräsmaschine direkt vom Hersteller verschickt wird.

Die Idee ist aus unseren damaligen Arbeitssituationen heraus entstanden und hat sich über die Jahre entwickelt und gefestigt.

Auf United Networker konnte ich lesen, dass Ihr seid der Gründung im Jahr 2012 Euer Produktportfolio Schritt für Schritt auf aktuell 300.000 Artikel ausweiten konntet. Auch Dank Eurer Investoren. Verrate uns bitte, wie Ihr Eure Investoren gefunden habt.

Wir haben unsere Investoren über unterschiedlichste Veranstaltungen und unser Netzwerk gefunden. Die Investorensuche ist auf jeden Fall eine Mischung aus harter Arbeit und Glück.

Habe ich mir ein Investorengespräch eigentlich so vorzustellen, wie es in „Die Höhle der Löwen“ gezeigt wird oder läuft das in der Realität ganz anders ab?

In der Höhle der Löwen sieht man immer nur einen kleinen Teil der eigentlichen Investorengespräche, das Pitch. Dazu gehört eine Menge Vorbereitung und in der Regel auch eine Menge Nachbereitung. Man pitcht mit dem Ziel, das Interesse der Investoren zu wecken.

Die ganze Detailarbeit inkl. Rückfragenkataloge kommen aber erst im Nachgang. Das ist ja auch der Grund, warum einige der Löwen Deals am Ende doch nicht zustande kommen.

Die Investorensuche ist ein kontinuierlicher Prozess, du bist damit nie wirklich fertig, selbst wenn eine Runde geschlossen ist, ist man wieder in der Vorbereitung für die nächste Runde.

Hast Du Tipps, die anderen Gründerinnen dabei helfen können, Investoren auf jeden Fall von Ihrer Idee zu überzeugen?

Wir haben jetzt mehrere Finanzierungsrunden hinter uns und aus der Erfahrung kann ich auf jeden Fall jedem ans Herz legen, authentisch zu sein. Investoren sind auch nur Menschen und die merken ganz genau, wenn jemand eine Show spielt.

Ganz wichtig ist es, seine Idee und Vision kurz und bündig auf den Punkt bringen zu können und seine Zahlen ganz genau zu kennen.

Wenn keine Antwort parat ist, auf später verweisen anstatt sich etwas aus den Fingern zu saugen.

Investoren müssen dich als Gründer authentisch und glaubhaft wahrnehmen. Natürlich muss auch das Business Modell zum Investor passen, aber in erster Linie investieren die meisten in den Menschen und das Team hinter der Idee.

Während Dein Mann die Geschäftsführung Eures Unternehmens betreut, bist Du technische Leiterin im Hause (CTO) – ein klassischer Männerberuf. Das hörst Du vermutlich öfter, oder? Wie gehst Du mit Vorbehalten, Dir als Frau gegenüber in dieser Position, um?

Das höre ich tatsächlich nicht so oft, bin aber trotzdem mit solchen Vorurteilen konfrontiert. Die meisten Menschen, die solche Vorbehalte im Kopf haben, sprechen sie ja nicht aus, aber da sind sie trotzdem. Würde jemand einfach ganz offen darüber sprechen, wäre das viel einfacher. Man könnte argumentieren und mit Sicherheit den einen oder anderen Menschen auf seine Seite holen.

Meiner Meinung nach sind solche Vorurteile nämlich völlig fehl am Platz und sollten so schnell wie möglich aus allen Köpfen verschwinden. Warum sollten Frauen denn in klassischen Männerberufen nicht erfolgreich sein können?

Es braucht bestimmt noch ein bisschen Zeit und gute Vorbilder, aber ich glaube seit ein paar Jahren tut sich was in den Köpfen der Menschen. Bis es aber völlig selbstverständlich ist, dass du als Frau die technischen Bereiche verantwortest, müssen wir uns noch etwas gedulden.

Wie ist es eigentlich mit dem eigenen Mann ein Unternehmen zu gründen und zu führen? Welche Vor- und Nachteile siehst Du darin mit dem eigenen Partner ein Unternehmen zu haben?

Mittlerweile könnten wir uns einen Arbeitsalltag ohne den anderen nur noch schwer vorstellen.

Als wir mit PROFISHOP angefangen haben, haben wir zum Glück gar nicht darüber nachgedacht, dass es vielleicht mit uns beiden als Team nicht funktionieren könnte. Wir haben es einfach gemacht.

Vielleicht im Nachhinein etwas naiv, aber in unserem Fall die beste Entscheidung die wir treffen konnten. Gemeinsam ein Start-up zu gründen und groß zu ziehen hat enorme Vorteile. Wir vertrauen uns blind und kennen den anderen so gut, wie man glaube ich sonst keinen Mitgründer kennt.

Wir können uns zu 100% vertrauen und wissen oftmals, ohne dass es einer großen Diskussion bedarf, was der andere gerade denkt und meint – auch wenn das sonst niemand versteht. Du bist einfach ein absolutes Team und das auch über das Büro hinaus.

Oftmals haben wir am Wochenende tolle Ideen, diskutieren über die Firma und tauschen uns aus. Natürlich muss man gucken, dass nicht der gesamte Alltag der Firma gewidmet ist, aber uns macht das Arbeiten auch einfach richtig Spaß.

Ich denke vor allem weil wir es gemeinsam machen und kein schlechtes Gewissen haben müssen, dass der Arbeitstag manchmal erst nach 21.00 Uhr zu Ende ist. Wenn es so ist gehen wir eben gemeinsam noch etwas essen und beide wissen, was man selbst und der andere an diesem Tag geschafft hat.

Vor wenigen Wochen hat Meike Haagmans, Gründerin von Joventour, in ihrer WiWo-Gründer-Kolumne über das Thema Verantwortung und Personalführung geschrieben. Ein Thema, was auch Euch angeht. Meike schreibt „Ich habe nie gelernt, Personal einzustellen. Ich kennen die Verantwortung der Personalführung nur aus Büchern“. Um weiter zu wachsen und um Eure Ziele für 2018 zu erreichen, müsst auch Ihr Mitarbeiter einstellen. Wie geht Ihr da vor – und bereitet Dir das Thema Bauchschmerzen?

Bauchschmerzen bereitet mir das Thema nicht, aber es ist auf jeden Fall eine Herausforderung. Aber das ist in meinen Augen bei vielen Themen im Gründeralltag der Fall.

Im „normalen“ Berufsalltag wirst du auf viele Dinge vorbereitet, wirst langsam herangeführt. Dir wird im Idealfall vorher noch eine Schulung oder eine Weiterentwicklung ans Herz gelegt. Als Gründer kommst du morgens ins Büro, bekommst einen Anruf oder einen Brief und bist mit einer Situation konfrontiert, auf die dich niemand vorbereitet hat.

Da heißt es dann Augen zu und durch.

Das Thema Personal ist zwar kein solches Überraschungsthema, aber es entwickelt sich natürlich auch viel schneller als anderswo. Zum Glück haben wir beide schon Führungserfahrung aus unseren vorherigen Tätigkeiten mitgebracht und haben nicht ganz unbedarft angefangen. Bis jetzt haben wir auch absolutes Glück mit unseren Mitarbeitern und ein tolles Team aufgebaut.

Ich weiß, dass alle Eure Mitarbeiter jünger als 32 Jahre alt sind. Wie begeistert Ihr diese für Euer Unternehmen? Verfolgt Ihr Konzepte wie „hippe“ Start-ups aus dem Sillicon Valley oder setzt Ihr auf altbewährte Strukturen?

Ich würde sagen wir verfolgen einen Mix aus Struktur und Freiraum. Bei uns gibt es den obligatorischen Kicker und der wird auch täglich benutzt. Einen Dresscode haben wir nicht, wir duzen uns alle und unternehmen regelmäßig etwas gemeinsam. Auch Snacks gibt es for free im Büro, man kann bei der Arbeit Musik oder Hörbücher hören und kann flexible Pausen einlegen.

Auf der anderen Seite gibt es klare Verantwortlichkeiten und feste Kernarbeitszeiten.

Wir halten regelmäßig Rücksprache mit unseren Mitarbeitern und holen uns Feedback ein, wie wir die Arbeitssituation und Umgebung immer weiter verbessern können. Eine feste Frage im Bewerbungsgespräch befasst sich beispielsweise auch mit dem Thema Start-ups.

Es ist uns wichtig, dass sich unsere Mitarbeiter bewusst für eine Arbeit im Start-up entscheiden und sich Ihre Erwartungen mit dem decken, was wir bieten können.

Es sind auf jeden Fall flache Hierarchien, ein großer Lerneffekt auch über die eigene Abteilung hinaus und eine verantwortungsvolle Position von Anfang an. Man bekommt bei uns viel mit, wir feiern Erfolge gemeinsam und genauso sprechen wir Probleme offen an.

Apropos altbewährte Strukturen: Warum glaubst Du, dass die Mehrzahl von Frauen heutzutage nach wie vor auf eine Anstellung setzt, als sich selbstständig zu machen?

Ich glaube viele Frauen scheuen das Risiko. Als Frau hast du es in der Arbeitswelt ja aufgrund der Kinderfrage sowieso nicht so leicht – zumindest hier in Deutschland nicht.

Ich glaube viele sind froh, wenn sie „gut unter“ sind. Diese Situation bietet eine große Sicherheit im Vergleich zur Selbstständigkeit.

Ich habe auch lange so gedacht, war immerhin vier Jahre angestellt. Heute möchte ich den Unternehmeralltag aber nicht mehr missen. So viel Risiko es mit sich bringt, es ist auch eine wahnsinnige Bereicherung.

Gibt es einen Rat, den Du Frauen mitgeben möchtest, die sich mit dem Gedanken tragen zu gründen oder gerade in einer Neugründung stecken?

Habt den Mut – es lohnt sich!

Eine Frage, die Du möglicherweise auch des Öfteren gefragt wirst, möchte auch ich Dir stellen. Achtung, Klischee. Stichwort Familienplanung: Wie wollen Du und Dein Mann das Thema Vereinbarkeit von Familie und Business regeln? Werdet Ihr die Rollen ganz klassisch aufteilen oder wird auch er eine Auszeit nehmen? Habt Ihr Euch dazu überhaupt schon verständigt?

Im Moment haben wir tatsächlich nur ein Projekt und das ist PROFISHOP. Der Gedanke an Kinder und Familienplanung ist noch weit weg. Wenn es irgendwann soweit ist, nehmen wir den Nachwuchs einfach mit oder ich setze mich für eine Firmen Kita ein. 😊

Jetzt geht es aber erst einmal um Euer „erstes Baby“ – PROFISHOP. Welche Pläne habt Ihr für Eure Unternehmen in 2018?

2018 wird ein sehr wichtiges Jahr für uns. Anfang des Jahres steht erstmal ein Umzug in größere Räumlichkeiten bevor. Wir bleiben zum Glück in Bremen, sogar im Stadtteil des jetzigen Büros, haben dann aber die doppelte Fläche.

Dementsprechend wachsen wir auch personell und werden unser Geschäftsmodell internationalisieren. Wie eigentlich in jedem Jahr verfolgen wir auch in 2018 ambitionierte Wachstumsziele und haben noch eine Finanzierungsrunde vor uns.

Es bleibt also spannend!

Für dieses Jahr haben wir zum Glück alle Ziele bereits erreicht und gönnen uns über Weihnachten und Neujahr eine arbeitsfreie Auszeit.

Denn auch das ist total wichtig, bei allem Spaß und Ehrgeiz. Man muss sich auch arbeitsfreie Zeiten einräumen, sich gedanklich mit anderen Dingen beschäftigen, neuen Input sammeln oder auch einfach mal gar nichts tun.

In diesem Sinne danke ich dir für die spannenden Fragen und hoffe, ich konnte einige Leser ermutigen oder in Ihrem Vorhaben bestätigen. Liebe Sandra, ich wünsche dir eine schöne Weihnachtszeit und einen tollen Start ins Jahr 2018!

Danke Anna, die wünsche ich Dir auch! Auf ein erfolgreiches neues Jahr! 😊

Wenn Ihr noch mehr inspirierende Interviews mit Gründerinnen lesen wollt, schaut doch mal auf Pinterest vorbei!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Webseite verwendet Cookies. Stimme der Verwendung von Cookies zu, wenn Du die Webseite weiter nutzt. Mehr Informationen

Für eine uneingeschränkte Nutzung der FF&-Webseite werden Cookies benötigt. Einige dieser Cookies erfordern Deine ausdrückliche Zustimmung. Bitte stimme der Verwendung von Cookies zu, um alle Funktionen der Webseite nutzen zu können. Detaillierte Informationen über den Einsatz von Cookies auf dieser Webseite erhältst Du in unseren Datenschutzbestimmungen.

Schließen