„Ich bin nicht nur Café-Besitzerin, sondern auch Hausmeister, Personalchef, Buchhalter, Reinigungskraft, Sekretärin…“ – Anke Gottwein, Inhaberin des Karlsons

Anke Gottwein, Inhaberin des Karlsons

Bei Anke Gottwein im Café Karlsons war ich schon des Öfteren zu Gast – u. a. zwei Mal mit meinen Frühstücken für selbstständige Frauen.

Umso mehr freue ich mich, dass ich sie für ein Interview gewinnen konnte und das sie mich bei meiner „Cake & Delight“-Party in wenigen Tagen mit leckerem schwedischen Schokoladenkuchen, Kladdkaka, unterstützt.

Yammy! 🙂

Liebe Anke, Du 2010 das Karlsons in Hamburg Neustadt eröffnet. Wie kam es dazu?

Das stimmt nicht ganz. Ich habe es 2014 übernommen, eröffnet hat es meine Vorgängerin. Ich war auf der Suche nach einer Location für die Umsetzung meiner eigenen Café-Idee, an der ich lange geschmiedet habe. Dabei ist mir das Karlsons über den Weg gelaufen, das zur Übernahme stand – und ich habe zugegriffen. Meinen eigenen Plan musste ich damit beerdigen, das war aber nicht schlimm. Ich habe das Karlsons ziemlich genau so weitergeführt wie es war. Das alles fand ein gutes Jahr nach der Geburt meines ersten Kindes statt. Sobald die Kleine in der Kita eingewöhnt war, konnte ich meinen lange gehegten Traum verwirklichen.

Vorher hast Du in der Digitalwirtschaft als Key Accounterin gearbeitet. Arbeitgeber von Dir waren Microsoft und Vodafone. Warum hast Du für Dich dort und in der Festanstellung keine Zukunft gesehen?

Nach ein paar Jahren hat es mich einfach nicht mehr gereizt und ich kam ziemlich schnell an den Punkt der Sinnfrage: Warum mache ich das eigentlich? Nur des Geldes wegen? Das kann es doch nicht sein…

Karlsons

Karlsons

Welche Vorteile liegen für Dich in der Selbstständigkeit?

Der größte Vorteil ist für mich, dass es mir einfach Spaß macht. Es ist genau mein Ding. Ich habe es noch keinen Tag bereut und es fühlt sich einfach nicht an wie meine Arbeit, sondern eher wie ein Projekt, ein Baby. Das Gefühl kannte ich aus meiner Zeit als Angestellte nicht. Darüber hinaus finde ich es toll, mir meine Arbeitszeit so einteilen zu können wir ich es möchte oder brauche. So kann ich meine Kinder und meinen Vollzeitjob unter einen Hut bringen.

Gibt es auch Nachteile?

Natürlich. Wenn man selbstständig ist, muss man sich um viele Themen kümmern, die mit der eigentlichen Selbstständigkeit nichts zu tun haben. Ich bin nicht nur Café-Besitzerin, sondern auch Hausmeister, Personalchef, Buchhalter, Reinigungskraft, Sekretärin uvm. Und ich verdiene deutlich weniger Geld als vorher in der freien Wirtschaft. Aber das ist mir wirklich egal.

Was gehört zu einer Café-Gründung dazu? Was sind die Schritte, die man befolgen muss, um aus seiner Idee Wirklichkeit werden zu lassen?

Ein vernünftiger Businessplan ist wirklich wichtig, um das Umsatzpotenzial und die Kosten im Vorfeld realistisch einzuschätzen – und das ist gar nicht so leicht als Quereinsteiger. Da sollte man ernsthaft darüber nachdenken, sich Hilfe zu holen. Einer der größten Einflussfaktoren ist die Location des Cafés, sie beeinflusst natürlich auch den Businessplan. Für die Suche muss man etwas Zeit mitbringen.

Gab es in der Gründungsphase etwas, möglicherweise ein Hindernis, mit dem Du nicht gerechnet hast?

Hmmm, ich habe zumindest nichts Spezielles in Erinnerung. Ganz im Gegenteil: Ich finde, dass man in Hamburg als Existenzgründer ziemlich viel Unterstützung bekommt (Handelskammer, Seminare etc.).

Wie viel Startkapital benötigt man für die Gründung eines Cafés und woher hast Du Deines genommen?

Die benötigte Summe lässt sich schwer pauschalisieren, sie hängt natürlich stark vom Objekt ab. Bei meinen beiden Cafés lag das benötigte Startkapital deutlich über 100.000€. Man darf auch nicht vergessen, dass man in der ersten Zeit nach der Eröffnung noch ein gutes Sümmchen an Rücklagen benötigt, denn die wenigsten Cafés werfen sofort Rendite ab. Ich hatte schon lange auf meinen Plan „hingearbeitet“ und viel gespart.

Seite Mitte 2017 hast Du ein zweites Café im Hamburger Grindel. Ich stelle mir den Unterhalt eines Cafés bereits – nennen wir es mal – intensiv vor, 😉 warum hast Du Dich dieser Herausforderung gestellt? Und: Wird es mit dem zweiten Café leichter?

Die Eröffnung des zweiten Cafés war nicht von langer Hand geplant, sondern eine eher kurzfristige Entscheidung. Die passende Location, eine große Portion Risikobereitschaft und Unternehmergeist – und schon war’s passiert. Es wird leichter beim zweiten Mal, ja. Man hat schon einige Erfahrungen gemacht, von denen man profitiert. Weniger Arbeit wird es allerdings nicht 😉

Karlsons im Grindel

Die Bewirtschaftung von zwei Cafés kann nur mit guten Mitarbeiter*innen funktionieren. Wie findest Du die und worauf legst Du bei Deinen Angestellten besonders wert?

Das ist vollkommen richtig, ohne gute Mitarbeiter geht das alles nicht. Man muss ihnen zu 100% vertrauen und die Zügel loslassen können. Meine festangestellten Mitarbeiter habe ich über klassische Stellenanzeigen in Gastronomie-spezifischen Jobportalen gefunden. Meine Aushilfen sind mir fast alle „zugelaufen“. Besonders wichtig ist mir die gegenseitige Sympathie. Ich würde niemanden einstellen, den ich nicht mag. Dafür ist ein Café als Arbeitsplatz einfach zu klein, zu eng. Man hat ständigen Kontakt miteinander und wenn der nicht gut ist, merken das auch die Gäste.

Was muss man als Unternehmerin mit Angestellten unbedingt beachten?

Nahezu alle Selbstständigen, die ich kenne, finden das Personalführungsthema das schwierigste ihrer gesamten Selbstständigkeit. Die Menschen sind so unterschiedlich und man muss es irgendwie schaffen, ein Umfeld aufzubauen, in dem sie gerne arbeiten. Man muss sie motivieren und immer ein offenes Ohr haben für ihre Wehwehchen und Bedürfnisse. Sie verzeihen nicht viele Fehler vom „Chef“. Es menschelt eben an allen Ecken und Enden.

Was die rechtliche Situation betrifft, hat man als Kleinbetrieb mit weniger als 10 Festangestellten weit weniger strenge Auflagen als größere Unternehmen (z.B. beim Kündigungsschutz).

Woher kommt eigentlich Deine Vorliebe für Skandinavien?

Meine Eltern sind mit zwei schwedischen Familien sehr eng befreundet, schon seit vor meiner Geburt. Als Kinder waren wir unzählige Male dort im Urlaub und die Verbindung hält bis heute an. So hatte ich schon viel Kontakt zu Skandinavien und von klein auf die Region lieben gelernt.

Ich habe gelesen, dass es viel unbürokratischer ist sich in Schweden selbstständig zu machen, als in Deutschland. Empfandest Du Deinen Weg in die Selbstständigkeit als schwierig? Was könnte Deiner Meinung nach im deutschen System verbessert werden?

Ich empfand es nicht als schwierig. Natürlich gehören ein paar Behördengänge u. Ä. dazu. Die größte bürokratische Hürde ist m. E. die Bank, die dir Geld leihen soll. Aber da ich glücklicherweise ohne Fremdkapital in meine Selbstständigkeit starten konnte, blieb ich davon verschont.

Hast Du abschließend noch ein Tipp, den Du angehenden Café-Besitzerinnen mitgeben möchtest?

Traut Euch! Aber seid nicht blauäugig. Ja, ich weiß, das ist ein schmaler Grad 😊

Liebe Anke, herzlichen Dank für das Interview!

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