„Ich bin sehr dankbar dass ich als Mutter weiterhin berufstätig sein kann“, Hebamme und Yoga-Lehrerin Alexandra de Yong

Alexandra de Jong

Auf Alexandra De Jong bin ich durch ein EditionF-Interview aufmerksam geworden, in dem sie über Yoga spricht. Aber nicht ihre Liebe für die indische Lehre hat meine Aufmerksamkeit geweckt, sondern das Intro: “Alexandra De Jong ist Chefin eines Yoga-Studios, betreibt eine Hebammenpraxis und hat sechs Kinder”.

Wow, da musste ich natürlich direkt mehr erfahren.

Liebe Alexandra, es liest sich beeindruckend was Du über Deine Arbeit erzählst. Morgens Hausbesuche und Rückbildungskurse, abends Gespräche für Deine Hebammenpraxis oder Unterrichtsstunden in Deinem Yoga-Studio. Was war zuerst da: Deine Arbeit als Hebamme oder als Yogalehrerin?

Meine Arbeit als Hebamme kam zuerst, mit Yoga hatte ich ursprünglich mal angefangen, um meine Rückbildungskurse zu bereichern und dann als mein Sohn knapp 2 Wochen im Krankenhaus lag, wir in Quarantäne waren und ich vor Langeweile schier die Wände hoch gegangen bin.

Erst kürzlich haben wir Esther Howoldt zu ihrer Arbeit als Hebamme befragt. Warum hast Du Dich entschieden diesem Beruf nachzugehen?

Tja, eigentlich habe ich Englisch und Geschichte auf Lehramt studiert. Mit medizinischen Berufen hatte ich überhaupt keinen Kontakt, so dass ich auch nicht auf die Idee gekommen bin, dort zu suchen.

Dann bin ich eher spontan schwanger geworden und habe unter der Geburt und im Wochenbett die Arbeit von Hebammen kennengelernt und mir kam der Gedanke „hey, das wäre auch noch ein Beruf für dich gewesen“.

Da war ich aber „schon“ 25, fast mit dem Studium fertig und dachte, dass der Zug eh schon abgefahren war, zumal es recht aussichtslos war, einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

2000 Bewerberinnen auf 20 Plätze… Weil mir das Ganze aber keine Ruhen ließ, habe ich dann doch Bewerbungen geschrieben, eine furchtbar nervenaufreibende Zeit, in der ich 10 Mal pro Tag zum Briefkasten gepilgert bin.

Schließlich hatte ich das Glück, in Würzburg anfangen zu dürfen und einen Mann zu haben, der all meine verrückten Ideen immer mitmacht…

Und die Selbstständigkeit? Wann folgte der Entschluss Dich als Hebamme selbstständig zu machen?

Nach einem Jahr Ausbildung war ich sehr ernüchtert und frustriert über die Geburtshilfe in Krankenhäusern allgemein und in meinem Ausbildungskrankenhaus im Besonderen und ich fragte mich die ganze Zeit ob es nicht anders gehen könnte.

Um diese Frage zu beantworten habe ich in meiner Freizeit Praktika im Geburtshaus und bei einer Hausgeburtshebamme gemacht und mir war nach kurzer Zeit klar, dass ich auch so arbeiten wollte, wobei ich vor all den organisatorischen Dingen, die eine Selbstständigkeit so mit sich bringt, eine Heidenangst hatte.

Obwohl alle mir davon abgeraten haben, habe ich mich direkt nach der Ausbildung selbständig gemacht und es nie bereut.

Nachdem ich Esthers Buch “Von Windeln verweht”* gelesen habe, weiß ich wie viel Arbeit Dein Beruf als Hebamme mit sich bringt. Warum hast Du Dich für eine weitere Aufgabe als Yogalehrerin entschieden?

Ich habe diese schreckliche Angewohnheit, unter der mein Mann übrigens immer sehr leidet, oft neue Ideen zu haben und sie dann mit viel Energie und Rastlosigkeit zu verfolgen.

Nachdem ich in der Krankenhauszeit meines Sohnes mit Vinyasa Yoga infiziert worden war, habe ich erst von zuhause aus trainiert (ich bin so eine passionierte Autodidaktin…), habe einige Workshops besucht und weil ich Yoga so unglaublich spannend fand und es mich so positiv verändert hat, mich dann 2011 entschlossen, die Ausbildung zum Yogalehrer zu machen.

Kurz nach der Anmeldung habe ich festgestellt dass ich schwanger war, also habe ich die Ausbildung schwanger absolviert und mein Kind zwischen zwei Prüfungen bekommen.

Und wie vereinbarst Du Deine ganzen Tätigkeiten mit Deinen sechs Kindern?

Tja, ich glaube da geht es mir wie jeder berufstätigen Mutter: es ist immer ein bisschen Spagat und man muss damit leben dass man weder 100%ig berufstätig, noch 100%ig Mutter ist.

Also etwas Nachsicht für sich selbst ist unerlässlich.

Ansonsten ergänzen mein Mann und ich uns sehr gut was Kinderdienst und Haushalt betrifft und meine Kinder sind auch super toll und helfen oft mit.

Abgesehen davon bin ich sehr gelassen, kritische Geister würden es als abgestumpft bezeichnen, was sehr weiterhilft, nicht an den vielzähligen Aufgaben des Alltags zu verzweifeln…

Ich habe gesehen, dass Du sowohl für Deine Hebammenpraxis als auch Dein Yogastudio Mitstreiter hast. Wie hast Du diese gefunden?

Ganz unterschiedlich, aber sowohl Buchholz als auch die Yogalehrer-Szene sind doch recht überschaubar, so dass sich Wege öfter kreuzen und man zueinander findet. Wir sind ein wirklich tolles Team im Yoga Circus, das mir die Arbeit leicht macht und wir haben einen entspannten Umgang miteinander.

Was ist Dir besonders wichtig bei Mitarbeitern? Welche Eigenschaften sind Deiner Meinung nach unabdingbar?

Selbstständigkeit, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren.

Und auf Dich selbst bezogen: Von welcher Fähigkeit glaubst Du, dass sie unverzichtbar für Dich als Selbstständige ist?

Ich sehe es als Vorteil ein gemäßigter Workaholic zu sein.

Gemäßigt deshalb, weil man sonst ganz schnell im Burnout landet, aber wenn man nicht ein wenig getrieben ist, hat man es als Selbständige schwer, sich stets neu zu motivieren und neu zu erfinden.

Im Interview mit Edition F wurdest Du gefragt, wie Yoga Dein Muttersein beeinflusst. Ich stelle Dir dieselbe Frage nur in Bezug auf die Selbstständigkeit: Wie hat die regelmäßige Ausübung von Yoga Deine Selbstständigkeit beeinflusst?

Ich denke, dass beides sehr ähnlich ist, denn persönliche Eigenschaften oder Veränderungen ziehen sich ja immer durch das gesamte Leben.

Zum einen steigt der Anteil an Selbstreflektion, ich hinterfrage meine Motivationen, mein Verhalten, mich selber, beobachte mich stets neu, was allerdings nicht heißt dass ich all meine Schwächen und Charakterfehler sofort in den Griff bekommen, man nähert sich halt stückchenweise.

Und zum anderen habe ich in kritischen Lebenssituationen mehr Vertrauen dass sich alles zum Guten wenden wird.

Wie wichtig ist es, als Selbstständige achtsam mit sich und seinem Körper umzugehen?

Sehr, sehr wichtig.

Abgesehen davon dass man als Selbständige bei einem Arbeitsausfall kein Geld bekommt, neigt man durch die starke Tendenz zum Workaholic gerne zur eigenen Überforderung.

Außerdem ist arbeiten für den eigenen Betrieb sehr persönlich, so dass die Abgrenzung privat / geschäftlich oft sehr verschwommen ist.

Hinzu kommen unregelmäßige Arbeitszeiten, die ein „bis hierhin und nicht weiter“ noch mehr erschweren.

Wenn man dauerhaft an und über seine Belastungsgrenzen geht, kommen alle Dinge, die Körper und Geist wieder aufladen, zu kurz. Gutes Essen, mentale und körperliche Ruhepausen, Yoga, soziale Kontakte, …

Bis alles eine einzige Verspannung ist. Ich muss immer stark gegensteuern, damit es nicht so weit kommt.

Und, welchen Einfluss hatten Deine Schwangerschaften auf Deine Selbstständigkeit? Konntest Du immer bis kurz vor der Geburt arbeiten?

Ja, zum Glück war das immer möglich, wenn auch anstrengend. Bei meinem jüngsten Sohn habe ich eine Woche vor der Entbindung aufgehört zu arbeiten. Meine Schwangerschaften waren immer ganz normal und ich habe die körperliche Konstitution eines Ackergauls ;), was alles einfacher macht.

Außerdem waren meine Kinder auch im Bauch schon super kooperativ und haben mich alles machen lassen.

Karrieremäßig wäre ich wahrscheinlich ohne Kinder schneller voran gekommen, da man sich dann vollkommen auf den Job konzentrieren kann, aber das stört mich nicht weiter.

Ich bin sehr dankbar dass ich als Mutter weiterhin berufstätig sein kann, denn für mich persönlich ist es auch ein Stück eigene Identität, neuer Input und Bestätigung.

Wie gestalteten sich die Zeiten nach der Geburt Deiner Kinder? Wann hast Du wieder angefangen zu arbeiten?

Das war unterschiedlich und von der jeweiligen Lebenssituation abhängig. Zwischen 1 Jahr und 5 Wochen. Letzteres war sehr früh, aber da hatte ich gerade den Yoga Circus eröffnet und es war nicht möglich, mir eine längere Auszeit zu gönnen. Im ersten Jahr haben meine Kinder mich immer zur Arbeit begleitet, danach sind sie dann in die Krippe gegangen.

Unsere Gastautorin Gudrun hat auf unserem Blog über das Elterngeld für Freiberufler geschrieben. Wie sind Deine Erfahrungen?

Tja, ein schwieriges Thema.

Mal ganz abgesehen davon dass der Elterngeldantrag für Selbständige fast so kompliziert ist wie eine Steuererklärung, hat man als Selbständige in der Regel kein gleichmäßiges Einkommen. Das ist abhängig von der Auftragslage, wann man Rechnungen schreibt, wann der Kunde bezahlt.

Der Ermessungszeitraum, der für das Elterngeld zugrunde gelegt wird, spiegelt also nicht unbedingt das durchschnittliche Einkommen wieder. Unter Umständen kann man da etwas manipulieren und möglichst viel Einkommen in diesen Bereich schieben, aber dafür muss man schon sehr vorausschauend und diszipliniert sein und manchmal geht es einfach auch nicht.

Was ich sagen will, ist das das Elterngeld nicht unbedingt dem entspricht, was man vorher erarbeitet hat.

Stichwort: Erfahrungen. Welche Erfahrungen hast Du als Selbstständige bislang gemacht, sowohl positiv als auch negativ, von denen Du möchtest das andere wissen – und profitieren?

Der allergrößte Vorteil als Selbständige ist dass ich sagen kann was ich denke.

Ich habe es in der Ausbildung gehasst, Dinge „verkaufen“ zu müssen, hinter denen ich absolut nicht gestanden habe. Ich liebe diese Meinungsfreiheit.

Ganz allgemein mag ich auch die Freiheit, so arbeiten zu dürfen wie ich es mag und für richtig halte.

Dafür muss man als Selbstständige lernen, mit Existenzängsten umzugehen. Das ist gerade zu Beginn der Selbständigkeit gar nicht so einfach.

Mittlerweile hat man durch den massiven Hebammenmangel als Hebamme überhaupt keine Probleme mehr an Kundinnen zu kommen. Jeden Tag rufen verzweifelte Frauen an, die keine Hebamme finden und egal wie viel man arbeitet, man wird nicht jeder gerecht.

Aber als ich angefangen habe, war die Situation noch ein bisschen anders. Da musste man sich als Hebamme noch „einen Namen machen“ und sich einen Kundenstamm erarbeiten, der dann durch Mundpropaganda größer wurde. Wenn da ein paar Tage lang niemand bei mir angerufen hat, dachte ich direkt ich kann meine Miete nicht bezahlen und müsse verhungern, bis ich die Erfahrung und Gelassenheit hatte, dieses stetige „Auf-und-Ab“ zu verstehen und zu akzeptieren.

Mit dem Geld ist es genauso, denn es kommt meist „in einem Batzen“ rein, muss dann aber auch für einen längeren Zeitraum ausreichen.

Ansonsten habe ich das Gefühl, das Selbständigkeit in Deutschland nicht unbedingt gefördert wird.

Es gibt keine großartigen Beratungen, Begleitungen oder Erleichterungen, im Gegenteil habe ich manchmal den Eindruck, durch Paragraphen erschlagen zu werden.

Ohne jetzt allzu jammerig klingen zu wollen, bist du doch deines eigenen Glückes Schmied.

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