Kürzlich wurde mir folgender Tweet in die Timeline gespült:


Als ich ihn las, fiel mir augenblicklich wieder der Spruch einer Plakatwand ein, die ich hier in Hamburg in der U-Bahn-Station am Hauptbahnhof gesehen habe, als ich abends auf dem Nachhauseweg vom Berliner Gründerbarcamp war: “Es ist nicht der Montag. Es ist ihr Job!” Beide Aussagen, also, die des Tweets und die des Werbespruchs (von wem dieser war, ist mir nicht in Erinnerung geblieben), adressieren ein und dasselbe Problem: Den eigenen (festen) Job als etwas anzusehen, das einem selbst nichts bedeutet. Er ist lediglich ein “notwendiges Übel zur Existenzsicherung”.

Wenn ich solche Statements wie das von Senorita Bähm lese, möchte ich am liebsten schreiend die Hände über den Kopf schlagen. Da ich aber nicht sehr impulsiv bin, reicht es meistens nur für ein mitleidiges Kopfschütteln. komme ich ins Grübeln. [Änderungen aufgrund folgender Twitter-Diskussion vorgenommen, Anm. des Verfassers] Ich verstehe einfach nicht, warum sich Leute mit einer Arbeit zufrieden geben, die einem nicht am Herzen liegt? In einer Beziehung tut man das doch auch nicht. Ich meine, man bleibt doch in der Regel auch nicht mit seinem Freund, seiner Freundin, Mann oder Frau zusammen, obwohl man sich nicht mehr liebt. Wenn die Gefühle abhanden gekommen sind, trennt man sich oder lässt sich scheiden. Warum geht man bei einem Job, der einem nichts bedeutet, nicht genauso vor? Die Scheidungsrate in Deutschland lag im Jahr 2014 bei 43% – lasst Euch das mal auf der Zunge zergehen. Eine ähnlich hohe Quote gibt es bei Kündigungen wegen eines nicht erfüllenden Jobs sicher nicht. Dabei gibt es Arbeit für die es sich lohnt, morgens aufzustehen!

Aber nein, stattdessen rettet man sich von Wochenende zu Wochenende. Und fiebert auf 24 Tage (Mindest-)Urlaub im Jahr hin. Für mich kein fairer Deal, wenn man die anderen 48 Wochen dafür unglücklich ist. Eigentlich eine einfache Rechnung: 4 Wochen vs. 52 Wochen Happiness – wenn man seine Arbeit mit Liebe macht. Würden wir von einem Beispiel sprechen, in dem es in gleichem Verhältnis um Geld ginge, würde wohl niemand zögern und sich für den volleren “Topf voll Gold” entscheiden. Nicht so aber, wenn es um die eigene Arbeit geht. Wie auch einige Kommentare unter dem besagten Tweet zeigen. Diese sind sicher wohlwollend und aufbauend gemeint, zeigen in meinen Augen aber nur, das ganze traurige Ausmaß einer –heute viel zu oft vertretenden– verschrobenen Sichtweise auf Arbeit.

Als ob Wein und Parmesan die Lösung wären…

© Beitragsbild: Torsten Dettlaff | pexels.com

5 Kommentare
  1. Suzanne sagt:

    Liebe Sandra,

    treffend auf den Punkt gebracht. Und die Antworttweets sind echt der Ausbund an Traurigkeit schlechthin. (Auch wenn ich nichts gegen Wein und Parmesan habe 😉 Aber ich brauche sie nicht, um mein Leben erträglich zu machen.)

    Alles Liebe
    Suzanne

  2. Katharina sagt:

    Wer den tiefen Sarkasmus von Twitterern nicht versteht, der sollte Twitter lieber fern bleiben, liebe Sandra und Suzanne.

    Gruß, eine Followerin von Fr Baehm

    • Sandra sagt:

      Hallo Katharina,

      und wer an dieser Stelle nicht versteht, dass sich der Artikel NICHT gegen die Twitterin Baehm als Aussagende richtet, sondern auf eine, in unserer Gesellschaft leider viel zu oft verbreiteten, falschen Haltung zur Arbeit hinweist, sollte auf Blogs nicht solche unkonstruktiven Kommentare von sich geben. Der Tweet von Frau Baehm und die Antworten darauf zeigen diesen Missstand auf – wenn auch auf sarkastische Weise.

      Viele Grüße,
      Sandra

  3. Mark sagt:

    Hallo Sandra,

    ich möchte deine Intention nicht in Frage stellen, den Blogpost als Gesellschaftskritik geschrieben zu haben. Es ist jedoch schwierig, ihn nicht als direkten Bezug auf Frau Bähm zu sehen, wenn du den Tweet von ihr zu Anfang einbindest, am Ende des Posts die Antworten dazu und schreibst „Wenn ich solche Statements wie das von Senorita Bähm lese, […]“. Du scheinst sie öfter zu lesen und müsstest ihren sarkastischen und ironischen Stil kennen. Aus diesem Grund aus einem 140-Zeichen-Tweet ihre Haltung zum Thema Arbeit abzuleiten und das als Aufhänger für einen kritischen Blog zu nehmen, kann nicht gut gehen.

    Viele Grüße
    Mark

    • Sandra sagt:

      Hallo Mark,

      Du hast Recht. Es lag mir fern Frau Bähm mit meinem Blog-Artikel zu nahe zu treten; weder wollte ich ihr eine bestimmte Haltung zur Arbeit in den Mund legen. Vielmehr diente ihr Tweet, wie Du richtig erkannt hast, als Aufhänger für den Beitrag. Er bringt sehr gut auf den Punkt, wie ambivalent das
      Verhältnis zur eigenen Arbeit in unserer Gesellschaft ist. Viele sehen ihren Job nur als Broterwerb und nicht als etwas das wirklich Spaß machen kann.
      Wie auch Volker bereits gestern auf Twitter geschrieben hat, ist es aber mehr als unglücklich von mir gewesen, nur diesen einen Tweet heranzuziehen, um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen. Das sehe ich ein und muss gestehen, dass ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht darüber nachgedacht habe, dass der Artikel anders („Gegen-Frau-Bähm“ gerichtet), als von mir beabsichtigt (auf Missstand aufmerksam machen) wahrgenommen werden könnte. Das war nicht meine Intention, weshalb ich mich an dieser Stelle auch entschuldigen möchte. Danke für Deinen konstruktiven Kommentar.

      Liebe Grüße,
      Sandra

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