Wie ich eine Woche ohne Handy überlebt habe & warum ich hin und wieder mal eine Digital-Detox-Woche empfehle

Digital Detox

Christin ist 34, Food Bloggerin, Autorin eines E-Books (Family Kitchen, erscheint Mitte Juni 2016) und Zwillingsmama. In Ihrer Elternzeit hat sie sich als Marketing- und Kommunikationsberaterin selbständig gemacht und versucht seitdem einen Fulltime Job, der so nicht geplant war und die Kinderbetreuung unter einen Hut zu bekommen. Warum sie glaubt, dass eine Woche digitalen Entzugs ab und an keine schlechte Idee sein kann, erzählt sie hier.

Ich falle mal gleich mit der Tür ins Haus: Bitte stellt Euch vor Ihr müsstet ab morgen für eine Woche Euer Handy abgeben. Nicht, weil es kaputt ist – es funktioniert. Zugegeben, allerdings nur in Teilen. Genau das war kürzlich meine Horrorvorstellung. Es kommt sogar noch dicker: Es war nicht nur eine Vorstellung, es war die Wirklichkeit.

Kurze Vorgeschichte: Wir sind vor ca. 18 Monaten umgezogen in ein komplett stahlverbautes Haus. Handyempfang in Teilen dieser Wohnung gleich null. Vom WLAN mal ganz abgesehen. Also haben wir Verstärker um Verstärker in unsere zweigeschossige Wohnung gebaut und sind jetzt bis unter die Zähne bewaffnet mit eben diesen Verstärkern, die halb Hamburg mit WLAN versorgen könnten.

Und soll ich euch mal ein lustiges Bild geben? Erinnert Ihr Euch an die Szene aus Sex and the City, in der Charlotte auf einem Kamel versucht Handyempfang zu bekommen und wild mit dem Telefon gen Himmel herumfuchtelt in der Hoffnung so mehr Balken auf ihrem Scheiß-Handy zu bekommen? Genau so sah das hier aus. Nur, dass ich nicht gut gekleidet auf einem Kamel in der Wüste Abu Dhabis saß, sondern in Pyjama vor dem Verstärker auf dem Küchenboden. Mit meinen beiden Zwillingsmädchen um mich herum.

In Pyjama vor dem Verstärker auf dem Küchenboden

Und da wären wir auch schon beim Thema. Seitdem ich vor knapp 2 Jahren Mutter von zwei blitzgescheiten Digital Natives geworden bin, versuche ich, das Handy so weit es geht aus unserem Leben zu verbannen. Was mir, als Food Blogger und bei meiner Arbeit als selbständige Marketingberaterin, sehr schwer fällt.

Schlimm genug, dass die Kinder wissen wo sie tippen müssen, um sich Fotos anzuschauen und das ein Fingertipp auf den Pfeil im Kreis genügt, damit da richtig was passiert… Also habe ich angefangen meine „Wunderlist“ (wunderbare App, die eine digitale Einkaufsliste darstellt: super, um sie mit dem Mann zu sharen, der dann während er im Supermarkt ist – ZACK – fünf weitere Dinge auf der Liste hat. Und wie toll ist es bitte, dass man nicht dreimal in die Gemüseabteilung zurückrennt, weil die Zucchini nun einmal ganz unten auf der Liste stand! Auch ganz hervorragend als To-do-Liste im Job einzusetzen!!!) in eine rudimentäre, handgeschriebene Einkaufsliste zurück zu entwickeln und auch meine To-do-Liste findet sich jetzt auf Papier wieder. Planen 1.0 ist das neue Schwarz!

Außerdem habe ich schweren Herzes meinen iPhone-Kalender in die Elternzeit geschickt und mir, Navucko sei Dank, einen wirklich schönen Kalender gekauft. Einen richtigen Kalender aus Papier! In den schreibe ich jetzt mit Bleistift alle Termin (herrliche Erfindung, diese Bleistifte mit Radiergummideckel). Und der Kalender sah nach 4 Wochen schon aus, als wäre er der übrig gebliebene aus 2015. Aber sei es drum, ich liebe ihn heiß und innig und habe mich inzwischen daran gewöhnt ihn überall mit hinzuschleppen, weil ich ansonsten aufgeschmissen wäre, um Job und Privates zu vereinen: Postnatales Stillhirn lässt grüßen.

Nur die Kamera, die nutze ich weiterhin auf meinem iPhone. Wie sollte das auch anders gehen in Zeiten von Instagram, Facebook, Pinterest, Snapchat, etc.? Für mich als Food Bloggerin extrem wichtig und auch als Marketingberaterin sind diese Kanäle oft Trendgeber. Soviel zur Vorgeschichte.

Um mein WLAN-Problem zu lösen, führte ich stundenlange Gespräche mit meinem Mobilfunkanbieter und auch Apple sah keinen Ausweg für die nicht vorhandene Empfangsbereitschaft meines Handys. Somit habe ich mich entschieden es einzuschicken (Handyversicherung sei Dank) um dann irgendwann ein komplett neues Gerät zu erhalten. „Circa 1 Woche, länger dauert so ein Austausch nicht“, hieß es im Mobilfunkshop meines Vertrauens.

EINE WOCHE??? EINE GANZE WOCHE???

Reden wir von einer ganzen Woche oder von Arbeitstagen? Wenn ich mein Handy also am Montag einschicke (nachmittags natürlich) – habe ich es dann am Freitag wieder? Und Freitag wann? Morgens? Mittags? Nicht, dass ich nicht Zuhause bin, um es in Empfang zu nehmen. Nicht auszudenken was wäre, wenn es über das Wochenende auf der Post läge. Womöglich werde ich noch Opfer eines Poststreiks!

Eine Woche! Keine Posts. Mails gehen über den Laptop, Facebook auch kein Problem, muss ich die Posts eben planen. Instagram. Ok, eine Woche lang keine Posts. Screenen kann ich ja über den Laptop. Und die vielen schönen Blogposts… na gut, die muss ich dann abends lesen.
Das waren meine Gedanken. Hände hoch wer auch diese Gedanken hat. Nicht schummeln. Und soll ich Euch was sagen? Das Handy war auf der Post (um 16:30) und ich fühlte mich um 100 Kilo leichter. Und am nächsten Tag?

Verrückt, aber: ich habe überlebt

Ich habe Telefonate über ein Festnetztelefon geführt, habe meine Businessnummer auf mein Bürotelefon im Homeoffice umgeleitet, an drei festen Zeiten am Tag E-Mails gecheckt anstatt ständig zwischendurch (Zeitersparnis pur!). Ich habe mich mit Menschen verabredet und sie zu einer vereinbarten Zeit an einem vereinbarten Ort getroffen. Ich habe meine Facebookposts geplant (herrlich!), Instagram war eine Woche lang nicht auf meinem Radar und auch das Bloglesen über Bloglovin’ habe ich vernachlässigt.

Stattdessen habe ich mich morgens einfach mit meinen Kindern in das Kinderzimmer gesetzt und gespielt, habe nebenbei etwas gearbeitet und war effektiv wie nie zuvor. Zwischendurch immer mal wieder meine Kinder gekuschelt, Quatsch mit ihnen gemacht. Und ganz erschrocken festgestellt: ich habe Zeit. Viel mehr Zeit als sonst. Um genau zu sein: eine ganze Stunde mehr!

Auf einmal bin ich morgens mit den Kindern schon vor dem Mittagessen draußen gewesen, inklusive Mails lesen und teilweise antworten und Facebook checken. Das passiert sonst nur wenn wir einen Termin vor 12 Uhr haben. Und das versuche ich in der Regel zu vermeiden.

Ich liebe unser morgendliches Herumgetrödel. Den Luxus, im Pyjama frühstücken zu können. Keine Termine, Zeit um in den Tag zu kommen. Unsere Kinder kommen erst im nächsten Jahr, also mit 3 Jahren, in den Kindergarten – was soll ich mir da also morgens unnötig Stress machen? Meine Zeit für Projekte und meinen Blog habe ich mir auf die Woche gut verteilt und nehme nur so viel an, wie ich kann. Und dank einer klaren Struktur und einer effizienten Planung, wozu künftig auch die Planung für Social Media dazugehört, bin ich ganz gut organisiert. Dachte ich zumindest.

Wie oft sehe ich morgens die Mütter ihre Kinder durch die Gegend schieben und denke mir „es ist halb zehn – wie schaffen die das jetzt schon tip top fertig zu sein, angezogen und ausgehbereit“. Die Erklärung ist so simpel wie nur irgendwas: Diese Mütter verlieren sich morgens wahrscheinlich nicht eine Stunde am Handy, um sich durch die neuesten Trends bei Instagram oder in irgendwelchen Blogposts zu scrollen.

Und die verbringen auch keine Stunden bei Facebook, Pinterest oder mit dem Posten irgendwelcher Bilder. Klar, ist ja irgendwie auch Arbeit und so ein Food Blog macht sich nicht von alleine. Und auch neue Ideen für Kunden kommen nicht von alleine. Aber uns selber mit den tollsten Ausreden bescheißen, können wir eh am besten, oder? Siehe die 10 Handtaschen oder die viel zu teuren Schuhe im Schrank.

Ich möchte auch morgens tip top fertig sein, angezogen, informiert und ausgehbereit meine Kinder durch die Gegend schieben

Ok, vielleicht nicht um halb zehn, aber vielleicht um halb elf. Was ich dafür tun muss? Ein bisschen mehr Organisation bzw. Disziplin in meinen Alltag bringen. Und die Erkenntnis, dass es mir verdammt nochmal wichtiger sein sollte, mit den Menschen eine wunderbare Zeit zu verbringen, solange wir das noch können und unser Leben in vollen Zügen genießen anstatt anderen, fremden Menschen dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben leben.

Die Maßnahmen? Kein Handy mehr mit ins Schlafzimmer. Die Zeiten, in denen ich als erste Amtshandlung morgens meine Mails gecheckt habe, sind vorbei. Das hat Zeit bis nach dem Frühstück. Oder zumindest bis kurz davor. Und es ist auch herrlich entspannend wenn es Bereiche Zuhause gibt, die nichts mit Arbeit zu tun haben.

Obwohl ich klare Strukturen habe, sind die Grenzen bei mir so schwimmend was Arbeit und was Freizeit ist, da tun ein paar Regeln gar nicht so schlecht. Facebook Posts werden ab sofort geplant. Blogs lesen? Instagram checken? Mache ich nach dem Frühstück, wenn die Kinder eh keine Lust mehr haben zu sitzen. Dann habe ich ein kurzes Meeting mit mir selbst. Aber auch nur solange, wie ich meinen Kaffee austrinke. Danach bleibt das Handy außerhalb der Reichweite. Und wird erst wieder rausgeholt wenn es klingelt, eine Nachricht beantwortet werden will (man muss ja das soziale Leben nicht ad acta legen) oder wenn die Kinder ihren Mittagsschlaf machen.

Ich für mich kann sagen, dass mir diese eine Woche „Digital Detoxing“ von diversen Social-Media-Kanälen sehr gut getan hat. Es hat mich, sowohl privat als auch beruflich, auf die Dinge fokussiert, die wichtig sind. Und mir Raum und Zeit gegeben für die Menschen und Projekte, die mir am wichtigsten sind.

Ich fühlte mich freier. Im Kopf. Kein Druck noch schnell mal „Dies und Das“ lesen oder irgendwelches unnützes Wissen ergoogeln. Der Kopf ist doch eh schon voll mit hunderfünfzigtausend Dingen, da stören die Zusatzinfos doch nur.

Ich denke, ein gesundes Maß von allem ist Ordnung. Wir leben in einer digitalen Welt, da kann man sich gegen manche Dinge nicht wehren und meiner Meinung nach wäre es auch großer Schwachsinn Dinge zu verteufeln, wenn sie doch zu unserem Leben dazugehören. Und wie es ja so ist, sind verbotene Dinge immer die interessantesten.

Aber man kann sich auch alles schön reden: Ob ich jetzt eine Zeitung lese oder einen Artikel auf dem Handy / ich checke ja nur kurz die Mails / nur noch schnell was googeln… – alles Bullshit. Manche Dinge sind so unnötig wie ein Loch im Knie.

Wie oft habe ich mich in meiner Handyfreien Zeit dabei erwischt, die Wetterapp checken zu wollen (obwohl ich im Auto saß), nochmal kurz meine Mails abzurufen, Dies & Das zu googeln… Um einen Moment später festzustellen, dass genau diese Dinge unwichtig und überflüssig sind und mich dieses unnütze Wissen gar nicht weiterbringt. Ich war erschrocken darüber, wie abhängig ich mich von meinem Handy gemacht habe. Und wie erleichtert ich mich stellenweise gefühlt habe, weil ich irgendwie unerreichbar und vogelfrei war. Und das ich am Ende der Woche, als das niegelnagelneue Handy dann am Freitagmittag vor mit lag, gar nicht das Bedürfnis hatte es sofort auszupacken.

Glücklicherweise, hat sich dieses Gefühl auch 6 Wochen danach gehalten. Ich benutze mein Handy zwar wieder häufiger als direkt nach der Detox-Woche, aber wesentlich weniger als vorher.

Den ganzen Morgen mit den Kindern spielen oder neue Ideen für meine Kunden spinnen, tue ich deswegen jetzt auch nicht. Aber ich habe immer noch mehr Zeit für Dinge, der Tag startet ruhiger und es gibt kein Gehetze, weil es für gewisse Dinge feste Zeiten gibt.

Das macht sich über den ganzen Tag bemerkbar. Ich habe auf einmal Zeit für Sport. Und das wiederum dankt mir mein Körper. Und ich ihm dann auch irgendwann.

Nichts destotrotz war ich am Ende der Handyfreien Woche trotzdem froh als wir am, zufällig kinderfreien, Abend in der Sneak Preview saßen und der schlechteste Film aller Zeiten lief und ich mein Handy dabei hatte, mit dem ich dann erst einmal online neue Sneakers für meine Tochter geshoppt habe. Und die Wunderlist habe ich auch wieder eingeführt. Ich will ja nicht zum Neandertaler werden.

© Beitragsbild: Kaboompics.com

1 Kommentar
  1. Edith Brandtner von Plötzlich Frei sagt:

    Ich hatte vor Weihnachten 2 Wochen FB-Urlaub genommen und das tat richtig gut. Dein Artikel hat mich wieder daran erinnert, dass ich auch wieder mehr auf die reale anstatt auf die virtuelle Welt zu achten. Ich habe heute Morgen (ohne von deinem Artikel zu wissen) schon begonnen. Ich habe die Wäsche zusammengelegt um am Abend mehr Zeit für mich zu haben und war dann richtig Happy etwas erledigt zu haben, als anstatt im Netz die Zeit zu vertrödeln. Heute war ich mal nicht im Stress beim weg fahren und freu mich schon aufs nach Hause kommen, wenn kein Wäscheständer den Weg versperrt.
    Ab sofort wird es morgens und an einigen Abenden kein Internet für mich geben. Unglaublich wie viel Zeit dann für sich hat. Alles schon der Gedanke daran…..
    Danke für den Denkanstoß.
    LG
    Edith.

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