„Die Ungewissheit ist auch das Aufregende.“ – Ein Interview mit Steffi & Lisa von Crowdspondent

Lisa & Steffi von Crowdspondent

Eines der Dinge, die ich manchmal mit etwas Neid (soll man ja eigentlich nicht sagen, da angeblich negativ; aber Neid ist ja nicht gleich Missgunst) betrachte: Wenn ich zwei Mädels/Frauen sehe, die zusammen ein cooles Projekt gestartet haben und dabei nicht nur Geschäftspartner, sondern auch noch beste Freunde sind. Und wenn man dann auch noch das Gefühl hat, dass das auch längerfristig hält… ach Mensch. Wer hätte nicht gerne so einen „Partner in Crime“?

Genau das hat mich auch bei Lisa & Steffi, auf deren Blog Crowdspondent ich gestoßen bin, fasziniert. Und dann kam dazu natürlich noch die Idee dahinter: Die beiden Reporterinnen sind in der Welt unterwegs und berichten über die Geschichten, die die Crowd, also Leser & Fans, sich wünschen. Bisher schon in Brasilien und Deutschland unterwegs, treiben sie sich nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne aktuell in Japan rum. Bevor es in den Flieger ging, durfte ich noch ein paar (aka. ganz schön viele) neugierige Fragen loswerden.

Ich habs ja schon gesagt: Ich bin immer etwas neidisch, wenn ich sehe, dass andere ihren (Geschäfts-)Partner in Crime gefunden haben. Wie seid Ihr euch über den Weg gelaufen?

Wir kennen uns von der Deutschen Journalistenschule in München, wo wir beide unsere journalistische Ausbildung gemacht haben.

Wann war Euch klar, dass die jeweils Andere die „Richtige“ für solche gemeinsamen Projekte ist?

Wir haben uns schon zu Beginn der Schulzeit angefreundet und saßen dann eines Abends bei einem Glas Wein zusammen und überlegten, wo wir gerne mal als Reporter hinreisen würden. Irgendwie kamen wir dann auf Brasilien und darauf, dass wir das auch wirklich machen sollten. Es gab also keine Suche nach der richtigen Projektpartnerin, sondern es war eher eine kleine Schnapsidee. Das Projekt gäbe es wahrscheinlich gar nicht, wenn wir uns nicht begegnet wären.

Was verbindet Euch?

Wir arbeiten sehr gerne zusammen und verbringen auch gerne unsere Freizeit zusammen. Sonst würde die ganze Sache nicht funktionieren. Wir sind beide recht unkompliziert, geraten nicht so schnell in Panik und haben kein Problem damit, heute nicht zu wissen, was morgen passieren wird.

Seid Ihr nur „Kolleginnen“ oder auch beste Freunde?

Wir sind gute Freundinnen und wenn dieses Projekt eines Tages vorbei sein sollte, sind wir das hoffentlich immer noch. Aber klar, mittlerweile haben wir auch ein Arbeitsverhältnis. Das schließt sich ja nicht aus. Wir achten aber schon darauf, dass wir, wenn wir uns verabreden, ausmachen, ob wir uns zum Arbeiten treffen oder um privat unterwegs zu sein. Klar überschneidet sich das immer mal wieder, aber es ist ganz gut, darauf zu achten, dass man sich nicht nur noch zum Arbeiten trifft.

In welchen Momenten schätzt Ihr die jeweils andere besonders?

Lisa: Also ich schätze Steffi sowohl als Privat-Steffi als auch als Arbeits-Steffi sehr. An der Arbeits-Steffi mag ich besonders, dass sie auch in heiklen Situationen sehr gelassen bleibt und eine sehr positive und kreative Art hat, sodass die Zusammenarbeit viel Spaß macht und wir immer wieder auf neue Ideen kommen, wie man was gut umsetzen kann.

Steffi: Ich kann all das genauso zurückgeben und vielleicht noch ergänzen, dass Lisa nie sagen würde „Das funktioniert nicht“, sondern immer einen Weg findet.

Ihr verbringt ja sicher seeehr viel Zeit miteinander. Vor allem, wenn es um die Vorbereitung und dann auf Tour geht: Wie oft kommen Phasen, in denen Ihr auch mal Abstand voneinander braucht?

Nachdem letztes Jahr die drei Monate in Brasilien rum waren, dachten wir schon: Ok, jetzt erst mal ein bisschen Pause voneinander. Aber als wir uns dann zwei oder drei Tage nicht gesehen hatten, war das ein ganz komisches Gefühl und wir hingen dann doch wieder sehr viel miteinander rum. Unterwegs hat man natürlich sehr wenig Privatsphäre und das ist wahrscheinlich immer eine Extremsituation – unabhängig davon, mit wem man gerade reist. Danach braucht man schon ein bisschen Zeit für sich.

Ihr wart bisher schon in Brasilien und Deutschland unterwegs und viele Eurer Themen sind ja keine „Heile Welt“-Stories. Wie geht Ihr damit um? Kommt man da nicht auch an seine Grenzen und fällt in ein emotionales Tief?

Mal ein bisschen provokant zurück gefragt: Würdest Du das einen Mann auch fragen? Natürlich haben wir Menschen getroffen, denen es sehr viel schlechter ging als uns und wir haben dann auch noch öfter über sie nachgedacht. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel eine Borderline-Patientin in der Psychiatrie besucht. Als wir da waren, hat sie uns dann erzählt, dass ihr Vater sie als Kind vergewaltigt hat. In Brasilien haben wir eine 17-Jährige mit zwei Kindern getroffen, die mit 17 anderen Familienmitgliedern in einer winzigen Hütte lebt. Ihr größter Traum ist es, ihren Kindern irgendwann eine Krankenversicherung bezahlen zu können. Das sind natürlich keine Heile-Welt-Stories, aber unser Job ist es, andere Leute auf solche Geschichten aufmerksam zu machen. Und klar muss man dabei auch manchmal schlucken.

Hm, zur Eurer Gegenfrage: Ich bin in dem Fall gar nicht von der Mann-Frau-Thematik ausgegangen, sondern einfach von mir selbst. Ich habe einige Stories auf Eurem Blog angesehen und gemerkt, dass ich teilweise nicht weiterlesen oder Fotos sehen wollte… eben weil ich mir sowas immer viel zu sehr zu Herzen nehme und Bilder bei mir zu sehr hängen bleiben… eher auf eine ungesunde Art und Weise. Von daher hätte ich das sicher auch einen Mann gefragt.
Welcher war für Euch der bisher spannendste Recherche-Vorschlag?

Die Recherche in den Favelas von Rio de Janeiro war sicher für uns am spannendsten, weil wir dort Menschen getroffen haben, denen wir sonst nie begegnet wären.

Lisa & Steffi von Crowdspondent zu Besuch in der Favela Santa Marta
Lisa & Steffi zu Besuch in der Favela Santa Marta

Welcher Vorschlag hat Euch bisher am meisten überrascht?

Wir haben letztes Jahr den Vorschlag bekommen, jemanden zu finden, der sich in den 90ern für die Bravo ausgezogen hat. Da wären wir nie drauf gekommen. Wir haben dann auch tatsächlich jemanden gefunden.

Was macht die Crowd bei ihrer Themenwahl besser als übliche Chefredakteure?

Die Themen sind verschiedener, abwegiger. Es gibt nicht nur ein Ressort, sondern alle oder auch gar keines. Manchmal sind die Vorschläge so speziell, dass eine Zeitung oder ein Online-Medium niemals etwas darüber machen würde, weil man damit keine Menschenmassen erreicht. Es geht ja heute oft um Klickzahlen. Da sind wir viel unabhängiger. Und dann sagen Redaktionen auch häufig: „Das Thema ist durch.“ Das bedeutet, über dieses oder jenes wurde schon zu viel geschrieben. Oder sie fragen: „Wo ist denn der Aufhänger? Warum sollten wir ausgerechnet jetzt über dieses und jenes berichten? Da gibt es doch gar nichts Neues zu.“ Über Krankheiten wird zum Beispiel immer gerne dann geschrieben, wenn ein Prominenter betroffen ist. Als ob die Krankheit dadurch wichtiger werden würde… Für die Betroffenen ist sie immer ein Thema. Solche Einwände hat die Crowd nicht. Die Leser denken ganz anders. Die haben halt Fragen und wir sollen sie beantworten. Die ganzen klassischen Medienregeln interessieren sie nicht.

Wonach sucht Ihr die Themen aus?

Teilweise lassen wir abstimmen. Das kostet aber natürlich sehr viel Zeit. Letztes Jahr haben wir darauf geachtet, dass die Themen sehr verschieden sind. Wir behandeln auch gerne härtere Themen, da wir keinen Wohlfühl-Journalismus machen wollen. Trotzdem ist es ok, wenn eine Geschichte einfach mal witzig ist. Meistens recherchieren wir viele Themen an, fragen die Crowd um Hilfe und das Thema, zu dem wir am meisten Rückmeldungen bekommen und die Recherche am besten läuft, setzt sich dann durch.

Crowdspondent über Nacht in der Höhle
Für ihre Schickt-uns-schlafen-Kolumne haben Lisa & Steffi eine Nacht in einer Höhle mit Spinnen und Tropfsteinen verbracht.

Was passiert mit Recherche-Ideen, bei denen Ihr erstmal denkt: Boah, klingt langweilig?

Wir fragen noch mal nach bei den Leuten, ob sie die Sache konkretisieren können. Aber wenn wir wirklich das Gefühl haben, das ist gar nichts, dann landet es im imaginären Papierkorb.

Jetzt geht es nach Japan: Was interessiert Euch dort selbst am meisten?

Wir hatten das Gefühl, Japan ist ein wenig aus der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland verschwunden, seitdem der große Fukushima-Berichterstattungs-Hype abgeklungen ist. Uns interessiert, was in dem Land seitdem passiert ist, was sich verändert hat, ob sich überhaupt viel geändert hat.

Wenn Ihr nicht für Crowdspondent unterwegs seid: Was macht Ihr dann beruflich?

Lisa: Ich arbeite bei PULS, das ist das junge Programm vom BR und mache da Fernseh-, Radio- und Online-Journalismus. Im Moment begleite ich zum Beispiel zwei Transjugendliche bei ihrem Weg ins Erwachsensein für eine Fernsehreportage.

Steffi: Ich arbeite bei der Produktionsfirma vydy.tv. Wir entwickeln neue Formate, online und im Fernsehen, und realisieren Reportagen und Dokumentationen.

Woher kam der Wunsch, als Journalisten zu arbeiten?

Lisa: Ich bin immer schon sehr neugierig gewesen. Ich will einfach sehr viel wissen. Und wenn ich es weiß, will ich es weiter erzählen. Und am liebsten erzähle ich natürlich Dinge, die kaum jemand weiß.

Steffi: Klar gibt es diesen Antrieb, immer alles wissen und verstehen zu wollen; wie eine Gesellschaft funktioniert, was Menschen bewegt, solche Dinge. Ich mag es, wenn mir jemand Geschichten erzählt und ich diese dann weiter erzählen darf.

Die größte Herausforderung in Eurem Job?

Die Ungewissheit, aber die ist auch das Aufregende.

Ist das Internet eher Fluch oder Segen für Journalisten?

Crowdspondent gäbe es ohne das Netz nicht, genauso wie viele andere journalistische Arbeiten. Es ist doch heute so viel einfacher, mit Deinen Lesern und Zuschauern in Kontakt zu kommen! Andererseits finden wir es natürlich sehr schade, wenn wir sehen, wie Traditionsverlage wie Gruner + Jahr massenhaft Journalisten entlassen, weil man mit Print kaum mehr Geld verdienen kann. Für uns ist es trotzdem immer noch ein Traumjob und wir glauben auch, dass es eine gute Zeit ist, um als junger Journalist loszulegen und seine eigenen Projekte auf die Beine zu stellen.

Na, wenn das mal kein gutes Schlusswort ist!

Aber ich habe noch ein besseres. Denn ab Oktober wird es das erste Buch von Steffi & Lisa geben: „Nix wie Heimat“* erzählt von der Deutschlandtour der beiden aus dem letzten Jahr.

Buch von Crowdspondent: Nix wie Heimat

Ansonsten gibt es auf ihrem Blog natürlich auch noch die neuesten Geschichten aus Japan.

Uns würde übrigens noch interessieren, wie man es dort mit der Selbstständigkeit im Beruf hält 🙂

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