Die halbe Wahrheit über Crowdfunding

Crowdfunding

Marion Müller-Klausch ist freie Redakteurin, arbeitet für verschiedene Print- und Online-Magazine und schreibt für Musikblogs. Gemeinsam mit ihren Freunden von der FahrradGarderobe hat sie sechs Monate intensive Vorbereitungsphase und fünf spannende Crowdfunding-Wochen durchlebt – bis am Schluss die magische Fundingschwelle geknackt wurde. Dabei hat sie vor allem eines gelernt: Auf das #crowdfeeling kommt es an.

Ganz klar: Crowdfunding ist das Ding der Stunde. Spannende und manchmal auch aberwitzige Projekte schaffen es dank der Geberfreudigkeit der Masse von der Idee in die Wirklichkeit. Das ist faszinierend und verlockend – und die Hemmschwelle, selbst die Macht der Crowd zu nutzen, sinkt zum Glück mit jeder erfolgreichen Kampagne. Der verpackungsfreie Supermarkt Original Unverpackt oder die fairen Einhorn-Kondome suggerieren uns, dass es ganz einfach ist, auch große Summen einzusammeln – das alte Versprechen “Alles ist möglich“ wird mit dem Crowdfunding-Trend gerade realistischer denn je. Das untermauern auch die Statistiken, die die bekannteste deutsche Crowdfunding-Plattform Startnext regelmäßig veröffentlicht.

Nicht ganz so klar ist: Crowdfunding ist nicht der schnelle Weg zum Geld. Damit eine Kampagne erfolgreich wird, sprich: damit es genug Unterstützer gibt, die eine Idee finanziell tragen, braucht es mehr als nur ein gutes Konzept. Genauso wichtig sind ein ausgewogenes Zeitmanagement, die nötige Manpower, finanzielle Reserven und ein langer Atem. Und selbst wenn das alles stimmt, ist und bleibt Crowdfunding unkalkulierbar, im positiven wie im negativen Sinn. Wer sich aber im Vorhinein die Zeit genommen hat, einen Plan auszuhecken, der wird selbst aus einer nicht erfolgreichen Kampagne sehr viel mitnehmen.

Ist die Idee gut und die Welt schon bereit?

Am Anfang ist die Idee: Als erste Amtshandlung hilft es, sie auszuformulieren und herauszufinden, was sie wirklich besonders macht. Denn das ist das Hauptargument, das später als Portemonnaie-Öffner blitzschnell bei der Crowd funktionieren muss. Oder um bei einem der Beispiele von oben zu bleiben: Ein Supermarkt interessiert keinen Menschen, weil schon tausendfach dagewesen. Ein Supermarkt ohne Verpackungen aber ist einzigartig und eine gute Sache, das begreift jeder sofort.

Die Idee mag subjektiv gesehen funktionieren, aber für wen? Der zweite wichtige Faktor ist also die Zielgruppe: Wer könnte mein Projekt spannend finden, und wen möchte ich eigentlich als Unterstützer dabei haben? Auch das sollte man festhalten und immer mitdenken. Wichtig ist auch, ein realistisches Crowdfunding-Ziel zu definieren – also lieber kleine Brötchen backen und ganz genau aufdröseln, für was wieviel Geld gebraucht und eingesetzt wird. Stichwort: Transparenz.

Jetzt geht’s ans Eingemachte: Die Idee in der Praxis überprüfen. Auch wenn viele die Crowdfunding-Kampagne selbst als Lackmustest ansehen, sollte man schon viel früher und im kleinen Kreis mit der Hieb- und Stichfestigkeitsprobe starten. Denen davon erzählen, die in die Zielgruppe passen, Feedback einholen und das eigene Konzept auf diese Weise feinjustieren. Das erhöht die Erfolgschancen und senkt das Frustrationsrisiko.

Gut vorbereitet ist halb gefundet

Trugschluss Nummer 1: Eine Crowdfunding-Kampagne schüttelt man nicht mal eben aus dem Ärmel. Die richtige Plattform finden, das Konzept aufstellen (die „Best Cases“ auf den Crowdfunding-Plattformen helfen ungemein) und den geeigneten Zeitraum festlegen; das Kampagnen-Video aushecken und drehen; den Redaktionsplan mit Inhalten für die Website, den Blog und die Social-Media-Kanäle befüllen; Netzwerken, der Presse von der Idee erzählen und Unterstützer aktivieren; die Kampagnenseite mit Texten, Bildern und Grafiken ausstatten – das alles braucht eine Menge Zeit! Und ist längst nicht alles, was man machen könnte…

Im besten Fall rechnet man mehrere Monate Vorlauf ein, je mehr davon alleine erledigt wird und je stärker ich anderswo eingebunden bin (Arbeit, Familie, Hobbys), desto länger sollte diese Anlaufphase sein. Es lohnt sich, frühzeitig Freunde und Bekannte zu aktivieren, die einem mit all dem helfen – zum Beispiel auch, indem sie als Allererste Geld in den Topf werfen. Denn Kampagnen, die gleich zum Start viel einsammeln und dadurch für potentielle Funder erfolgreich erscheinen, werden auch eher unterstützt. Der kleine Push zum Start der Finanzierungsphase sorgt also für bessere Aussichten, das Fundingziel am Ende tatsächlich zu erreichen.

Nicht zu unterschätzen ist der finanzielle Puffer, den man im Vorhinein anlegen sollte. Denn bevor im besten Fall das Geld über die erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne in die Kasse fließt, muss erstmal investiert werden – zum Beispiel in die Dankeschöns und die Videoproduktion. Der kurze Vorstellungstrailer ist meistens das erste, was potentielle Unterstützer von der Idee zu Gesicht bekommen und auch das, was über die sozialen Netzwerke am häufigsten geteilt wird. Lustig kann, muss aber nicht – Authentizität ist hier Key. Nicht auf das verwackelte Handyvideo mit grottigem Ton zu setzen, macht aus einem einfachen Grund Sinn: Später kann ein gut gemachter Clip, der die Idee in unter 4 Minuten auf den Punkt bringt und das Projekt sympathisch transportiert, leicht modifiziert als Imagefilm auf der eigenen Website eingebunden werden.

Mission succeeded!

Auch wenn man alles richtig macht: Ein garantiertes Erfolgsrezept für eine Crowdfunding-Kampagne gibt es nicht. Es ist ein bisschen wie beim Glücksspiel – wenn die Finanzierungsphase anläuft, kann in alle Richtungen alles passieren. Der Funding-Zähler kann auf Null bleiben oder innerhalb einer Stunde explodieren. Die Presse kann plötzlich vor der Tür stehen, es können tausend Anfragen zu den Unterstützer-Dankeschöns eingehen oder niemand auch nur ein Like dalassen.

Mit all dem muss man – auch mental – rechnen. Wenn man die Kampagne als One-Woman-Show neben dem Fulltime-Job durchzieht, kann eine wahnsinnig erfolgreiche Kampagne überfordern. Genau wie das Desinteresse oder die Kritik der Crowd frustrieren kann, wenn das private Netzwerk im Vorfeld durchweg wohlgesonnen reagiert hat. Eine gedankliche Strategie, wie man mit allen Eventualitäten umgeht, ist deshalb sehr wichtig. Und ein vorher befüllter Redaktionsplan für die Kommunikationskanäle, an dem man sich im Ernstfall langhangeln kann, bis der Kopf wieder frei ist.

Der Rattenschwanz

Der Zeitrahmen, in dem die Crowdfunding-Kampagne läuft, mag begrenzt sein. Die Arbeit hört aber auch danach nicht plötzlich auf. Wenn das Funding-Ziel erreicht wurde, wollen die Unterstützer kontaktiert und die Dankeschöns auf den Weg gebracht werden. Der Zeitaufwand für Kommunikation und Logistik sollte bedacht werden – am besten schon, wenn man die Kampagne gestaltet. Ein mundgeklöppeltes Freundschaftsbändchen für alle? An sich eine schöne Geste, es muss die Dinger aber eben auch jemand machen, eintüten und zur Post tragen. Unterdessen möchte die Crowd weiterhin auf allen Kanälen auf dem Laufenden bleiben und erfahren, wie ihr Geld eingesetzt wird. Und alles, was man sich in der Theorie ausgedacht hat, muss wie versprochen auch wirklich angepackt werden – auch dafür muss man Kraftreserven und Durchhaltevermögen mitbringen.

Doch was ist, wenn’s nicht geklappt hat? Ob die Idee damit gestorben ist oder man sich nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten umsieht, bleibt jedem selbst überlassen. All die Mühe und Energie jedenfalls, die man in eine Crowdfunding-Kampagne gesteckt hat, muss nicht automatisch futsch sein. Wer dranbleibt, anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, kann im besten Fall immer wieder auf das ausgearbeitete Konzept, die aufgebauten Kanäle und Netzwerke zurückgreifen. Und das ist fast mehr wert als das schnelle Geld.

© Beitragsbild: pexels.com

2 Kommentare
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